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Friederike im Lavendel

P1140879Was ist  d a s  denn? Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Lavendelblüte im frühen Juni? Und das nicht etwa in Südfrankreich sondern an Hamburgs Süderelbe, gleich hinter dem Deich? Vielleicht Klee? improvisierte die Freundin beim Anblick des wogenden violetten Blütenmeers. Nee, Klee ist doch viel rötlicher! Und auch längst nicht so hoch.

Kein Lavendel, nein, aber olfaktorisch ein ähnlich starkes Erlebnis. Tief in den Ackerfurchen, auf der Suche nach dem schönsten Foto, schlug die Erkenntnis mit der Wucht eines Hammers zu: Schnittlauch! Fehlte eigentlich nur noch das Rührei…

P1070739Das gibt es in dem vermutlich köstlichsten Schnittlauch-Gedicht deutscher Sprache:

Wenn der holde Frühling lenzt
Und man sich mit Veilchen kränzt
Wenn man sich mit festem Mut
Schnittlauch in das Rührei tut
Kreisen durch des Menschen Säfte
Neue ungeahnte Kräfte –
Jegliche Verstopfung weicht,
Alle Herzen werden leicht,
Und das meine fragt sich still:
„Ob mich dies Jahr einer will?“

Von wem das Gedicht ist, wollt ihr wissen? Tja, wenn man das so genau wüsste. Oft wird es Friederike Kempner (1836–1904) zugeschrieben, der Tochter eines schlesischen Rittergutsbesitzers, über deren lyrisches Werk DIE ZEIT am 29. Oktober 1953 einen höchst amüsanten Artikel veröffentlichte. Ich zitiere:

„Ein Leben lang blieb sie unvermählt und lebte nur ihrer unglücklichen Liebe zur Dichtkunst. Als ihre ersten Verse erschienen, dachte man, dies sei bloß eine schlechte Dichtung wie so vieles andere auch. Aber bald witterten die Kenner, dass da ein wahres Genie der unfreiwilligen Komik am Werk war. Man begann, jedes neue Werk der Friederike Kempner zu kaufen, prustete los, wenn ihr wieder einmal ein prächtiger Fauxpas geglückt war, und reichte die Bände einander weiter. Die ehrbare Rittergutsfamilie war verzweifelt. Sie suchte der Bücher Friederikens habhaft zu werden, ehe sie noch zum Käufer gelangten. Aber je größere Auflagen die Familie still aufkaufte, umso mehr fühlte sich der ‚schlesische Schwan’ in seinem Beginnen bestärkt. Friederike dichtete immer eifriger, und bald vermochte die reiche Familie den Wettlauf mit dem missratenen dichtenden Fräulein nicht mehr durchzuhalten. Ein neues Genie des Humors, wenn auch des unfreiwilligen, war der Welt geschenkt.“

So groß war die Begeisterung der „Welt“, dass seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch immer mehr Parodien auf Gedichte Kempners veröffentlicht wurden, über die es bei Wikipedia heißt:

„Diese zahlreichen, oft täuschend echt geratenen Parodien haben seit spätestens der Mitte des 20. Jahrhunderts eine literaturgeschichtlich vielleicht einzigartige Karriere gemacht. Denn in zum Beispiel der von Herrmann Mostar herausgegebenen Ausgabe Friederike Kempner, der schlesische Schwan (zuerst 1953), der von Walter Meckauer ab 1953 verantworteten Edition Die Nachtigall im Tintenfass und auch in Horst Dreschers Ausgabe Das Leben ist ein Gedichte (ab 1971) erschienen diese Parodien nun als vermeintlich originale Gedichte Friederike Kempners, die seither vor allem für jene Texte berühmt geworden ist, die sie nicht geschrieben hat.“

Auch das zitierte Gedicht über Rührei mit Schnittlauch und des Menschen Säfte ist wohl eine dieser Parodien. Wie vieles ist nicht das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

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Im Niemandsland

P1140338P1140325Na, die machen aber wirklich deutlich, dass sie gern mal einen heben! Verblüfft schaue ich auf das ovale Schild an der Hauswand zu meiner Linken. „Freistaat Flaschenhals“ steht dort in dicken Lettern. Dazwischen zwei aufrechte, aber offenbar schon etwas angeschickerte Löwen mit einem Römer in der Pranke, aus dem in hohem Bogen der Rebsaft spritzt. Freundin Anne weiß es besser. Kostverächter lebten hier im Rheingau sicher nicht, stimmt sie mir zu, aber mit dem Freistaat habe es doch eine ganz andere sehr spezielle Bewandtnis. Und während wir im weichen Aprilregen hügelauf und hügelab die Rheinsteig-Etappe von Kaub nach St. Goarshausen laufen, erzählt sie mir die Geschichte, die man für einen Aprilscherz halten möchte, wäre es nicht beinah schon Mai.

P1140329Begonnen hatte es im November 1918 mit dem Waffenstillstandsabkommen von Compiègne, das die Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg beendete. Das Abkommen regelte den vollständigen Abzug aller deutschen Truppen aus den besetzten Gebieten in Belgien, Luxemburg und Frankreich sowie aus Elsass-Lothringen. Außerdem sah es vor, dass die Westmächte das linke Rheinufer und zusätzlich drei rechts des Rheins gelegene Brückenköpfe kontrollierten um zu verhindern, dass das Deutsche Reich die vorhandenen Bodenschätze und Industrieanlagen für eine Wiederaufrüstung nutzte. Bei der Planung der Besatzungszonen zogen die Kartografen um die Städte Köln, Koblenz und Mainz Halbkreise mit einem Radius von jeweils 30 Kilometern in der Annahme, dass diese einander berühren bzw. überlappen würden. Tatsächlich blieb aufgrund eines Rechenfehlers ein Landstreifen vom Rheintal bis hinauf nach Limburg an der Lahn übrig, der zu keinem der Besatzungsgebiete gehörte, aber auch vom Deutschen Reich komplett abgeschnitten war. Geformt war dieses Niemandsland mit etwas Phantasie wie ein Flaschenhals. An der schmalsten Stelle war es nicht einmal einen Kilometer breit, aber von 17.000 Menschen bewohnt, die ohne weiteres bei Asterix und seinen Galliern hätten mitmischen können. Ich zitiere aus einem Beitrag des WDR vom 10. Januar 2009:

karte„Plötzlich vom restlichen Deutschland abgeschnitten und quasi neutral, nutzen die Bürger der Städtchen Kaub und Lorch die kuriose Lage auf ihre Weise. Unter Führung ihres patriotisch gesinnten Bürgermeisters Pnischeck rufen sie am 10. Januar 1919 den ‚Freistaat Flaschenhals‘ aus. ‚Wir wünschen, dass zwischen Bonn und Mainz wenigstens noch ein Streifen wirklichen deutschen Rheines verbleiben soll, frei von jedem welschen Einfluss‘, telegrafiert Pnischeck selbstbewusst an die deutsche Waffenstillstandskommission. Wie ein kleiner König stampft der umtriebige Bürgermeister eine Verwaltungsstruktur für seinen Freistaat aus dem Boden und lässt sogar eigene Geldscheine drucken – mit spöttischen Sprüchen gegen den verhassten ‚Franzmann‘. Seine ‚Untertanen‘, von denen fast jeder einen eigenen Weinberg und meist noch eine Brennerei besitzt, nutzen ihren rechtsfreien Status gehörig aus und beginnen einen regen Schmuggelhandel.

Nachts treiben Bauern ihr Vieh aus den besetzten Gebieten in den Freistaat und werden mit Wein und Schnaps entlohnt. Von den in Lorch vor Anker liegenden Frachtkähnen verschwinden zentnerweise Mehl, Getreide oder Salz und finden auf Knüppelpfaden bei Nacht und Nebel ihren Weg ins Besatzerland. Um die Freistaatler zu schikanieren, stellen die düpierten Franzosen auf ihrer Rheinseite Suchscheinwerfer auf und leuchten in der Nacht das Flussufer ab. Schmuggler entdecken sie dabei selten, dafür aber immer wieder Lorcher Jugendliche, die ihnen mit heruntergelassenen Hosen das Hinterteil entgegenstrecken.“

P1140356Ende Februar 1923 war Schluss mit der Freistaat-Herrlichkeit. Weil das Deutsche Reich mit den Reparationsleistungen von Kohle und Holz nicht nachkam, besetzten alliierte Truppen das Ruhrgebiet und die Franzosen den verhassten Flaschenhals. Als sie im November 1924 schließlich wieder abzogen, ging der Freistaat endgültig in der Weimarer Republik auf. 70 Jahre später besannen sich Winzer, Hoteliers und Gastronomen aus Lorch und Kaub auf das Erbe und gründeten die Freistaat Flaschenhals Initiative – ähnlich selbstbewusst wie die Vorfahren mit einer eigenen Regierung, einem Präsidenten und einem Haufen Ministerien. Wer mag, erkauft sich bei der Initiative, deren Website ich die historische Karte der Brückenköpfe Koblenz und Mainz entnommen habe, die doppelte Staatsbürgerschaft und erhält dafür neben einem Reisepass die Möglichkeit, im Rahmen eines mehrgängigen Menüs regionale Weine und Destillate zu verkosten.

P1140381Den passenden Thron für Freistaatler fanden wir später in Frankfurt in der Mainuferanlage. „Du musst dich schon ordentlich hinstellen“, forderte mich Anne auf, als ich auf dem kalten Sockel aus Sandstein Platz nahm. Ordentlich bedeutete: Wie ein richtiges Denkmal. Ein „Ich-Denkmal“. So heißt die Skulptur des Satirikers und Cartoonisten Hans Traxler. Das imposante Stehen habe ich natürlich versucht, musste aber feststellen: Der Generation Selfie fällt eine ordentliche Siegerpose offenbar leichter als mir.

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Zum Weiterlesen:

Stephanie Zibell, Peter Josef Bahles: Der Freistaat Flaschenhals. Historisches und Histörchen aus der Zeit zwischen 1918 und 1923. Frankfurt am Main 2009.

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Berge, Affen und eine Lok

P1120336Teil zwei des Trekkings im nordäthiopischen Simien-Gebirge,
in dem wir den Wolken mit jedem Schritt näher kommen

Wer früh schlafen geht, wird zeitig wach. Als ich das erste Mal die Nase aus dem Zelt stecke, ruht die Sonne noch hinter den Bergen. Die Bodentemperaturen dürften nicht wesentlich über dem Gefrierpunkt liegen. Raureif bedeckt das Gras auf der Hochebene, und der Schlafsack ist feucht, zum Glück nur von außen. Ein dienstbarer Geist hat eine kleine Schüssel warmen Wassers vor den Eingang gestellt. Ich kann mir nichts Schöneres denken – abgesehen von den leckeren Eierspeisen vielleicht, die der Koch gerade für uns brutzelt. Boiled, scrambled, fried, one side oder auch both, ganz wie es beliebt.

P1120347Bald schon machen wir uns auf den Weg zu den Klippen von Imet Gogo. Zum ersten Mal kratzen wir an der 4000-Meter-Grenze. Die Luft wird spürbar dünn, der Atem und die Beine schwer. Noch immer hängen Wolken und Nebel in den Schluchten. Aber wer wollte bestreiten, dass der Landschaft auch das geheimnisvoll Vage, leicht Melancholische gut zu Gesicht steht?

P1120397Kaum zurück im Camp, reicht die Zeit gerade noch für eine Katzenwäsche im eiskalten Jinbar River. Dann bricht auch schon heftiger Regen über uns herein. Ich verbringe Stunden lesend im Zelt. Draußen ist es so nass, dass man keinen Hund vor die Wellblechhütte jagen würde, in der der Koch wieder einmal Wunder vollbringt. Die Laune einiger meiner Reisegefährten befindet sich im freien Fall, die Guides inspizieren mit sorgenvoller Miene die Zelte.

P1120418Bevor die Bodenplanen ganz durchweicht sind, hat der äthiopische Regengott glücklicherweise ein Einsehen. Und so stimmungsvoll das leicht Dräuende ist: Klare oder doch beinahe klare Sicht mindert die Schönheit der Simien Mountains gewiss nicht, wie wir am nächsten Tag auf der Wanderung zum Chennek Camp feststellen, wo wir die beiden folgenden Nächte verbringen wollen.

P1120448Über endlose Grasebenen mit Riesenlobelien führt der Weg. Dazwischen Abschnitte mit Busch. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Erika, die an Bäumen wächst. Lange Bartflechten zwischen den Zweigen künden von der Reinheit der Luft.

P1120453Vom Inatye mit seinen gut 4000 Metern öffnet sich der Blick über Anhöhen und Schluchten, die sich am Vortag noch ziemlich bedeckt hielten. Von einem vorgelagerten Hügel dringt leise Flötenmusik zu uns herauf. Spielen die Hirten für sich oder bringen sie uns Touristen ein Ständchen? Einen Teil meines Käsesandwichs verfüttere ich an die schwarzen Krähenvögel mit den imposanten Krummschnäbeln, die ähnlich zutraulich sind wie die Bergpapageien, die in den neuseeländischen Alpen jeden Gipfelstürmer persönlich begrüßen.

P1120478Aber nicht nur schwarze Vögel kreuzen unseren Weg, sondern auch Horden sandfarbener Affen. Von weitem wirken sie wie Steine auf einer Wiese: Dutzende, manchmal Hunderte von Dscheladas, die es nur im äthiopischen Hochland gibt, hocken im gelblichen Grün und stopfen inbrünstig ein Grasbüschel nach dem anderen in die nimmersatten Mäuler.

P1120532Die größeren Männchen tragen eine Löwenmähne, die kahle Brust ist leuchtend rot. Das soll den Weibchen Potenz signalisieren – zugegeben: rote Hinterteile wären bei dieser ausdauernd sitzenden Spezies wenig praktisch – und trug den Tieren auch den Namen „Blutbrustpaviane“ ein.

P1120457Nach mehreren hundert Metern Steilabstieg erreichen wir schließlich das Camp am Rande einer gewaltigen Schlucht. Gleich nach der Verteilung der Zelte suche ich mir einen Platz am Abgrund und schaue zu, wie sich die Wolken in immer neuen Formationen vor die Hänge schieben, wie Felsen und Klippen im weicher werdenden Licht des Spätnachmittags allmählich zu einer Mondlandschaft werden.

P1120549Die größte Herausforderung der Tour wartet am nächsten Tag auf uns: der Aufstieg auf den Bwahit. Mehr als 800 Höhenmeter sind bis zu seinem 4430 Meter hohen Gipfel zu bewältigen, und das nach einer wenig schlafintensiven Nacht. Meine Beine sind schwer wie Blei. Schon bald keuche ich wie eine alte Dampflokomotive, falle nach und nach ein ordentliches Stück hinter die Gruppe zurück. Den Fotoapparat zücke ich vor allem, weil das Bildermachen mir erlaubt, für einen Moment innezuhalten und nach Luft zu schnappen.

P1120555Irgendwann verzichte ich auch auf diese Rechtfertigung, bleibe einfach alle 20 bis 30 Schritte stehen, schaue unbestimmt in die Ferne und hechle, bis sich genügend Luft für die nächsten Schritte in den Lungenfügeln gesammelt hat. Der Scout, der den „Lumpensammler“ macht, wird zu meinem Personal Guide. Geduldig wartet er und lächelt mir aufmunternd zu, wenn die Kräfte wieder einmal zu erlahmen drohen.

P1120561Schließlich erreiche auch ich den Gipfel, kaum 15 Minuten später als die anderen und stolz wie Bolle. Ein Siegerfoto mit Guide und Scout darf da natürlich nicht fehlen.

P1120568Das Gefühl, es geschafft zu haben, ist großartig. Ebenso wie der 360-Grad-Blick über das „Dach Afrikas“, auch wenn es von da oben gar nicht so hoch aussieht – die umliegenden Gipfel sind ja ebenfalls Viertausender. Aber mein allerliebster Ort in den Simien Mountains liegt wohl doch irgendwo in den Hängen und Klippen um Chennek Camp. Da ließe ich mich gern noch einmal nieder, um eine lange Weile auf das steinerne Meer aus Blaugrüngelbgrau zu blicken, während hoch oben, vollkommen schwerelos, eine Gruppe Lämmergeier segelt. So majestätisch, so überirdisch schön, dass es beinahe schon weh tut.

P1120526Und im letzten Licht des Tages würde mir bestimmt wieder einer der seltenen abessinischen Steinböcke über den Weg laufen…

P1120602Mit diesen Aussichten beende ich meine virtuelle Reise durch das äthiopische Hochland. Danke für Ihr und euer Interesse.

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Von Dächern und Menschen

P1120215Aus unserem Hotel fällt der Blick auf graue Wellblechdächer und ebenso graue Betondecken im Rohbau, auf denen noch die Lachen von den Wolkenbrüchen der vergangenen Nacht stehen. Wasserdampf und der Rauch der morgendlichen Holzfeuer vermengen sich zu einer bläulichen Dunstglocke, die tief über dem Städtchen hängt, das wohl kaum ein Äthiopien-Reisender um seiner selbst willen besucht. Debark knappe hundert Kilometer nördlich der alten Kaiserstadt Gondar ist kein Ort zum Verweilen. Jedenfalls nicht im Regen. Aber es gibt dort alles, was man für den Simien Mountains Nationalpark braucht, der wiederum jeden Besuch lohnt.

P1120226Die letzte heiße Dusche für mehrere Tage zum Beispiel. Dann heißt es Gepäck trennen in Mitzunehmendes und Einzulagerndes, während sich Reiseleiter und Koch um die Zelte und den Proviant kümmern. Eintrittskarten erhalten wir im Parkhauptquartier. Den ortskundigen Führer und zwei Scouts mit Maschinenpistolen, die uns auf unserer Trekkingtour durch die Berge begleiten werden, lesen wir unterwegs auf. Und mit ihnen den würzigen Geruch von verbranntem Holz, den auch wir mit jedem Tag mehr am offenen Feuer immer stärker annehmen werden. Der bewaffnete Begleitschutz ist vorgeschrieben, obwohl es im Simien-Gebirge bisher noch keine Überfälle auf ferenji, wie wir Ausländer genannt werden, gab.

P1120311Im Sankaber Camp lädt unser Begleitteam Zelte, Schlafsäcke, Kochutensilien und andere Ausrüstungsgegenstände auf Maultiere, während wir nur mit Tagesrucksäcken auf dem Rücken zum Gich Camp, unserem ersten Etappenziel, aufbrechen. Nicht lange, und wir stehen das erste Mal am Abgrund. Wie ein Warnsignal markieren einzelne gelb-orange Aloe-Vera-Blüten die Abbruchkante, von der es sicher ein paar hundert Meter senkrecht nach unten geht. Hu, nur nicht zu nah herantreten!

P1120260Vulkanausbrüche, Wind und Wasser haben in Millionen von Jahren diese einzigartige Hochgebirgslandschaft aus schroffen Felsen, steilen Klippen und tiefen Schluchten geformt, von der ich träumte, seit ich sie das erste Mal auf den atemberaubenden Schwarzweiß-Fotografien des Brasilianers Sebastião Salgado sah. Nirgendwo sonst in Afrika gibt es ein zusammenhängendes Bergmassiv mit so vielen hohen Gipfeln wie die Simien Mountains, die deshalb auch das „Dach Afrikas“ genannt werden. Mehr als zwanzig ihrer Gipfel überschreiten die 4000er-Marke, der höchste ist der Ras Dashen mit 4533 Metern. Wenn alles gut geht, wollen wir in ein paar Tagen den 4430 Meter hohen Bwahit bezwingen.

P1120262Einen der höchsten Wasserfälle des Nationalparks müssen wir uns an diesem Tag denken. Er ist in den Nebelschwaden, die die Schlucht vor uns komplett verschluckt haben, zwar deutlich zu hören, aber leider nicht zu sehen.

P1120286Auf dem Weg hinauf zum Camp und dem Dorf etwas unterhalb kommen uns immer wieder kleinere Gruppen Einheimischer mit und ohne Maultiere, mit und ohne Schafe, aber immer mit einem freundlichen salam! („Frieden“) entgegen. Wie das Wasser, das sich von überallher seinen Weg hinab zum Tana-See bahnt, scheinen auch die Menschen von den hoch gelegenen Siedlungen hinunter zu den Straßen und Feldern zu strömen, die die Berghänge wie Flickenteppiche bedecken.

P1120303Die Leichtigkeit, mit der sie über die weit auseinander liegenden glitschigen Steine im Jinbar River hüpfen, verrät einige Übung. Etwas weniger anmutig, aber weitgehend trockenes Fußes gelingt es auch uns, den Fluß zu queren.

P1120308Vor uns erhebt sich Gich Village. Das Dorf, das mit seinen traditionellen strohgedeckten Rundhütten wie eine afrikanische Bilderbuch-Siedlung aussieht und irgendwie auch so, als sei es immer schon da gewesen, wird es wohl nicht mehr lange geben. Im kommenden Jahr sollen seine Bewohner in die Nähe von Debark umgesiedelt werden, um dem ausschließlich in den Simien Mountains beheimateten abessinischen Steinbock mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Nur etwa 500 Exemplare dieser vom Aussterben bedrohten Art soll es noch geben. Ob es den Menschen gelingen wird, am neuen Ort Fuß zu fassen?

P1120307In einer Hütte oberhalb des Dorfs suchen wir für einen Augenblick Schutz vor dem Regen, der uns seit der Flussquerung begleitet. Beinahe gleichzeitig bricht schon wieder die Sonne durch und pinselt einen phantastischen Regenbogen an den Rundhorizont.

P1120317Dann ist das Camp erreicht, 3600 Meter über dem Meeresspiegel. Die Zelte sind bereits aufgebaut, wir müssen nur noch einziehen. Mit einem Becher heißen Tee in der Hand schaue ich zu, wie die Sonne die Hochebene in ein fast unwirklich goldenes Licht taucht. Ein wenig abseits der Gruppe ist es ganz still, nur die Schönheit der Landschaft spricht.

P1120326Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, schweigt auch sie. Mit der Dunkelheit bricht schlagartig eisige Kälte herein. Nach einem frühen Abendessen kriechen wir rasch in unsere warmen Schlafsäcke. Die Scouts, die Waffe immer in der Hand, kauern in Decken am Rand der Kochhütte, wenn sie nicht gerade zwischen den Zelten nach dem Rechten sehen.

P1120330Fortsetzung folgt

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Vom Südkap bis Sansibar

P1060678Hui, ist das ein Wetterchen! Schneeregen klatscht mir ins Gesicht, während sich die Brandung gierig in den Sand frißt. Wer hier länger stehen bleibt, riskiert, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

P1060684Zornigen Meeres Gesang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Viele Gedanken, so bang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken…

Auszug aus einem Gedicht von Afanassi Afanassjewitsch Fet (1820 – 1892)

P1060703Ob das Meer wirklich zornig ist? Wahrscheinlich ist es einfach seine Natur, dann und wann nach Herzenslust zu toben. Und wo wir schon dabei sind: Meine Gedanken sind auch weniger bang als – elementar, während ich die Sylter Südspitze umrunde und Kurs Richtung Norden nehme. Aber schön sind sie doch, die Worte dieses Russen, der Goethe und Schopenhauer in seine Sprache übersetzte.

P1060691Das Schneegrieseln ist inzwischen stetem Hagel gewichen, der aber zum Glück von hinten auf die Allwettermontur prasselt, die gerade die vierte Jahreszeit in vier Tagen erlebt. Die Wellen brechen sich an einer Formation bizarrer Betonkegel, die wie von Riesenhand auf den Strand gestreut scheinen, während sich Reetdachhäuser und sogar der Hörnumer Leuchtturm hinter den Dünen ducken.

P1060704Ein paar Stunden und etliche Kilometer später – der Himmel über dem Meer verdüstert sich gerade wieder einmal anthrazitfarben -, macht das erschöpfte Auge eine Fahne im Wind aus. Der erste Buchstabe sieht aus wie ein S. Die Sansibar! Dich schickt der Himmel!

P1060709Und während ich frischen heißen Minzetee schlürfe und den Weltuntergang direkt hinter dem Fenster genieße, mag der geschätze Christian Morgenstern von Sylt-Rantum schwärmen:

Weil ich nur dieses Donnern wieder höre
dies Mahlen einer ungeheuren Mühle,
weil ich nur diesen Flugsand wieder fühle
und dieser Möwen Ruhe wieder störe…

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Sandstrahlpeeling

P1060661Nach vorfrühlingshaftem Nieselregen und beinah schon frühsommerlich-lauen Lüften fegt zur Abwechslung ein veritabler Herbststurm über die Insel. Hu, welch eine Kraft! Die Schirmmütze bis zum oberen Brillenrand herunter- und den Schal bis über die Nasenspitze heraufgezogen traue ich mich mitten hinein in die Sandwehen. Ein Gefühl wie in der Wüste, nur wesentlich lauter. Mit gesenktem Haupt und vorgebeugtem Oberkörper stapfe ich langsam aber stetig auf die horizontale Gewalt zu, während das Gros der wenigen Strandgänger mit dem Naturturbo im Rücken in die entgegengesetzte Richtung trudelt.

Ich glaube, es war an diesem Tag, dass der ältere Herr in der Hotellobby in der Manier älterer Herren witzelte: Ein paar Tage Urlaub im Sylter Reizklima, und seine Frau hätte einen Teint wie ein Babypopo, ganz ohne die teuren Kosmetika.

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Meditation in Gelb-Oliv

P1060504Wie gut, dass das, was die Einheimischen „kein Wind heute“ nannten, zuverlässig von hinten blies! Besonders, weil sich schon nach wenigen hundert Metern „Nur-ein-paar-Tropfen-kaum-der-Rede-wert“ bei „Kein-Wind-heute“ einhakte.

P1060506Man müsste einen Fischer fragen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, wie es in einem japanischen Haiku heißt. Und auch das Rote Kliff über dem Kampener Weststrand verschmilzt mit dem Gelbgrün des Strandgrases zu blassem Rosé.

P1060507Kilometer um Kilometer durch Dünen und Heide in den Norden von Sylt schärfen den Blick für jede Nuance auf der Palette zwischen Hellgelb und Olivgrün. Das linke Ohr ist mit dem Rollen der Brandung beschäftigt, von rechts dringt gelegentlich ein vorbeifahrendes Kraftfahrzeug ins Bewusstsein.

P1060511In vier, fünf Stunden begegnen mir gerade einmal zwei Spaziergänger und ein Fahrradfahrer. „Die Reichen und die Schönen“ sind offenbar zu Hause geblieben. Und die Armen und die Hässlichen auch.

P1060516Insel-Impressionen aus Deutschlands äußerstem Norden. Kein schöner Land in dieser Zeit.

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Taunus to take away

P1030755Mit Freundin A. auf Wandertour im Taunus. Die kleinen Gute-Laune-Portionen hatten schon andere mit auf den Weg genommen, aber die „Quelle“ sprudelte unvermindert frisch den Laternenpfahl herunter, als wir in der prallen Mittagssonne durch Kronbergs Straßen stapften. Berg- und baumschattenwärts natürlich, der kühleren Lüfte wegen.

P1030749Gerade erst hatte ich einen Merkzettel in die Hosentasche geschoben: „Streitkirche“. Wer wollte bestreiten, dass es bei Kirchens nicht immer friedlich zugeht, aber seit wann schreiben sie das auf die Mauern? Inzwischen habe ich mich bei Wikipedia schlauer gemacht. Und wie sie gestritten haben, die Lutheraner und die Katholiken! Reformation, Gegenreformation, Gegen-Gegenreformation… Im Zuge des dritten Versuchs der Re-Katholisierung des Territoriums ordnete der Mainzer Kurfürst 1737 den Bau einer katholischen Kirche in der Stadt Kronberg an – unmittelbar neben der vorhandenen evangelischen. Dass das Ärger geben würde, war ja klar. Die Protestanten wandten sich hilfesuchend an ihren Schutzherrn, den Landgrafen von Hessen-Darmstadt, dieser an das „Corpus Evangelicorum“ beim Reichstag in Regensburg. Ein Prozess vor dem Reichskammergericht endete 1765 mit der Verfügung, den Giebelturm der schon seit 1739 so gut wie fertig gestellten „Streitkirche“ abzubrechen und das Gebäude in einen Zivilbau umzuwandeln. Und dabei sollte es bleiben. Die „Streitkirche“ wurde immer mal wieder umgebaut. Sie diente als Lager, war Gasthaus und beherbergt heute die Hof-Apotheke und ein paar andere Geschäfte. Die Kronberger Katholiken nutzten weiterhin die Burgkapelle. Eine eigene Pfarrkirche konnten sie erst 1877 einweihen.

P1030761Die schönen Zeilen über die Relativität materiellen Besitzes entdeckten wir auf dem Rettershof nördlich von Fischbach, das wiederum zu Kelkheim gehört. (Merkzettel in die Hosentasche!) Noch so ein Ort mit wechselvoller Geschichte: Der Rettershof ist ein ehemaliges Prämonstratenserkloster, der Ortsname Retters bedeutet „Rat Gottes“. Vom 12. Jahrhundert bis 1559 waren dort Ordensfrauen ansässig, später nutzten verschiedene Eigentümer das Anwesen als Hofgut. Heute ist der Rettershof ein Reiterhof und das Schlösschen im englischen Tudorstil gleich oberhalb ein beliebtes Ausflugsziel.

P1030768Wieder zu Hause fand ich noch den Merkzettel „Fischbach“. Der sollte mich daran erinnern, dass in dem Straßendorf offenbar jeder Einwohner eigene Bauvorlieben verwirklichen durfte. Beim Blick über die Zäune stießen wir sogar auf ein Ensemble, das aussah, als hätte jemand versucht, Friedensreich Hundertwasser in Waschbeton nachzuempfinden. Leider ergab die Internet-Recherche hierzu nichts Erhellendes.

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Jogging in the rain

P1000638… mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen:

It rained and rained and rained
The average fall was well maintained
And when the tracks were sloppy bogs
It started raining cats and dogs.
After a drought of half an hour
We had a most refreshing shower
And then, most curious of all
A gentle rain began to fall.
Next day but one was fairly dry
Save for one deluge from the sky
Which wetted the party to the skin
And then at last – the rain set in.

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Das „Regenlied“ fand ich vor Jahren im Gästebuch eines neuseeländischen backpackers. Wir hatten gerade eine mehrtägige Wanderung auf halber Strecke abgebrochen, nachdem eine Sintflut von oben die Wege in sloppy bogs verwandelt hatte. In diesen feuchten Maitagen denke ich oft an unsere Rutschpartie am anderen Ende der Welt und daran, wie der Regenwald immer näher rückte, während wir auf der überdachten Veranda der Herberge hockten und Tag um Tag vergeblich auf Sonne warteten. Sehr viel anders sieht es auch nicht aus, wenn ich heute von meinem Balkon in die tropfnassen Bäume blicke: ein Gefühl wie Hundert Jahre Einsamkeit.