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Afrikanisches Erbe

Als sie von Äthiopien erzählte, wurde der alte Mann ganz aufmerksam. Vergessen waren die Klagen über den beschwerlich gewordenen Alltag. Als sei es gestern gewesen, fiel das faschistische Italien in das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien ein. 1935 war das, der alte Mann noch ein Junge. Am Radio verfolgte er, wie die Ras, die abessinischen Fürsten, abgeschlachtet wurden. Hunderttausende sollten ihnen folgen, bis das Land endlich von britischen und abessinischen Truppen befreit wurde. Dem alten Mann blieb die Erinnerung an die Ras und eine Empörung, die in 80 Jahren nicht schwächer geworden zu sein scheint.

Von dort war es nur ein Sprung bis zu Afrika-Meyer. Den nannten sie so, um ihn von den anderen Meyer im Ort zu unterscheiden: Von Kanonen-Meyer, dessen Söhne ständig in irgendwelche Schlägereien verwickelt waren. Von Meyer 13, der so viel Pech hatte. Afrika-Meyer, erzählte der alte Mann, war unter Lettow-Vorbeck an der Niederschlagung des Herero-Aufstands im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen, dem ersten Völkermord im noch jungen 20. Jahrhundert. Meyer sprach nicht über die Zeit. So viel weiß der alte Mann noch.

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Allerlei Lachen

„Mama, ich hab dich lieb“, rief die Kleine, den Oberkörper auf dem Fahrrad leicht nach hinten gedreht. „Ich dich auch“, antwortete eine der Frauen, schon halb wieder den Freundinnen in der Kinderwagen-Phalanx zugewandt. „Was willst du?“ Ein paar Meter weiter radelte die Kleine dem Begleithund in die Hinterpfoten. Verlegen kichernd drehte sie sich zu den Frauen um. „Fräuleinchen“, rief, sichtlich erbost, die Mutter. „Was war das denn? Den Hund anzufahren ist das eine. Aber dann auch noch zu lachen!“ Die Kleine konnte gar nicht mehr aufhören damit.

*

Auf der Bank vor der Apotheke saß wie so oft der Mann mit dem Stoffhund im Arm und verschenkte freigebig das wahrscheinlich schönste Lächeln im Stadtteil.

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Fiktive Welten

„Was ist eigentlich Fiktion?“, wollte S. wissen. S. kam vor wenigen Jahren aus Afghanistan nach Hamburg und spricht inzwischen bemerkenswert gut Deutsch.

In der Gesprächsgruppe für MigrantInnen und Flüchtlinge hatten wir gerade lange über die Bedeutung von zwei Sätzen nachgedacht. Der eine stammt von dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford: „Ob du denkst, du kannst es, oder du kannst es nicht: Du wirst auf jeden Fall Recht behalten.“ Der Verfasser des anderen ist (mir) nicht bekannt: „Nicht weil es zu schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es zu schwer.“ Das Gespräch war lebhaft gewesen und wir hatten einige Beispiele zusammengetragen, wie unser Denken unser Handeln bestimmt und wie toll es sich anfühlt, wenn man seine Angst besiegt hat.

Jetzt also wollte S. wissen: „Was ist eigentlich Fiktion?“ Super, dachte ich, nach der Philosophiestunde gleich noch eine Runde Literatur! Ich hielt einen Mini-Vortrag, den man unter die Überschrift „Dichtung und Wahrheit“ stellen könnte und in dem die Worte „ausgedacht“ und „wirklich passiert“ tragende Rollen spielten. S.’ Gesichtsausdruck wurde immer skeptischer. Am Ende zog er ein Stück Papier mit einem Stempel darauf aus der Tasche. „Fiktionsbescheinigung“ stand ganz oben. Was für ein feiner Kandidat für eine Fortschreibung von Mark Twains Sammlung über „Die Schrecken der deutschen Sprache“! Das Papier, sagte S., müsse er wie einen Pass vorzeigen. Was eine Bescheinigung ist, weiß er natürlich. Und ich weiß spätestens jetzt, dass Theorien, die Fiktion im Gegensatz zu Wahrheit und/oder Realität verorten, gelegentlich selbst eine Fiktion sind.

P.S. Eine so genannte „Fiktionsbescheinigung“ ist ein Titel aus dem Aufenthaltsrecht. Sie wird von der Ausländerbehörde benutzt, um die Zeit zu überbrücken, in der die Behörde nicht über einen Antrag z.B. auf Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis entscheiden kann oder will. Die eigentlich abgelaufene Erlaubnis gilt dann bis zur Entscheidung der Ausländerbehörde weiter.

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Einer, der fehlt

Er war eigen. Nicht artig. Bis in den Tod. Keine Reden sollten auf seiner Beerdigung gehalten werden. Gestorben zur rechten Zeit ist in seinen Grabstein gemeißelt. Den hatte er selbst in Auftrag gegeben, da war er noch nicht einmal fünfzig. Seine Frau war schockiert. Dachte er denn gar nicht an sie und die kleine Tochter? Mich lehrte er die Liebe zur kleinen Kunst. Einst hab ich drei Weiden besungen. / Eine ist nur geblieben. / Ich habe drei Weiden besungen. / So sind auch drei Weiden geblieben. Auch diese Zeilen seiner Freundin Eva Strittmatter stehen auf dem Grabstein.

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Strangers in the night

Der harte Kern rückte an einem Tisch zusammen. Jemand stellte halbleere Flaschen Sekt und Schnaps in die Mitte. Prost! Und noch einmal: Prost! Jemand drehte noch einmal die Anlage hoch. Ein paar Je-mann-de und Je-frauen fanden sich noch einmal zum Tanz, schon nicht mehr ganz sicher in den Kurven. Da drehten und lachten zwei, die nichts voneinander wussten, als dass sie gern tanzten und beide gern führten. Bis keiner mehr führte und zwei sich wiegten wie ein Leib. „If you leave me now“. Da wiegten sich zwei und lachten nicht mehr, die nichts voneinander wussten. Aber ihre Körper erinnerten sich.

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Surrealismus, ganz real

20161216_132445„Mir fiel zuerst das schwarz-weiße Maul auf“, sagt der ältere Mann zu meiner Linken. Seine Begleiterin sucht gerade die Fliege, also antworte ich an ihrer Stelle: „Für mich ist das ganz klar ein Fuchs.“ Er lacht und nickt. „Ein Fuchs, ja, genau.“ Die Begleiterin liest laut: „Junger Mann beunruhigt durch den Flug einer nicht-euklidischen Fliege.“ Pause. Dann, nachdenklich: „Sind junge Männer Füchse?“ Der ältere Mann zeigt mit dem Finger auf das Maul, in dem eine weitere Betrachterin soeben das Holstentor in Lübeck erkannt hat. Was euklidisch ist, wissen wir natürlich alle.

Ich kann nicht sagen, an wie vielen solcher Dia-, Tria-, Quattro-Loge ich gestern in der Hamburger Kunsthalle teilgenommen habe. Was ich sicher weiß: Ich war noch nie in einer Ausstellung, in der so oft Alarm ausgelöst wurde, weil sich wieder einmal jemandes Nase oder Zeigefinger irgendeinem Exponat bedenklich genähert hatte: Hast du/haben Sie das schon gesehen? Dalí, Ernst, Miró, Magritte…, sie hätten ihre Freude gehabt.

Noch bis zum 22. Januar 2017 in der Galerie der Gegenwart: Surreale Begegnungen aus den Sammlungen Roland Penrose, Edward James, Gabrielle Keiller sowie Ulla und Heiner Pietzsch. Dicke fette Empfehlung! (Der junge Mann mit der Fliege ist von Max Ernst.)

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Alles ganz einfach

p1160938In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.

 Karl Kraus

Den Satz von Karl Kraus las ich gestern Nachmittag, kurz nachdem ich die Ausstellung „Entscheiden“ im Hamburger Museum der Arbeit verlassen hatte. Der Hund, den treue Leser dieses Blogs schon kennen, lief mir heute Nachmittag nach langer Zeit mal wieder über den Weg, zur Abwechslung eine orange Rose im Maul und ein Saison-typisches Mützchen auf dem breiten Schädel. Ob zwischen dem Satz und dem Hund ein Zusammenhang besteht, brauche ich zum Glück nicht zu entscheiden. Die Ausstellung „über das Leben im Supermarkt der Möglichkeiten“ immerhin empfehle ich nachdrücklich zum Besuch. Nähere Informationen findest du hier.

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Go with the flow

P1000543Es gibt Worte, die ich besonders mag. Das englische „flow“ gehört dazu. Ein Zustand großer Leichtigkeit jenseits des bewusst Herstellbaren. Aber einfach wunderbar, wenn er sich denn einstellt. Manchmal, beim Tanzen. Auf langen Wanderungen. Oder auch beim Schreiben.

P1100565Go. Go with the flow.

P1010735Folge der Strömung.

P1010697Auch mal der Masse.

P1040797Lass dich treiben. Und mitreißen. Sei im Fluss.

P1020881Ich tue das jetzt auch – und mache ein paar Wochen Blogpause.

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Fremd, relativ

P1060187Heimat – Fremde. Nähe – Distanz. Zugehörigkeit – Fremdheit. Wir – Die. Freund – Feind. Gleichartig – andersartig.

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, wusste schon der Komiker Karl Valentin.

Erst in der Fremde wird das Eigene fremd und ermöglicht so auch neue Formen der Selbsterkenntnis. Je offener einer unterwegs ist, desto mehr.

Das Fremde in uns selbst. Das Bewusstsein der eigenen Fremdheit.

Einer, der mit dem Wechsel der Perspektiven zu spielen gelernt hat, ist der Schriftsteller Stephan Thome. Als Pendler zwischen Asien und Europa ebenso wie als Autor des Roman-Duos „Fliehkräfte“ und „Gegenspiel“ – Szenen einer Ehe erst aus seiner, dann aus ihrer Sicht. In der ZEIT (Ausgabe vom 30. Juni 2016) hielt Thome gerade ein feines Plädoyer für das Reisen.

Über Fremdheit: „Fremdheit ist keine Eigenschaft einer Person oder eines Ortes. Sie spiegelt die Empfindung von Distanz zwischen dem eigenen und dem anderen, dem Vertrauten und dem Neuen.“

Im eigenen Land ebenso wie auf Reisen.

Über Aufbruch und Rückkehr: „Dabei entsteht eine Übersetzung, die jeder Reisende leisten muss: das Fremde in eigene Begriffe fassen, dem Erlebten einen Sinn geben und ihn mit anderen teilen.“

Zum Wohle des Reisenden selbst wie der Daheimgebliebenen.

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Vom Wandern

IMG_7122Die meisten werden an mehr oder weniger unberührte Natur denken, aber wandern kann man im Prinzip überall. Ich bin zum Beispiel kürzlich 100 Kilometer durch Hamburg gegangen, in einem großen grünen Kreis einmal um das Rathaus herum, vom Fähranleger Teufelsbrück bis nach Finkenwerder auf der anderen Elbseite. Durch Parks und Kleingartensiedlungen, durch Wald und Wiesen, an Bächen, Flüssen und Seen entlang, über Friedhöfe und manchmal auch Straßen. Vordergründig ging es darum, die neuen Wanderschuhe einzulaufen und ein bisschen Kondition für die Berge aufzubauen. Aber vor allem hoffte ich, den Kopf frei zu bekommen, auch wenn die Zeit nur für den ein’ und anderen Tagesmarsch reichte. Was soll ich sagen: Es hat funktioniert, selbst mitten in der großen Stadt.

„Wir denken weniger, wenn wir weit gehen, wir gleiten in den Rhythmus des Gehens, und die Gedanken enden, werden zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, was wir sehen und hören, was wir riechen; diese Blume, der Wind, die Bäume, als würden die Gedanken umgeformt und zu einem Teil dessen werden, was ihnen begegnet; ein Fluss, ein Berg, ein Weg.“ So schreibt der Norweger Tomas Espedal in seinem 2011 ins Deutsche übersetzten philosopischen Roman über das „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, den ich gerade noch einmal zur Hand genommen habe.

IMG_7193Hängen geblieben bin ich bei dieser Passage:

„Einsamkeit. Ein, zwei Namen. Wenn man weit und lange genug auf dem Weg gegangen ist, seinem Weg, bleiben einem noch ein oder zwei Freunde, ein, zwei Namen, das ist alles. Mehr wären ein sicheres Zeichen dafür, dass wir in die Irre gegangen sind, denke ich im Gebirge. Die Gedanken verändern sich in den Bergen. Ihre Zahl wird geringer, aber man denkt konzentrierter, je mehr sich die Bergwelt öffnet und weitet. Man denkt besser, wenn man in den Bergen geht. Man beschließt, weniger umgänglich zu werden, man denkt gefährlicher in den Bergen. Mehr als ein oder zwei Freunde zu haben ist unanständig, falsch, denke ich in den Bergen. Wie viele Freunde habe ich? Ich hatte viele, jetzt habe ich noch zwei. Zwei gute Freunde. Das ist alles. Das ist genug. Vielleicht habe ich sogar nur einen. Einen einzigen Freund. Das ist die Wahrheit. Ich bin zufrieden. Ein guter Freund, fast wie eine Geliebte. Man denkt weniger vorsichtig in den Bergen, Berggedanken, denke ich und gehe in den Schnee hinaus, folge dem Rand eines Schneefelds, das steil zu einem Bergsee abfällt. Sollte ich jetzt in eine Spalte stürzen, über den Grat rutschen und nicht mehr sein, hätte es seine Richtigkeit.“

IMG_7181Wie zugewandt klingt dagegen der „Gesang von der freien Straße“ des amerikanischen Dichters Walt Whitman (1819-1892), besonders die 5. Strophe:

„Von dieser Stunde ab erkläre ich mich befreit von allen Einschränkungen und eingebildeten Scheidelinien;
Wohin ich will, geh‘ ich; ganz unbedingt mein eigner Herr;
Höre den andern zu und überlege wohl, was ich sage;
Verweile, forsche, empfange, betrachte;
Entziehe mich lind, aber mit unwiderstehlicher Willenskraft den Banden, die mich halten wollten.
Ich atme den Raum ein in großen Zügen.
Ost und West sind mein, Nord und Süd sind mein.
Größer bin ich, besser als ich dachte.
Ich hätte nicht gedacht, daß ich so viel Gutes enthielte.
Alles kommt mir schön vor.
Ich kann Männern und Frauen gegenüber wiederholen: ‚Ihr habt mir so viel Gutes getan, ich möchte euch ebensoviel Gutes tun.
Ich werde für mich und für euch werben, wo immer ich gehe.
Ich will mich ausstreuen unter Männer und Frauen, wo immer ich gehe.
Ich werde unter sie werfen neue Freude und neue Rauhheit.
Wenn mich wer abweist: es soll mich nicht kümmern.
Wenn mich wer aufnimmt: er oder sie soll gesegnet sein und soll mich segnen.’“

Je öfter ich die beiden Abschnitte lese, desto weniger rigoros erscheint mir der erste, desto weniger weich der zweite. In beiden sprudelt dieselbe Quelle, aus der sich alles speist: Unabhängigkeit, Stärke, Ehrlichkeit, Kraft. Und Bindung – wo und solange es passt. Ja, ich glaube, man wird leichter beim Wandern und auf eine ruhige Art entschiedener, kompromissloser. Dass Walt Whitman mehr ein Wanderer im Herzen als der Tat war, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Der Schönheit und Tiefe seiner Gedanken tut es keinen Abbruch, wie ich finde.

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