Mein Wochenende war ein klarer Fall von Landflucht. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen: nicht weg, sondern hin aufs Land. Aber durchaus auch der besseren Lebensbedingungen wegen, in diesem Fall vor allem klimatisch. War das stickig in der Stadt! – Das Foto zeigt einen besonders schönen Moment: Es hatte geschüttet wie aus Eimern. Ich hockte unterdessen wohl behütet mit alten Freunden in ihrem Gartenhäuschen. Regenwasser spritzte auf unsere nackten Füße, und jeder Atemzug wurde frischer. Plötzlich brach die Abendsonne durch die immer noch dräuenden Wolken…
Feuer gefangen
Reisdampfer im Sumpf
Wer aufmerksame Freunde hat, hat immer was zu bloggen. Gerade schreibt mir C., dass ich als langjährige Hamburgerin doch eigentlich wissen sollte, dass gegenüber vom Övelgönner Elbstrand keine Werftarbeiter schweißen, sondern sich der Athabaska-Kai befindet, ein reines Containerterminal. Aber wie das zu seinem Namen gekommen ist, das sei ja vielleicht mal eine kleine Geschichte wert… Unbedingt! Dabei hatte ich „gegenüber“ gar nicht im Sinne von „direkt gegenüber“ gemeint, sondern mehr als „auf der anderen Seite des Flusses“. Da, wo die Hafenarbeiter schaffen. Und ja, ich gestehe, die Assoziation zu schwitzenden Schweißern hat mir auch gefallen. Was „im Schweiße meines Angesichts“ bedeutet, erschließt sich mir selbst inzwischen übrigens bereits, wenn ich nur die Finger auf die Tastatur lege.
Athabaska. Wie der Fluss in Kanada, der sich allerdings mit einem „C“ schreibt. Nach dem Athabasca River wiederum war der Schraubendampfer des Liverpooler Reeders William Tapscott benannt, der im Oktober 1891 mit einer Ladung Reis an Bord die Elbe hinauffuhr. Gegenüber von Övelgönne war damals noch eine Wildnis aus Schilf und Riet. Und die wurde dem Dampfer zum Verhängnis: Mit seinen 1.645 Nettoregistertonnen geriet er in dem Sumpfgelände Böhnhasensand auf Grund. Zwar kam die Athabasca mit der einsetzenden Flut wieder frei, lag nun aber schräg im Fahrwasser – und wurde bei schlechter Sicht von einem anderen Dampfer gerammt, lief voll und sank vor dem Parksand. Das Wrack der Athabasca wurde nicht geborgen, sondern nur aus dem Fahrwasser geschafft und auf den Strand gesetzt. Auf dem Vorschiff installierte man später ein Leuchtfeuer. Beim Ausbau der Hafenanlagen verschwand es unter den Erdmassen. Nur der Athabaska-Kai erinnert noch an den englischen Reisdampfer.
Dank an C. für die Anregung und ans Archiv des Hamburger Abendblatts für die historischen Fakten!
Summer in the City
An der Copa Hammonia: Während die Werftarbeiter gegenüber fleißig schweißen, breiten Sonnenanbeter ihre Badelaken am Elbstrand aus.

Der Fähranleger Teufelsbrück wird zum Sprungbrett ins kühle Nass.

Und am Abend holt einer die tragbare Musikanlage raus, während sich andere ein Fischbrötchen und eine Knolle Astra schmecken lassen. Die passen in Hamburg eigentlich immer.
Ambrosisch
Christopher Kloeble: Meistens alles sehr schnell. Roman. München 2012
Viel Zeit bleibt Albert nicht um herauszufinden, wer seine Mutter ist. Der 19-Jährige ist im Heim aufgewachsen. Fred, zu dem er noch nie Vater gesagt hat, weil Albert sich selbst immer eher wie Freds Vater fühlte, ist todkrank. Fred ist inzwischen über Sechzig, riesengroß und geistig ein Kind. Seine Lieblingslektüre sind Lexika, er zählt mit Begeisterung grüne Autos, und wen oder was er so richtig gern mag, nennt er „ambrosisch“. Albert zieht zu Fred, um dessen letzte Monate gemeinsam zu verbringen und um endlich der eigenen Herkunft auf die Spur zu kommen.
Ohne Einzelheiten zu verraten: Die Geschichte hat es in sich. Sie beginnt in einer Hochsommernacht des Jahres 1912 in der oberbayrischen Provinz und umspannt mit allerlei Vor- und Rückblenden und rasanten Perspektivwechseln fast ein ganzes Jahrhundert. Düstere Geheimnisse, Tabubrüche und Schuld inklusive. Das Buch ist vieles in einem: Familiengeschichte, Dorfchronik und Heimatroman, Krimi und Lovestory. Toll geschrieben, extrem spannend, witzig, traurig, warmherzig. Sehr zu empfehlen!
Schiffsmeldungen
Mit dem Buch in der Hand…
Time Out Country Walks near London, Volume 1. London 2011

… übers Land: über sanfte Hügel, durch schattige Wälder und sonnensatte Felder der Grafschaft Buckinghamshire. Ausgangs- und Endpunkt meiner Wanderung ist Beaconsfield etwa eine Bahnstunde westlich der Londoner City. Das Städtchen ist stolz auf den ältesten Miniaturpark der Welt und auf die Jugendbuchautorin Enid Blyton, die die letzten 30 Jahre ihres Lebens in Beaconsfield verbracht hat. Ich lasse das Modelldorf links liegen – an die Schriftstellerin erinnert ohnehin nur noch ein Straßenschild –, schließlich habe ich eine ordentliche Strecke Wegs vor mir, das Buch immer in der Hand.
Der knapp 20 Kilometer lange Beaconsfield Circular ist einer von 52 Country Walks near London, dem ersten der wunderbaren Time Out-Wanderführer durch Südostengland. Das Buch enthält eine Wanderung für jedes Wochenende des Jahrs und eine 53. extra, quasi als eiserne Reserve. So war das Ganze auch mal entstanden: Eine Gruppe von Freunden traf sich jeden Sonnabend zum gemeinsamen Wandern irgendwo zwischen Kent und den Chiltern Hills, zwischen Hampshire und Essex. Landschaftlich reizvoll sollte die Strecke sein, zwischen sieben und 14 Meilen lang, Start und Ziel mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. In irgendeinem netten Pub wollte man zum Lunch einkehren, später nach Möglichkeit noch mal woanders zum Tee. Bald kamen Freunde der Freunde dazu. Das Buch wurde geschrieben… Den Saturday Walkers’ Club gibt es heute noch.
Mit der ersten Auflage des Wanderführers war ich schon in den 1990er Jahren durch die englische Countryside gestreift. Jetzt hatte ich mir eine aktualisierte Fassung besorgt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit einem Fahrradtouren-Buch in Norddeutschland unterwegs war. „Und hinter dem Umspannwerk biegen Sie rechts ab…“, hieß es in der Wegbeschreibung. Dass sie veraltet war, merkte ich, als mich ein Einheimischer darüber aufklärte, dass es das Umspannwerk schon ein paar Jahre nicht mehr gab. Immerhin konnte er mir sagen, wo es sich früher befunden hatte, so dass ich meinen Weg unbeschadet fortsetzen konnte.
Aber zurück zum Beaconsfield Circular, der auch eine sehr schöne Passage zum Thema enthält. Nach einem Ausrufezeichen in Fettdruck wird der Wanderer ermahnt: „It is easy to get lost during the next 500 metres or so, so please follow these directions carefully. Take the first path sharply to the right, signed by a no-horses symbol on a white-topped post, up into the trees, your direction 140 degrees initially…” Dann über eine „Kreuzung“ – das Ganze spielt in den an diesem Tag lichtdurchfluteten Hodgemoor Woods –, bei nächster Gelegenheit rechts ab durch ein möglicherweise matschiges Wegstück (stimmt), nach 75 Metern links in einen Pfad mit deutlich mehr Grasbewuchs (stimmt auch). Und so weiter. Weitere vier Ausrufezeichen in Fettdruck und doppelt so viele Abzweigungen später habe ich die unmittelbare Gefahrenzone des Verlorengehens erfolgreich hinter mich gebracht. Was für ein Spaß! Und vor Ort auch deutlich weniger verwirrend, als nach der Lektüre zu vermuten war.
Lunchtime Stop in Merlins Cave in Chalfont St. Giles. Ein kleines Schwätzchen am Tresen, dann arbeite ich mich durch den Dunst des sommersonntäglichen Barbecue in den lauschigen Garten des Lokals vor und entspanne im Schatten hoher Laubbäume, während vom Nachbargrundstück sanfte Jazz-Klänge herüberwehen. Bis ich die vom Time Out-Führer empfohlene Mittagsraststätte erreichte, war ich bereits an vier anderen Pubs und einem indischen Restaurant vorbeigekommen und ordentlich beeindruckt von Anzahl und Auswahl an Einkehrmöglichkeiten. Später beim Klönschnack mit der Nachmittagsaufsicht in der Kirche gleich nebenan erfahre ich, dass die Versorgungslage bis in die jüngere Vergangenheit offenbar noch deutlich besser war. Gerade hätten ein paar Pubs geschlossen. Vielleicht, weil in letzter Zeit zu wenige Amerikaner in Chalfont St. Giles Station gemacht haben. Die sind, wie man mir sagte, nämlich besonders begeistert von dem Dichter und politischen Denker John Milton, zu dessen 400. Geburtstag vor ein paar Jahren das Städtchen ein weithin beachtetes Literaturfestival veranstaltet hat. Milton war 1665 von London nach Chalfont St. Giles gekommen: auf der Flucht vor der Pest, aber auch, weil die Provinz nach Wiedereinführung der Monarchie in England ein sichererer Ort für den überzeugten Republikaner zu sein schien. Dort vollendete Milton auch sein berühmtes episches Gedicht Paradise Lost. („The mind is its own place, and in itself / Can make a heaven of hell, a hell of heaven.” – Book 1)

Miltons Cottage an der Hauptstraße, das heute ein Museum beherbergt, unter anderem mit der Erstausgabe von Paradise Lost, hatte der Quäker Thomas Ellwood für den Dichterfreund aufgetan. Kein Zufall: Nur wenige Kilometer später führt mich mein Weg am Friends Meeting House auf dem Grund der Old Jordans Farm vorbei, die ab dem 17. Jahrhundert von Quäkern bewirtschaftet wurde. Auf dem Friedhof neben dem Gemeindehaus sind Hunderte Angehöriger dieser Glaubensgemeinschaft begraben, darunter auch William Penn, Gründer von Pennsylvania, dem einzigen Quäker-Staat, der jemals existiert hat. Seit dem frühen 20. Jahrhundert finden wieder regelmäßig Versammlungen in dem Meeting House statt, das Dorf Jordans entstand…
Was für eine geschichtsträchtige Wanderung! Und dazwischen schönstes Buckinghamshire.
Letzte Paradiese
Sebastião Salgado: Genesis. Köln 2013
Mein allerbester guter Freund meint, es sei ja wohl ein bisschen dünn lediglich mitzuteilen, dass ich die Bilder von Sebastião Salgado „überirdisch schön“ fand. Schließlich sei ich wegen der Ausstellung nach London gereist. Ursprünglich jedenfalls. Yep, Recht hat er. Also gibt’s noch einen Nachtrag. Um all die Superlative zu bändigen, die mir bei der Erinnerung an die mehr als 200 großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos in den Kopf schießen, zunächst ein paar Fakten: Acht Jahre hat der Brasilianer Salgado für das Projekt „Genesis“ fotografiert, mehr als 30 Reisen hat er in Gegenden dieser Welt unternommen, die noch so unberührt sind wie am Tag der Schöpfung – oder doch beinahe. Hat Gletscher, Gebirge, Vulkane, Urwälder, Wüsten und Ozeane im Bild festgehalten, große und kleine Tiere an Land, zu Wasser und in der Luft, Angehörige indigener Völker mit archaischem Körperschmuck, bei allerlei alltäglichen Verrichtungen.
Und jetzt führt wirklich kein Weg mehr am Schwärmen vorbei: Ich kenne keinen Fotografen, der das Spiel mit Licht und Schatten, mit Hell und Dunkel und allen Graustufen dazwischen so atemberaubend beherrscht wie Salgado. Da spiegeln die Augen eines Seelöwen noch die Kamera des Fotografen. Da glänzt der Arm einer Riesenechse wie eine Ritterrüstung, unter der doch gewaltige Muskeln von der Vitalität des Tiers künden. Dramatische Wolkenformationen über Canyons und Gletschern, Fischer, die auf Einbäumen über den nebligen See staken, Rinderhirten, eingehüllt vom Rauch, der vom brennenden Dung ihrer Tiere aufsteigt, die Schwanzflosse eines Wals, die so ruhig über dem Meer steht wie ein Schmetterling auf einem Waldsee… Ich bin nicht sonderlich religiös, aber diese Schöpfung zu betrachten, hat mich berührt und erfüllt. Salgados Fotos sind so viel mehr als bloß ästhetisch, sie sind voller Magie und Dramatik, vor allem aber strahlen sie Stille und Frieden aus, ja: Ewigkeit. Dabei erzählen die Bilder ja keineswegs nur vom Paradies, sondern führen zugleich vor Augen, wie viel Natur und Ursprünglichkeit wir bereits zerstört haben.
Im Natural History Museum in London ist „Genesis“ noch bis Anfang September zu sehen. Wem die Reise zu diesem und den wenigen anderen Ausstellungsorten zu aufwändig ist: Das Buch zu dem Fotoprojekt ist auch ganz wunderbar.
Wünsch dir was!
Immer den Schatten nach

„Sorgen Sie dafür, dass die Schatten vor Sie fallen“, riet mir der nette Typ, den ich nach dem rechten Pfad Richtung Highgate gefragt hatte. Nein, das war nicht der Flaggenmann. Der soll nur anzeigen, dass es immer noch um London geht. Als Emblem einer Miniserie „Rule Britannia“ sozusagen. Heute: Hampstead Heath und der Friedhof von Highgate.
Ich hatte gerade die letzten entzückenden Schriftsteller-, Architekten-, Musiker-, Wissenschaftler- und so weiter Häuser georgianischen Stils in dem Bilderbuch-Örtchen Hampstead hinter mir gelassen, John Keats‘ „Ode an eine Nachtigall“ noch halb im Ohr, war unter uralten Bäumen zwei, drei Mal abgebogen, weil es hinter der nächsten Ecke ganz besonders verlockend aussah – und hatte auch schon jede Orientierung verloren. Wenige Kilometer nördlich vom Trafalgar Square, man mag es kaum glauben. Da kam der Tipp mit der Sonne gerade recht. Vollkommen entspannt streifte ich fortan durch die weite Landschaft von Hampstead Heath wie einst der Dichter Keats. Querfeldein durch Wald, Wiesen und die namensgebende Heide, hügelauf und hügelab, immer dem eigenen Schatten nach.
Auf der anderen Seite des Parks erwartete mich noch so ein Ort für die Seele: der alte Friedhof von Highgate. Karl Marx liegt dort begraben. Die überlebensgroße Büste ist nicht zu übersehen. Am Sockel ein frischer Strauß elfenbeinfarbener Chrysanthemen, daran ein Zettel mit dem handschriftlichen Hinweis „Für Karl Marx“. Etwas revolutionärer hätte die Wahl
der Blumen ruhig ausfallen dürfen, finde ich. Wieviel inspirierender dagegen der Schmuck am Grab von Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis“): ein Gefäß prall voll mit Kugelschreibern. Ja, in Highgate fanden einige die letzte Ruhe, die sich mit irgendetwas einen Namen gemacht haben. Aber bei den vielen „Namenlosen“ abseits der Hauptwege war es fast noch schöner. Hätte mich nicht gewundert, plötzlich kleine Trolle über die Lichtinseln zwischen den verwitterten Steinen hüpfen zu sehen…







