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Oh lustvoll ist’s…

p1170779… übers Moor zu gehn,

p1170810wenn der grundlose See den Himmel in sattem Blau spiegelt

p1170798und die Heide vom Vorjahr schimmert, als sei sie aus schwerem Gold.

p1170807Die Fotos habe ich vor ein paar Tagen im Wittmoor im Norden Hamburgs gemacht und poste sie mit herzlichen Sonn-tagsgrüßen gegen das schmutzige Grau, das nicht nur den Himmel über dem kleinen See zurückerobert hat.

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Frost is in the air

P1000259Und schon liegt der alte Wasserturm nicht mehr im Sternschanzenpark sondern in einem Zauberwald. Dabei ist die Geschichte dieses Ortes wenig idyllisch. Noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Grünanlage Teil der Hamburger Stadtbefestigung. Als Sternschanze bezeichnete man Verteidigungsbauten in Form von mehrzackigen Sternen außerhalb der eigentlichen Stadtmauern. 1866 baute die Altona-Kieler-Eisenbahn-Gesellschaft südlich der Sternschanze eine Verbindung zwischen der damaligen Stadt Altona und den Hamburger Bahnhöfen.  Dadurch wurde der heutige Park vom Rest der Wallanlagen abgetrennt und schließlich als öffentliche Grünanlage zugänglich gemacht. Der backsteinerne Turm auf dem Hügel im Park entstand Anfang des 20. Jahrhunderts und war einmal Europas größter Wasserturm. Ziemlich genau hundert Jahre nach seiner Errichtung wurde er zum Sterne-Hotel, was eine Menge Proteste unter den Bewohnern der Schanze auslöste. Wie gesagt: Idyllisch ist sie nicht, die Vergangenheit dieses sehr lebendigen und bisweilen sogar zauberischen Ortes mitten in der Stadt.

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Basislager am Grenzstein

p1150381Ich habe schon einige Berge bestiegen. Auch ein paar Viertausender waren dabei. Aber auf dem höchsten Gipfel von Wo-auch-immer hatte ich noch nie gestanden. Dabei liegt einer gleich vor der Haustür. Der Hasselbrack, die höchste natürliche Erhebung Hamburgs, ist nicht gerade ein K2, zugegeben, eher so eine Art H null mit seinen gerade einmal 116 Metern über dem Meeresspiegel. Aber er hat es in sich. Dieser Berg könnte mein Ithaka werden, dachte ich einen flüchtigen Moment lang, als ich zum zweiten Mal die Asphaltstraße entlang fuhr, die sich endlos und schnurgerade durch das Wohngebiet im äußersten Südwesten der Stadt zieht.

„…Und immer habe Ithaka vor deinem Geist. / Dort anzukommen ist deine Bestimmung. / Doch sollst du die Reise ja nicht übereilen. / Es ist viel besser, sie dauert viele Jahre, / so dass du nunmehr alt geworden auf der Insel anlegst, / reich an alldem, was du unterwegs gewonnen, / ohne zu hoffen, dass dir Ithaka Reichtümer schenkt…“

Konstantinos P. Kavafis (1863 – 1933), griechischer Dichter

Ich weiß, ich übertreibe maßlos. Aber wer hätte auch ahnen können, dass die größte Schwierigkeit darin bestehen würde, den Berg überhaupt zu finden? Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Gipfelversuch im Grenzgebiet zwischen Hamburg und Niedersachsen, das „vom Höhenzug der Harburger und Schwarzen Berge mit ihren steilen Anstiegen, weiten Ausblicken und tief eingeschnittenen Tälern“ geprägt wird, wie dem Wanderer auf einer Infotafel am Tor zu Hamburgs „Hoch im Süden“ verheißen wird.

Bis zum Moisburger Stein, der letzten verbliebenen Grenzmarkierung aus uralten Zeiten, war ich gut vorangekommen. Zuerst mit der S-Bahn bis zur Station Neugraben, dann mit dem Bus der Linie 240 bis zur Endstation Waldfrieden. Dass ich mich einer Gegend näherte, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, hatte sich beim Lesen der Straßennamen zur Linken und Rechten der endlosen Asphalttrasse bereits angekündigt: neben Heidrand, Waldschlucht und Quellgrund freute ich mich über den Kiepenkerlsweg – und ganz besonders über Lüttmattensteed, eine Reminiszenz an den kleinen Hasen Martin (Lütt Matten), der so gerne tanzte, dass er sogar Reineke Fuchs (Reinke Voss) die Hand reichte. Ein tödlicher Fehler, wie man in dem plattdeutschen Gedicht „Matten Has“ des Dithmarscher Lyrikers und Schriftstellers Klaus Groth nachlesen kann.

Am „Waldfrieden“ warf ich noch rasch einen Blick auf die Infotafel, auf der neben den Zeilen über die wilde Bergwelt auch eine Karte vom Regionalpark Rosengarten prangt. Dann lief ich hinein in den Wald, ignorierte Wegweiser nach links Richtung Kiekeberg-Museum und Wildpark Schwarze Berge und erreichte keinen Kilometer, nachdem ich aus dem Bus gestiegen war, den Moisburger Stein.

p1130673Seit 1750 markiert er die Grenze zwischen Harburg (Hamburg) und Moisburg (Niedersachsen). Davon erzählen die in den Stein gemeißelten römischen Ziffern und die Initialen von König Georg II., damals König von Großbritannien und Irland und Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg. Und das Symbol der Wolfsangel natürlich. In Stein gehauen kennzeichnete es bereits Anfang des 17. Jahrhunderts die Grenze zwischen Braunschweig-Lüneburg und Hessen. Später wurden Wolfsangeln auch direkt mit dem Reißhaken in die Rinde von Bäumen gerissen, um Forstreviere abzustecken.

Der Moisburger Stein ist der letzte von fast 900 Grenzsteinen, die einst den königlichen Forst vom Bauernwald trennten. Schade. Die Steine wären ein schöner Wegweiser zum Gipfel gewesen, der – wie ich gelesen hatte – nur wenige Meter neben der Grenze liegt. Wegweiser gibt es in der Gegend viele: zum Kiekeberg und zum Moisburger Stein, zur Schulenburgseiche und zur Großmoddereiche, nur nicht zum Hasselbrack. Natürlich könnte man GPS benutzen, aber ohne kam ich mir irgendwie zünftiger vor. Keine Sorge, ich bemühe jetzt nicht den Vergleich zur Bezwingung eines Achttausenders ohne zusätzlichen Sauerstoff…

Der vage Grenzverlauf in meinem Kopf führte nicht nur nach Süden, sondern auch ein Stück nach Westen. Das hieß, ich musste irgendwo rechts abbiegen. Aber wo genau? Um es kurz zu machen: Ich probierte jeden Abzweig, jeden Pfad nach rechts, ich stieg auf jede Anhöhe. Die auf der Infotafel angeführten „weiten Ausblicke“ suchte ich vergeblich. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Überschreiten der Baumgrenze seine Vorteile hat. Mount Hasselbrack kümmerte das wenig, er hielt sich bedeckt.

Man hätte darauf kommen können, bei dem Namen. „Brack“ ist die plattdeutsche Bezeichnung für eine tiefe Kuhle, die durch einen Deichbruch infolge einer Sturmflut entstanden ist, also nichts anderes als ein See oder Teich. Und „Hassel“ leitet sich von Haselstrauch ab. Wieviel Größe und Majestät ist von einem Berg zu erwarten, der „Haselstrauch an der Wasserkuhle“ heißt?

p1130751Als ich in einen besonders modderigen Waldweg einbog, an dessen sichtbarem Ende es sanft bergauf ging, wähnte ich mich schon fast am Ziel. Aber wieder Fehlanzeige. Ich fragte walkende Menschen, die irgendwie einheimisch aussahen, ob sie sich in der Gegend auskennen. Ein bisschen, erwiderten sie mit hanseatischem Understatement. Vor allem die Männer freuten sich sichtbar, einer verirrten Spaziergängerin weiterhelfen zu können. Aber auch sie mussten passen, vom Hasselbrack hatten sie nie gehört, zückten hilfsbereit das Handy… kein Empfang. Das war mir auch schon so gegangen. Es folgten aufmunternde Worte und die Ermahnung, doch unbedingt auf den Weg zu achten: Man könne sich hier leicht verlaufen… Ach was!

Zum Glück hatte ich Wasser und Müsliriegel dabei. Nach ein paar Stunden fröhlichen Herumstreifens und der Bekanntschaft mit Dutzenden wunderschöner Hohlwege sank die Sonne merklich und ich beschloss, die Expedition an einem anderen Tag fortzusetzen. Wie viele Bergsteiger sind schließlich wieder und wieder ins Basislager des Mount Everest zurückgekehrt?

p1130671Ich kehrte zum Moisburger Stein zurück, meinem Basislager am Mount Hasselbrack. Auf der Infotafel hatte ich noch einmal den Grenzverlauf im Kopf mit dem auf der Karte verglichen – und probierte es zur Abwechslung mit Linksabbiegen. Was ich beibehielt, war die Strategie von der rechten Seite, dem einmal eingeschlagenen Weg eine Weile zu folgen. „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.” Samuel Beckett hätte mich verstanden, glaube ich.

Der neue Weg ließ sich gut an: Matsch und Baumwurzeln stellten die Trittsicherheit sofort auf die Probe, während eine lange sanfte Steigung dem Körper Gelegenheit bot, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen. Dazu der Gesang der Vögel und der würzig-schwere Geruch von Mischwald nach ausgiebigem Regen. Nun schon gut akklimatisiert, fielen auch einzelne Steilpassagen nicht schwer. Steil, naja… so steil eben, wie das in einer Gegend möglich ist, in der die Todeszone bei hundert Metern über Normalnull beginnt.

p1130800Was soll ich sagen: Der Weg ließ sich nicht nur gut an, er hielt auch, was er versprochen hatte. Vielleicht eine halbe Stunde nach Verlassen des Basislagers erblickte ich auf einer Anhöhe ein richtiges Gipfelkreuz, wie man es aus der alpinen Bergwelt kennt. Und gleich daneben einen Findling, der auf Hamburgs höchsten Punkt verweist. In den weichen Waldboden daneben ist eine Kiste aus Blech eingelassen, in der sich neben allerlei Andenken und Devotionalien auch ein ordentliches Gipfelbuch befindet.

p1150360Auf der anderen Seite des Ensembles schmiegt sich eine alte Buche an den Hang (sie ist auf dem Bild ganz oben zu sehen) und entzieht sich so dem Sog der Tiefe. Aus der waren gerade zwei Mountainbiker in die Höhe gestrampelt. „Hard Rock Cafe“ las ich auf dem Shirt des einen, „High Performance“ auf dem des anderen. Ausdenken kann man sich so etwas nicht.

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Rolling Stones

p1160744Wie eine Steinlawine rollte die Herde den sanften Hang hinab zum Talgrund. Graue und braune Schafe, auch ein paar schwarze waren darunter. Begleitet wurden sie von einer Schäferin und ihrem Assistenten. Und mehreren Hunden. Die Schäferin rief den Hunden mit lauter Stimme Kommandos zu. Der Assistent sagte nichts. Wie aufgezogen kreisten die Hunde in Höllentempo um die Herde, dass einem vom Zusehen ganz schwindlig werden konnte. Das permanente Kreisen der Hunde sorgte dafür, dass auch die Herde selbst stets rund war. Mal wie mit dem Zirkel gezogen, mal eher eiförmig bewegte sich der Kreis durchs Tal, der nächsten sanften Anhöhe entgegen.

p1160750Staunend sah ich dem Treiben zu und dachte an zwei alte spanische Schäfer, die so viel stiller mit ihren Herden übers Land gezogen waren. Aber vielleicht ist das auch nur in der Erinnerung so.

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Wie Samt und Seide

p1160665Ein Wetter zum Mäusemelken hätte die Großmutter das genannt. Oder zum Heldenzeugen. Und dabei ein kleines bisschen gekichert. Über „so etwas“ sprach man schließlich nicht. Ganz bestimmt nicht vor den Kindern.

p1160637Schleierwolken zieren das blaue Himmelskleid. Noch einmal lockt die Sonne mit hochsommerlichen Temperaturen. Nebenan im Schatten, im leichten Wind, ist schon der Herbst zu spüren. Das macht die Wärme besonders kostbar.

p1160681Und die Menschen… irgendwie langsam. Beinahe kontemplativ spazieren und radeln sie durch das Moor, das an diesem Tag sogar vom allgegenwärtigen Flugverkehr verschont bleibt.

p1160649Ganz still ist es. Am Moorsee warten drei Libellen-Spotter mit dicken Ferngläsern und Teleobjektiven.

p1160646Als ich ein paar Stunden später wieder vorbei komme, sitzen und schauen sie immer noch.

p1160686

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Go with the flow

P1000543Es gibt Worte, die ich besonders mag. Das englische „flow“ gehört dazu. Ein Zustand großer Leichtigkeit jenseits des bewusst Herstellbaren. Aber einfach wunderbar, wenn er sich denn einstellt. Manchmal, beim Tanzen. Auf langen Wanderungen. Oder auch beim Schreiben.

P1100565Go. Go with the flow.

P1010735Folge der Strömung.

P1010697Auch mal der Masse.

P1040797Lass dich treiben. Und mitreißen. Sei im Fluss.

P1020881Ich tue das jetzt auch – und mache ein paar Wochen Blogpause.

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Nordisch by nature

P1150606Hier ist ja nichts! Das Gesicht der älteren Berlinerin ist eine Mischung aus Staunen und Entsetzen, der Vorwurf in ihrer Stimme nicht zu überhören. Kein Wasser, sagt sie. Noch nicht mal Strand. Wann immer sie über den Deich geschaut habe, sei das so gewesen, nun schon den dritten Tag.

P1150577Der Deich, das ist die Trennlinie. Mit jedem Schritt den grünen Wall hinauf wird der Wind stärker. Sobald du oben stehst und dir die flatternden Haare aus dem Gesicht streichst, gibt es keine Grenzen mehr. So weit reicht der Blick, dass du meinst, die Krümmung der Erdoberfläche zu sehen.

P1150643Das ist’s, was mich hier so entzückt:
Diese unbedingte Weite,
dieser Horizont in Tief‘ und Breite
verschwenderisch hinausgerückt.

Christian Morgenstern: Weiter Horizont

P1150802Was du siehst, erscheint dir vielleicht nicht spektakulär. Links viele Kilometer Deich. Rechts viele Kilometer Deich. Vor dir ein paar Strandkörbe. Oder Schafe. Dahinter die Nordsee. Kann sein, sie ist gerade wieder einmal nicht da und du erkennst nur so ein schmales Geriffel weit draußen.

P1150677Und mittendrin Neptuns Schloss, das eigentlich eine Bohrinsel ist.

P1150615Zwischen Salzwiesen und Watt führt ein steinerner Damm hinaus aufs offene Meer. Und während ein vielstimmiger Vogelchor sogar den Wind übertönt, wird dein Atem allmählich tief und ruhig.

P1150581Es schmückt sich das Watt in den Farben des Himmels. Zuerst in allerlei Grau- und Blautönen.

P1150665Später am Nachmittag glitzert es in silberner Robe. Das ist die Zeit, in der ein Spaziergang Richtung Horizont besonders magisch ist.

P1150823Marie! ruft ein junger Vater seiner kleinen Tochter zu. Weißt du, was das Besondere ist: Wir laufen auf dem Meeresboden! Marie ist das egal. Ihr Himmel ist schlammfarben. Beseeligt vom Schmatzen des Schlicks unter ihren nackten Füßchen gräbt sie mit beiden Händen nach Muscheln und Wattwürmern.

P1150725Am Abend glüht das menschenleere Watt noch einmal in Orange, Rot und Rosé, bevor es erlischt.

P1150738Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmerung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Theodor Storm: Meeresstrand

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Abel steh auf

P1150399Während der ersten vierzig Fahrradkilometer nahm ich kaum etwas wahr. Weder die Siedlungen noch die Wiesen und Wälder, die ich mit kräftigem Tritt hinter mir ließ. Ich aß nichts und trank auch nur wenige Schluck Wasser. Dass es warm war, spürte ich an dem Schweiß, der mir den Rücken hinunter lief.

P1150405Wenn der Kopf übervoll und zugleich leer ist und die Augen nichts mehr sehen, ist körperliche Anstrengung eine Möglichkeit, sich (wieder) zu spüren und in Verbindung mit der Umgebung zu kommen.

P1150436Abel steh auf. Wie ein Mantra trat ich die Titelzeile eines Gedichts von Hilde Domin, das ich am Vorabend gelesen hatte, in die Pedale. Abel steh auf / es muss neu gespielt werden / täglich muss es neu gespielt werden / täglich muss die Antwort noch vor uns sein / die Antwort muss ja sein können / wenn du nicht aufstehst Abel / wie soll die Antwort / diese einzig wichtige Antwort / sich je verändern…

Als hätte sie es diese Woche geschrieben.

P1150443 Die Fotos stammen von den letzten zwanzig Kilometern der Tour.

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Frameworks

P1140850„Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut. …

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne. …“

Soweit Kurt Tucholsky in seinem famosen Aufsatz „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“. Ich empfehle unbedingt die vollständige Lektüre, beschränke mich hier aber auf die auszugsweise Wiedergabe, weil es mir gerade um das Spiel zwischen Etwas und Nichts geht. Kann es, so fragte ich mich unlängst, wohl sein, dass der wunderbare Tucho bei seinen Studien zwar in manches Loch hinein, aber nicht wirklich durch ein Loch hindurch gesehen hat? Dass das einen Riesenunterschied macht, erschließt sich jedem, der sich alternativ einen Blick in eine Grube und durch ein Schlüsselloch vorstellt. Im zuletzt genannten Fall ist das Etwas so etwas wie ein Rahmen und das Nichts keinesfalls nichts sondern ein Etwas im Rahmen und ein veränderliches noch dazu, je nachdem, ob sich der Betrachter zum Beispiel ein bisschen nach links oder nach rechts bewegt, ganz dicht mit dem Auge an das Loch herangeht oder mit mehr Abstand hindurchsieht.

P1140852Und was, wenn sich Loch an Loch reiht? Zu welchem Etwas gehört dann der Rahmen? Eine ähnlich vertrackte Frage, scheint mir, wie die der sich vermählenden Löcher, mit der sich Kurt Tucholsky beschäftigte:

„Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden?“

P1140859„Meine Sorgen möcht ich haben“,  stoßseufzte einst der Dichter. Dem schließe ich mich ohne Zögern an und empfehle zum Philosophieren über das Loch und für den ein oder anderen Perspektivwechsel einen Besuch des goldenen Pavillons auf dem Ponton am Ufer der Halbinsel Entenwerder in der Hamburger Norderelbe. Die begehbare Skulptur aus gelochtem Messing bietet herrliche Blicke auf die Billwerder Bucht zur einen und die Norderelbbrücken auf der anderen Seite. Und wenn du von all den kleinen Löchern genug hast, legst du in der oberen Etage vielleicht für einen Moment deinen Kopf in den Nacken – und schaust durch das große Loch über dir direkt in den Himmel.

P1140857Natürlich kannst du auf dem Ponton auch ungelocht Kaffee oder Wein trinken und aufs ungerahmte Wasser gucken. Und wenn dir das immer noch nicht genug ist, findest du hier Anregungen, was es in Hamburg-Rothenburgsort noch alles zu entdecken gibt.

Übrigens: Nicht alles, was einen Rahmen hat, ist ein Loch. Manchmal ist es zum Beispiel auch ein Spiegel, wie am Finkenwerder Kutterhafen. Sprengt das jetzt den Rahmen?

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Friederike im Lavendel

P1140879Was ist  d a s  denn? Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Lavendelblüte im frühen Juni? Und das nicht etwa in Südfrankreich sondern an Hamburgs Süderelbe, gleich hinter dem Deich? Vielleicht Klee? improvisierte die Freundin beim Anblick des wogenden violetten Blütenmeers. Nee, Klee ist doch viel rötlicher! Und auch längst nicht so hoch.

Kein Lavendel, nein, aber olfaktorisch ein ähnlich starkes Erlebnis. Tief in den Ackerfurchen, auf der Suche nach dem schönsten Foto, schlug die Erkenntnis mit der Wucht eines Hammers zu: Schnittlauch! Fehlte eigentlich nur noch das Rührei…

P1070739Das gibt es in dem vermutlich köstlichsten Schnittlauch-Gedicht deutscher Sprache:

Wenn der holde Frühling lenzt
Und man sich mit Veilchen kränzt
Wenn man sich mit festem Mut
Schnittlauch in das Rührei tut
Kreisen durch des Menschen Säfte
Neue ungeahnte Kräfte –
Jegliche Verstopfung weicht,
Alle Herzen werden leicht,
Und das meine fragt sich still:
„Ob mich dies Jahr einer will?“

Von wem das Gedicht ist, wollt ihr wissen? Tja, wenn man das so genau wüsste. Oft wird es Friederike Kempner (1836–1904) zugeschrieben, der Tochter eines schlesischen Rittergutsbesitzers, über deren lyrisches Werk DIE ZEIT am 29. Oktober 1953 einen höchst amüsanten Artikel veröffentlichte. Ich zitiere:

„Ein Leben lang blieb sie unvermählt und lebte nur ihrer unglücklichen Liebe zur Dichtkunst. Als ihre ersten Verse erschienen, dachte man, dies sei bloß eine schlechte Dichtung wie so vieles andere auch. Aber bald witterten die Kenner, dass da ein wahres Genie der unfreiwilligen Komik am Werk war. Man begann, jedes neue Werk der Friederike Kempner zu kaufen, prustete los, wenn ihr wieder einmal ein prächtiger Fauxpas geglückt war, und reichte die Bände einander weiter. Die ehrbare Rittergutsfamilie war verzweifelt. Sie suchte der Bücher Friederikens habhaft zu werden, ehe sie noch zum Käufer gelangten. Aber je größere Auflagen die Familie still aufkaufte, umso mehr fühlte sich der ‚schlesische Schwan’ in seinem Beginnen bestärkt. Friederike dichtete immer eifriger, und bald vermochte die reiche Familie den Wettlauf mit dem missratenen dichtenden Fräulein nicht mehr durchzuhalten. Ein neues Genie des Humors, wenn auch des unfreiwilligen, war der Welt geschenkt.“

So groß war die Begeisterung der „Welt“, dass seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch immer mehr Parodien auf Gedichte Kempners veröffentlicht wurden, über die es bei Wikipedia heißt:

„Diese zahlreichen, oft täuschend echt geratenen Parodien haben seit spätestens der Mitte des 20. Jahrhunderts eine literaturgeschichtlich vielleicht einzigartige Karriere gemacht. Denn in zum Beispiel der von Herrmann Mostar herausgegebenen Ausgabe Friederike Kempner, der schlesische Schwan (zuerst 1953), der von Walter Meckauer ab 1953 verantworteten Edition Die Nachtigall im Tintenfass und auch in Horst Dreschers Ausgabe Das Leben ist ein Gedichte (ab 1971) erschienen diese Parodien nun als vermeintlich originale Gedichte Friederike Kempners, die seither vor allem für jene Texte berühmt geworden ist, die sie nicht geschrieben hat.“

Auch das zitierte Gedicht über Rührei mit Schnittlauch und des Menschen Säfte ist wohl eine dieser Parodien. Wie vieles ist nicht das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

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