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Barfuß in den Adlerhorst

P1110670Vorbei an rötlichen Gehöften führt unser Weg in die gleichfarbigen Sandstein-Anhöhen der Geralta-Berge, das äthiopische „Monument Valley“. Wieviel schöner sind doch diese oft von Steinmauern umgebenen Gebäude als die vielen Wellblechhäuser, die wir in Addis Abeba sahen.

P1110632Stein auf Stein aufgeschichtet und ohne Mörtel kunstvoll zusammengefügt. Wenn man näher herankommt, erkennt man, dass die Ritzen mit Lehm und dem getrockneten Dung der Tiere ausgestopft sind, die zwischen den tef-Feldern, einem nur in Äthiopien vorkommenden Brotgetreide, oder unter einem der uralten Feigenbäume geweidet werden.

P1110659Durch einen Canyon steigen wir zur Kirche Maryam Papaseyti auf. Links und rechts ragen steile Steinwände in den Himmel. Vor einem verschlossenen Tor heißt es warten, bis der Priester von der Feldarbeit herbeieilt. Ich vermute, dass die meisten Priester der äthiopisch-orthodoxen Kirche nebenher Bauern sind, denn sie finanzieren sich heute vor allem aus Spenden.

P1110753Maryam Papaseyti ist von außen sehr schlicht, liegt aber malerisch unter einem Felsüberhang. Ihr Allerheiligstes ist in den Fels gehauen, der Rest gemauert. Wunderbar farbenfrohe biblische Malereien aus dem 17. und 18. Jahrhundert schmücken die Wände. Die fein gemeißelten Gesichtszüge des Priesters, der mit einer Kerze in der Hand dekorativ an einer Mauer lehnt oder sich in einer der Nischen auf seinen Gebetsstab stützt, begeistern mich nicht minder.

P1110762Felsenkirchen findet man im gesamten äthiopischen Hochland und auch jenseits der Grenze in Eritrea. Ihre Zahl wird auf etwa 150 geschätzt. Die ältesten lassen sich bis in das 8. Jahrhundert zurückverfolgen. Die wohl bekanntesten sind die phantastischen Felsenkirchen in Lalibela, die vor mehr als 800 Jahren jeweils von oben nach unten aus einem einzigen riesigen Tuffsteinblock herausgeschlagen wurden. Von ihnen werde ich ein anderes Mal erzählen. Heute bleiben wir in den Geralta-Bergen:

P1110681Früh am Morgen nähern wir uns dem Massiv aus rotem Sandstein ein weiteres Mal, queren das Flussbett, das jetzt in der Trockenzeit kaum Wasser führt, um zu einer der am schwersten zugänglichen Kirchen des Landes aufzusteigen. Hoch oben in den noch schattigen Felsen, da, wo sich zwischen zwei steinernen Nadeln ein großes „V“ öffnet, soll sie liegen: Abuna Yemata Guh. Von hier unten ist nichts zu erkennen. Auf einem immer steiler werdenden Pfad wandern wir bergauf, gewinnen rasch an Höhe.

P1110845Bald schon stehen wir vor einer senkrechten Felswand. Da müssen wir hoch. Ab jetzt barfuß, denn der Fels ist heilig und darf nicht mit Schuhen betreten werden. Aber immerhin angeseilt. Hui, das ist sportlich! Dennoch zögere ich nicht, zu groß ist meine Neugier. Unsere einheimischen Begleiter zeigen uns Tritte, Griffe und Spalten im Stein, an denen wir uns beim Aufstieg festhalten, in die wir die Füße setzen können.

DSC_0932Ich konzentriere mich darauf, immer zwei Hände und einen Fuß oder aber zwei Füße und eine Hand am Fels zu haben. Das klappt besser als gedacht. Bald schon habe ich eine wenige Quadratmeter kleine Plattform erreicht, von der aus es ohne Seil weiter nach oben gehen wird. Aber erst einmal genieße ich die Aussicht auf „Marlboro Country“ und schaue zu, wie meine Gefährten oder doch die meisten von ihnen nachklettern.

P1110863Der heikelste Teil des Aufstiegs steht uns da noch bevor: Um zum Eingang der Kirche zu gelangen, müssen wir die Felsnadel in schwindelnder Höhe ein Stück umrunden – auf einem vielleicht einen halben Meter breiten Sims, rechts die glatte Felswand, links nichts als der Abgrund, mehrere hundert Meter tief. Nur nicht hinunter sehen!

P1110884Noch jetzt ist mir vollkommen rätselhaft, wie ich, die immer mit Höhenangst zu tun hatte und noch der harmlosesten Fahrt im Sessellift einen schweißtreibenden mehrstündigen Aufstieg vorzog, diese Klippe bewältigen konnte.

P1110886Durch eine Öffnung im Fels gelange ich vom Sims in den Vorraum der Kirche. Auf dem Boden vor der Holztür hockt schon der Priester, der uns in Plastiksandalen leichtfüßig wie eine Bergziege vorangeeilt war.

P1110888Als er die schwere Tür öffnet, fällt ein Lichtstrahl in die nur vom Schein unserer Stirnlampen erleuchtete Grotte. Wow! Ein Ort wie aus der Zeit gefallen. In der Höhlenkirche gibt es drei Kuppeln, die in kräftigen Farben mit den Bildern heiliger Männer bemalt sind. Abuna Yemata, einer der Neun Heiligen, die im 6. Jahrhundert die endgültige Verbreitung des Christentums im Land vollbracht haben sollen und nach der Legende zugleich Gründer dieses Gotteshauses im Fels, ist an einer der Wände zu Pferde dargestellt. Alle Malereien stammen vom Ende des 15. Jahrhunderts. Ungefähr aus dieser Zeit datiert auch die ziegenpergamentene Bibel unter dem Pult, die der Priester aus einem Lederschuber zieht und aufschlägt. Geschrieben ist sie im altäthiopischen Ge’ez, das heute nur noch Geistliche sprechen. Was für eine Pracht!

P1110909Alles an diesem Ort ist alt. Nur der Priester ist jung, erstaunlich jung. Später, als ich neben ihm auf dem Felsvorsprung darauf warte, für den Abstieg angeseilt zu werden, verrät mir der gerade einmal 25-Jährige, dass er sein Amt in dieser traumschönen Kirche, dem Himmel so nah, auch dem Umstand zu verdanken habe, dass der Aufstieg für alte Priester einfach zu beschwerlich sei. Offenbar aber nicht für Eltern mit Säuglingen. Denn Taufen fänden in diesem „Adlerhorst“ durchaus statt. Der Äthiopier: nicht nur der geborene Marathoni, sondern anscheinend zugleich ein begnadeter Kletterer. Mit vielen helfenden Händen schaffen auch wir sicher wieder den Abstieg.

P1110802 Wer Lust auf noch ein bisschen schaurig-schönes Schwindelgefühl hat, mag einen Blick in dieses Video eines Lonely Planet-Fotografen über seinen Aufstieg zur Kirche Abuna Yemata Guh werfen. So tief wie der habe ich mich nicht in den Abgrund zu blicken getraut.

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Ferenji, ferenji!

P1130108Äthiopien ist dreimal so groß wie Deutschland – und trotz der Weite ziemlich dicht besiedelt. Wo immer wir anhalten, sind wir sofort umringt von meist jungen Menschen. „ferenji“ rufen sie und winken. Oder „you, you“. ferenji – das sind wir, die Ausländer. Das Wort ist möglicherweise von „french“ abgeleitet. Schulbücher werden vorgezeigt, das kommt besonders bei den weiblichen ferenji gut an. Einmal halte ich mitten auf der Straße eine improvisierte Englischstunde ab, während die Zahl meiner „Schüler“ ständig wächst. Um Begegnung geht es, aber meist auch darum, von der Begegnung einen geldwerten Vorteil zu haben. Ein paar Birr im Austausch für ein Foto, Kugelschreiber, leere Pet-Flaschen…

P1120875„Als ferenji gilt man in Äthiopien automatisch als reich. Im Vergleich zu den meisten Menschen ist man es auch“, schreibt Philipp Hedemann in dem schönen Geschichtenband „Der Mann, der den Tod auslacht“ über seine Jahre in Äthiopien. Eine Erfahrung, die ich auch als Durchreisende nur bestätigen kann. Besonders die jungen Männer erweisen sich als ebenso charmant wie hartnäckig in der Anbahnung nützlicher bilateraler Kontakte. So wie der 16-Jährige, den ich hier Tayé nennen werde, der sich wie selbstverständlich an meine Seite heftet, als ich im nordäthiopischen Axum, das für die Christen des Landes ähnlich bedeutsam ist wie Rom für die Europäer, ohne festen Plan Richtung Stadtzentrum bummele. Plaudernd laufen wir gemeinsam an allerlei Geschäften und Verkaufsständen vorbei. Von einem Kaffeeausschank dringt der unvermeidliche Geruch nach Weihrauch in die Nase. Um Fußball geht es, Tayé ist ein großer Fan von Thomas Müller und kennt sich auch in europäischer Geografie bemerkenswert gut aus.

P1110993Stolz zeigt er mir das alte Zentrum von Axum mit der neuen und der alten Kathedrale, zu der Frauen keinen Zutritt haben, und den Kapellen dazwischen. In einer von ihnen, das weiß in Äthiopien jedes Kind, wird die Bundeslade aufbewahrt, die vergoldete Truhe mit den in zwei Steinplatten geschlagenen Zehn Geboten, die Moses von Gott empfangen hat. Nur ein einziger Priester hat Zugang zum Allerheiligsten. Angeblich darf er selbst das Gelände niemals verlassen. Gerade steht er wenige Meter entfernt von uns vor der Kapelle, in der das wohl größte Mysterium des Christentums verwahrt sein soll. Ein paar Schritte weiter spricht ein Mönch im gelben Gewand ein stilles Gebet, die in ein weißes Tuch gehüllte Frau neben ihm spricht in ihr Handy.

P1120104Und wie kam die Bundeslade nach Axum? Das ist eine lange Geschichte, die damit beginnt, dass Makeda, die sagenhaft schöne Königin von Saba – die natürlich ebenfalls aus Äthiopien und nicht etwa aus dem Jemen stammte – den sagenhaft weisen König Salomon in Jerusalem besuchte, der sie mit einem Trick in sein Bett lockte und schwängerte. Makeda kehrte nach Äthiopien zurück, gebar einen Sohn, Menelik I. Als junger Mann reiste Menelik zu seinem Vater nach Jerusalem. Bei der Rückkehr nach Äthiopien ließen die Männer in seinem Gefolge, angeblich ohne Meneliks Wissen, die Bundeslade mitgehen. Damit hatte Axum Jerusalem als geistiges Zentrum abgelöst.

Ob die Königin von Saba wirklich gelebt hat, weiß bis heute niemand. Vor einigen Jahren haben Archäologen der Universität Hamburg in der Nähe von Axum unter neueren Palaststrukturen Überreste eines Palastes gefunden, der, davon ist man in Äthiopien fest überzeugt, der sagenumwobenen Königin gehört hat. Ob Legende oder Wahrheit: Die Salomonische Dynastie, die zuletzt von 1268 bis 1974 über Äthiopien herrschte, führte sich selbst jedenfalls auf die uneheliche Verbindung zwischen Makeda und Salomon zurück. Der letzte Kaiser Abessiniens, Haile Selassie, bezeichnete sich als 225. Nachfolger des Sohnes der Königin von Saba.

P1120038Keine Legende ist in jedem Fall das Reich von Axum, das im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erstmals in einem griechischen Handbuch für Seefahrer erwähnt wird. Axum spielte damals eine wichtige Rolle im Handel zwischen dem Römischen Reich und Indien. Sein Hafen Adulis am Roten Meer war Hauptumschlagplatz für Elfenbein und Sklaven. So bedeutsam war das Axumitische Reich, dass seine Herrscher ab etwa 270 n. Chr. begannen, eigene Münzen auszugeben. Äthiopien war damit neben Ägypten das einzige afrikanische Reich, das in der Antike Münzen prägte. An diesen Münzen lässt sich ablesen, dass das (orthodoxe) Christentum in Äthiopien im vierten Jahrhundert unter König Ezana Fuß zu fassen begann: Auf frühen Münzen aus seiner Regierungszeit sind noch Sonnenscheibe und Halbmond zu sehen, auf den späteren prangt ein Kreuz.

Aber zurück in die Gegenwart dieses biblischen Orts. Zwischen Geistlichen, Gläubigen, Bettlern und Touristen führt mich Tayé zu einem niedrigen Steinhäuschen. Tief muss ich mich bücken, damit ich durch die Tür passe, die zu dem fensterlosen Schlaf- und Wohnraum des Priesters führt, bei dem der 16-Jährige Quartier gefunden hat, während er das College in Axum besucht. Der väterliche Priester-Freund scheint nicht im mindestens gestört von dem Besuch. Arm in Arm posieren wir für ein paar Fotos auf seinem Bett.

P1110986Später im Park-Café samt weihrauchgeschwängerter Kaffee-Zeremonie wird deutlich, dass Tayé die „reiche“ ferenji gern als „Sponsorin“ gewinnen würde. Aber er ist klug und sagt das nicht so direkt. Dass er ein vernünftiges Bett bräuchte, zumindest eine ordentliche Decke, habe ich ja mit eigenen Augen gesehen. Ich fange an darüber nachzudenken, wie ich meinen Schlafsack im Anschluss an die Trekking-Tour im Simien-Gebirge zu ihm bekommen könnte.

In dem bereits erwähnten Buch von Philipp Hedemann lese ich später: „Bei fast jedem Menschen, der, wie ich, privilegiert in einem armen Land lebt, stellt sich irgendwann das schlechte Gewissen ein. … Das schlechte Gewissen stellt sich nicht ein, weil es einem selbst gut und den anderen schlecht geht, sondern weil man ständig das Gefühl hat: Eigentlich müsste ich viel mehr tun, damit es den anderen auch endlich besser geht. Allen kann man nicht helfen. Das begreift man in Äthiopien schnell. Doch soll man niemandem helfen, weil man nicht allen helfen kann?“

Am Ende ist es dann doch nicht der Schlafsack, sondern eine warme Decke geworden.

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Annäherung an ein Land

P1110545Was weiß ich eigentlich über Äthiopien? Vor meiner Reise ans Horn von Afrika war das nicht gerade viel: Das einzige afrikanische Land, das nie von Europäern kolonisiert wurde, sieht man einmal von ein paar Jahren Besatzung unter Mussolini ab. Dazu einer der ältesten christlich geprägten Staaten der Erde. Ein paar Namen hatte ich im Kopf: Haile Selassie, der letzte Kaiser, und Haile Gebrselassie, die Lauflegende. Bilder von Kindern mit großen Augen und aufgedunsenen Bäuchen, die während der Hungersnot Mitte der achtziger Jahre weltweit über die Fernsehbildschirme flimmerten. Bilder von Frauen mit riesigen Tontellern in den gedehnten Unterlippen. Aber die würden wir auf unserer Reise mit Sicherheit nicht zu Gesicht bekommen, denn der Volksstamm der Mursi, denen Tellerlippen als schön gelten, lebt im Süden Äthiopiens, während wir das Hochland im Norden bereisen wollen. Das „Dach Afrikas“ mit seinen über 4.500 Meter hohen Gipfeln, dessen schroffe Schönheit wohl keiner eindrucksvoller im Bild eingefangen hat als der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado, von dem ich hier schon geschwärmt habe.

P1120526Doch bevor wir dem Kontinent aufs Dach steigen, werfen wir noch einen Blick in die „Wiege der Menschheit“. Im Nationalmuseum von Addis Abeba liegt das erstaunlich umfangreich erhaltene Skelett von „Lucy“, einer bei Hadar in der Danakil-Ebene gefundenen gut einen Meter kleinen Dame aus der Gattung der Affenartigen oder Vormenschen. Das Gebiet des Afrikanischen Grabenbruchs ist einer der wichtigsten paläontologischen Fundplätze der Welt. Durch die bis heute andauernden seismischen Verwerfungen treten hier Erdschichten an die Oberfläche, die normalerweise viel tiefer liegen. Nicht nur Überreste menschlicher Vorfahren, auch Tiere und Pflanzen der Urzeit werden so entdeckt. Im Museum betrachtet ein Junge die Knochen eingehend von allen Seiten. Wenn er sich nicht gerade Notizen macht, lutscht er mit großen Augen am Kugelschreiber. Studierender und Studienobjekt – ungefähr gleich groß, voneinander getrennt nur durch ein wenig Glas und bummelig 3,2 Millionen Jahre.

P1110511Überall in der äthiopischen Hauptstadt (und nicht nur dort) wird gebaut wie verrückt. An jeder Ecke stehen halb fertige Gebäude. Filigrane Gerüste aus Eukalyptusholz lassen an den Turmbau zu Babel denken, sollen aber sehr stabil sein, wie uns Alex, unser Guide, versichert. Dünne Eukalyptusstämme stützen frisch gegossene Betondecken. Oft ist das Erdgeschoss schon bewohnt, während in den Stockwerken darüber noch (oder vielleicht irgendwann später wieder) gearbeitet wird.

P1110559Auch der Entoto-Berg, der Hausberg von Addis, ist komplett mit Eukalyptus bestanden. Ungezählte Frauen machen sich vor Sonnenaufgang auf den Weg nach oben, sammeln abgebrochene Zweige und schnüren sie zu teilweise über einen Zentner schweren ausladenden Bündeln, die sie anschließend in die Stadt hinunter wuchten, um sie für umgerechnet wenige Euro als Brennholz zu verkaufen. Wird die Last unterwegs zu schwer, stellen die Frauen sie auf einer Mauer am Straßenrand ab, vom Erdboden würden sie sie nicht wieder hoch bekommen. Für fast denselben Preis wie eines dieser riesigen Reisigbündel kaufen wir in der Münchner Bäckerei, in die uns Alex führt, um unsere Mägen am Anfang der Reise zu schonen, Sandwiches.

P1110526Allein streife ich an diesem ersten Tag in Äthiopien schließlich über den Markt, suche, unsicher und tastend noch, zwischen Verkäufern, Käufern und Bettlern meinen eigenen Rhythmus aus Gehen und Schauen, aus Kontakt und Distanz. Ich denke an all die Menschen, die gerade unter anderem aus dem benachbarten Eritrea, aber auch aus Äthiopien, das zwar baut wie verrückt, aber immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, in meine Heimatstadt kommen, wo sie zum Teil in Zelten untergebracht werden, während wir umgekehrt im äthiopischen Hochland campieren wollen. Das kommt mir plötzlich ziemlich bizarr vor. Hätte ich nicht lieber ein paar gute Schlafsäcke kaufen und zu einer der Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg bringen sollen?

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Dahinter wird Stille

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Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke: Zum Einschlafen zu sagen

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Gedankenflüge

P1110462 (2)Das eigentliche Geheimnis des Vogelflugs
ist in der Wölbung des Vogelflügels zu erblicken.

Otto Lilienthal

„Sie haben noch ein bisschen was vor sich, oder?“ Mit einem Blick auf ihren prall gefüllten Rucksack nahm der ältere Herr neben ihr auf der Bank Platz. Sie lächelte vage und murmelte etwas von Training. Ohne zumindest das kleine Set zum Auswandern ging sie nicht einmal spazieren. Menschen, für die Freiheit ein hohes Gut ist, neigten dazu, hatte sie einmal in einem Seminar über Werte gehört.

„Ich habe immer ein Stück Papier dabei“, sagte der Mann, „zweimal gefaltet, so passt es in die Jackentasche. Darauf schreibe ich die Gedanken, die mir unterwegs kommen. Dann kann ich sie vergessen. Es sind ja nicht nur angenehme Gedanken.“ Sie konnte sich keinen besseren Ort vorstellen, um Gedanken freizulassen, als diese Bank hoch über dem Meer. Besonders jetzt im Herbst.

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Old girls‘ talk

P1100964Man kommt kaum dazwischen mit dem Fotoapparat, so dicht stecken die drei Grazien des Bildhauers Werner-Joachim Schatz auf dem Kornmarkt des Harz-Städtchens Osterode ihre Nasen zusammen. Mund an Ohr an Mund, die Röcke wie ein schützendes Zelt gerafft, tuscheln sie, was das Zeug hält. Nur ein Satz noch, mein Schatz…

P1100966Wie beinahe schon distanziert nehmen sich dagegen die „Drei Frauen im Gespräch“ des Bildhauers und Zeichners Ernst Barlach aus.

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Jagdgötter unter sich

P1100866Neulich wieder einmal auf dem Weg zur Trinkhalle im Hamburger Stadtpark. Es gibt dort den womöglich besten Kaffee der Stadt. Allerdings ginge ich wohl auch, wenn es nur der zweitbeste wäre. Das liegt auch am Namen: Trinkhalle. Das Wort gefällt mir seit der ersten Fühlungnahme. Schnörkellos und direkt und ein klein wenig verrucht. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, entstanden vor meinen norddeutsch-ländlich geprägten geistigen Augen die tollsten Bilder. Zu dem, was ich realiter erblickte, wollten sie nur begrenzt passen. T-R-I-N-K-H-A-L-L-E: Die riesigen Leuchtbuchstaben an dem Eckgebäude gegenüber von meiner ersten Hamburger Wohnung füllten die komplette Breite der „Halle“ aus, die auch nur unwesentlich tiefer war.

Bis dahin waren diese Miniatur-Verkaufsstellen für Zeitungen, Tabak, allerlei alkoholische und nichtalkoholische Getränke, belegte Brötchen, Süßigkeiten und Schreibwaren für mich Kioske gewesen. Ich lernte, dass es außerdem Buden, Büdchen und Wasserhäuschen gibt, vor denen sich die Stammkunden gern auf das ein oder andere Feierabendbier einfinden. Schon lustig, denn ursprünglich waren all diese Trinkhallen (und auch die Kaffeeklappen, von denen ich hier schon erzählt habe) ja gerade erfunden worden, damit Bergleute, Industrie- und Hafenarbeiter Mineralwasser (und Kaffee) statt Bier und Schnaps tranken.

Bis ich das erste Mal so eine Trinkhalle wie die im Stadtpark kennenlernte, sollten weitere Jahre ins Land gehen. Sie ist nämlich weder Kiosk noch Büdchen sondern ein ehemaliger Gesundbrunnen, wie man sie in Heilbädern findet. Denen galt, ich gebe es unumwunden zu, in jüngeren Jahren nicht gerade mein Hauptaugenmerk. Im Grunde kann ich immer noch nicht viel Erhellendes zum Thema beisteuern. Außer ein bisschen von der backsteinernen Trinkhalle im Stadtpark schwärmen. Die ist nämlich richtig schön.

P1100863Errichtet wurde die Halle mit ihrem kreisrunden Mittelbau und den zwei kurzen Flügeln 1915/16 nach Plänen von Oberbaudirektor Fritz Schumacher, dessen Backsteinarchitektur das Stadtbild bis heute prägt. Als Ausschankhalle für Heilwasser sollte sie der Gesundheit der Arbeiterfamilien in den nahe gelegenen Stadtteilen Barmbek und Winterhude dienen, die sich den Besuch eines Kurbads nicht leisten konnten. Besucher der Trinkhalle hatten die Auswahl aus 50 Heilwässern und dazu ausgewiesenen Spazierwegen im Stadtpark.

P1070506Heute kann man in dem originalgetreu restaurierten Bau unter anderem Hamburgs ziemlich besten Kaffee genießen, während der Blick weit über eine langgestreckte Rasenfläche schweift, bis er ganz am Ende auf die Skulptur „Diana mit Hunden“ trifft …

P1100803 … oder vielleicht auch schon vorher auf irgendeinen anderen Jagdgott.

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