Ist das Kunst oder kann das weg? Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es. Die feine farbliche Abstimmung des Laden-Hüters auf die Nachbarschaft immerhin verrät Stil, finde ich.
Noch mehr Winterland
Ich gehe da oben her und hin
und sehe über die Berge hin.
Es ist so still, so friedenstill
ich und die Luft und die Erde sind still.
Es liegt vor mir ein schöner Wald
wie gut und wie lange kenn’ ich den Wald.
Auch ist vor mir ein kleines Haus
ein Wirtshaus, oder ein Bauernhaus;
es liegt so still wie die ganze Welt
und die Bäume stehen so still in der Welt.
Ich will wohl lieber weiters gehen
ich muss aus Frieden und Stille gehn.
Robert Walser: Frieden?
Mit einem herzlichen Gruß an Ulli vom Café Weltenall, die gerade ins Winterland einlud und ihren BesucherInnen einen Moment der Reduktion und Wesentlichkeit schenkte.
Ich fürchte mich so
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Aus: „Frühe Gedichte“ von Rainer Maria Rilke
Burning like Ice
Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.
Robert Frost: Fire and Ice
Inzwischen ist der Himmel über Hamburg wieder bleigrau, aber gestern schienen sogar die Eisschollen auf dem Stadtparksee zu brennen. Mein Unterbewusstes spülte, warum auch immer, das Gedicht Fire and Ice von Robert Frost nach oben.
Berge, Affen und eine Lok
Teil zwei des Trekkings im nordäthiopischen Simien-Gebirge,
in dem wir den Wolken mit jedem Schritt näher kommen
Wer früh schlafen geht, wird zeitig wach. Als ich das erste Mal die Nase aus dem Zelt stecke, ruht die Sonne noch hinter den Bergen. Die Bodentemperaturen dürften nicht wesentlich über dem Gefrierpunkt liegen. Raureif bedeckt das Gras auf der Hochebene, und der Schlafsack ist feucht, zum Glück nur von außen. Ein dienstbarer Geist hat eine kleine Schüssel warmen Wassers vor den Eingang gestellt. Ich kann mir nichts Schöneres denken – abgesehen von den leckeren Eierspeisen vielleicht, die der Koch gerade für uns brutzelt. Boiled, scrambled, fried, one side oder auch both, ganz wie es beliebt.
Bald schon machen wir uns auf den Weg zu den Klippen von Imet Gogo. Zum ersten Mal kratzen wir an der 4000-Meter-Grenze. Die Luft wird spürbar dünn, der Atem und die Beine schwer. Noch immer hängen Wolken und Nebel in den Schluchten. Aber wer wollte bestreiten, dass der Landschaft auch das geheimnisvoll Vage, leicht Melancholische gut zu Gesicht steht?
Kaum zurück im Camp, reicht die Zeit gerade noch für eine Katzenwäsche im eiskalten Jinbar River. Dann bricht auch schon heftiger Regen über uns herein. Ich verbringe Stunden lesend im Zelt. Draußen ist es so nass, dass man keinen Hund vor die Wellblechhütte jagen würde, in der der Koch wieder einmal Wunder vollbringt. Die Laune einiger meiner Reisegefährten befindet sich im freien Fall, die Guides inspizieren mit sorgenvoller Miene die Zelte.
Bevor die Bodenplanen ganz durchweicht sind, hat der äthiopische Regengott glücklicherweise ein Einsehen. Und so stimmungsvoll das leicht Dräuende ist: Klare oder doch beinahe klare Sicht mindert die Schönheit der Simien Mountains gewiss nicht, wie wir am nächsten Tag auf der Wanderung zum Chennek Camp feststellen, wo wir die beiden folgenden Nächte verbringen wollen.
Über endlose Grasebenen mit Riesenlobelien führt der Weg. Dazwischen Abschnitte mit Busch. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Erika, die an Bäumen wächst. Lange Bartflechten zwischen den Zweigen künden von der Reinheit der Luft.
Vom Inatye mit seinen gut 4000 Metern öffnet sich der Blick über Anhöhen und Schluchten, die sich am Vortag noch ziemlich bedeckt hielten. Von einem vorgelagerten Hügel dringt leise Flötenmusik zu uns herauf. Spielen die Hirten für sich oder bringen sie uns Touristen ein Ständchen? Einen Teil meines Käsesandwichs verfüttere ich an die schwarzen Krähenvögel mit den imposanten Krummschnäbeln, die ähnlich zutraulich sind wie die Bergpapageien, die in den neuseeländischen Alpen jeden Gipfelstürmer persönlich begrüßen.
Aber nicht nur schwarze Vögel kreuzen unseren Weg, sondern auch Horden sandfarbener Affen. Von weitem wirken sie wie Steine auf einer Wiese: Dutzende, manchmal Hunderte von Dscheladas, die es nur im äthiopischen Hochland gibt, hocken im gelblichen Grün und stopfen inbrünstig ein Grasbüschel nach dem anderen in die nimmersatten Mäuler.
Die größeren Männchen tragen eine Löwenmähne, die kahle Brust ist leuchtend rot. Das soll den Weibchen Potenz signalisieren – zugegeben: rote Hinterteile wären bei dieser ausdauernd sitzenden Spezies wenig praktisch – und trug den Tieren auch den Namen „Blutbrustpaviane“ ein.
Nach mehreren hundert Metern Steilabstieg erreichen wir schließlich das Camp am Rande einer gewaltigen Schlucht. Gleich nach der Verteilung der Zelte suche ich mir einen Platz am Abgrund und schaue zu, wie sich die Wolken in immer neuen Formationen vor die Hänge schieben, wie Felsen und Klippen im weicher werdenden Licht des Spätnachmittags allmählich zu einer Mondlandschaft werden.
Die größte Herausforderung der Tour wartet am nächsten Tag auf uns: der Aufstieg auf den Bwahit. Mehr als 800 Höhenmeter sind bis zu seinem 4430 Meter hohen Gipfel zu bewältigen, und das nach einer wenig schlafintensiven Nacht. Meine Beine sind schwer wie Blei. Schon bald keuche ich wie eine alte Dampflokomotive, falle nach und nach ein ordentliches Stück hinter die Gruppe zurück. Den Fotoapparat zücke ich vor allem, weil das Bildermachen mir erlaubt, für einen Moment innezuhalten und nach Luft zu schnappen.
Irgendwann verzichte ich auch auf diese Rechtfertigung, bleibe einfach alle 20 bis 30 Schritte stehen, schaue unbestimmt in die Ferne und hechle, bis sich genügend Luft für die nächsten Schritte in den Lungenfügeln gesammelt hat. Der Scout, der den „Lumpensammler“ macht, wird zu meinem Personal Guide. Geduldig wartet er und lächelt mir aufmunternd zu, wenn die Kräfte wieder einmal zu erlahmen drohen.
Schließlich erreiche auch ich den Gipfel, kaum 15 Minuten später als die anderen und stolz wie Bolle. Ein Siegerfoto mit Guide und Scout darf da natürlich nicht fehlen.
Das Gefühl, es geschafft zu haben, ist großartig. Ebenso wie der 360-Grad-Blick über das „Dach Afrikas“, auch wenn es von da oben gar nicht so hoch aussieht – die umliegenden Gipfel sind ja ebenfalls Viertausender. Aber mein allerliebster Ort in den Simien Mountains liegt wohl doch irgendwo in den Hängen und Klippen um Chennek Camp. Da ließe ich mich gern noch einmal nieder, um eine lange Weile auf das steinerne Meer aus Blaugrüngelbgrau zu blicken, während hoch oben, vollkommen schwerelos, eine Gruppe Lämmergeier segelt. So majestätisch, so überirdisch schön, dass es beinahe schon weh tut.
Und im letzten Licht des Tages würde mir bestimmt wieder einer der seltenen abessinischen Steinböcke über den Weg laufen…
Mit diesen Aussichten beende ich meine virtuelle Reise durch das äthiopische Hochland. Danke für Ihr und euer Interesse.
Von Dächern und Menschen
Aus unserem Hotel fällt der Blick auf graue Wellblechdächer und ebenso graue Betondecken im Rohbau, auf denen noch die Lachen von den Wolkenbrüchen der vergangenen Nacht stehen. Wasserdampf und der Rauch der morgendlichen Holzfeuer vermengen sich zu einer bläulichen Dunstglocke, die tief über dem Städtchen hängt, das wohl kaum ein Äthiopien-Reisender um seiner selbst willen besucht. Debark knappe hundert Kilometer nördlich der alten Kaiserstadt Gondar ist kein Ort zum Verweilen. Jedenfalls nicht im Regen. Aber es gibt dort alles, was man für den Simien Mountains Nationalpark braucht, der wiederum jeden Besuch lohnt.
Die letzte heiße Dusche für mehrere Tage zum Beispiel. Dann heißt es Gepäck trennen in Mitzunehmendes und Einzulagerndes, während sich Reiseleiter und Koch um die Zelte und den Proviant kümmern. Eintrittskarten erhalten wir im Parkhauptquartier. Den ortskundigen Führer und zwei Scouts mit Maschinenpistolen, die uns auf unserer Trekkingtour durch die Berge begleiten werden, lesen wir unterwegs auf. Und mit ihnen den würzigen Geruch von verbranntem Holz, den auch wir mit jedem Tag mehr am offenen Feuer immer stärker annehmen werden. Der bewaffnete Begleitschutz ist vorgeschrieben, obwohl es im Simien-Gebirge bisher noch keine Überfälle auf ferenji, wie wir Ausländer genannt werden, gab.
Im Sankaber Camp lädt unser Begleitteam Zelte, Schlafsäcke, Kochutensilien und andere Ausrüstungsgegenstände auf Maultiere, während wir nur mit Tagesrucksäcken auf dem Rücken zum Gich Camp, unserem ersten Etappenziel, aufbrechen. Nicht lange, und wir stehen das erste Mal am Abgrund. Wie ein Warnsignal markieren einzelne gelb-orange Aloe-Vera-Blüten die Abbruchkante, von der es sicher ein paar hundert Meter senkrecht nach unten geht. Hu, nur nicht zu nah herantreten!
Vulkanausbrüche, Wind und Wasser haben in Millionen von Jahren diese einzigartige Hochgebirgslandschaft aus schroffen Felsen, steilen Klippen und tiefen Schluchten geformt, von der ich träumte, seit ich sie das erste Mal auf den atemberaubenden Schwarzweiß-Fotografien des Brasilianers Sebastião Salgado sah. Nirgendwo sonst in Afrika gibt es ein zusammenhängendes Bergmassiv mit so vielen hohen Gipfeln wie die Simien Mountains, die deshalb auch das „Dach Afrikas“ genannt werden. Mehr als zwanzig ihrer Gipfel überschreiten die 4000er-Marke, der höchste ist der Ras Dashen mit 4533 Metern. Wenn alles gut geht, wollen wir in ein paar Tagen den 4430 Meter hohen Bwahit bezwingen.
Einen der höchsten Wasserfälle des Nationalparks müssen wir uns an diesem Tag denken. Er ist in den Nebelschwaden, die die Schlucht vor uns komplett verschluckt haben, zwar deutlich zu hören, aber leider nicht zu sehen.
Auf dem Weg hinauf zum Camp und dem Dorf etwas unterhalb kommen uns immer wieder kleinere Gruppen Einheimischer mit und ohne Maultiere, mit und ohne Schafe, aber immer mit einem freundlichen salam! („Frieden“) entgegen. Wie das Wasser, das sich von überallher seinen Weg hinab zum Tana-See bahnt, scheinen auch die Menschen von den hoch gelegenen Siedlungen hinunter zu den Straßen und Feldern zu strömen, die die Berghänge wie Flickenteppiche bedecken.
Die Leichtigkeit, mit der sie über die weit auseinander liegenden glitschigen Steine im Jinbar River hüpfen, verrät einige Übung. Etwas weniger anmutig, aber weitgehend trockenes Fußes gelingt es auch uns, den Fluß zu queren.
Vor uns erhebt sich Gich Village. Das Dorf, das mit seinen traditionellen strohgedeckten Rundhütten wie eine afrikanische Bilderbuch-Siedlung aussieht und irgendwie auch so, als sei es immer schon da gewesen, wird es wohl nicht mehr lange geben. Im kommenden Jahr sollen seine Bewohner in die Nähe von Debark umgesiedelt werden, um dem ausschließlich in den Simien Mountains beheimateten abessinischen Steinbock mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Nur etwa 500 Exemplare dieser vom Aussterben bedrohten Art soll es noch geben. Ob es den Menschen gelingen wird, am neuen Ort Fuß zu fassen?
In einer Hütte oberhalb des Dorfs suchen wir für einen Augenblick Schutz vor dem Regen, der uns seit der Flussquerung begleitet. Beinahe gleichzeitig bricht schon wieder die Sonne durch und pinselt einen phantastischen Regenbogen an den Rundhorizont.
Dann ist das Camp erreicht, 3600 Meter über dem Meeresspiegel. Die Zelte sind bereits aufgebaut, wir müssen nur noch einziehen. Mit einem Becher heißen Tee in der Hand schaue ich zu, wie die Sonne die Hochebene in ein fast unwirklich goldenes Licht taucht. Ein wenig abseits der Gruppe ist es ganz still, nur die Schönheit der Landschaft spricht.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, schweigt auch sie. Mit der Dunkelheit bricht schlagartig eisige Kälte herein. Nach einem frühen Abendessen kriechen wir rasch in unsere warmen Schlafsäcke. Die Scouts, die Waffe immer in der Hand, kauern in Decken am Rand der Kochhütte, wenn sie nicht gerade zwischen den Zelten nach dem Rechten sehen.
… und uns anlehnen
Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir stünden fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau
die alten Muster zeigt
und wir zu Hause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen
als sei es das Grab
unserer Mutter.
Hilde Domin: Ziehende Landschaft
Die Bäume, deren Wurzeln ich auslieh, um Hilde Domins Betrachtungen über Heimat und Fremde ein Gesicht zu geben, stehen etwas außerhalb der äthiopischen Kaiserstadt Gondar in einem Garten, der von einer starken Mauer umgeben ist. Mitten darin befindet sich ein Bassin und in dem Bassin ein Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert: das Bad von Kaiser Fasilidas. Das Bassin ist das ganze Jahr über leer. Nur zum Timkat-Fest, dem äthiopisch-orthodoxen Fest der Taufe Jesu im Januar, wird es gefüllt. Sobald der Bischof das Wasser geweiht hat, stürzen sich Kinder von den Bäumen am Rand hinein. Manchmal, so hörte ich, würde dabei auch ein neugieriger Japaner samt Kamera mitgerissen. Und dann ist wieder Ruhe.
Momente der Einkehr
Suche die Stille – in der Natur, in einer Bibliothek oder einer Kirche.
(unbekannter Verfasser)
Horche auf das, was man hört,
wenn man nichts mehr vernimmt.
(Paul Valéry)
Es gibt eine Stille, in der man meint, man müsse die einzelnen Minuten hören, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen.
(Adalbert Stifter)
Wer die Stille ertragen kann, ist niemals allein.
(unbekannter Verfasser)
Die Fotos, mit Ausnahme des letzten, sind in den Felsenkirchen im äthiopischen Lalibela entstanden, von denen ich hier schon erzählt habe.
Allen, die hier vorbeischauen, lesen, Bilder betrachten und ihre Gedanken dalassen, ein herzliches Dankeschön für euer und Ihr Interesse, schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr – möge es uns immer wieder Momente der Stille und inneren Einkehr schenken!
Der Tanz der Priester
Von unserem Platz an der Felskante aus sehen wir zu, wie sich der Hof von Bete Maryam, dem „Haus Marias“, ein paar Meter unter unseren Füßen langsam mit Gläubigen füllt. Etliche der in weiße Tücher gehüllten Gestalten strecken sich sogleich auf dem Boden aus. Die Feier zum Abschluss der Fastenzeit wird bis zum Morgengrauen dauern. Zwischen den Pilgern Priester in schwarzen Umhängen und weißem Turban auf dem Kopf und Männer in weißen Mänteln mit einem dicken roten Balken im unteren Teil. Das sind die Debteras, die in der äthiopischen Kirche für die Musik und den rituellen Ablauf des Gottesdienstes zuständig sind. Später werden auch noch gelbgewandete Herren dazustoßen: die Weihrauch- und Schirmträger, die die Bundeslade in einer Prozession um die Kirche herumtragen.
Ungezählte Küsse treffen das Handkreuz des obersten Priesters direkt unter meinem Logenplatz. Der hält aber nicht nur Audienz, sondern leitet auch einen Teil der Wechselgesänge an, in denen es vor allem um das Leben der Jungfrau Maria zu gehen scheint. Immer wieder fällt ihr Name: Maryam – traurig und getragen zunächst, dann schneller im Rhythmus, gelegentlich unterbrochen von Jubelschreien. Die Priester beginnen zu tanzen. Begleitet vom Trommeln der Debteras bewegen sie in zwei einander gegenüberstehenden Gruppen mal nur den Rumpf, während ihre Füße fest auf dem Boden stehen, dann wieder fließen die beiden Reihen, Wellen gleich, als ganze vor und zurück. In der linken Hand halten die Priester den langen Gebetsstab, mit dem sie während der Wechselgesänge auf den Boden stampfen, die rechte bewegt sich langsam mit dem Sistrum, einer Art Rassel, zur Musik. Magische Momente am Ende eines langen Tages zwischen den Monolithkirchen von Lalibela, die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco stehen.
Alles an diesen Kirchen ist einfach phantastisch. Das fängt schon mit ihrer Entstehung an, die sich der Legende nach einem Traum verdankt – und der tätigen Mitwirkung von Engeln: Im 12. Jahrhundert versuchte König Harbay, seinen jüngeren Bruder Lalibela zu vergiften. Doch der fiel nur in einen dreitägigen Schlaf. Im Traum erschien ihm Gott und wies ihn an, in Äthiopien ein zweites Jerusalem zu errichten. Als Lalibela wieder erwachte, dankte Harbey ab und überließ seinem Bruder den Thron. Der tat, wie ihm geheißen, und begann, Kirchen in den roten Tuffstein der Stadt zu schlagen, die damals noch Roha hieß. Und weil die Arbeit tagsüber nur schlecht vorankam, schickte Gott Nacht für Nacht einen Trupp Arbeitsengel zur Unterstützung. So entstanden im Laufe der vierzigjährigen Herrschaft von König Lalibela (ca. 1167 bis 1207) in den Bergen von Lasta insgesamt elf Kirchen, wie es sie an keinem anderen Ort der Welt gibt. Vielleicht steht ihre Errichtung auch im Zusammenhang mit dem Ende der Kreuzzüge. Nachdem der ägyptische Sultan Saladin 1187 das Kreuzfahrerheer des Königreichs Jerusalem besiegt und die Stadt Jerusalem erobert hatte, verschlechterten sich die Möglichkeiten für Christen, dorthin zu pilgern. Das könnte den äthiopischen Herrscher veranlasst haben, einen schon begonnenen Komplex von Felsenkirchen zu einem neuen Jerusalem umzugestalten.
Ich bin sehr geneigt, der Geschichte mit den Engeln Glauben zu schenken. Und das keineswegs nur, weil man in Äthiopien, wo sich Geschichts- und Geschichtenschreibung oft auf das Schönste miteinander verbinden, irgendwann selbst aufhört, scharf zwischen beidem zu trennen, sondern vor allem, weil dieses Meisterwerk ohne übermenschliche Hilfe eigentlich gar nicht vorstellbar ist. Schließlich standen den Arbeitern vor mehr als 800 Jahren weder Steinbohrer noch Sprengstoff zur Verfügung. Nur mit Hammer und Meißel schlugen sie gewaltige Basiliken, Kirchen und Kapellen aus dem Fels. Bete Medhane Alem zum Beispiel, das „Haus des Weltenerlösers“. Die schiere Wucht dieser größten Felsenkirche von Lalibela kann einen umhauen: 33,50 Meter lang, 23,50 Meter breit und bis zu 11,50 Meter hoch, die Mauern im Schnitt zwei Meter dick. Nur die alte Kathedrale von Axum, die wichtigste Kirche des äthiopischen Christentums, war größer. Entstanden ist Bete Medhane Alem wie die anderen zehn Felsenkirchen von oben nach unten und von außen nach innen:
Zuerst legten des Königs Steinmetze riesige monolithische Blöcke frei, meißelten Säulen und Kapitelle, Fassaden und Ornamente aus dem harten Stein heraus. Anschließend wurden die Quader ausgehöhlt, Gewölbe und Hallen entstanden, Altäre, Bögen und allerlei Kreuze und dazu ein System aus Tunneln und Gängen, in dem man leicht die Orientierung verlieren kann. Was aber im Grunde nicht viel ausmacht, solange man sich zumindest merkt, vor welchem der Heiligtümer man zuletzt seine Schuhe ausgezogen hat, die ein Schuhaufpasser gegen einen kleinen Obolus gern bewacht, während man selbst barfuß oder auf Strumpfsocken in das nächste Halbdunkel eintaucht.
Die Magie der Felsenkirchen von Lalibela lässt sich mit Worten nur schwer beschreiben. Besser, man erlebt sie mit eigenen Sinnen. Als wir unseren Rundgang beginnen, geht im „Haus des Weltenerlösers“ gerade der Gottesdienst zu Ende. Gläubige, in ein stilles Gebet vertieft, berühren ehrfürchtig die Wände der gewaltigen Basilika. Durch die kreuz- und schlüssellochförmigen Fenster fällt ein wenig Tageslicht.
Priester studieren uralte Schriften, auch ihre Gesichter unter dem weißen Turban wirken wie aus Stein gemeißelt. Pilger in weißen Gewändern wandeln durch die Gänge, allein, zu zweit, in Gruppen. Durch den Tunnel zu Bete Maryam vielleicht, der von außen eher schlichten, dafür von innen umso reicher geschmückten Marienkirche, zu der wir in der Nacht noch einmal zurückkehren werden, um die Priester tanzen zu sehen. Aber zuvor streifen wir weiter durch das Felslabyrinth dieses zweiten Jerusalem, queren das Bett des Jordan, der nur in der Regenzeit Wasser führt, bis wir auf einem kargen Felsplateau etwas abseits von den anderen Kirchen unvermittelt vor einem riesigen Loch stehen, mitten darin ein Klotz in der Form eines griechischen Kreuzes. Bete Gyorgis, die Kirche des Heiligen Georg. Genauer: die kreuzförmige steinerne Oberseite von Bete Gyorgis, höhengleich mit dem roten Fels, aus dem die Kirche einst herausgemeißelt wurde. Der Rest liegt von unserem Standort aus im Schatten. Erst von der gegenüberliegenden Seite zeigt sich die wunderbar harmonische Struktur dieser letzten und vielleicht perfektesten Felsenkirche Lalibelas in ganzer Pracht.
Faces of Tigray
Über die nördlichste Provinz Äthiopiens habe ich hier und hier schon geschrieben. In Tigray wird nicht nur eine eigene Sprache gesprochen, auch äußerlich unterscheiden sich die Menschen von den Amharen weiter südlich. Frauen und Mädchen tragen fein geflochtene, eng am Kopf anliegende Zöpfe, die zu einem buschigen Pferdeschwanz gebunden werden und oft herrlich glänzen. In meinem Reiseführer las ich, dass unverheiratete Frauen die Haare von einem Mittelscheitel aus in mehreren Reihen seitwärts und die Haare vom Oberkopf nach hinten geflochten trügen, während verheiratete Frauen alle Haare von der Stirn aus in Dutzenden von Zöpfen streng nach hinten flechten würden. Alex, unser Guide, mochte das auf Nachfrage nicht bestätigen. Auch mir selbst schienen aus der Haartracht abzuleitende Informationen zum Familienstand nicht über jeden Zweifel erhaben zu sein.
Dem Mädchen auf dem Foto ganz oben wird gerade ein Baby auf den Rücken gebunden, die Kleine auf dem zweiten Bild trägt die Verantwortung für gleich zwei jüngere Geschwister. Das sieht man viel, nicht nur in Tigray. Auch Sachen schleppen ist in Äthiopien weitgehend Aufgabe von Frauen und Mädchen: Lebensmittel und Brennholz, Baumaterialien und – most important of all – Wasser, das in gelben Plastikkanistern vom oft weit entfernten Brunnen geholt wird. In vielen Haushalten fehlt es an fließendem Wasser, längst nicht alle Hütten und Häuser sind an die Kanalisation angeschlossen. Ich staunte immer wieder, wie frisch die aus weißem Baumwollstoff gefertigte traditionelle Kleidung der Hochlandäthiopier trotzdem aussah.



