Malochen wie auf einer Galeere.
Manches ist mit etwas Abstand noch schöner.
Christian Morgenstern: Philanthropisch
Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
wäre besser ohne sie daran;
darum seh’ er, wie er ohne diese
(meistens mindstens) leben kann.
Kaum dass er gelegt sich auf die Gräser,
naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,
naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,
und der Hummel ruft zum Sturm.
Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
tut drum besser, wieder aufzustehn
und dafür in andre Paradiese
(beispielshalber: weg) zu gehn.
„Dascha gediegen!“ würde der Hamburger sagen. (Für Nicht-Norddeutsche und Menschen, die das Ohnsorg-Theater nicht mal aus dem Fernsehen kennen: Das bedeutet soviel wie „Sachen gibt’s!“) REIS(S) AUS! fordert eine Agentur für neue Reiseerfahrungen Spaziergänger an der Außenalster auf. Nur zwei Autolängen weiter parkt der Heimat-Hafen-Hamburg. Bloß nicht übermütig werden!
Zwischen den Polen ein Kommen und Gehen: Das leuchtend-grüne Geschoss, das neulich direkt hinter dem Ausreis(s)er-Bus Stellung bezog, war zur abschüssigen Straße hin mit sicher nicht wenig Aufwand aufgebockt worden, als beabsichtigten seine Besitzer, in Hamburg zu übersommern.
Doch weit gefehlt! Anderntags war es bereits wieder dem Ruf in irgendeine Ferne gefolgt. Dafür erfreute auf der gegenüberliegenden Alsterseite die rollende Villa Pusteblume das Auge der Passanten.
Auch sie ist längst wieder fort… Zeit für eine Solidaritätsadresse, mag man sich im Hafen gedacht haben. ZUHAUSE in Hamburg liest dort wie eine mahnende Erinnerung, wer von den Landungsbrücken aus über die Elbe schaut. Fernweh braucht man an einem Fluss Richtung Meer ja nicht extra zu wecken.
Ich habe den alten Mann nie kennengelernt. Er ist auch schon lange tot. Vor ein paar Tagen war ich in dem Haus, das auch sein Haus war und in dem jetzt niemand mehr wohnt. Das Haus ist irgendein 50er-Jahre-Reihenhaus. Bis auf den Keller. Der Keller war das Reich des alten Mannes. Er ist es bis heute.

Wer glaubt, auf Bäume zu klettern sei Kinderkram, wirft vor dem Osterspaziergang vielleicht noch einen Blick auf das Video My Own Hands von Dom Bush – Land and Sky Media: „Absolute Treedom“!
„Wenn du drei Bücher vor der Apokalypse, die alle anderen Bücher auf dem Planeten zerstört, retten könntest – welche wären es? … Welche Bücher sind es wert, gerettet zu werden? Welcher Lesestoff muss unbedingt vor der Apokalypse bewahrt werden? … Das Wichtigste dabei ist natürlich das Warum: Warum sind es genau diese drei und nicht andere? Die Entscheidung ist keine leichte. Daher sollte man sich beschränken – sagen wir auf eine Begründung in nicht mehr als 140 Zeichen pro Buch.“
Was für ein Spiel! Begonnen hat es auf dem Blog texte und bilder und greift um sich wie ein Feuer. So viele bauen mit an dieser besonderen Bibliothek. Ich bekam die Maurerkelle von Kai vom skyaboveoldblueplace (Vorsicht: Festlesegefahr!) in die Hand gedrückt, der weiß, dass ich für Ketten-Aktionen normalerweise nicht zu haben bin, aber wohl geahnt hat, dass Bücher-Retten eine Maßnahme ist, die eine Ausnahme erfordert.
Hier also meine ziemlich spontane Auswahl (bloß nicht zu lange nachdenken, sonst geht man vor lauter Zweifeln mit allen Büchern unter):
Geert Mak: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert.
Zur Erinnerung. Und um nach Möglichkeit ein paar Fehler zu vermeiden. So viele Orte. So viele Menschen.
Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts. Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis.
Es könnte lange dauern, bis wieder mal einer so ein sprachmächtig-farbenfroh-bizarr-dramatisch-komisches Gesamtkunstwerk hinbekommt.
Rainer Maria Rilke: Die Gedichte (die Dünndruckausgabe aus dem Insel Verlag)
Ohne Rilke gehe ich nirgends hin. Punkt.
P.S. Ich habe darauf geachtet, dass keines der Bücher weniger als 900 Seiten dick ist. Wir wollen schließlich etwas davon haben.
Zwei weitere Blogger soll ich nun noch bitten, jeweils drei wichtige Bücher zu retten. So sind die Regeln. Ich bitte also Roswitha, die in ihrem Photolaboratorium immer wieder ganz besondere Blicke in die große weite und manchmal auch ganz kleine Welten öffnet, und ich bitte Saša Stanišić, dessen gerade ausgezeichneter Roman „Vor dem Fest“ auch mir ganz ausgezeichnet gefallen hat und der unvorsichtig genug war, seine Blogadresse zu hinterlassen. Und erlaube mir hinzuzufügen: Alles kann, nichts muss! Aber freuen würde ich mich.
Hanns-Josef Ortheil: Die Moselreise. Roman eines Kindes. München 2012 (TB)
Claudia hat beim Surfen auf dem Grauen Sofa festgestellt, dass in der vergangenen Woche offenbar viele Blogger den Impuls verspürt haben, (literarisch) auf Reisen zu gehen. Ich nutze die Gunst der Stunde, um noch eine kleine Perle hinterher zu rollen, die mir vor kurzem in die Hände fiel: Die Moselreise von Hanns-Josef Ortheil.
Wenn ich nur eine Textpassage zitieren dürfte, um einen Eindruck von dem Buch zu vermitteln, dann wäre es vielleicht diese:
„Ein Privatquartier ist eine richtige Wohnung, in der eine Familie wohnt. Im Zimmer des Privatquartiers hört man die Familie wohnen, direkt nebenan. Will man im Privatquartier auf die Toilette, muss man durch den Flur der Wohnung. Dann spricht die Familie, die in der Wohnung wohnt, einen an und sagt einem, wo die Toilette ist. Kommt man von der Toilette zurück, spricht einen die Familie wieder an. Das ist anstrengend.“
Man merkt, da beschreibt ein Kind eine ihm noch ziemlich fremde Welt. Dieses Kind beobachtet sehr genau und es bringt minutiös zu Papier, was es beobachtet. Das ist bisweilen irritierend, manchmal unfreiwillig komisch – und sehr anrührend. Ganz besonders, wenn man sich die Hintergründe dieses Romans eines Kindes vergegenwärtigt. Die Moselreise ist ein Reisetagebuch, es ist die Erzählung einer fast zweiwöchigen Wanderung, die der damals elfjährige Hanns-Josef Ortheil im Sommer 1963 zusammen mit seinem Vater unternommen hat. Ortheil war es damals schon ein paar Jahre gewohnt, täglich zu notieren, was er sah und hörte. Darüber, wie dieses „manische Schreiben“ entstanden ist, ja, wie das Kind seit seinem siebten Lebensjahr buchstäblich um sein Leben schrieb, davon erzählt Ortheil in seinem 2009 erschienenen autobiografischen Roman Die Erfindung des Lebens. Ein Meisterwerk, wie ich finde, aber eben auch ein ausgewachsener Ortheil, was unter anderem bedeutet: 400 Seiten dicker als die Moselreise des Elfjährigen, die, ergänzt um Essays des Autors zu Entstehung und Weiterwirken, erstmals 2010 veröffentlicht wurde.
In beiden Büchern geht es um Ortheils Aneignung der Welt durch die erst spät gefundene Sprache und um die wichtige Rolle, die der Vater bei dieser Selbstbefreiung gespielt hat. Ein Vater, wie man ihn sich klüger und einfühlsamer kaum wünschen könnte. Durch die allmähliche Annäherung an die Welt, in der der Vater zu Hause ist, verliert die Fremde auch für den Jungen Stück für Stück ihre Bedrohlichkeit. Ich kann darüber nur Vermutungen anstellen, aber den Gang zur Toilette in einem Privatquartier wird er am Ende der Moselreise kaum noch anstrengend gefunden haben. Denn dank des Vaters hatte er inzwischen auch gelernt, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen.