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Aufruf zum Müßiggang

Der verständige Müßiggänger lehnt es ab, sich mit Betriebsamkeit zu betäuben, da er es durchaus bei sich selbst aushält. Pascals Bemerkung, daß „alle Leiden des Menschen daher kommen, daß er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann“, trifft auf ihn nicht zu. Er kann lange ruhig sitzen, und er kann staunen. Und vielleicht ist dies das überzeugende Geschenk des Müßiggangs: die Gelegenheit zum Staunen, die uns gewährt wird. Wer aber staunt, wer sich selbst aus bescheidenem Anlaß wundert, der beginnt unweigerlich zu fragen, und wer Fragen stellt, wird zu Schlußfolgerungen gelangen: Der Müßiggang wird zu einem aufregenden Zustand. … Der zerstreuungssüchtige Konsument, der Abnehmer von Kurzweil, wird bei allem verbissenen Fleiß nie in der Lage sein, Kultur hervorzubringen, da ihm das sublime Nichtstun unbekannt ist. Kultur entsteht immer nur im produktiven Müßiggang, in großen Augenblicken schöpferischer Faulheit. 

Aus: Siegfried Lenz „Müßiggang oder das aktive Nichtstun“

Siegfried Lenz‘ Ode an den Müßiggang, die zuerst in der ZEIT vom 30. März 1962 veröffentlicht wurde, flatterte mir in diesen Tagen zufällig auf den Bildschirm. Not really new stuff but too good to withhold. Der vollständige Artikel ist auf ZEIT ONLINE nachzulesen.

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Zarte Annäherung

p11309061Sie sagte, „Ich weiß nicht, was ich hier will. Lässt sich nicht anders sagen.“ Er zog die Schultern hoch. „Da Sie aber schon mal hier sind, könnten Sie mir doch vielleicht ein bisschen was von sich erzählen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Darüber red ich nicht. Ich frage mich bloß in letzter Zeit, warum passiert, was so passiert.“ „Oho!“, sagte er. „Da ist es nur gut, dass Sie es nicht eilig haben. Denn das frage ich mich mehr oder weniger schon mein ganzes Leben.“ Er führte sie in die Küche und ließ sie am Tisch Platz nehmen, und als er Kaffee gekocht hatte, saßen sie dort ein Weilchen zusammen und sagten fast nichts. (S. 35)

Seine Stimme war tief und gütig. Nach kurzem Zögern machte sie einen Schritt auf ihn zu. Manchmal tut’s einfach gut, einen Mann zu drücken, kommt nicht so drauf an, wer’s ist. Sie hatte sich das sehr schön vorgestellt, den Kopf an seine Schulter zu legen. Und das war es. Sie würde den verdammten Ort sowieso bald verlassen. „Nun“, sagte er. Er tätschelte ihr den Rücken. Sie sagte, „Schätze, ich bin müde.“ „Ja, nun …“ – und er nahm sie in den Arm, sehr behutsam, sehr sanft. Mit dem Kopf an seiner Schulter sagte sie, „Bloß kann ich Ihnen rein gar nicht vertrauen.“ Er lachte, ein weiches Geräusch an ihrem Ohr, ein Hauch. Sie wollte sich lösen, aber er legte ihr eine Hand aufs Haar, also bettete sie ihren Kopf wieder hin. Er sagte, „Kann ich da irgendwas tun?“ Und sie sagte, „Nicht, dass ich wüsste. Ich traue niemand.“ Er sagte, „Kein Wunder, dass Sie müde sind.“ (S. 66 f)

Aus: Marilynne Robinson. Lila. Übersetzt von Uda Strätling. TB Frankfurt 2016

Ein ganz wunderbarer Roman über Einsamkeit, über Elend und Schuld. Voller Empathie und Güte. Archaisch, mit Happy End und ganz ohne Kitsch.

Die Ewigkeit hatte mehr Wohnungen aller Art als diese ganze Welt zusammengenommen. (S. 285)

Wenn das nicht hoffen lässt.

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Vom Wandern

IMG_7122Die meisten werden an mehr oder weniger unberührte Natur denken, aber wandern kann man im Prinzip überall. Ich bin zum Beispiel kürzlich 100 Kilometer durch Hamburg gegangen, in einem großen grünen Kreis einmal um das Rathaus herum, vom Fähranleger Teufelsbrück bis nach Finkenwerder auf der anderen Elbseite. Durch Parks und Kleingartensiedlungen, durch Wald und Wiesen, an Bächen, Flüssen und Seen entlang, über Friedhöfe und manchmal auch Straßen. Vordergründig ging es darum, die neuen Wanderschuhe einzulaufen und ein bisschen Kondition für die Berge aufzubauen. Aber vor allem hoffte ich, den Kopf frei zu bekommen, auch wenn die Zeit nur für den ein’ und anderen Tagesmarsch reichte. Was soll ich sagen: Es hat funktioniert, selbst mitten in der großen Stadt.

„Wir denken weniger, wenn wir weit gehen, wir gleiten in den Rhythmus des Gehens, und die Gedanken enden, werden zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, was wir sehen und hören, was wir riechen; diese Blume, der Wind, die Bäume, als würden die Gedanken umgeformt und zu einem Teil dessen werden, was ihnen begegnet; ein Fluss, ein Berg, ein Weg.“ So schreibt der Norweger Tomas Espedal in seinem 2011 ins Deutsche übersetzten philosopischen Roman über das „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, den ich gerade noch einmal zur Hand genommen habe.

IMG_7193Hängen geblieben bin ich bei dieser Passage:

„Einsamkeit. Ein, zwei Namen. Wenn man weit und lange genug auf dem Weg gegangen ist, seinem Weg, bleiben einem noch ein oder zwei Freunde, ein, zwei Namen, das ist alles. Mehr wären ein sicheres Zeichen dafür, dass wir in die Irre gegangen sind, denke ich im Gebirge. Die Gedanken verändern sich in den Bergen. Ihre Zahl wird geringer, aber man denkt konzentrierter, je mehr sich die Bergwelt öffnet und weitet. Man denkt besser, wenn man in den Bergen geht. Man beschließt, weniger umgänglich zu werden, man denkt gefährlicher in den Bergen. Mehr als ein oder zwei Freunde zu haben ist unanständig, falsch, denke ich in den Bergen. Wie viele Freunde habe ich? Ich hatte viele, jetzt habe ich noch zwei. Zwei gute Freunde. Das ist alles. Das ist genug. Vielleicht habe ich sogar nur einen. Einen einzigen Freund. Das ist die Wahrheit. Ich bin zufrieden. Ein guter Freund, fast wie eine Geliebte. Man denkt weniger vorsichtig in den Bergen, Berggedanken, denke ich und gehe in den Schnee hinaus, folge dem Rand eines Schneefelds, das steil zu einem Bergsee abfällt. Sollte ich jetzt in eine Spalte stürzen, über den Grat rutschen und nicht mehr sein, hätte es seine Richtigkeit.“

IMG_7181Wie zugewandt klingt dagegen der „Gesang von der freien Straße“ des amerikanischen Dichters Walt Whitman (1819-1892), besonders die 5. Strophe:

„Von dieser Stunde ab erkläre ich mich befreit von allen Einschränkungen und eingebildeten Scheidelinien;
Wohin ich will, geh‘ ich; ganz unbedingt mein eigner Herr;
Höre den andern zu und überlege wohl, was ich sage;
Verweile, forsche, empfange, betrachte;
Entziehe mich lind, aber mit unwiderstehlicher Willenskraft den Banden, die mich halten wollten.
Ich atme den Raum ein in großen Zügen.
Ost und West sind mein, Nord und Süd sind mein.
Größer bin ich, besser als ich dachte.
Ich hätte nicht gedacht, daß ich so viel Gutes enthielte.
Alles kommt mir schön vor.
Ich kann Männern und Frauen gegenüber wiederholen: ‚Ihr habt mir so viel Gutes getan, ich möchte euch ebensoviel Gutes tun.
Ich werde für mich und für euch werben, wo immer ich gehe.
Ich will mich ausstreuen unter Männer und Frauen, wo immer ich gehe.
Ich werde unter sie werfen neue Freude und neue Rauhheit.
Wenn mich wer abweist: es soll mich nicht kümmern.
Wenn mich wer aufnimmt: er oder sie soll gesegnet sein und soll mich segnen.’“

Je öfter ich die beiden Abschnitte lese, desto weniger rigoros erscheint mir der erste, desto weniger weich der zweite. In beiden sprudelt dieselbe Quelle, aus der sich alles speist: Unabhängigkeit, Stärke, Ehrlichkeit, Kraft. Und Bindung – wo und solange es passt. Ja, ich glaube, man wird leichter beim Wandern und auf eine ruhige Art entschiedener, kompromissloser. Dass Walt Whitman mehr ein Wanderer im Herzen als der Tat war, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Der Schönheit und Tiefe seiner Gedanken tut es keinen Abbruch, wie ich finde.

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Halt dich warm

P1010674Alles an ihm war alt, nur die Augen nicht, und die hatten dieselbe Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.

„Halt dich warm, alter Mann“, sagte der Junge. „Vergiss nicht, wir haben September.“ „Der Monat, wenn die großen Fische kommen“, sagte der alte Mann. „Im Mai kann jeder ein Fischer sein.“

Frühe Sätze in Ernest Hemingways Erzählung „Der alte Mann und das Meer“. Die späten klingen so:

Er spürte, er war jetzt in der Strömung, und er konnte die Lichter der Siedlungen an der Küste sehen. Er wusste jetzt, wo er war, und würde bald zu Hause sein. Der Wind ist jedenfalls unser Freund, dachte er. Und meinte dann: manchmal. Und die große See mit unseren Freunden und unseren Feinden. Und das Bett, dachte er. Das Bett ist mein Freund. Nur das Bett, dachte er. Das Bett wird herrlich sein. Es macht nichts, wenn man besiegt ist, dachte er. Ich habe nie gewusst, wie wenig das macht.

Dazwischen das tagelange Ringen mit dem Riesenfisch, der Verlust der Beute. Der Trophäe? Ich weiß noch, wie mich Hemingways buchgewordene Ideale der Männlichkeit als sehr junge Frau manchmal genervt haben. Gerade lese ich einige seiner Erzählungen wieder – und freue mich an der klaren schnörkellosen Sprache.

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Die Ankunft II

Shaun Tan: The Arrival, 2006

P1130623Ein Mann verlässt seine Heimat. Er lässt Frau und Tochter zurück, um in einem anderen Land ein neues Leben für sich und seine Familie aufzubauen. Es braucht nicht viele Worte, um die uralte immer neue Geschichte von Verzweiflung und Hoffnung, von Abschied und Aufbruch, von Fremde und Einsamkeit, aber auch von Begegnung und Neuanfang zu skizzieren, und sie ist ja auch schon viele Male erzählt worden. Shaun Tan braucht überhaupt keine Worte, und wie er die Geschichte eines jeden Migranten, eines jeden Flüchtlings, eines jeden Heimatlosen erzählt, das ist absolut einzigartig.

Der australische Autor und Illustrator, selbst Sohn von Einwanderern, hat mit seiner Graphic Novel „The Arrival“ eine Bilderwelt geschaffen, die die Grenzen des Statischen zu sprengen scheint und den Betrachter in eine Art Stummfilm aus schwarz-weißen und sepiafarbenen Zeichnungen zieht. Viele Bilder, zu Serien angeordnet, sind nur wenige Zentimeter groß: Gesichter, die wie Nahaufnahmen wirken, Details in einem Raum, Bild-gewordene Erzählungen von Menschen, denen der namenlose Mann auf seiner Reise begegnet. Andere füllen ganze Seiten oder auch mal zwei in dem großformatigen Buch: die Heimatstadt, durch deren wie ausgestorben wirkende Straßen sich dunkle Drachenschwänze winden, das winzige Auswandererschiff auf dem weiten Meer, die Ankunft in der fremden Stadt, deren Skyline entfernt an New York erinnert, die aber so surreal anders ist als alles, was wir kennen, dass sie ebenso gut auf einem anderen Planeten liegen könnte.

Seit das grandiose Bilderbuch bei mir eingezogen ist, habe ich wohl schon Dutzende Male darin „gelesen“. Immer noch schlüpfe ich jedes Mal in die Rolle des Einwanderers und fühle mich genauso fremd wie er – und so unendlich erleichtert, als andere Menschen, oft selbst Gestrandete, dem Neuankömmling ihre Hilfe anbieten. Mit jedem „Lesen“ entdecke ich Details, die der Aufmerksamkeit bisher entgangen waren, erscheint mir das Buch noch tiefer, noch phantastischer und anrührender. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Wie viele Worte müsste man sagen, um diesem Kunstwerk gerecht zu werden?

Auf jeden Fall noch diese: Es ist ein Buch für wirklich jeden, besonders in Zeiten wie diesen. Für Männer, Frauen und Kinder (ab etwa acht Jahren). Um andere zu beschenken oder um sich selbst ein Geschenk zu machen. Und am besten in der gebundenen englischen Originalausgabe, denn die kostet nur etwa die Häfte der (gebundenen) deutschen „Übersetzung“.

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Davongeflogen

P1070004„In der Zeitung stand die Nachricht: Haus in die Luft geflogen. Die Leute liefen an der Stelle zusammen. Tatsächlich: in der Häuserreihe war eine Lücke.

Wo ist es hingeflogen, fragten die Leute. Durften alle Bewohner mitfliegen? Fliegt es jetzt um die Erde? Hat der Portier gewinkt? Wird es wieder zurückkommen? Haben sie genug Proviant mitgenommen? Wird man reisekrank dabei? Sind die anderen Häuser neidisch? War es ein besonderes Haus? Oder können alle Häuser in die Luft fliegen?

Fragen über Fragen!“

aus: Jürgen Spohn. Ach so. Ganzkurzgeschichten und Wünschelbilder. München 1982

P1070001Jürgen Spohn (1934-1992) war ein Grafiker, der vor allem als Kinderbuchautor und -illustrator bekannt geworden ist. Seine Ganzkurzgeschichten und Wünschelbilder schenkte mir gleich nach ihrem Erscheinen ein befreundeter Buchhändler. Der Einband ist schon ganz abgeliebt und grisselig, so oft habe ich das Buch in den vergangenen Jahrzehnten in die Hand genommen. „Spohn ist ein Moralist wie Erich Kästner … Der Leser spürt, dass da nicht ein Besserwisser am Werke ist, sondern jemand, der das Lesen und die Umwelt und die Mitmenschen liebt und gerade deshalb auf bestimmten Ansprüchen bestehen muss.“ 1981 erhielt Jürgen Spohn den Deutschen Jugendliteraturpreis für das beste Kinderbuch: Drunter & Drüber. Verse zum Vorsagen, Nachsagen, Weitersagen. Der Vergleich mit Erich Kästner stammt aus der Begründung der Jury.

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Erlbruch forever

Werner Holzwarth / Wolf Erlbruch: Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Wuppertal 2001

Wolf Erlbruch: Frau Meier, die Amsel. Wuppertal 2000

Gioconda Belli: Die Werkstatt der Schmetterlinge. Illustriert von Wolf Erlbruch. Wuppertal 2000

Jürg Schubiger / Wolf Erlbruch: Zwei, die sich lieben. Wuppertal 2012

Oren Lavie: Der Bär, der nicht da war. Illustrationen von Wolf Erlbruch. München 2014

maulwurfEs war Liebe auf den ersten Schiss. Oh, Gott, wie klingt das denn! Ich fang besser noch mal an: Meine Liebe zu Wolf Erlbruch begann mit einem Haufen unbekannter Provenienz. Auch nicht viel besser. Na, zumindest ist jetzt ein Hauch Wissenschaftlichkeit in diesem Beitrag. Um eine Art Wissen-schaf(f)t geht es nämlich auch in Werner Holzwarths Geschichte Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Ein sehr nachvollziehbares Anliegen, wie ich finde. Der kleine Maulwurf ist stinksauer und er ruht und rastet nicht, bis er endlich den Übeltäter ausfindig gemacht hat und ihm sein eigenes kleines Häuflein verpassen kann. Herrlich! Da werden gleich mehrere Tabu-Latten gerissen („Scheiße sagt man nicht!“, „Rache ist bäh!“), was kindlichen Gemütern erfahrungsgemäß großen Spaß bereitet.

Ja, ich glaube, das war das erste Mal, dass mir Kinderbuch-Illustrationen des Grafik-Designers Wolf Erlbruch in die Hände fielen, der sein Geld zunächst in der Werbebranche verdient hatte. Seither habe ich nicht mehr aufgehört, die Hände aufzuhalten. Hier eine Auswahl meiner Erlbruch-Favoriten:

71ZE18PV0MLFrau Meier, die Amsel. Frau Meier macht sich ständig Sorgen, man könnte sagen, sie ist leicht depressiv. Zum Glück gibt es den stoischen Herrn Meier, der Frau Meier dann erstmal einen Pfefferminztee kocht. Ja, und eines Tages findet Frau Meier in ihrem Garten ein Amseljunges, dessen Aufzucht sich als Vollzeitaufgabe entpuppt. Richtig komisch wird es, als die kleine Amsel eines Morgens beim Frühstück vom Küchentisch fällt und Frau Meier erkennt, dass sie Piepchen das Fliegen beibringen muss. Frau Meier in Kittelschürze auf dem dicken Ast des alten Kirschbaums, wild mit den Armen rudernd oder direkt nach dem Abflug, während die Kühe auf der Weide unter ihr entsetzt in alle Richtungen davonstieben – das sind Bilder von unglaublichem Charme.

81C2VMELEiLDie Werkstatt der Schmetterlinge. Ein Traum von einem Bilderbuch zu Texten der nicaraguanischen Autorin Gioconda Belli. „Vor langer Zeit gab es keine Schmetterlinge. Und viele andere Pflanzen und Tiere nicht, die alle noch darauf warteten, erschaffen zu werden. Das war die Arbeit der Gestalter Aller Dinge. Für die Gestalter Aller Dinge gab es ein strenges Gesetz: Sie hatten die Tiere für das Tierreich zu erschaffen und für das Pflanzenreich die Pflanzen. An diese Regel mussten sich alle halten. Dies durften sie auf gar keinen Fall durcheinanderbringen.“ Unnötig zu erwähnen, dass einer der Gestalter nicht gewillt ist, sich an die Regeln zu halten. Er träumt von einem Wesen, das wie ein Vogel und gleichzeitig wie eine Blume sein soll…

5128fQ08eQL._SX258_BO1,204,203,200_Zwei, die sich lieben. Das ultimative Geschenkbuch für den Herzallerliebsten, für die Herzallerliebste. Die entzückenden Bilder mit den unglaublichsten Kuss-Szenen begeistern auch Kinder, einige der Gedichte des Schweizers Jürg Schubiger wird vielleicht erst der etwas ältere Nachwuchs verstehen. Die Zeilen über die Kunst des Küssens aber bestimmt: „Zwei, die sich liebten, wollten sich küssen, / doch sie wussten nicht, wie man das macht. / So blieb es denn lange beim freundlichen Grüßen. / Als die Münder sich fanden, was wurde gelacht: / So einfach hatten sie sich’s nicht gedacht.“

Hier muss ich mal eben kurz abschweifen: Ich habe nämlich den Verdacht, dass dieser Jürg Schubiger ein großer Kuss-Fan ist. Sicher bin ich mir nicht, aber wenn ich an sein Buch Als die Welt noch jung war denke… Das kenne ich allerdings nur auf Spanisch, ein Geschenk spanischer Freunde. Egal, jedenfalls gibt es darin diese Szene, in der sich Adam und Eva im Paradies treffen. Eva weist Adam darauf hin, dass sie die einzigen Menschen weit und breit seien und deswegen heiraten sollten. Adam hat keine Ahnung, was heiraten bedeutet und reagiert fast ein bisschen feindselig. Eva schlägt vor, sich zunächst mal zu lieben. Davon hat Adam auch noch nie gehört. Aber als Eva ihn küsst, findet er das mit der Liebe gar nicht so schlecht. Irgendwie gefällt es ihm sogar.

9783888979705Und damit noch einmal zurück zu Wolf Erlbruch und zu einer von ihm illustrierten Welt, in der alles schon da ist, aber auch gerade erst entsteht – Der Bär, der nicht da war, aus einem Juckreiz und der farb- und formenreiche Wald und seine Bewohner praktisch aus dem Nichts. Geschrieben hat die poetisch-philosophisch-phantastische Geschichte der israelische Komponist und Musiker Oren Lavie, die Übersetzung besorgte sprachgewaltig der wunderbare Harry Rowohlt, der ja in den 1990ern bereits Alan Milnes Pu der Bär zu neuem deutschem Leben erweckt hat. Lavies Bär zieht auf der Suche nach dem eigenen Ich durch einen wundersamen Wald, in dem es keine vier, sondern acht Richtungen gibt: Norden, Süden, Osten, Westen, Falsch, Richtig, Mittagessen und Frühstück. Unterwegs begegnen ihm das Bequeme Bergrind, der Saumselige Salamander, der Vorletzte Vorzeige-Pinguin und das Träge Schildkröten-Taxi, mit dem er sehr langsam geradeaus fährt, um endlich an dem Haus anzukommen, in dem er wohnt. „Und er trat leise ein, um sich nicht aufzuwecken.“ Der Bär mit der grauen Nase und den roten Lippen weiß jetzt, dass er ein sehr netter, glücklicher und hübscher Bär ist. Für Erwachsene und größere Kinder sehr zu empfehlen.

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Nicht nur für Fischköppe

Peter Schössow: Baby Dronte. München 2008

23321164zHimmel, jetzt ist es schon wieder Wochen her, dass ich Selma und Josef Schaf ausgegraben habe. Bevor sie und die anderen sutsche (norddeutsch für: langsam, gemächlich, ruhig) wieder zustauben, will ich wenigstens noch von Baby Dronte erzählen, einem meiner allerallerliebsten Bilderbücher, und das bestimmt nicht nur, weil die Geschichte im Hamburger Hafen spielt.

Jahrelang hatten Käpt’n Horatio Lüttich und seine Crew, bestehend aus Paul Zausenke, dem Smutje, und Hans-Ulrich Krittel, dem Maschinisten, „dem keiner das Schmieröl reichen  konnte“, mit der Krautsand (benannt nach der gleichnamigen Elbinsel) die großen Pötte in den Hafen gezogen, als ihr Schlepper eines Tages in einem Sturm leck schlug. 50.000 Mark soll die Reparatur kosten (das Buch wurde im vergangenen Jahrtausend zum ersten Mal aufgelegt), das gibt wenig Anlass zu Hoffnungen.

Während Käpt’n Lüttich noch über die Zukunft des Kahns und der Jungs grübelt, findet er im feuchten Elbsand ein gesprenkeltes Ei. Mitten in der Nacht schlüpft daraus ein Küken, pliert den Käpt’n an (die Duden-Definition des norddeutschen  Anplierens ist einfach genial: „jemanden mit verschleiertem Blick, blinzelnd und etwas dümmlich ansehen“) und krächzt: „Mama“.

Das Küken erweist sich als Angehöriger der seit dreihundert Jahren ausgestorben geglaubten Dronten, einem flugunfähigen Vogel aus dem Indischen Ozean. Käpt’n Lüttich, der von dem „Mama“-Gekrächze ohnehin ziemlich genervt ist, verkauft die ornithologische Rarität und lässt von dem Erlös seinen Schlepper reparieren. Aber natürlich haben er und die Jungs auch ein Herz. Schon bald vermissen sie ihr „Baby“, befreien es aus dem Zoo und nehmen auf der Krautsand Kurs Richtung Mauritius…

So ungefähr geht die Geschichte – witzig, handfest, voller Gefühl, aber kein bisschen kitschig. Und die Bilder dazu – die Krautsand im Sturm zum Beispiel und später auf der Flucht vor der Wasserschutzpolizei – sowas von klasse! Ich kann nur warnen: Wer einmal anfängt mit dem Lesen und Gucken, kommt nicht mehr von dem Buch los, egal ob Fischkopp oder nicht. Und auch egal, wie alt er oder sie ist. Ich habe mit diesem wunderbaren Buch Vierjährige ebenso erreicht wie demente alte Menschen. Irgendwie scheint sich jeder genau das daraus zu nehmen, was für ihn passt.

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Geschichten erzählen

Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen. Roman. Tübingen 2015

KLM_151_LAY_Reichelt.inddNeun Feststellungen und Gedanken nach der Lektüre von „Wiederholte Verdächtigungen“ in dem Bemühen, einen Einblick zu geben ohne allzuviel zu verraten von diesem „Familien- und Seelenkrimi“:

1. Ist das spannend! Ich habe schon eine Weile kein Buch mehr so atemlos gefressen.

2. Welch ein Vergnügen, wenn wirklich kein Wort überflüssig ist! Da verzeiht man glatt, dass das Vergnügen nur 182 Seiten währt.

3. Nicht immer ist das Ende der Geschichte das Problem. Auf Seite 98 finde ich den Satz: „Katharina hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, dass dieses Gespräch ihr weiterhelfen könnte, doch jetzt kommt es ihr so vor, als wenn der Frau nur eine Vergangenheit fehlte, die weiter zurückreicht.“

4. Das stellt auch Christoph fest, der verschwindet und irgendwann wieder auftaucht. Und alles gerät ins Wanken.

5. Es ist gut, wenn alte Familiengeschichten ans Licht kommen. Weiterwirken tun sie ohnehin.

6. Wieviele Häute hat eigentlich eine Zwiebel? Und wieviele Kurven eine Achterbahn?

7. Jutta Reichelt ist eine verdammt gute Beobachterin.

8. Und Romane sind doch – auch – autobiografisch. Guck mal hier und lies, was die Autorin zum Beispiel über Werder Bremen zu sagen hat. Und über das Schreiben natürlich.

9. Es geht immer darum, Geschichten zu erzählen. That is what it’s all about.

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Schafe zum Verlieben

Jutta Bauer. Selma. Oldenburg 1999

Kirsten Boie. Josef Schaf will auch einen Menschen. Illustriert von Philip Waechter. Hamburg 2002

Staubwischen macht reich. Jedenfalls innerlich. Jedenfalls, wenn unter der Staubschicht die allerliebsten Bilderbücher zum Vorschein kommen. Das innere Kind jubelt und beginnt zu blättern…

SelmaUnd findet vielleicht Selma, die jeden Morgen bei Sonnenaufgang etwas Gras frißt, vormittags mit den Kindern spricht, nachmittags ein bisschen Sport treibt, dann wieder etwas Gras frißt, abends mit Frau Meier plaudert und danach tief und fest schläft – und genau das auch tun würde, wenn sie mehr Zeit hätte oder im Lotto gewinnen würde.

Selma ist ein Schaf, und sie weiß, was Glück ist. Ihre „Mutter“ heißt Jutta Bauer. Das ist die, die auch die megatolle Königin der Farben gemalt hat – und noch zwei, drei andere Bücher, die ich niemals wieder hergeben würde. Davon erzähle ich ein anderes Mal.

Ich glaube, Selma ist irgendwie verwandt mit dem Fischer in Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. Darin will ein Tourist den Fischer überzeugen, dass man jetzt viel arbeiten muss, um später einmal nicht mehr arbeiten zu müssen. Der Fischer hält nicht so viel von diesem Gedanken, denn er genießt schon jetzt sein Leben und ist zufrieden mit dem, was er hat.

P1060500Josef Schaf ist nicht zufrieden. Er will auch einen Menschen und nicht immer nur seine peinliche alte Stoffpuppe mit in die Schule bringen.

„Natürlich kriegst du keinen Menschen“, sagt Papa Schaf beim Mittagessen. „Das haben wir dir schon tausendmal gesagt. Aus, Punkt, Schluss.“

„In meiner Klasse haben alle einen!“, sagt Josef Schaf böse. „Alle! Immer darf nur ich nichts!“

„Man redet nicht mit vollem Mund“, sagt Mama Schaf ganz lieb. „Du weißt doch, dass Papa und ich nichts von Hausmenschen halten. Es ist Menschenquälerei!“

Die Geschichte von Josef Schaf hat Kirsten Boie geschrieben, die Illustrationen sind von Philip Waechter. Mag sein, es ist nicht hundertprozentig politisch korrekt, wenn Cara Kalb zum Kuschelmenschtag in der Schule einen echten schwarzen Menschen dabei hat, Sharon Schwein eine Chinesin und Heiko Hund sogar einen Eskimo – aber zum Kaputtlachen ist es allemal. Für Erwachsene wahrscheinlich noch mehr als für Kinder.

Das Staubwischen habe ich übrigens inzwischen eingestellt.