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Am Rande der Unendlichkeit

p1170405Die Welt tötet uns durch Betriebsamkeit, die Wüste belebt uns durch Stille.

Ibrahim al-Koni: Meine Wüste

p1170509Unser Blick beruhigt sich an den einfachen Formen von Sand, Felsen und Himmel. Wir durchwandern einen Raum, dessen karge Einfachheit mit keinem der uns vertrauten Lebensräume vergleichbar ist. Nichts, was den Blick ablenkt, keine flackernden Bilder, keine hektisch wechselnden Szenarien, niemand, der etwas von uns fordert, außer wir von uns selbst. Nur das grell strahlende Blau des Himmels über uns, nur Sand oder Stein unter unseren Füßen. Nur die gleichförmige Weite, deren überwältigende Schönheit in ihrer Einfachheit begründet ist. Eine Einfachheit, deren Erhabenheit uns in staunendes Schweigen versetzt. Und unser Schweigen entspricht dem Atem der Wüste. Die Stille umfängt uns – anfangs vielleicht bedrohlich, dann aber sickert sie ein in unsere Seele und lässt sie schließlich im Gleichklang schwingen mit der Weite und Ruhe der Landschaft.

Jürgen Werner: Wüstenwandern

p1170512Vollkommenheit entsteht so offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.

Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne

p1170573Kein Mensch kann in der Wüste leben und davon unberührt bleiben. Er wird fortan, wenn vielleicht auch kaum merklich, das Zeichen der Wüste, das Zeichen des Nomaden tragen; und er wird immer, je nach Veranlagung, leises oder brennendes Heimweh nach jenem Leben verspüren. Denn dieses unerbittliche Land übt einen Zauber aus, dem ein gemäßigtes Klima nichts entgegenzusetzen hat.

Wilfred Thesinger: Die Brunnen der Wüste

p1170570Für die Grübler in den Städten ist der Drang in die Öde stets unwiderstehlich gewesen, wohl nicht, weil sie dort Gott fanden, sondern weil sie in der Einsamkeit mit größerer Klarheit die lebendige Stimme hörten, die sie in sich trugen.

T.E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit

p1170547Von Zeit zu Zeit braucht jeder Mensch ein Stück Wüste.

Sven Hedin: Durch Asiens Wüsten

p1170621und weil einem in der wüste nichts gehört, gehört einem alles.

otl aicher: gehen in der wüste

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Basislager am Grenzstein

p1150381Ich habe schon einige Berge bestiegen. Auch ein paar Viertausender waren dabei. Aber auf dem höchsten Gipfel von Wo-auch-immer hatte ich noch nie gestanden. Dabei liegt einer gleich vor der Haustür. Der Hasselbrack, die höchste natürliche Erhebung Hamburgs, ist nicht gerade ein K2, zugegeben, eher so eine Art H null mit seinen gerade einmal 116 Metern über dem Meeresspiegel. Aber er hat es in sich. Dieser Berg könnte mein Ithaka werden, dachte ich einen flüchtigen Moment lang, als ich zum zweiten Mal die Asphaltstraße entlang fuhr, die sich endlos und schnurgerade durch das Wohngebiet im äußersten Südwesten der Stadt zieht.

„…Und immer habe Ithaka vor deinem Geist. / Dort anzukommen ist deine Bestimmung. / Doch sollst du die Reise ja nicht übereilen. / Es ist viel besser, sie dauert viele Jahre, / so dass du nunmehr alt geworden auf der Insel anlegst, / reich an alldem, was du unterwegs gewonnen, / ohne zu hoffen, dass dir Ithaka Reichtümer schenkt…“

Konstantinos P. Kavafis (1863 – 1933), griechischer Dichter

Ich weiß, ich übertreibe maßlos. Aber wer hätte auch ahnen können, dass die größte Schwierigkeit darin bestehen würde, den Berg überhaupt zu finden? Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Gipfelversuch im Grenzgebiet zwischen Hamburg und Niedersachsen, das „vom Höhenzug der Harburger und Schwarzen Berge mit ihren steilen Anstiegen, weiten Ausblicken und tief eingeschnittenen Tälern“ geprägt wird, wie dem Wanderer auf einer Infotafel am Tor zu Hamburgs „Hoch im Süden“ verheißen wird.

Bis zum Moisburger Stein, der letzten verbliebenen Grenzmarkierung aus uralten Zeiten, war ich gut vorangekommen. Zuerst mit der S-Bahn bis zur Station Neugraben, dann mit dem Bus der Linie 240 bis zur Endstation Waldfrieden. Dass ich mich einer Gegend näherte, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, hatte sich beim Lesen der Straßennamen zur Linken und Rechten der endlosen Asphalttrasse bereits angekündigt: neben Heidrand, Waldschlucht und Quellgrund freute ich mich über den Kiepenkerlsweg – und ganz besonders über Lüttmattensteed, eine Reminiszenz an den kleinen Hasen Martin (Lütt Matten), der so gerne tanzte, dass er sogar Reineke Fuchs (Reinke Voss) die Hand reichte. Ein tödlicher Fehler, wie man in dem plattdeutschen Gedicht „Matten Has“ des Dithmarscher Lyrikers und Schriftstellers Klaus Groth nachlesen kann.

Am „Waldfrieden“ warf ich noch rasch einen Blick auf die Infotafel, auf der neben den Zeilen über die wilde Bergwelt auch eine Karte vom Regionalpark Rosengarten prangt. Dann lief ich hinein in den Wald, ignorierte Wegweiser nach links Richtung Kiekeberg-Museum und Wildpark Schwarze Berge und erreichte keinen Kilometer, nachdem ich aus dem Bus gestiegen war, den Moisburger Stein.

p1130673Seit 1750 markiert er die Grenze zwischen Harburg (Hamburg) und Moisburg (Niedersachsen). Davon erzählen die in den Stein gemeißelten römischen Ziffern und die Initialen von König Georg II., damals König von Großbritannien und Irland und Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg. Und das Symbol der Wolfsangel natürlich. In Stein gehauen kennzeichnete es bereits Anfang des 17. Jahrhunderts die Grenze zwischen Braunschweig-Lüneburg und Hessen. Später wurden Wolfsangeln auch direkt mit dem Reißhaken in die Rinde von Bäumen gerissen, um Forstreviere abzustecken.

Der Moisburger Stein ist der letzte von fast 900 Grenzsteinen, die einst den königlichen Forst vom Bauernwald trennten. Schade. Die Steine wären ein schöner Wegweiser zum Gipfel gewesen, der – wie ich gelesen hatte – nur wenige Meter neben der Grenze liegt. Wegweiser gibt es in der Gegend viele: zum Kiekeberg und zum Moisburger Stein, zur Schulenburgseiche und zur Großmoddereiche, nur nicht zum Hasselbrack. Natürlich könnte man GPS benutzen, aber ohne kam ich mir irgendwie zünftiger vor. Keine Sorge, ich bemühe jetzt nicht den Vergleich zur Bezwingung eines Achttausenders ohne zusätzlichen Sauerstoff…

Der vage Grenzverlauf in meinem Kopf führte nicht nur nach Süden, sondern auch ein Stück nach Westen. Das hieß, ich musste irgendwo rechts abbiegen. Aber wo genau? Um es kurz zu machen: Ich probierte jeden Abzweig, jeden Pfad nach rechts, ich stieg auf jede Anhöhe. Die auf der Infotafel angeführten „weiten Ausblicke“ suchte ich vergeblich. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Überschreiten der Baumgrenze seine Vorteile hat. Mount Hasselbrack kümmerte das wenig, er hielt sich bedeckt.

Man hätte darauf kommen können, bei dem Namen. „Brack“ ist die plattdeutsche Bezeichnung für eine tiefe Kuhle, die durch einen Deichbruch infolge einer Sturmflut entstanden ist, also nichts anderes als ein See oder Teich. Und „Hassel“ leitet sich von Haselstrauch ab. Wieviel Größe und Majestät ist von einem Berg zu erwarten, der „Haselstrauch an der Wasserkuhle“ heißt?

p1130751Als ich in einen besonders modderigen Waldweg einbog, an dessen sichtbarem Ende es sanft bergauf ging, wähnte ich mich schon fast am Ziel. Aber wieder Fehlanzeige. Ich fragte walkende Menschen, die irgendwie einheimisch aussahen, ob sie sich in der Gegend auskennen. Ein bisschen, erwiderten sie mit hanseatischem Understatement. Vor allem die Männer freuten sich sichtbar, einer verirrten Spaziergängerin weiterhelfen zu können. Aber auch sie mussten passen, vom Hasselbrack hatten sie nie gehört, zückten hilfsbereit das Handy… kein Empfang. Das war mir auch schon so gegangen. Es folgten aufmunternde Worte und die Ermahnung, doch unbedingt auf den Weg zu achten: Man könne sich hier leicht verlaufen… Ach was!

Zum Glück hatte ich Wasser und Müsliriegel dabei. Nach ein paar Stunden fröhlichen Herumstreifens und der Bekanntschaft mit Dutzenden wunderschöner Hohlwege sank die Sonne merklich und ich beschloss, die Expedition an einem anderen Tag fortzusetzen. Wie viele Bergsteiger sind schließlich wieder und wieder ins Basislager des Mount Everest zurückgekehrt?

p1130671Ich kehrte zum Moisburger Stein zurück, meinem Basislager am Mount Hasselbrack. Auf der Infotafel hatte ich noch einmal den Grenzverlauf im Kopf mit dem auf der Karte verglichen – und probierte es zur Abwechslung mit Linksabbiegen. Was ich beibehielt, war die Strategie von der rechten Seite, dem einmal eingeschlagenen Weg eine Weile zu folgen. „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.” Samuel Beckett hätte mich verstanden, glaube ich.

Der neue Weg ließ sich gut an: Matsch und Baumwurzeln stellten die Trittsicherheit sofort auf die Probe, während eine lange sanfte Steigung dem Körper Gelegenheit bot, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen. Dazu der Gesang der Vögel und der würzig-schwere Geruch von Mischwald nach ausgiebigem Regen. Nun schon gut akklimatisiert, fielen auch einzelne Steilpassagen nicht schwer. Steil, naja… so steil eben, wie das in einer Gegend möglich ist, in der die Todeszone bei hundert Metern über Normalnull beginnt.

p1130800Was soll ich sagen: Der Weg ließ sich nicht nur gut an, er hielt auch, was er versprochen hatte. Vielleicht eine halbe Stunde nach Verlassen des Basislagers erblickte ich auf einer Anhöhe ein richtiges Gipfelkreuz, wie man es aus der alpinen Bergwelt kennt. Und gleich daneben einen Findling, der auf Hamburgs höchsten Punkt verweist. In den weichen Waldboden daneben ist eine Kiste aus Blech eingelassen, in der sich neben allerlei Andenken und Devotionalien auch ein ordentliches Gipfelbuch befindet.

p1150360Auf der anderen Seite des Ensembles schmiegt sich eine alte Buche an den Hang (sie ist auf dem Bild ganz oben zu sehen) und entzieht sich so dem Sog der Tiefe. Aus der waren gerade zwei Mountainbiker in die Höhe gestrampelt. „Hard Rock Cafe“ las ich auf dem Shirt des einen, „High Performance“ auf dem des anderen. Ausdenken kann man sich so etwas nicht.

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Rolling Stones

p1160744Wie eine Steinlawine rollte die Herde den sanften Hang hinab zum Talgrund. Graue und braune Schafe, auch ein paar schwarze waren darunter. Begleitet wurden sie von einer Schäferin und ihrem Assistenten. Und mehreren Hunden. Die Schäferin rief den Hunden mit lauter Stimme Kommandos zu. Der Assistent sagte nichts. Wie aufgezogen kreisten die Hunde in Höllentempo um die Herde, dass einem vom Zusehen ganz schwindlig werden konnte. Das permanente Kreisen der Hunde sorgte dafür, dass auch die Herde selbst stets rund war. Mal wie mit dem Zirkel gezogen, mal eher eiförmig bewegte sich der Kreis durchs Tal, der nächsten sanften Anhöhe entgegen.

p1160750Staunend sah ich dem Treiben zu und dachte an zwei alte spanische Schäfer, die so viel stiller mit ihren Herden übers Land gezogen waren. Aber vielleicht ist das auch nur in der Erinnerung so.

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Homeward bound

p1160484Als sie am Brunnen vor dem Tore auf einen Froschkönig statt auf friedlich grasende Kühe traf, wurde der Prinzessin etwas wehmütig ums Herz. Es war just zur blauen Stunde und sie ahnte, dass ihre Wanderung sich dem Ende näherte.

p1160489Früh am nächsten Morgen schnürte sie ein letztes Mal ihr Bündel und machte sich auf den Weg. Es versprach ein herrlicher Tag zu werden. Die Sonne hatte fast alle Wolken vom blitzblauen Himmel geputzt, der Fluss strahlte türkisfarben und die Berge hatten wieder Spitzen. „Wer recht in Freuden wandern will, der geh‘ der Sonn‘ entgegen“, rief die Prinzessin wie weiland der Dichter Emanuel Geibel.

p1160497Bald schon stand sie vor einem Wegweiser. Zu den Königschlössern ging es nach links. Die Prinzessin seufzte leise, ließ die verheißungsvoll klingende Bärenau rechts liegen und folgte den Zeichen.

p1160500Durch lichten Buchenwald.

p1160508Vorbei an hohen Steinwänden.

p1160517Hinab zum tiefblauen See. In seinem kristallklaren Wasser spiegelten sich die Schlösser wie eine Fata Morgana.

p1160621Das erschien der Prinzessin fast ein bisschen zu idyllisch. So wanderte sie einfach noch ein Stück weiter bis zu der Stelle, wo der Fluss, dem sie so gern gefolgt war, über mehrere Stufen in eine tiefe Klamm donnerte. Danach vertilgte sie eine Riesenportion Apfelstrudel mit Eis und Sahne und Vanille-Schoko-Sauce. Zufrieden lächelte die Prinzessin: Jetzt konnte sie nach Hause zurückkehren.

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Neblige Aussichten

p1160283Immer öfter wanderte die Prinzessin inzwischen im Tal am Fluss entlang. Das war auch schön, vor allem, weil selbst der flache Fluss noch ordentlich Fahrt hatte. Hui, wie das rauschte, wie das Wasser zwischen den Steinen gluckerte und murmelte!

p1160306Aber ein bisschen ermüdend fand die Prinzessin, die im Grunde ihres Herzens eher eine Pfadfinderin war, die breiten ebenen Wege doch. Und so freute sie sich jedes Mal, wenn es wieder bergauf ging.

p1160289Einmal kam sie dabei zu einem herrlichen Wasserfall. Ganz vorsichtig näherte sie sich und steckte die Hand ins Wasser. Brrr, war das kalt!

p1160299Und dieser Bach sollte Jahr für Jahr an St. Martin versiegen, um erst an St. Georg wieder aus der Felsengrotte zu sprudeln? Die Prinzessin mochte das kaum glauben. Ein Drache sollte dabei seine Hand im Spiel haben, hieß es. Andere sprachen von einem unterirdischen See, der nach der Schneeschmelze überläuft und den Wasserfall bis in den Spätherbst speist. Da glaubte die Prinzessin doch eher an den Drachen.

p1160330Ein anderes Mal, als sie extra einen Umweg über einen Berg machte, um von oben auf den Fluss zu schauen, stand sie plötzlich vor einem wundersamen Tor. Vorsichtig bewegte sie den Griff, öffnete die Tür und sah – Nebel und Wolken. Oje, dachte die Prinzessin, ganz besonders, nachdem sie gelesen hatte, dass das Tor den Übergang in eine mystische, erhabene Welt und zu einem Leben nach eigenen Werten und Visionen symbolisieren sollte. Da musste sie wohl nochmal wiederkommen, an einem klareren Tag…

p1160412Weil sie gelegentlich Spaß an Übertreibungen hatte, fuhr die Prinzessin anderntags mit der Seilbahn auf einen noch höheren Berg. Immerhin hatte sie kein bisschen Höhenangst.

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Begegnungen am Fluss

p1160325Munter schritt die Prinzessin aus. „Ist der Berg auch noch so steil, a bisserl was geht allerweil“, sagte sie sich. Inzwischen rief sie „Grüß Gott!“, wenn sie unterwegs auf andere Menschen traf und hatte auch sonst ein paar Brocken in der fremden Mundart gelernt.

p1160128Apropos Gott. An wie vielen Kirchen und Kapellen mochte sie wohl schon vorbei gekommen sein auf ihrer Wanderung? In die meisten hatte sie hineingeschaut, in manch einer eine Kerze entzündet, eine Fürbitte gesprochen, für den alten König, für die alte Königin in ihrem Exil. In einer, der Seesumpf-Kapelle, hatte sie sogar Brotzeit gehalten, so nass war es draußen.

p1160318„Im Herbst sitzt hinter jeder Staude ein anderes Wetter“, sagten die Alten im Tal. Wie recht sie doch hatten. Ein paar Tage lang war die Prinzessin bei strahlendem Sonnenschein die Berge hinauf und hinunter gestapft, jetzt hingen die Wolken so tief, dass man schon im Tal mit dem Kopf dagegen stieß.

p1160319Einige Bauern brachten sogar das Vieh mit dem Regenschirm auf die Weide.

p1160327Die Prinzessin, die sich von so ein paar Tropfen natürlich nicht bremsen ließ, sah bisweilen die Hand vor Augen nicht.

p1160243Dafür aber den Bluatschink. Ganz plötzlich tauchte er neben ihr im Gras auf. Da gehörte er eigentlich gar nicht hin. Die Prinzessin erschrak ordentlich. Vor diesem Flusswesen, das unvorsichtige Besucher seiner Wasserwelt mit langen Fangarmen umschlang, hatte man sie gewarnt. Besonders Kindern, die sich zu nah ans Ufer wagten, biss der Bluatschink zu gern in den „Schinken“. Bloß schnell weiter!

p1160280Viel später erfuhr die Prinzessin, dass der Bluatschink längst nicht mehr nur unvorsichtige Kinder (und Erwachsene) im Visier hatte sondern vor allem auch Menschen, die den Fluss mit Müll und Abwasser verschmutzen oder seiner natürlichen Freiheit berauben wollen, indem sie ihn in Betontrassen lenken. Als sie das hörte, hatte sie fast gar keine Angst mehr vor dem Bluatschink sondern mochte ihn richtig gut leiden.

p1160266So wie die Geierwally, die die Prinzessin gar nicht so weit entfernt traf. Das heißt, getroffen hat sie eigentlich nur ein Bild von ihr vor der Kirche. Die Geierwally selbst war nämlich schon eine Weile tot, muss aber eine ziemlich interessante Frau gewesen sein.

p1160252Schon als junges Mädchen nahm sie furchtlos einen Adlerhorst aus, was eigentlich Männersache war. Keine Ahnung, was die inzwischen so machten. Im Grunde hätte die Geierwally natürlich Adlerwally heißen müssen, aber die Leute bezeichneten damals alle großen Greifvögel als Geier. Naja. Und noch eigentlicher hätte man Adleranna sagen müssen, denn die Wally war ja nur eine Romanfigur und hieß in Wirklichkeit Anna – und wenn sie nicht gerade Adlerhorste ausnahm, malte sie Porträts und Blumen.

p1160267Das alles und noch viel mehr erfuhr die Prinzessin von Guido, der zu und zu gern von der Geierwally erzählte und dabei in seiner Geierwally-Küche die herrlichsten herzhaft-vegetarischen Knödel briet, die die Prinzessin je gekostet hatte. Für die süßen hatte sie leider weder Platz in ihrem Bauch noch Zeit. Denn es zog sie zurück ans Wasser…

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Es war einmal

p1160020Es war einmal eine Prinzessin, die streifte für ihr Leben gern durch die Natur. So gelangte sie eines Tages an einen tiefblauen See, in dem sich eine hohe rötliche Wand spiegelte. Begeistert kraxelte die Prinzessin den Felsensteig hinauf, bis sie vor einer Hütte stand. Dort reichte man ihr ein erfrischendes Getränk aus Ribisel und Thymian und erzählte von dem Bach, der aus dem See entspringt, sich seinen Weg durch die Steine bahnt, schon bald auf einen anderen Bach trifft, der von einer anderen Höhe herabfließt, und zu einem großen wilden Strom wird. Die Prinzessin lauschte gebannt und beschloss: Diesem Wasser wollte sie folgen…

p1160022Und so geschah es.

p1160067Manchmal wanderte die Prinzessin ganz dicht am Ufer.

p1160073Manchmal wand sich der Fluss wie ein Band zu ihren Füßen.

p1160076Von allen Seiten strömte es, strömte dem Fluss zu, der rasch größer und breiter wurde.

p1160178Manchmal verlor die Prinzessin den Fluss aus den Augen, so hoch hinauf führte ihr Weg.

p1160182Manchmal ruhte sie sich ein Weilchen aus.

p1160191Manchmal fürchtete sie sich sogar ein bisschen. Hu, so eine kleine Brücke so hoch über dem Fluss! Und in dem Häuschen auf der anderen Seite, ob darin womöglich ein verwunschener Drache hauste?

p1160167Endlich kam die Prinzessin zu einem Dorf, das ihr sogleich gefiel. In dem Dorf gab es ein kleines Schloss, aber eines ohne Könige. In diesem Schloss übernachteten lauter Prinzessinnen und Prinzen, die wie unsere Prinzessin für ihr Leben gern irgendwo durch die Natur streiften.

p1160142Das Sonderbarste war, dass es in dem Dorf noch viele andere Gebäude gab, die irgendwie alle wie Schlösser aussahen, nur dass die Säulen, Portale und Erker gar nicht echt sondern aufgemalt waren. Besonders gut gefiel der Prinzessin ein rosafarbenes Haus, vor dem gerade ein paar Männer ins Gespräch vertieft waren. Die Männer waren echt, wie sie feststellte.

p1160162Wie sie so durch die Straßen ging, erfuhr die Prinzessin, dass in den alten Zeiten, als der Boden karg war, viele Bauernsöhne gezwungen gewesen waren, das Dorf zu verlassen und in der Fremde ihr Glück zu suchen. Einige fanden es dort wohl auch und kehrten später mit großen Reichtümern in die Heimat zurück. Sie ließen prachtvolle Häuser errichten und mit Fresken und fremden Stilelementen bemalen, um ihren Wohlstand zu zeigen.

p1160215Manchen der Gebäude war der Wohlstand immer noch anzusehen, anderen eher nicht. Und gelegentlich war die eine Seite gut erhalten – und die andere nicht so.

p1160165Die Prinzessin kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

p1160160In einem besonders schön bemalten Haus wohnte überhaupt niemand, obwohl davor Stühle und kleine Tische standen. Das war das Pfarrhaus, erzählte man der Prinzessin. Leider gab es in dem Dorf gerade keinen Pfarrer.

p1160171Und es gab auch keine Finanzer mehr. Die waren früher in den Bergen um das Dorf herum patrouilliert, um Schmuggler abzufangen. Mit leuchtenden Augen stand die Prinzessin vor dem verwaisten Finanzerhäuschen: Auf alten Schmugglerpfaden über die Berge ins Nachbarland wandern, das könnte ihr auch gefallen! Aber zuerst einmal wollte sie weiter dem Strom folgen…

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Stadt, Land, Fluss

p1160053Die Stadt habe ich verlassen, die Grenze überschritten, um dem Fluss zurück ins eigene Land zu folgen. Von seinem Ursprung im österreichischen Vorarlberg bis zum Fall nach Füssen. Ich weiß nicht, was größer war, die Sehnsucht nach den Bergen oder der Wunsch, tagelang geradeaus zu gehen. Für beides jedenfalls schien mir der Lechweg perfekt geeignet zu sein: runde 125 Kilometer Fernwandern durch eine der letzten Wildflusslandschaften Europas, zur Linken die Allgäuer und zur Rechten die Lechtaler Alpen.

p1160006Vor der ersten Tagesetappe lasse ich die Herrlichkeit erstmal von oben auf mich wirken, vom 2350 Meter hohen Rüfikopf, den man vom Dorf Lech aus bequem mit der Seilbahn erreicht. Das ist, da nicht ganz schwindelfrei, eigentlich nicht so meins, aber den Blick fest auf den Berg gerichtet, nehme ich diese erste kleine Hürde – und werde mit einem spektakulären 360-Grad-Panorama belohnt.

p1160005Steine scheinen in den Himmel zu wachsen. So viele Berge, die nur darauf warten, bei anderer nächster Gelegenheit bestiegen zu werden! Die Kraft, die von dieser Landschaft ausgeht, überträgt sich ganz unmittelbar.

p1160087Eine Pizza und zwei Weinschorlen lang lausche ich später unten im Tal der Geschichte von Geja, die so heißt wie die Erdgöttin aus der griechischen Mythologie. Geboren in Rotterdam als Tochter eines Flussschiffers, verheiratet mit einem Flussschiffer – und seit Jahren sesshaft im bayerischen Alpenland. Aber vielleicht nicht mehr lange. Zuerst, erzählt Geja, habe sie sich von den Bergen im Rücken beschützt gefühlt, inzwischen seien sie ihr ein bisschen eng geworden.

p1160044Das ginge mir vermutlich nicht anders. Und ich denke daran, wie der geschätzte Bloggerkollege Holger („Zeilentiger“), den es, wie ich auf seinem neuen Blog Zwischen zwei Flügelschlägen lese, gerade wieder zurück in die Berge zog, umgekehrt von seinem Empfinden sprach, dass einem der weite norddeutsche Himmel in seiner Grenzenlosigkeit auf den Kopf fallen könne.

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Vom Wandern

IMG_7122Die meisten werden an mehr oder weniger unberührte Natur denken, aber wandern kann man im Prinzip überall. Ich bin zum Beispiel kürzlich 100 Kilometer durch Hamburg gegangen, in einem großen grünen Kreis einmal um das Rathaus herum, vom Fähranleger Teufelsbrück bis nach Finkenwerder auf der anderen Elbseite. Durch Parks und Kleingartensiedlungen, durch Wald und Wiesen, an Bächen, Flüssen und Seen entlang, über Friedhöfe und manchmal auch Straßen. Vordergründig ging es darum, die neuen Wanderschuhe einzulaufen und ein bisschen Kondition für die Berge aufzubauen. Aber vor allem hoffte ich, den Kopf frei zu bekommen, auch wenn die Zeit nur für den ein’ und anderen Tagesmarsch reichte. Was soll ich sagen: Es hat funktioniert, selbst mitten in der großen Stadt.

„Wir denken weniger, wenn wir weit gehen, wir gleiten in den Rhythmus des Gehens, und die Gedanken enden, werden zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, was wir sehen und hören, was wir riechen; diese Blume, der Wind, die Bäume, als würden die Gedanken umgeformt und zu einem Teil dessen werden, was ihnen begegnet; ein Fluss, ein Berg, ein Weg.“ So schreibt der Norweger Tomas Espedal in seinem 2011 ins Deutsche übersetzten philosopischen Roman über das „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, den ich gerade noch einmal zur Hand genommen habe.

IMG_7193Hängen geblieben bin ich bei dieser Passage:

„Einsamkeit. Ein, zwei Namen. Wenn man weit und lange genug auf dem Weg gegangen ist, seinem Weg, bleiben einem noch ein oder zwei Freunde, ein, zwei Namen, das ist alles. Mehr wären ein sicheres Zeichen dafür, dass wir in die Irre gegangen sind, denke ich im Gebirge. Die Gedanken verändern sich in den Bergen. Ihre Zahl wird geringer, aber man denkt konzentrierter, je mehr sich die Bergwelt öffnet und weitet. Man denkt besser, wenn man in den Bergen geht. Man beschließt, weniger umgänglich zu werden, man denkt gefährlicher in den Bergen. Mehr als ein oder zwei Freunde zu haben ist unanständig, falsch, denke ich in den Bergen. Wie viele Freunde habe ich? Ich hatte viele, jetzt habe ich noch zwei. Zwei gute Freunde. Das ist alles. Das ist genug. Vielleicht habe ich sogar nur einen. Einen einzigen Freund. Das ist die Wahrheit. Ich bin zufrieden. Ein guter Freund, fast wie eine Geliebte. Man denkt weniger vorsichtig in den Bergen, Berggedanken, denke ich und gehe in den Schnee hinaus, folge dem Rand eines Schneefelds, das steil zu einem Bergsee abfällt. Sollte ich jetzt in eine Spalte stürzen, über den Grat rutschen und nicht mehr sein, hätte es seine Richtigkeit.“

IMG_7181Wie zugewandt klingt dagegen der „Gesang von der freien Straße“ des amerikanischen Dichters Walt Whitman (1819-1892), besonders die 5. Strophe:

„Von dieser Stunde ab erkläre ich mich befreit von allen Einschränkungen und eingebildeten Scheidelinien;
Wohin ich will, geh‘ ich; ganz unbedingt mein eigner Herr;
Höre den andern zu und überlege wohl, was ich sage;
Verweile, forsche, empfange, betrachte;
Entziehe mich lind, aber mit unwiderstehlicher Willenskraft den Banden, die mich halten wollten.
Ich atme den Raum ein in großen Zügen.
Ost und West sind mein, Nord und Süd sind mein.
Größer bin ich, besser als ich dachte.
Ich hätte nicht gedacht, daß ich so viel Gutes enthielte.
Alles kommt mir schön vor.
Ich kann Männern und Frauen gegenüber wiederholen: ‚Ihr habt mir so viel Gutes getan, ich möchte euch ebensoviel Gutes tun.
Ich werde für mich und für euch werben, wo immer ich gehe.
Ich will mich ausstreuen unter Männer und Frauen, wo immer ich gehe.
Ich werde unter sie werfen neue Freude und neue Rauhheit.
Wenn mich wer abweist: es soll mich nicht kümmern.
Wenn mich wer aufnimmt: er oder sie soll gesegnet sein und soll mich segnen.’“

Je öfter ich die beiden Abschnitte lese, desto weniger rigoros erscheint mir der erste, desto weniger weich der zweite. In beiden sprudelt dieselbe Quelle, aus der sich alles speist: Unabhängigkeit, Stärke, Ehrlichkeit, Kraft. Und Bindung – wo und solange es passt. Ja, ich glaube, man wird leichter beim Wandern und auf eine ruhige Art entschiedener, kompromissloser. Dass Walt Whitman mehr ein Wanderer im Herzen als der Tat war, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Der Schönheit und Tiefe seiner Gedanken tut es keinen Abbruch, wie ich finde.

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Schöne Aussichten

P1140990Hunde anleinen, keine Kälber streicheln, nicht mit dem Wanderstock vor den Mäulern der Kühe herumfuchteln: Die Hinweise zum schonenden Queren von Viehweiden an der Tür der Almhütte sind von wünschenswerter Deutlichkeit, auch wegen der lustigen Zeichnungen zu den Texten. Aber was darüber geschrieben steht, liest man als Flachlandtirolerin wohl am besten laut, um es zu verstehen:

„Saiwagmachts! Oimkas zum midnema“.

P1140986Weil wir schon eine Weile unterwegs sind und für eine zünftige Brotzeit ohnehin immer der richtige Zeitpunkt ist, verzehren wir den selbstgemachten Almkäse – Hartkäse, Frischkäse, mit und ohne Marinade – gleich auf der Bank vor der Hütte, mit Blick auf Kühe und Berge. So lecker! Und dazua a Topfenbrot, do legst di hi. (Liebe M., ich hoffe, ich habe das einigermaßen fehlerfrei niedergeschrieben.) Mich hat der Quark-Hefeteig der Sennerin schon deshalb umgehauen, weil er ganz genauso schmeckte wie das süße Brot, das meine Großmutter an besonderen Tagen gebacken hat. Nur dass es dazu keinen Kas sondern Marmelade gab. So rot wie die Saftschorle auf der Alm. Erdbeeren und Kirschen bei Oma, Johannisbeere am Berg.

P1150182Aber bevor ich ins Schwätzen komme, geht’s jetzt mal weiter, auffe

P1150258„kennst di aus, woaßt eh was i moan
a berig is nix anders wia a mordstrumm stoan
aber obn auf’n gipfel des sag i allemal
is viel schener wia drunten im tal“

P1150030Die vorstehenden Zeilen des österreichischen Liedermachers Hubert von Goisern habe ich eins zu eins seiner Website entnommen. Nach Abschluss des Basiskurses in Oberbayrisch packte mich zwar der sprachliche Ehrgeiz (kritische Geister würden es wahrscheinlich Übermut nennen), zumal ich von den Gipfeln bei günstiger Witterung freie Sicht über die Grenze hatte, aber sicher ist sicher.

P1150020Drunten im Tal war es übrigens – von Goisern hin oder her – aa narrisch schee. Dazu ein andermal mehr.

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