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Rush hour

P1030296Back home again. Das Wichtigste in sieben Worten: Es war ein Fehler, keine Shorts einzupacken. Aber wer hätte auch ahnen sollen, dass London plötzlich am Mittelmeer liegt? Statt Rush hour in der City lieber ausgedehnte Streifzüge durch die Parks und Gärten der britischen Metropole. Man muss vielleicht aus Hamburg sein um zu verstehen, wie wohltuend ländlich sich Großstadt anfühlen kann.

Die Bilder von Sebastião Salgado im Natural History Museum habe ich mir natürlich angesehen. Überirdisch schön! Zu schön, wie der eine oder andere Kritiker meint. Nicht für meinen Geschmack. Ich kann viel Schönheit aushalten, besonders in der Natur. Gerade sehe ich zum Beispiel die Augen Hunderter oder gar Tausender von Kaimanen im Pantanal vor mir, die im Dunkeln reflektieren wie die Lichter einer Großstadt… Gibt es auch als Buch. Großformatig. Großartig.

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Ich bin dann mal weg

In London, um genau zu sein. „Genesis“ anschauen – Bilder aus dem jüngsten Langzeitprojekt des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.  Außer in London werden die spektakulären Aufnahmen von unberührten Ecken unserer Erde nur noch in Rom, Toronto, Rio de Janeiro, São Paulo, Lausanne und Paris zu sehen sein. Also auf nach Great Britain! Und weil sich „Ich fliege nach London, um eine Fotoausstellung zu besuchen“ nun doch etwas dekadent anhört und ich auch viel zu lange nicht mehr in dieser großartigen Stadt war, hänge ich einfach ein paar Tage dran.

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Rolling home

Eine Hafenstadt irgendwo in Spanien. Drei Schwestern. Eine ist aus England angereist, die zweite aus Deutschland. Wo die dritte lebt, habe ich vergessen. Ein Jahr zuvor hatte es schon einmal so ein Treffen gegeben. Eine der Frauen hatte gerade ihren Mann verloren. Jetzt wollen die Schwestern gemeinsam Abschied nehmen vom Ehemann und Schwager. Wollen seine Asche ins Meer streuen, wo er vor Jahren glückliche Tage mit seiner Frau verbracht hat. In Spanien dürfen Angehörige das, es gibt keinen Friedhofszwang. Als die Frauen mit der Urne am Meer stehen, erklingt von fern zartes Geigenspiel. Da streicht einer nur für sich den Bogen über die Saiten. „Und alle Zeit ward Gegenwart“, wie es in einem Gedicht von Hermann Hesse heißt. Ja, bestätigt die Frau, die mir von der Naturbestattung erzählt, das passte wunderbar: Der Verstorbene war Violinist bei den Symphonikern gewesen. Aber dann tauchte am Strand jemand mit einem Akkordeon auf, begann „Rolling home“ zu spielen. Ausgerechnet! Die Schwestern erstarren. Von der Geige ist kaum noch etwas zu hören. Plötzlich müssen sie lachen. Das ist aber auch zu verrückt! Wenn es ein Instrument gibt, das der Ehemann und Schwager sein ganzes Musikerleben lang gehasst hat, dann das Akkordeon.

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Geschichten zur Nacht

Ziefle_SunaPia Ziefle: Suna. Roman. Berlin 2013 (TB)

„Als ich begann, die Sprache meines Vaters zu lernen, ist sie in mich hineingerutscht, als würden Dinge und Wörter, Bilder und Töne nur zurück an ihren Platz rücken.“ An dieser Stelle ist die Geschichte, die den Leser quer durch Deutschland und halb Europa und weit ins vergangene Jahrhundert führt, beinahe schon zu Ende. Es ist die siebte Nacht, in der Luisa ihr Kind, das partout nicht schlafen will, durch das stille Haus trägt und erzählt und erzählt wie einst Sheherazade, sieht man einmal davon ab, dass es hier weniger ums Überleben als um Seelenfrieden geht. „Sie kann keine Wurzeln schlagen. Finden Sie Ihre“, hatte der alte Dorfarzt der jungen Mutter geraten.

Wurzeln. Davon hat die Protagonistin dieses wunderbaren Romans (und offenbar auch die Autorin Pia Ziefle selbst) so viele, das würde für ein kleines Wäldchen reichen. Da sind die deutschen Adoptiveltern, die serbische Mutter und der anatolische Vater, Großmütter und Großväter, Onkel und Tanten… Kriegskinder und Spätheimkehrer, die ersten Gastarbeiter in der Bundesrepublik… Jeder mit seiner ganz eigenen Sehnsucht, mit seinen eigenen Prüfungen und doch auch stellvertretend für viele. „Suna“ ist Familien- und Zeitgeschichte in einem.

Was mir an diesem Buch am besten gefällt? Einfach alles (abgesehen vielleicht vom Cover). Aber wenn ich mich entscheiden müsste: seine klare Struktur, die schnörkellos-poetische Sprache und die Vorurteilsfreiheit, mit der die Autorin jede ihrer Figuren zeichnet. Dieser Stimme würde ich gerne noch viele Nächte lauschen.

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Klein und groß

Slinkachu: Kleine Leute in der großen Stadt. Hamburg 2009

P1020830Es gibt Kleine. Und Große. Und Mittlere. Kirchen und  Windräder ebenso wie Menschen. Das hängt auch davon ab, wo man selbst gerade steht. Winzig und wie verloren im Schatten riesiger Windkrafträder mutet Altenwerders St. Gertrud an, wenn man sich von der A 7 nähert. So ähnlich muss sich auch das hoffnungslos verfranste junge Paar aus Amsterdam gefühlt haben, dem ich neulich im Niemandsland am Deich begegnete. Außer der Kirche ist von dem einstigen Elbinseldorf schon lange nichts mehr übrig. Die letzten Bewohner wichen Ende der 90er Jahre der Hafenerweiterung in Hamburgs Süden. Lagerhallen und Container bestimmen seither das Bild in Altenwerder.

P1020803Kaum hat man andererseits den von hohen Bäumen gesäumten Kirchhof betreten, scheint nicht nur Ruhe einzukehren, sondern verkehren sich zugleich auch die Proportionen: Die eben noch gigantischen Windräder schrumpfen auf Westentaschenformat und überlassen St. Gertrud das Feld. Die wiederum hält sich trotz ihres plötzlichen Wachstums bescheiden im Hintergrund, während der Besucher zwischen Gräbern umherstreift und über die Relativität allen Daseins oder andere bedeutsame Dinge nachsinnen mag.

Um Relationen und Perspektivwechsel geht es auch in einem meiner Lieblingsbücher: „Kleine Leute in der großen Stadt“. Seit ein paar Jahren schon setzt der britische Straßenkünstler Slinkachu Plastikfiguren in der Großstadt aus und bewahrt die Winzlinge zugleich vor Vergänglichkeit und Übersehenwerden, indem er sie in ihrem überdimensionierten Umfeld fotografiert. Da wird eine Pfütze zum See, und eine Hummel mutiert zum slinkachu_kleineleute_grGroßwild, das es durch einen gezielten Schuss aus dem Miniatur-Gewehr zu erlegen gilt. Da dient eine achtlos fortgeworfene Zigarettenschachtel einem Paar aus Liliput als Unterschlupf, und ein Riss im Asphalt wird zum Steinbruch. Das Buch eröffnet faszinierende neue, oft witzige, gelegentlich makabre Blicke auf Altbekanntes. Und transportiert zugleich viel von der Verlorenheit, die auch Menschen in der großen Stadt gelegentlich überkommen kann, obwohl der Maßstab von Gebäuden und Straßen für sie ja eigentlich passen sollte.