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Sesam, öffne dich!

P1010210P1010176Wow! So muss sich der arme Holzfäller Ali Baba gefühlt haben, als er, verborgen auf einem Baum, Zeuge wurde, wie die Räuber den Berg, in dem sie ihre Schätze versteckt hielten, mit einem Zauberwort dazu brachten sich zu öffnen. Mehr als einen Kilometer sind wir durch den am frühen Morgen noch ziemlich stillen Siq bereits gelaufen, den einzigen direkten Zugang  zu der antiken Felsenstadt Petra auf halbem Weg zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Aqaba. Zu beiden Seiten der schmalen Schlucht ragen mächtige Felswände fast senkrecht empor, 70, 80, an einigen Stellen bis zu 100 Meter hoch.

P1010199An der engsten Stelle meint man, den rötlichen Sandstein links und rechts gleichzeitig berühren zu können. Der Siq ist hier kaum mehr als zwei Meter breit, an der weitesten Stelle sind es gerade einmal 16 Meter. Noch ein paar Windungen, und plötzlich öffnet sich die Schlucht und gibt die Sicht frei auf eine direkt in den Fels geschlagene rosarote Fassade:  Al-Khazneh, das „Schatzhaus“ der einstigen Hauptstadt der Nabatäer! Unwillkürlich schließe ich die Augen. Als ich sie wieder öffne, ist der Schatz immer noch da.

P1010317Kinofreunden wird der Anblick womöglich bekannt vorkommen: In der Schlussszene des Films „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ wird der Siq von Petra zur geheimnisvollen „Schlucht des sichelförmigen Mondes“, und das Schatzhaus weist den Weg in die Welt des heiligen Grals. Seinen Namen erhielt das gut 40 Meter hohe und fast 30 Meter breite Bauwerk von Beduinen, die glaubten, den Schatz eines Pharao vor sich zu haben. Tatsächlich wurde es als Grabmal eines nabatäischen Königs errichtet und später wohl auch als Tempel genutzt.

P1010225Vom Schatzhaus führt der Weg weiter und immer weiter durch die Felsenstadt, die so alt ist wie unsere Zeitrechnung: vorbei an prachtvollen Fassaden von Grabkammern nabatäischer Könige und Edelleute zu einem Theater, das 7.000 Zuschauern Platz bot, von dort entlang einer Säulenstraße mit umfangreichen Resten antiker Tempel, mit Souvenirläden und Teestuben bis in das ehemalige Stadtzentrum von Petra.

P1010247P1010381Wir befinden uns inzwischen auf einem weitläufigen Plateau, umgeben von grandiosen Felsformationen, auf denen weitere Sehenswürdigkeiten locken. Ad-Deir zum Beispiel, das „Kloster“, ebenfalls ein Grabmal oder Tempel – schlichter als das Schatzhaus, aber (oder vielleicht auch gerade deswegen) nicht weniger schön. Oder der Große Opferplatz, an dem religiöse Zeremonien zu Ehren nabatäischer Gottheiten abgehalten wurden. Von dort oben eröffnen sich weite Blicke auf das UNESCO-Weltkulturerbe, das seit ein paar Jahren außerdem zu den Neuen Sieben Weltwundern zählt, in einer Reihe mit dem Kolosseum in Rom, Chichen Itza in Mexiko, der Chinesischen Mauer, der Christusstatue in Rio, Machu Picchu in Peru und dem Taj Mahal in Agra.

P10102932014-02-15 11.59.30Doch vor den Ausblick haben die Götter den Schweiß gesetzt. Hunderte von in den Fels geschlagenen Stufen wollen bewältigt werden, zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels. Ein Vergnügen, das ich mir als begeisterte Reiterin nicht entgehen lassen kann: Nach vorne beugen, und ab geht die Post! Für Tempo sorgt von hinten der Eseltreiber. Okay, ich gebe zu, ich habe gelegentlich ein wenig in den Abgrund geschaut – das muntere Tier hatte sehr viel Freude am Überholen, und großartig lenken ließ es sich mangels Zügeln auch nicht -, aber alles in allem sieht so ein Eselritt auf nacktem Stein den Berg hinauf vermutlich abenteuerlicher aus, als er sich anfühlt.

P1010285Drei Tage Laufen, Laufen, Laufen in Petra, um Petra und um Petra herum. Ich kann mich kaum satt sehen am Farbenreichtum des Sandsteins und an der Architektur der Felsen. Die durch tektonische Verschiebungen und gelegentliche Hochwasser im Siq entstandene beeindruckt mich nicht weniger als die von den nabatäischen Steinmetzen geschaffene.

P1010386Gleichzeitig versuche ich, mir das Leben in der Felsenstadt vor 2.000 Jahren vorzustellen. Damals kontrollierten die Nabatäer, eigentlich ein Nomadenvolk von der Arabischen Halbinsel, von Petra aus den gesamten Karawanenhandel zwischen Damaskus und dem heutigen Medina. Die Stadt lag strategisch günstig am Knotenpunkt mehrerer Handelswege, auf denen Weihrauch, Gewürze und Seide transportiert wurden. Inmitten von Felsgebirgen war sie von außen praktisch uneinnehmbar. Und – unbezahlbar in der Region – sie verfügte über eine eigene Quelle. Brauch- und Trinkwasser leiteten die Nabatäer über eine in die Felswand des Siq gehauene Wasserleitung in die Stadt.

P1010441Fels und Wasser so nah beieinander? Das konnte nur eines bedeuten: Petra musste der Ort gewesen sein, an dem Moses beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten mit dem Schlag seines Stabes eine Quelle aus dem Stein hatte sprudeln lassen. Der Legende folgt auch der heutige Name Wadi Musa, Mosestal.

P1010222Rund 100 Jahre nach Christus ging das Reich der Nabatäer in der römischen Provinz Arabia auf. Gerasa, das heutige Jerash nördlich von Amman, lief Petra mehr und mehr den Rang ab. Keine Sorge: Ich mache an dieser Stelle nicht auch noch das Fass der großartigen Relikte aus der Römerzeit auf jordanischem Boden auf! Mir schwirrt selbst der Kopf von so viel Historie auf engstem Raum. Und dazu noch all die biblischen Bezüge… Jedenfalls: Nach Petra krähte ein paar hundert Jahre später kein Hahn mehr – bis Anfang des 19. Jahrhunderts ein Schweizer, angeblich als Scheich verkleidet, die geheimnisvolle Stätte „wiederentdeckte“. Beduinen nutzten die kühlen, schattenspendenden Grabbauten inzwischen als Wohnungen. In den 60er, 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden sie umgesiedelt, um die Felsenstadt besser für den Tourismus nutzen zu können. Irgendwie schade. Heute wohnen die Beduinen in den umliegenden Dörfern, vor allem in Wadi Musa. Ein Großteil von ihnen lebt vom Petra-Tourismus.

P1010128Einige der ehemaligen Felswohnungen sind jetzt Souvenirläden. In einer anderen verbringen wir unseren Picknick-Stopp. Mein Fotoapparat stellt automatisch scharf auf das Porträt von König Abdullah II an der Wand. Gegenüber hängt das Bild seines 1999 verstorbenen Vaters, König Hussein, der bis heute hohes Ansehen im Land genießt. Könige unter sich.

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Datteln in Nahost

P1010516P1010553Von der Geschichte, die uns Ali, unser Reiseleiter, im Beduinencamp am Lagerfeuer erzählte, ist mir vor allem in Erinnerung, dass einem nach dem Verzehr von roten Datteln Hörner wachsen können. Vielleicht muss man dazu aber auch eine Prinzessin sein. Um deren Gunst wirbt in einer endlosen Abfolge von Szenen der schlaue Hassan, bis er die Angebetete durch die Gabe von gelben Datteln schließlich von dem störenden Stirnschmuck befreien und ihr Herz erobern kann. Aber das ist am Ende gar nicht so wichtig. Die Szenen folgen ersichtlich keiner festen Dramaturgie, werden im Lauf der Erzählung immer bunter. Je gebannter die Zuhörer lauschen, je mehr sie über die Abenteuer des schlauen Hassan lachen, desto größer ist auch die Lust des Erzählers: Ali amüsiert sich nicht weniger als wir und schenkt uns Schleife um Schleife. Der Weg ist das Ziel. Ich folge fasziniert der eigenwilligen Spannung der Geschichte.

P1010291So ähnlich erzählt auch Salim Alafenisch, ein deutsch schreibender palästinensischer Autor mit israelischer Staatsbürgerschaft („Die acht Frauen des Großvaters“). Der hat sogar noch ein paar mehr Lebensjahre im schwarzen Ziegenhaarzelt in der Wüste verbracht als Ali, nur eben auf der anderen Seite der Grenze. Und beide hat es irgendwann nach Deutschland verschlagen… Wie nah im Nahen Osten alles beieinander liegt! Als ich am Toten Meer, dem tiefsten Punkt der Erde, 400 Meter unter dem Meeresspiegel fest auf dem Boden des Haschemitischen Königreichs Jordanien stehend, mein Handy einschaltete, erhielt ich die Mitteilung „Willkommen in Israel“. Irre, aber auch wieder nicht. Schließlich ist das Tote Meer, in dem man wegen des hohen Salzgehalts nicht untergehen kann, nur 18 Kilometer breit, und die Grenze verläuft mittendrin. Was das Schwimmgefühl angeht, bevorzuge ich übrigens das Rote Meer ganz im Süden, auf dem man nicht wie ein Korken herumdümpelt, aber immer noch (oder schon wieder) ganz nah an den Nachbarn dran ist. Links Saudi-Arabien, rechts das israelische Elat und dahinter der Sinai.P1000995

Aus Saudi-Arabien kommen auch Alis Vorfahren. Irgendwann war im Zuge irgendwelcher Auseinandersetzungen für den Stamm und seine Mitglieder kein Platz mehr im Nachbarland. Jordanien scheint immer Platz für Flüchtlinge zu haben. Über die Hälfte der rund 6,5 Millionen Einwohner stammen von Palästinensern ab, die als Flüchtlinge und Vertriebene ins Land kamen: nach dem Palästinakrieg 1948/49, nach dem Sechstagekrieg 1967 und in der Folge des Irakkriegs 1990/91. Etwa 350.000 der insgesamt 1,9 Millionen registrierten Flüchtlinge, denen Jordanien als einziges arabisches Land die Staatsbürgerschaft gewährt hat, leben nach wie vor in Flüchtlingslagern, hoffen darauf, eines Tages zurückkehren zu können. Seit 2012 schwemmt der Bürgerkrieg in Syrien einen weiteren Strom von Flüchtlingen ins Land. Ich muss zugeben: Die Zahlen beeindrucken mich zutiefst – und noch mehr, wie es gelingt, inmitten von so viel Instabilität selbst stabil zu bleiben.

Jordanien 371Als ich Freunden von meinen Reiseplänen erzählte, wurde ich mehr als einmal gefragt, ob das nicht zu gefährlich sei. Das hat sicher viel damit zu tun, dass Amman in den Medien vor allem als Stützpunkt für die Krisenberichterstattung aus den Nachbarländern wahrgenommen wird. Meine Antwort lautete und lautet: Nein, ist es nicht. Die Menschen in Jordanien habe ich als extrem freundlich und hilfsbereit erlebt, und auch dem Staat liegt die Sicherheit seiner Besucher offensichtlich am Herzen: An allen touristisch wichtigen Orten patrouilliert unauffällig die Tourist Police, wir hatten sogar die ganze Zeit unseren eigenen Polizisten dabei. Von seinem Revolver brauchte Fayez zum Glück keinen Gebrauch zu machen, aber er stand immer bereit, wenn jemand Hilfe bei steileren Auf- oder Abstiegen oder eine Hand bei der Flussquerung im Canyon brauchte.

Mir wird dieser feine junge Mann vor allem als Beispiel dafür in Erinnerung bleiben, welch hohen Stellenwert die Familie in Jordanien hat. Über die Nachricht, dass seine Schwester das Abitur bestanden hatte, war der große Bruder so glücklich, dass ihm die Tränen kamen. Ihm war das ein bisschen peinlich, wir waren entzückt – und vielleicht auch eine Spur neidisch. Ganz am Ende der Tour verriet mir Fayez noch, dass er eigentlich gern Lehrer geworden wäre, das Studium aber nicht drin sei, weil die Eltern und die sieben jüngeren Geschwister auf sein Gehalt angewiesen seien. In ein, zwei Jahren, sagte er, würde er gern heiraten und selbst eine Familie gründen. Inschallah.

P1010061Der etwas ältere Malik, unser Local Guide auf dem Trail von dem malerisch auf einem Felsplateau gelegenen Dörfchen Dana tief hinab in die gleichnamige grüne Schlucht, hat erklärtermaßen Größeres vor. Am liebsten, behauptete der Biologe, der früher in der Gegend die Schafe und Ziegen seines Vaters gehütet hat und heute Wandergruppen auf Tages- und Mehrtagestouren durch die grandiose Felslandschaft des Biosphärenreservats führt (so groß sind die Unterschiede wahrscheinlich nicht), würde er gleich vier Frauen heiraten. Aha, sagte ich. Du musst dir das wie einen Obstteller vorstellen, meinte Malik und grinste charmant: An einem Tag hast du vielleicht Lust auf einen Apfel, am nächsten eher auf eine Banane… Ja, klar. Wir lachten herzlich.

P1010076Leider hatte ich keine Gelegenheit, das Thema Obstsalat mit Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts im Land zu erörtern. Irgendwann wurde mir klar, dass ich auf dieser Reise überhaupt nur mit Männern Gespräche führte. Die Frauen bleiben im Hintergrund. Selbst in den Hotels sind die Zimmermädchen Boys – oder sie kommen von den Philippinen. Ich glaube, das würde mich reizen: Wiederzukommen und zu schauen, dass ich mehr Kontakt auch zu Frauen kriege. Aber jetzt esse ich erst einmal ein paar Datteln. Gelbe natürlich. You never know. Und demnächst erzähle ich noch ein bisschen über besondere Orte in Jordanien.

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Salam aleikum

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Der Körper ist zurück in Hamburg, die Seele noch unterwegs, irgendwo zwischen dem Toten Meer und dem Wüstenreich des Lawrence von Arabien. Knapp zwei Wochen zu Fuß durch Jordanien – was für ein Fest für die Sinne! Noch immer spüre ich den Geschmack des süßen Minzetees auf der Zunge. In der Nase hält sich der Duft von auf dem offenen Feuer geröstetem Brot. Von fern ruft der Muezzin zum Gebet. Dazu ein Feuerwerk an Farben und Formen: eine rosarote direkt in gewaltige Felswände gemeißelte antike Stadt, der Berg, von dem Moses ins Gelobte Land schaute, gut erhaltene Relikte der Römer und Landschaften, die süchtig machen können. Noch widersetzen sich die Worte. Mögen an ihrer Stelle Bilder sprechen. Vor allem anderen: Gesichter. Und Musik.

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Raus oder nicht raus?

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Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst

Soll i aus meim Hause raus?
Soll i aus meim Hause nit raus?
Einen Schritt raus?
Lieber nit raus?
Hausenitraus –
Hauseraus
Hauseritraus
Hausenaus
Rauserauserauserause . . .

Christian Morgenstern

P.S. Ich gehe ein paar Tage raus. Wohin, erzähle ich, wenn ich zurück bin.

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Ice in the Sunshine

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Man glaubt es ja nicht: Das Thermometer klettert zaghaft in den Plus-Bereich, das Eis auf der Alster beginnt im zuletzt schmerzlich vermissten Sonnenlicht zu schmelzen – und die ersten Hartgesottenen genießen, noch mit Handschuhen an den Händen, schon wieder ein Buch im Freien. Ein schöner Anblick, keine Frage, aber irgendwie hat mich die Szene auch an die kernigen Typen an der Nordsee erinnert, die am FKK-Strand notfalls mit Pudelmütze und Pullover herumlaufen, Hauptsache, unten ohne.

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Ich selbst war ohne Handschuhe unterwegs und hatte auch das Buch zu Hause auf der Couch gelassen – Showtime für bekennende Gegenlicht-Fetischisten.

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Wir nennen es Heimat

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Vor ein paar Tagen las ich in der Zeitung, dass Hamburgs schrägste Kneipe weiterhin ums Überleben kämpft. Orkantief Xaver und die Sturmfluten in seinem Gefolge hatten die ehemalige Kaffeeklappe unter der Oberhafenbrücke Anfang Dezember bis zu den Fenstern im Erdgeschoss unter Wasser gesetzt und das Mauerwerk stark beschädigt. Das Gebäude wurde zwar inzwischen entkernt, aber die Überprüfung der Standfestigkeit steht noch aus. Das alles geschieht nicht zum ersten Mal. Und das macht beim Daumendrücken für die baldige Wiedereröffnung dieses ganz speziellen Orts in der heutigen HafenCity auch irgendwie Hoffnung. Wie heißt es so schön: Totgesagte leben länger.

P1040871Die Oberhafen-Kantine wurde 1925 als sogenannte Kaffeeklappe gebaut. So bezeichnete man seit Mitte des 19. Jahrhunderts einfache Speiselokale, in denen keine alkoholischen Getränke ausgeschenkt wurden. Um den seinerzeit offenbar übermäßigen Schnapskonsum unter der arbeitenden Bevölkerung zu bekämpfen, wurde neben deftiger Hausmannskost vor allem Kaffee von der Küche durch eine Klappe direkt in den Gastraum gereicht, daher der Name. Im Hamburger Hafen gab es mal zwanzig solcher Lokale. Inzwischen ist nur noch die Oberhafen-Kantine übrig, ein Häuschen im schönsten Backsteinexpressionismus mit einer Grundfläche von nicht einmal 25 Quadratmetern und einem turmartigen Staffelgeschoss, das ursprünglich als Lagerraum diente. Unmittelbar darüber rauschen Regional- und Fernbahnen von und nach dem nahen Hauptbahnhof.

P1040888Da das Gebäude direkt an der Kaikante des Oberhafens steht, wurde es von Gezeiten und Sturmfluten unterspült, sackte ab und wurde mit der Zeit immer schiefer. So scheef, as den Schipper sin Been, wie es in dem Song vom Hamburger Veermaster heißt. Da fällt man im Wortsinn mit der Tür ins Haus. Oder war es umgekehrt: nach dem Besuch hinaus auf die Straße? Suppe und Getränke haben jedenfalls ordentlich Schlagseite in den Tellern und Gläsern der Oberhafen-Kantine. Irgendjemand hat einmal einen Neigungswinkel von 8,7 Grad gemessen. Sensibleren Gästen kreiselt es vor allem auf dem Oberdeck schon mal in Kopf und Magen, auch ohne das winzigste Promillchen Alkohol im Blut. Der gehört natürlich längst zum Repertoire des traditionsreichen Ausschanks.

P1040884Ach, könnten die alten Mauern erzählen, was sie im Laufe der Jahre alles gesehen haben… Als Erstes würden sie sicher von Anita Haendel sprechen. Anita war die Tochter von Hermann Sparr, der die Oberhafen-Kantine 1925 bauen ließ. Er nahm die damals 12-Jährige von der Schule, damit sie in der Küche half. Daraus wurden 72 Jahre, in denen der Betrieb nicht ein einziges Mal unterbrochen war. Bis zum Schluss stand Anita selbst in der Küche. In einer Reportage in der Hamburger Morgenpost offenbarte die Seele der Oberhafen-Kantine 1996 ihr Selbstverständnis: „Seit 70 Jahren wissen die Ladearbeiter, dass es hier morgens um fünf frischen Kaffee gibt und Frikadellen und auch ein’n Lütten fürs Ende der Nachtschicht. Und was 70 Jahre läuft, muss auch das 71. hinhauen.“ 1997, einen Tag vor ihrem 84. Geburtstag, starb Anita Haendel. Das ist geradezu biblisch: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.

Nach Anita Haendels Tod stand die Kantine leer, musste schon bald wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Jahre später wurde das Haus renoviert und an den Fernseh-Koch Tim Mälzer und seine Mutter Christa verpachtet, die den Imbiss 2006 mit traditioneller Hausmannskost wieder eröffnete. Nachdem eine Sturmflut das Gebäude nur eineinhalb Jahre später erneut erheblich beschädigt hatte und es abermals saniert werden musste, beschlossen die Mälzers, das Lokal aufzugeben.

P1040883Vor ein paar Wochen stand der Oberhafen-Kantine das Wasser wieder einmal bis zum Hals, aber die jetzigen Betreiber wollen kämpfen. Das Inventar immerhin konnten sie retten. Und sie haben ein provisorisches Quartier im Kontorhaus am Brandshofer Deich eröffnet, wo sie sich und die alte Kaffeeklappe mit verschiedenen Sonderveranstaltungen über Wasser zu halten versuchen, bis sie – hoffentlich – im Frühjahr an den Oberhafen zurückkehren können.

Ich glaube, das wird klappen. Um den Spruch mit den Totgesagten Mantra-artig noch einmal auf Englisch zu murmeln – immerhin hat die Institution Kaffeeklappe ihren Ursprung in London: There’s life in the old dog yet. Auf der Website der Oberhafen-Kantine lese ich denselben Gedanken in ein paar mehr Worten: „Das Häuschen blieb stehen und steht da immer noch: schief, aber aufrecht. Das ist ein bisschen überraschend. Von mehr als 20 Kaffeeklappen, die es einst im Hamburger Hafen gab, ist es die letzte. Schwein gehabt. Offenbar stand diese keinem Wirtschaftspolitiker oder Investor im Weg, die sich mit einem Häuschen, in dem seit 1925 Kaffee und Frikadellen serviert werden, erfahrungsgemäß nicht lange aufhalten. Und so werden hier immer noch Kaffee und Frikadellen serviert. Das ist eigentlich keine große Sache und trotzdem irgendwie tröstlich. Ein schönes Gefühl. Wir nennen es: Heimat.“

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Winter-Waisen II

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Still und starr ruht der Stadtparksee. Das Naturbad ist ebenso geschlossen wie der wahrscheinlich schönste Biergarten Hamburgs, jedenfalls der mit dem spektakulärsten Blick auf das Planetarium bei Sonnenuntergang.

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P1000760Gesperrt ist auch der Zugang zur „Liebesinsel“, einem meiner liebsten Freiluft-Leseorte. Um draußen zu schmökern ist die frische Luft allerdings ohnehin ein bisschen frisch.

Nur einem steinernen Hund ist es  gelungen, sich durch das Gitter zu zwängen. Wie hat er es bloß geschafft sich selbst anzuleinen?

 

 

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Streifenlook

Seit Tagen ist Hamburg in freudloses Einheitsgrau getaucht. Dass jemand über Nacht einen Hauch Puderzucker darüber gestäubt hat, macht es nicht wirklich besser: Das Grau ist einfach eine Nuance heller geworden. Ich krame in Bildern aus der vergangenen Woche.

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Da waren Himmel und Wasser auch oft bedeckt.

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Aber sie hatten Struktur. Und Farbe.

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