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Eingewandert

Eine richtig lange hanseatische Familientradition könne er nicht vorweisen, sagte Herr M. bei unserem ersten biografischen Gespräch. Die Mutter des Kaufmanns stammt aus Lettland, ihre Vorfahren sind Letten und Litauer. Die Familie des Vaters kommt ursprünglich aus dem Mecklenburgischen.

1862 legte der damals 28-jährige Urgroßvater in Hamburg den Bürgereid ab:

„Ich gelobe und schwöre zu Gott, dem Allmächtigen, daß ich der Freien und Hansestadt Hamburg und dem Senat treu und hold seyn, das Beste der Stadt suchen und Schaden von ihr abwenden will, soviel ich vermag; daß ich die Verfassung und die Gesetze gewissenhaft beobachten, alle Steuern und Abgaben, wie sie jetzt bestehen und künftig zwischen dem Senat und der Bürgerschaft vereinbart werden, redlich und unweigerlich entrichten, und dabei, als ein rechtschaffener Mann, niemals meinen Vortheil zum Schaden der Stadt suchen will. So wahr mir Gott helfe!“

In der „Vorschrift für diejenigen die das Bürgerrecht nachsuchen“, einem drei Seiten langen Formular, wurde er unter anderem gefragt, „warum er seinen Geburtsort verlassen“. Handschriftlich trug der Urgroßvater ein: „Weil ich dachte mein Glück hier zu machen.“

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Fremde

schreiben-gegen-rechts

Anna Schmidt aus Berlin hat zu einer Blogparade aufgerufen:

Schreiben gegen Rechts.

Hier ist mein Beitrag dazu:

 

„Fremde sind Leute, die später gekommen sind als wir: in unser Haus, in unseren Betrieb, in unsere Straße, unsere Stadt, unser Land. Die Fremden sind frech; die einen wollen so leben wie wir, die anderen wollen nicht so leben wie wir. Beides ist natürlich widerlich. Alle erheben dabei Ansprüche auf Arbeit, auf Wohnungen und so weiter, als wären sie normale Einheimische. Manche wollen unsere Töchter heiraten, und manche wollen sie sogar nicht heiraten, was noch schlimmer ist. Fremdsein ist ein Verbrechen, das man nie wieder gutmachen kann.“

Ein Auszug aus dem Text „Fremde“ von Gabriel Laub. Welche Worte würde der 1998 gestorbene Satiriker wohl heute wählen, um dem um sich greifenden Fremdenhass die Stirn zu bieten?

*

In der Gesprächsgruppe behandeln wir gerade das Thema Redewendungen. „Jeder Topf findet seinen Deckel.“ J. strahlt. In seiner Heimat, in Syrien, sagt man das auch, und es hat genau dieselbe Bedeutung wie hier. Aber vor allem strahlt J. wohl, weil er seinen Deckel längst gefunden hat. In ein paar Wochen ist Hochzeit. Dann kommt seine Freundin R. „unter die Haube“. Die jungen Männer aus verschiedenen afrikanischen Ländern sowie dem Nahen und Mittleren Osten gucken ratlos. Unter einer Haube kann sich keiner von ihnen etwas vorstellen. Nach einigem Hin und Her verständigen wir uns auf: Kopfbedeckung irgendwo zwischen Mütze und Schal. Jaha, Sprache kennt Grenzen! Manchmal auch die der Gesprächsgruppenleiter. Noch überraschter waren die Teilnehmer ohnehin zu erfahren, dass die Redensart auf eine in Europa bis in die Neuzeit gepflegte Tradition zurückgeht, nach der verheiratete Frauen ihre Haare unter einer Haube verbargen, um auf diese Weise geordnete Zustände, Anständigkeit und Würde zu demonstrieren.

Zu seiner Hochzeit hat J. die anderen aus der Gruppe eingeladen. M. ist dabei, eine Fahrgemeinschaft zu organisieren. M. ist Afghane und Muslim. J. ist Christ. Vielleicht wird das Fest ein bisschen so wie die Feiern in seiner Heimat, an die er sich erinnert, damals vor dem Bürgerkrieg, als es noch keine große Rolle spielte, welcher Religion einer folgte.

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Die Ankunft

Kein Mensch ist zu sehen, als ich die schwere Eingangstür des ehemaligen Hotels aufziehe. „Tür immer geschlossen halten“ lese ich, als ich mich umdrehe, um die Tür zu schließen. Leider nirgends ein Hinweis auf die Veranstaltung, zu der ich angemeldet bin. Nicht so toll organisiert! schießt es mir durch den Kopf. Immer noch ist niemand zu sehen. Unschlüssig drehe ich mich einmal um die eigene Achse, als aus dem Untergeschoss leise Stimmen heraufdringen. Ah, dort also! Eine Treppe tiefer lehnen Frauen und Männer an den Wänden, schemenhaft zu erkennen durch eine weitere Tür, dieses Mal aus Glas, die „immer geschlossen“ zu halten ist. „Hallo“, sage ich. „Bin ich hier richtig…?“ Eine Frage, die so oder so ähnlich auch die stellen, die nach mir eintreffen. Einige der Anwesenden nicken. „Ich glaub schon“, kichern ein paar, während sie das Gewicht einmal mehr auf den anderen Fuß verlagern. Wo nur die Referentin bleibt! Schon zehn Minuten über der Zeit! „Da hätte ich mich mit dem Frühstück nicht so beeilen müssen“, sagt die grauhaarige Dame neben mir.

Wieder geht die Glastür auf. Eine kleine Frau im schwarzen Mantel betritt den Flur. Einen kleinen schwarzen Rollkoffer hinter sich herziehend eilt sie durch das Spalier der Wartenden – und ist auch schon hinter der Tür am Ende des Gangs verschwunden. Was war das denn jetzt? Irritierte Blicke wandern hin und her. Die Gespräche sind schon seit ein paar Minuten verstummt. Schließlich wird die Tür am Ende des Gangs geöffnet. Zögernd treten wir einer nach dem anderen in den Raum dahinter. Ich mag meinen Augen kaum trauen. Was für ein Durcheinander! Gleich links sieht es so aus, als hätte dort ein Sitzkreis entstehen sollen, aber was machen dann all die Tische und Stühle, die nach keiner erkennbaren Ordnung über den Rest des Raums verteilt sind? Einzelne Tische und Stühle. Stühle an Tischen. Stühle, die nach vorne zeigen. Stühle, die nach hinten zeigen. Aber wo ist eigentlich hinten und wo vorn? Gibt es irgendwo eine Mitte? Und was sollen wir tun?

Zwei meiner Mitstreiterinnen haben schweigend in dem angedeuteten Sitzkreis Platz genommen, ein Mann setzt sich auf einen der einzelnen Tische. Ich entscheide mich für einen Stuhl an dem Tisch vor der Säule. Gegenüber lässt sich gerade eine Frau mittleren Alters nieder. Wir schauen in dieselbe Richtung, ohne ein Wort zu wechseln. Am Fenster steht die kleine Frau. Den schwarzen Mantel hat sie inzwischen abgelegt, vermeidet aber weiter jeden Blickkontakt. Jetzt dreht sie sich um, eine Rolle Kreppband und einen Edding in der einen und ein Blatt Papier mit einer hufeisenförmigen Grafik darauf in der anderen Hand. Sie zeigt auf das Papier, dann auf die eigene Brust. Sie reisst ein Stück von dem Kreppband ab, schreibt etwas darauf und klebt den Streifen auf ihren Pulli. Ah, alles klar! Unseren Namen sollen wir aufschreiben. Die Ersten legen gleich los.

Aber halt, da war doch dieses Papier mit dem Hufeisen… In einem äußeren Halbkreis sind Zeichnungen zu erkennen: eine Lampe, ein Schiff, ein Affe, eine Uhr, ein Krokodil, eine Maus, eine Zange… und in einem kleineren inneren Kreis daneben Zeichen, die entfernt an Hieroglyphen erinnern, nur einfacher. Offenbar eine Schrift. Konzentriert starre ich auf das Blatt, noch ist der Groschen nicht ganz gefallen. Um mich herum ist es mucksmäuschenstill. Ob wir wohl…? Vorsichtshalber werfe ich noch einen Blick auf den Busen der kleinen Frau. Tatsächlich, auf dem Kreppband sind einige der hieroglyphenartigen Zeichen zu erkennen! Wir sollen unseren Namen schreiben, aber in der fremden Schrift – heureka! Noch einmal schaue ich mir die Bilder an. Maus – Affe – Rad – Esel – Nuss – Maren. Jetzt noch rasch die zugehörigen Zeichen aufs Kreppband malen, aufkleben, fertig! Puh, geschafft!

Von wegen! Jetzt fängt die kleine Frau an zu sprechen. Aber was sagt sie? Ich verstehe kein Wort. Auch in ihrem Gesicht ist nichts zu erkennen. Ihre Miene ist vollkommen unbewegt, während sie immer weiter spricht. Endlich die Andeutung eines Lächelns. Sie zeigt auf sich, sagt ein paar Laute in der fremden Sprache. Dann zeigt sie auf die Frau mir gegenüber, sagt ein paar Laute, die so ähnlich klingen, nur dass sie am Ende die Stimme hebt. Einmal, zweimal wiederholt die kleine Frau die Prozedur, dann hat meine Nachbarin verstanden: Sie wiederholt den ersten Minisatz und fügt am Ende hinzu: „Anna“. Die kleine Frau lächelt, zum ersten Mal richtig. Nicht alle sind so schnell wie meine Nachbarin. Während einige noch mit dem Minidialog „Ich heiße… Wie heißt du?“ beschäftigt sind, hat die kleine Frau längst weitere Frage-und-Antwort-Sätze eingeführt. „Wie geht es dir? … Mir geht es…“ „Ich bin … Jahre alt. … Wie alt bist du?“ Das Befinden wird durch lebhaftes Mienenspiel angezeigt, das Alter durch in die Höhe gereckte Finger. Die alte Dame, die sich so mit dem Frühstück beeilt hatte, zeigt sieben Mal alle zehn Finger vor und noch ein paar extra.

Der Mann ein paar Tische weiter versteht nicht, dass auch er gerade nach seinem Alter gefragt wird und schweigt beharrlich. Die kleine Frau wiederholt die Frage, der Mann schweigt. Eine Frau gibt ihm Handzeichen, er reagiert nicht. „Dein Alter sollst du sagen“, platzt es schließlich aus ihr heraus. Warum eigentlich hat ihm das keiner von uns ruhig gesagt? Immerhin sprechen wir dieselbe Sprache, und es hat uns auch niemand verboten, sie zu benutzen. – Schnitt. Noch nicht einmal eine halbe Stunde des Seminars über interkulturelle Kommunikation in der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten ist vergangen und wir haben am eigenen Leib erfahren: Man wird nicht als Ausländer geboren.

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Gedankenflüge

P1110462 (2)Das eigentliche Geheimnis des Vogelflugs
ist in der Wölbung des Vogelflügels zu erblicken.

Otto Lilienthal

„Sie haben noch ein bisschen was vor sich, oder?“ Mit einem Blick auf ihren prall gefüllten Rucksack nahm der ältere Herr neben ihr auf der Bank Platz. Sie lächelte vage und murmelte etwas von Training. Ohne zumindest das kleine Set zum Auswandern ging sie nicht einmal spazieren. Menschen, für die Freiheit ein hohes Gut ist, neigten dazu, hatte sie einmal in einem Seminar über Werte gehört.

„Ich habe immer ein Stück Papier dabei“, sagte der Mann, „zweimal gefaltet, so passt es in die Jackentasche. Darauf schreibe ich die Gedanken, die mir unterwegs kommen. Dann kann ich sie vergessen. Es sind ja nicht nur angenehme Gedanken.“ Sie konnte sich keinen besseren Ort vorstellen, um Gedanken freizulassen, als diese Bank hoch über dem Meer. Besonders jetzt im Herbst.

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Das 18. Kamel

P1080864Ein Scheich hatte drei Söhne und 17 Kamele. Er verfügte, dass nach seinem Tod der älteste Sohn die Hälfte, der mittlere Sohn ein Drittel und der jüngste Sohn ein Neuntel seines Besitzes, also der Kamele, erhalten sollte. Nach dem Tod des Scheichs begannen die Söhne, um die Kamele zu streiten, ohne jedoch eine Lösung zu finden. Ein zweiter Scheich ritt auf seinem Kamel vorbei und bot seine Hilfe an, die die drei Brüder gerne annahmen. Der Scheich fügte sein eigenes Kamel zu den 17 Kamelen des Verstorbenen hinzu. Anschließend übergab er dem ältesten Bruder neun Kamele, dem mittleren sechs und dem jüngsten zwei und ritt sodann auf seinem Kamel davon.

Es kann hilfreich sein, ein System für Impulse von außen zu öffnen. Plötzlich entsteht Bewegung. Neue Lösungen scheinen möglich. Ich weiß nicht, von wem die Geschichte mit den Kamelen ursprünglich stammt. Der österreichische Psychotherapeut Paul Watzlawick („Anleitung zum Unglücklichsein“) soll sie gern erzählt haben um zu verdeutlichen, was in einer Therapie passiert. Mir ist das Gleichnis vor Jahren im Rahmen meiner Ausbildung zur Mediatorin zum ersten Mal begegnet und jetzt wieder beim Aufräumen. Ein Königreich für ein Kamel!

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Entwurzelt

Halb schien sie sich an den mächtigen Stamm der Buche zu lehnen, halb den Baum zu umarmen. Wie ein Kind, dachte ich, das mit seinen dünnen kurzen Ärmchen nur einen kleinen Ausschnitt von so einem alten Riesen zu fassen kriegt. Unter dem Tuch, das sie zu einer Art Turban um den Kopf geschlungen hatte, schauten mir zwei dunkle Augen unverwandt entgegen. Vielleicht erwiderte sie auch nur meinen ebenfalls sehr direkten Blick.

Unter den Bäumen habe ich mit meinen Enkeln getanzt, sagte sie, als ich auf gleicher Höhe angekommen war.

Wie schön!

Nein, widersprach sie bestimmt. Meine Tochter hat alle Wurzeln von den Bäumen abgehackt.

Oh… Tochter und Enkel. Wurzeln. Baumstämme. Stammbäume… Als ich noch überlegte, von welchen Wurzeln die alte Frau wohl sprach, huschte ein Lächeln über ihr kleines Gesicht. Überraschend kraftvoll packte sie meine Hand: 1960 war ich mit meinem Mann auf dem Weg nach Istanbul. Er trug mich auf Händen, auch noch nach der Fehlgeburt… 1971 wurde meine Tochter geboren… Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun… Habe ich nicht Recht?

Wenn ich das wüsste. Womöglich ist das auch gar nicht die entscheidende Frage, dachte ich, ganz plötzlich hineinkatapultiert in eigene familiäre Verstrickungen. Da war sie wieder, diese alte Sehnsucht:

„Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.“ Zwei kurze Sätze des persischen Mystikers und Dichters Rumi (1207-1273).

Laut sagte ich: Da braucht man Geduld…

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Resonanzen

Beim Verlassen des Bahnhofs frage ich mich das erste Mal, ob ich jemals hier gewesen bin. Die Innenstadt erscheint mir wie eine einzige Fressmeile. War das damals schon so? Kiloläden. Euroshops. Die jedenfalls gab es ganz sicher noch nicht. An Straßennamen kann ich mich erinnern, nicht aber an das, was ich in den Straßen sehe. Kleiner Kuhberg. Exerzierplatz. Knooper Weg. Jungfernstieg. Hier habe ich mal gewohnt. So viele Kirchen. Aber bei mir läutet nichts. Kaum traue ich mich weiterzugehen. Da, die Nummer 14. Das muss es sein.

P1070600Die Fassade ist in hellen Grautönen gestrichen. Ich hatte sie dunkler in Erinnerung. Die Milchglasscheiben, hinter denen sich das Kontor mit den dunklen Eichenholzwänden verbarg, sind durch Klarglas ersetzt. Einblick erhalte ich trotzdem nicht. Sonnenblenden versperren die Sicht. Das Glasfenster in der Haustür erlaubt immerhin einen verschwommenen Blick in den Flur. Ganz hinten sind gerade noch die schweren Schwingtüren zu erkennen, die lärmend aneinander schlugen, wann immer jemand das Haus betrat oder verließ. Neben dem Eingang die Durchfahrt zum Hof. Die rückwärtigen Fenster sind offenbar nie erneuert worden, aber leider ebenfalls verhängt. So bleibt das alte Bild. Genauer: Hinter hohen Einfachglasfenstern entsteht neu das alte Bild – brauner Klapptisch, braune Klappstühle, die Kommode mit der Doppelkochplatte darauf, Waschbecken und Duschkabine. Das Ganze auf flaschengrünem Linoleum. Nein, stimmt nicht. Der Belag in der „Küche“ war graumeliert, der flaschengrüne gehörte zum Kontor, meinem Wohn- und Schlafzimmer, das inzwischen offenbar von einer IT-Firma genutzt wird. Und die Werkstatt des Tischlers, mit dem ich das Klo auf halber Treppe teilte, beherbergt jetzt ein Atelier. Das Firmenschild auf dem Briefkasten ist schön bunt.

P1070606Welche Wege habe ich damals genommen? Wo habe ich eingekauft? Ich erinnere mich nicht. Am vertrautesten sind mir noch die grünen Oasen in der Nähe: der Park, die Teiche. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite springt in großen Lettern ein Wort ins Auge: RESONANZ. Offensichtlich der Name eines Lokals. Hier will ich Rast machen, wenn schon die Umgebung so wenig Echo auslöst. Ich bestelle ein libanesisches Frühstück und eine Kanne frischen Minzetee. Beides duftet und schmeckt herrlich – und weckt die schönsten Erinnerungen, wenn auch an ganz andere und längst nicht so lang zurückliegende Zeiten.

Schnitt. Meine alte Buchhandlung an der Holtenauer Straße gibt es immer noch. Das heißt: eine Filial-Buchhandlung an der alten Stelle. Auf der kleinen Treppe ganz hinten im Laden meine ich D. stehen zu sehen. „Sagen Sie Ihrem Buchhändler, dass Ihr Leben ohne ihn keinen Sinn hat“, fordert das Verlagsplakat im Schaufenster. Ja, und noch einmal ja! Die Tankstelle eine Ecke weiter ist auch noch da. Das heißt: eine Tankstelle. Ungezählte Male habe ich dort Zigaretten gekauft. Damals. Als ich noch rauchte und es nach 18 Uhr nur an Tankstellen lebenswichtige Dinge zu kaufen gab.

Hier irgendwo muss auch die Kneipe gewesen sein, in der wir uns freitagabends mit der Clique trafen. Aber wo genau? An der Stelle, die die Erinnerung preisgibt, finden sich keine Spuren. Dafür kommt mir das Eckgebäude mit dem Fotostudio ungeheuer bekannt vor. Bilder einer denkwürdigen Silvesterfeier tauchen wie aus dem Nichts auf. Tief in Gedanken schlendere ich weiter, registriere, dass es rechts zu meinem letzten Domizil in dieser Stadt geht. Einem Impuls folgend biege ich nach links ab, quere eine Straße, dann noch eine. Ganz am Ende öffnet sich eine Fensterfront, daneben ein paar steinerne Stufen. „Public House & Music Bar“ lese ich. Das sagt mir nichts. Aber es ist doch unverkennbar: meine alte Kneipe! In der offenen Tür lehnt eine Trittleiter. Ich kann mein Glück kaum fassen. Es ist ja noch früh am Nachmittag.

P1070614Langsam steige ich die Stufen hinauf. „Hallo…?“ „Komm nur rein!“, ruft es von drinnen. „Ich wollte… ich glaube…“, stottere ich. Der lange Tresen, das schummrige Licht, genau wie damals! Nur die Fächer vom Sparclub fehlen. „Stand hier nicht früher Christa hinter dem Tresen?“ frage ich halb mich und halb den Unbekannten vor mir. „Nein, Karl!“, sagt der und grinst. „Aber komm doch erst mal rein.“ Er habe den Laden jetzt seit 15 Jahren, erzählt der Mann, der sich Go nennt. „Davor war hier ein Pakistani. Und davor Karl. Karl Stender.“ Nein, Christa! Nein, Karl! Wir wollen uns ausschütten vor Lachen. Christa und Karl! Christa hinter dem Tresen und Karl, wie er am Stammtisch die Tageseinnahmen zählt. „Bist wohl schon eine Weile nicht mehr hier gewesen“, stellt Go schließlich fest. „So bummelig 25 Jahre“, sage ich.

Viel Zeit in einem Menschenleben. Nicht viel an diesem Ort, der die Jahre praktisch unverändert überdauert hat – sieht man einmal von den Aktgemälden in den hölzernen Rundbögen in der Schankstube ab, die erst der jetzige Inhaber in Auftrag gegeben hat. Voller Begeisterung zieht mich der in die benachbarte Hofdurchfahrt, um mir ein wirklich altes „Gemälde“ zu zeigen: eine Reklame für Kümmel und Bier zu Pfennigbeträgen. Die stammt noch aus der Zeit, als im Hof ein Ausspann betrieben wurde, eine Schankwirtschaft mit der Möglichkeit, Pferde aus Fuhrwerken und Kutschen auszuspannen und vorübergehend unterzustellen. Das Wort „Ausspann“ über der Durchfahrt erinnert daran. Ich nehme es an diesem Tag zum ersten Mal wahr.

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Horizonterweiterung

P1070198Sherlock Holmes und Watson waren unterwegs, um einen wichtigen Fall aufzuklären. Da sie kein Hotelzimmer mehr bekommen hatten, entschlossen sie sich zu zelten. Mitten in der Nacht weckte Sherlock Holmes Watson und fragte ihn: „Lieber Watson, was siehst du – und was bedeutet es für dich?“ Watson antwortete: „Lieber Holmes, ich sehe den Sternenhimmel über uns. Meteorologisch bedeutet es für mich, dass wir morgen gutes Wetter haben werden. Astronomisch bedeutet es für mich, dass wir Lichtjahre von der nächsten Galaxie entfernt sind. Juristisch bedeutet es für mich, dass die Sterne weder Mobilien noch Immobilien sind, sondern zu dem völkerrechtlichen Rechtsinstitut des unveräußerlichen Erbes der Menschheit gehören. Und was, lieber Holmes, bedeutet es für dich?“ „Dass uns jemand, lieber Watson, unser Zelt gestohlen hat.“

Was wir wahrnehmen ist das eine. Die Bedeutung, die es für uns hat, das andere.

P1070201Der kleinen Geschichte von Sherlock Holmes und Watson war ich während meiner Ausbildung zur Mediatorin zum ersten Mal begegnet. Auf dem Osterspaziergang kam sie mir jetzt wieder in den Sinn.

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Was einem so fremd ist

Also, die Geschichte kam mir doch ziemlich spanisch vor. Das hätte ich A., der sie mir erzählt hatte, auch gern gesagt. Die Sache hatte nur einen klitzekleinen Haken: A. war Spanier. Kaum anzunehmen, dass er mich verstanden hätte. Für einen Spanier ist alles Spanische ja alles andere als spanisch und das, was ihm seltsam erscheint – chinesisch. So wie für einen Briten griechisch. Das war schon zu Shakespeares Zeiten so („…those that understood him smiled at one another and shook their heads; but for mine own part, it was Greek to me” lässt der Dichter in der Tragödie des Julius Caesar einen der Verschwörer sagen), und das gilt bis heute. Ich versuche gerade mir vorzustellen, was wohl der englische Finanzminister nach einem Treffen mit seinem griechischen Amtskollegen so sagt respektive denkt…

Aber zurück zu dem, was uns Deutschen fremd ist bzw. war. Ganz sicher ist die Herkunft der Redewendung „Das kommt mir spanisch vor“ zwar nicht, aber es gibt, wie ich bei meinen Recherchen zwischen Wikipedia und dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm feststellte, so etwas wie eine herrschende Meinung. Danach stammt der Ausdruck wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert, als Kaiser Karl V., der seit 1516 spanischer König war, wenige Jahre später erst zum römisch-deutschen König, dann zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde. Der neue Kaiser führte eine Reihe ungewöhnlicher Sitten an seinem Hof ein, unter anderem erklärte er Spanisch zur neuen Verkehrssprache. Kein Wunder, wenn das den Untertanen „spanisch“ vorkam.

Ebenfalls dem Hause Habsburg (allerdings wohl erst nach der Trennung in eine österreichische und eine spanische Linie) verdankt der deutsche Redensarten-Schatz übrigens die in der Bedeutung verwandte Wendung „Das sind böhmische Dörfer für mich“: Während im Kernland des zur Habsburgermonarchie gehörenden Königreichs Böhmen Tschechisch („Böhmisch“) gesprochen wurde, sprach man in den Randgebieten Deutsch. Wer von dort beispielsweise nach Prag reiste, passierte allerlei „böhmische Dörfer“ und andere Fremdartigkeiten. Eines von Christian Morgensterns „Galgenliedern“ erzählt davon:

Palmström reist, mit einem Herrn v. Korf,
in ein sogenanntes Böhmisches Dorf.
Unverständlich bleibt ihm alles dort,
von dem ersten bis zum letzten Wort.
Auch v. Korf (der nur des Reimes wegen
ihn begleitet) ist um Rat verlegen.
Doch just dieses macht ihn blass vor Glück.
Tiefentzückt kehrt unser Freund zurück.
Und er schreibt in seine Wochenchronik:
Wieder ein Erlebnis, voll von Honig!

Der Versuch, A. all dies in (zurückhaltend formuliert) eingerostetem Spanisch zu vermitteln, war herausfordernd, aber der Völkerverständigung durchaus förderlich. Und die Geschichte, die mir so spanisch vorkam? Tut hier weiter nichts zur Sache…