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Hamburg bekennt Farbe

P1100888Gerade erst zur attraktivsten Stadt Deutschlands erklärt, setzte Hamburg heute Vormittag ein ebenso kraftvolles wie farbenfrohes Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt. Aus Protest gegen einen ursprünglich geplanten Aufmarsch von Neonazis hatte das Bündnis „Hamburg bekennt Farbe“, dem Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Sport, Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften und Migrantenorganisationen angehören, zu einer Kundgebung auf dem Ratshausmarkt aufgerufen. Wie schon 2012 folgten Tausende Menschen.

P1100914Die Hamburger Polizei hatte den Aufmarsch der Rechtsextremen vor einigen Tagen verboten, weil sie schwere Ausschreitungen befürchtete. Das Verbot war von Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht sowie dem Bundesverfassungsgericht bestätigt worden.

P1100902Das in meinen Augen schönste Plakat hielt ein zünftiger Handwerksbursche vor dem Rathaus in die Höhe: „Wahre Patrioten geben Deutschkurse“. Feinsinniger kann man den Rechten,  die  in Hamburg unter dem Motto „Tag der Patrioten“ auf die Straße gehen wollten, kaum begegnen.

P1100895Und wo Platz für den liebsten Fußballclub ist, reicht es sicher auch für ein herzliches „Moin, moin“ für Flüchtlinge.

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Hanseatin, hingegeben

P1100831Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.

Und ich werde heimwärts
Von Deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit Deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide –
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.

Else Lasker-Schüler: Die Liebe

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Schwarz, Weiß, wenig Rot

P1060161Manche Ausstellungsbesucher sollte man dafür bezahlen, dass sie sich tagelang vor ein bestimmtes Bild setzen, lässig an einer Wand lehnen, immer wieder dieselben Gänge entlang laufen, so sehr scheinen sie Teil des Präsentierten zu sein oder diesem doch eine besondere Note zu verleihen.

P1060170Das muss nicht unbedingt ein durchgestylter Künstlertyp in Dunkelanthrazit sein, ein älterer Herr in Wetterjacke, der wie hypnotisiert ins Auge der Monsterwelle blickt, ist nicht minder wirkungsvoll.P1100817

Die sehr empfehlenswerte Foto- und Gemälde-Ausstellung „Über Wasser“, auf der das letzte Bild entstanden ist, ist noch bis zum 20. September im Bucerius Kunst Forum gleich neben dem Hamburger Rathaus zu sehen. Mit oder ohne „Models“ und am besten mit Audio Guide.

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Bodenbewegungen

P1050458 (2)Ich zitiere aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia:

„Der Ausdruck Gleichschritt bezeichnet die synchrone Beinbewegung von zwei oder mehr Personen. Die Aufstellung kann in Reihe oder in Linie erfolgen. Das Marschtempo wird in Bodenbewegungen des linken Beines pro Minute gemessen.“

Vorausgesetzt, die beiden Hamburger Passanten gehen als Reihe oder Linie durch, steht die nächste relevante Bodenbewegung unmittelbar bevor. Den jungen Mann im Café scheint das nicht die (Kaffee-)Bohne zu interessieren.

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Just a man

P1010820What is he?
– A man, of course.
Yes, but what does he do?
– He lives and is a man.
Oh quite! But he must work. He must have a job of some sort.
– Why?
Because obviously he’s not one of the leisured classes.
– I don’t know. He has lots of leisure. And he makes quite beautiful chairs.
There you are then! He’s a cabinet maker.
– No, no.
Anyhow a carpenter and a joiner.
– Not at all.
But you said so.
– What did I say?
That he made chairs and was a joiner and carpenter.
– I said he made chairs, but I did not say he was a carpenter.
All right then, he is just an amateur?
– Perhaps! Would you say a thrush was a professional flautist, or just an amateur?
I’d say it was just a bird.
– And I say he is just a man.
All right! You always did quibble?

D.H. Lawrence: What is he?

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Wasser-Wege

P1100624Manchmal steht so wenig Wasser in der Elbe, dass die Bahnbrücken über den Oberhafenkanal sich im Schlick spiegeln.

P1100623Alle Naselang brausen Züge hinüber und herüber. An meinem Fahrrad saust ein Präriehund vorbei. Kein Zweifel: Ich bin auf dem Weg in Hamburgs wilden Osten…

P1100637Auf Entenwerder, wo Norderelbe sich und Bille treffen, schweift weit der Blick vom Ponton-Café über den Strom. Und von dort in die mitgeführte Lektüre.

P1100653Eine lange Weile später, ein kleines Stück weiter nördlich, eigentlich schon auf dem Heimweg, lasse ich mich von einer freundlichen Schwalbe (die heißen wirklich so, und das organisiert schon seit 1928) zu einer Paddeltour um das Kleingartenparadies Billerhuder Insel mitschnacken. Herrlich!

P1100669Was es auf diesem ziemlich unterschätzten Fleckchen Hamburg nur wenige Kilometer (süd-)östlich des Hauptbahnhofs noch so alles zu entdecken gibt, kannst du/können Sie hier nachlesen.

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In the light of recent events

IMG_5872aWeltanschauung ist nicht selten Mangel an Anschauung.

Ludwig Marcuse

oder – fast noch pointierter:

Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.

Alexander von Humboldt

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wünschte ich mir, dass die Neugier der Menschen auf die „Welt“ außerhalb und innerhalb der eigenen (Landes-)Grenzen blüht und gedeiht wie ein trockener Acker nach dem Regen. Es gibt so viel anzuschauen!

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Das 18. Kamel

P1080864Ein Scheich hatte drei Söhne und 17 Kamele. Er verfügte, dass nach seinem Tod der älteste Sohn die Hälfte, der mittlere Sohn ein Drittel und der jüngste Sohn ein Neuntel seines Besitzes, also der Kamele, erhalten sollte. Nach dem Tod des Scheichs begannen die Söhne, um die Kamele zu streiten, ohne jedoch eine Lösung zu finden. Ein zweiter Scheich ritt auf seinem Kamel vorbei und bot seine Hilfe an, die die drei Brüder gerne annahmen. Der Scheich fügte sein eigenes Kamel zu den 17 Kamelen des Verstorbenen hinzu. Anschließend übergab er dem ältesten Bruder neun Kamele, dem mittleren sechs und dem jüngsten zwei und ritt sodann auf seinem Kamel davon.

Es kann hilfreich sein, ein System für Impulse von außen zu öffnen. Plötzlich entsteht Bewegung. Neue Lösungen scheinen möglich. Ich weiß nicht, von wem die Geschichte mit den Kamelen ursprünglich stammt. Der österreichische Psychotherapeut Paul Watzlawick („Anleitung zum Unglücklichsein“) soll sie gern erzählt haben um zu verdeutlichen, was in einer Therapie passiert. Mir ist das Gleichnis vor Jahren im Rahmen meiner Ausbildung zur Mediatorin zum ersten Mal begegnet und jetzt wieder beim Aufräumen. Ein Königreich für ein Kamel!

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Dithmarscher Bauern

P1100501Vielleicht hat es damit zu tun, dass mein Leben zurzeit fremdbestimmter ist, als mir lieb ist. Vielleicht bin ich im Grunde meines Herzens ein schrecklich bodenständiger Typ. Jedenfalls zog es mich neulich mit Macht in die „freie Bauernrepublik Dithmarschen“ an der Schleswig-Holsteinischen Westküste. Nach Hemmingstedt, wo die Dithmarscher Bauern vor gut 500 Jahren die zahlenmäßig weit überlegenen Truppen des dänischen Königs Johann I. und seines Bruders Friedrich von Holstein mit einer List schlugen. Und auf den Geschlechterfriedhof von Lunden, der auch nur mit „freien Bauern“ und gar nichts damit zu tun hat, dass die Frauen womöglich links und die Männer rechts von der Kirche begraben worden wären. Und ich dachte an all die Dithmarscher Bauern, die mir im Rahmen von Biografieprojekten aus ihrem Leben erzählt haben. Einer von ihnen soll hier einfach mal selbst zu Wort kommen:

Morgens brauchten Hartmut und ich nicht zu helfen. Aber abends mussten wir mit ran: Rüben schneiden, Silo stechen, Heu- und Strohballen vorbereiten. Und manchmal mussten wir auch mit melken. Mit den Schweinen hatten wir nicht so viel zu tun. Das war uns auch ganz recht. Die Schweine stanken und waren laut. Um sie kümmerte sich unser Vater.

Wenn allerdings die Sauen ferkelten, waren mein Bruder und ich im Einsatz – nach einem fein abgestuften Preissystem: Ferkel, die bis 19 Uhr kamen, brachten 20 Pfennige, bis 23 Uhr gab es 50 Pfennig und ab 23 Uhr eine Mark. Das Geld zahlte Vater für jedes gesunde Ferkel, das Hartmut und ich als Geburtshelfer auf die Welt brachten. Wir mussten mit einer Schere die Nabelschnur durchtrennen und die Ferkel trockenreiben. Dann hieß es aufpassen, dass die Sau die Ferkel nicht im Geburtswahn biss oder sogar auffraß oder dass die Ferkel in der Gülle oder im Mist erstickten. Wir mussten schon aufpassen. Für umsonst gab es das Ferkelgeld nicht. Für umsonst gab es überhaupt nichts.

Für uns Kinder waren die Ferkelsauen eine wichtige Einnahmequelle. Und es war wie heute an der Börse: Man wusste nie genau, wie gehen die Kurse, kommen zwölf Ferkel oder nur drei. Ich kann mich an eine Sau erinnern, die sich ordentlich Zeit ließ. Von sieben Uhr an wartete ich, dass es endlich losgeht… Den Gewinn hatte ich mir schon ausgerechnet. Es wurde immer später und ich dachte: Das wird ein lukrativer Abend! Nach Mitternacht, und dann zehn Stück! Und dann kamen bis ein oder zwei Uhr nur drei Ferkel und danach nichts mehr. Ein Scheißjob war das! Was ausgehandelt war, galt schließlich. Nachverhandlungen oder Zuschläge gab es bei uns nicht.

In den 70ern kauften Hartmut und ich uns von unserem Konfirmationsgeld jeder einen Bullen. Der Viehhändler, den alle nur Asbach nannten, weil er gerne diesen Weinbrand trank, bot Bullenkälber für 600 Mark an. Hartmut und ich hatten uns das ausgerechnet: 600 Mark kostete ein Kalb. Ein, zwei Jahre später würden wir es für 2.000 Mark verkaufen. Das bedeutete 1.400 Mark Gewinn für jeden von uns. Wir kamen nach Hause und erzählten unserem Vater, dass wir zwei Kälber gekauft hatten, die in der nächsten Woche geliefert würden. Das fand er gut und meinte, nun müssten wir uns nur noch über das Futtergeld unterhalten.

Wir waren schockiert. Unsere Cousins hatten sich von ihrem Konfirmationsgeld ebenfalls Kälber gekauft und brauchten zu Hause kein Futtergeld zu zahlen. „Ja, wovon sollen die Kälber denn leben?“, fragte unser Vater nur. Das schmälerte den erwarteten Gewinn natürlich erheblich. Statt 1.400 waren nun nur noch 500 oder 600 Mark drin.

Eines Tages bat Vater den Tierarzt, einen Blick auf meinen Bullen zu werfen. Der Tierarzt erwiderte: „Wat, den Dotblieber schall ik mi noch ankieken?“ Ich war geschockt. Der Tierarzt schaute sich den Bullen dann doch an und konstatierte eine Lungenentzündung oder etwas in der Art, aber der „Dotblieber“ kam durch. Nach eineinhalb Jahren war es endlich soweit: Hartmut und ich wollten unsere Bullen verkaufen. Und jetzt drehte sich das Ganze. Vater hatte nämlich ein Auge auf meinen Bullen geworfen.

Hartmuts Bulle war nicht ganz so gut, der hatte sich mal ein Bein angebrochen. Aber mein Bulle war top. Vater wollte ihn als Deckbullen haben. Also verhandelten wir. Pro Kilo gab es, glaube ich, etwa eine Mark zwanzig. Ich wusste ungefähr, was ich erzielen wollte, und ich wusste, dass Vater den Bullen haben wollte. Das war für ihn eine schlechte Ausgangsposition, für mich eine gute. Wir waren relativ schnell durch, nach etwa einer halben Stunde hatten wir den Preis ausgehandelt, den ich haben wollte.

Und dann kam mein Bruder an die Reihe. Da ging das Handeln richtig los. Hartmut wollte natürlich den gleichen Preis erzielen wie ich. Diese Verhandlung dauerte wohl vier oder fünf Stunden. Hartmuts Hand sah hinterher aus! Bei jedem Hin oder Her wird ja kräftig eingeschlagen. Feuerrot war seine Hand. Kein Wunder bei der Pranke unseres Vaters. Immer wenn Vater einschlagen wollte, zuckte Hartmut ein kleines bisschen zurück. Wir hatten viel Spaß an dem Abend, auch wenn sich Hartmut ordentlich anstrengen musste für sein Geld. Es ging ja nicht einfach darum, sich gegenseitig in die Hand zu schlagen. Er musste schon Argumente bringen. Da entsteht ja auch eine Geschichte, da wird viel erzählt: Worüm schass den nehmen, worüm will ik denn ni nehmen, de is dat ni wert … Und so weiter.

Asbach, der Viehhändler, kam auch immer erst auf den Hof, wenn die Hauptarbeit erledigt war. Mutter war am Melken, Hartmut oder ich verteilten Stroh. Vater hatte eine Forke in der Hand. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, stützte sich auf den Griff der Forke und sprach mit Asbach. Dabei hauten sich die beiden ordentlich in die Hände. „Eene Mark twinig“, sagte Asbach. „Eene Mark süstig“, erwiderte Vater. Und dann wurde alles Mögliche erörtert: Wie geiht dat din Fru? Wat mokt Hermann? Wat is blots mit Hans los? Zwischendurch streute Vater ein paar Forken Stroh oder fütterte die Schweine. „Eene Mark fiefuntwintig“, bot Asbach an. Handschlag. „Eene Mark fiefunfofftig.“ Handschlag. So eine Szene konnte leicht eine oder auch eineinhalb Stunden dauern.

Ja, das Verhandeln habe ich von meinem Vater gelernt. Auf einem ägyptischen Basar habe ich diese Mentalität mal so richtig ausleben können, obwohl ich kein Wort Ägyptisch sprach und mein Gegenüber kein Englisch. Auf dem Basar habe ich verstanden, was Vater mit Asbach schon immer gelebt hatte: diese Geschichten, die sie sich erzählten, bei denen sie zwischendurch immer wieder aufs Geschäft kamen.

Hartmut hat damals übrigens den gleichen Preis für seinen Bullen erzielt wie ich. Dass das Ganze mit Risiko verbunden ist, hatten wir beide erlebt. Bei mir war es der „Dotblieber“, bei Hartmuts Bulle das lahme Bein. Das Risiko haben uns unsere Eltern nicht abgenommen. Es konnte sein, dass wir beide leer ausgingen. Es konnte aber auch sein, dass sich das Risiko, wie in meinem Fall, sehr gelohnt hat. Und Hartmut musste eben gut argumentieren, damit er den gleichen Preis erzielen konnte. Aber im Endeffekt war es so, dass für uns beide das Gleiche herauskam. Dafür hat unsere Mutter gesorgt.