An kaum einem Ort hätte ich gestern Nachmittag lieber sein wollen als an der Alster.
Nach einer Woche novembrig-nieseligen Dauergraus ließ Petrus es noch einmal so richtig krachen.
Manchmal scheint, beinahe überraschend, für einen Moment die Zeit still zu stehen:
wenn die Oberbaumbrücke in spätherbstliches Gegenlicht getaucht ist zum Beispiel,
wenn auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Grabsteine mit Birken verschmelzen,

wenn zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals gerade einmal niemand Verstecken spielt
und sich auch auf dem Gendarmenmarkt die allgegenwärtigen Unterschriftensammler trollen.
Mit diesen Impressionen endet meine kleine Berlin-Reihe. Eine schöne neue Woche euch allen!
– Sag schon, wie findest du mich? Gefällt dir mein Kleid?
– Gut, ja. Äh… ich trag ja selbst meistens Hosen…
Ob Adorno Kostüme mochte? Sie nimmt sich vor, das zu recherchieren.
– Hier sind wir groß geworden. Hier wollen wir alt werden.
– Ja, stimmt: Gentrifizierung ist ein Problem. Aber das sieht hier schon arg runtergekommen aus, finde ich…
– Keine Schönheits-OPs!
Schönheits-OP? denkt sie. Wohl eher eine am offenen Herzen…
Der Aussage kann sie ohne Wenn und Aber zustimmen. Hos geldiniz, herzlich willkommen, steht an dem Haus, das mit seinen Erd-, Wasser- und Himmelfarben dem Auge für einen Moment Ruhe bietet. Es wird der letzte sein bis zum Ende der langen Straße. Jeder Quadratmeter Fassade ist mit Graffiti bemalt und besprüht. Sie staunt: Was für ein Bedürfnis, sich mitzuteilen! Immerzu nimmt in dieser Stadt einer Stellung. Immerzu fordert einer, Stellung zu beziehen.
– Bühne ist jede Sekunde im Leben, Meinung geben!
Sie muss lachen. In einem Hinterhof schwebt, leuchtend blau-rot-gelb, eine Art Berlin-Essenz vor ihren Augen.
Sie schließt die Haustür hinter sich, schiebt die Kapuze über den Kopf und betritt den Tag.
Verrückt, denkt sie. Sogar Strategien, wie man am besten mit ihr umgeht, schreibt diese Stadt noch an die Wand.
Der allererste Eindruck: Himmel, was wird in der City gebaut! Kräne, so weit das Auge reicht. Der „Telespargel“ – nur noch eine Stange im Salat. Rohre verschmelzen mit der Umgebung zu farblich fein abgestimmten grafischen Mustern.
Ein Hauch Vergänglichkeit haftet den meisten an, aber immer auch dieses selbstbewusste „Yes we can!“ Und Baumeister Schinkel hat alles im Blick.
Ein paar Ecken weiter ruft ein Kind: „Mama, was macht denn der gelbe Mann da?“
Fischerinsel? brummelt der Mittfünfziger im roten Anorak. Kennen Sie die? Er schaut an mir vorbei, während er fragt.
Ja, sage ich, gleich da vorn.
Da soll es ein öffentliches Bad geben, sagt er und lässt den Blick kreisen.
Kann sein, sage ich. Das kenne ich nicht. Aber die Fischerinsel ist die nächste Straße rechts.
Muss ja hier irgendwo sein, sagt er, als spräche ich Kisuaheli. Plötzlich, strahlend: Sehen Sie, da drüben, die Fischerinsel-Passage! Dann kann es nicht weit sein. Und weg ist er.
Bekenntnis 1: Viel mehr Straßen kenne ich in dieser Ecke Berlins selbst nicht mit Namen. Im Supermarkt an der Fischerinsel habe ich in den vergangenen Tagen ein paar Mal eingekauft. Auf Kurzbesuch in der Hauptstadt.
Bekenntnis 2: Manchmal bin ich besonders froh, eine Frau zu sein. Man kann zum Beispiel ohne Gesichtsverlust jemanden nach dem Weg fragen, wenn man sich nicht auskennt. Oder einfach eine Weile herumstreifen und schauen, was einem so begegnet. Ganz nach Belieben. Eine Auswahl meiner Eindrücke von Berlin gibt es demnächst hier zu sehen. Für heute: Schönes Wochenende!
When I see birches bend to left and right
Across the lines of straighter darker trees,
I like to think some boy’s been swinging them.
But swinging doesn’t bend them down to stay.
I’d like to get away from earth a while
And then come back to it and begin over.
May no fate willfully misunderstand me
And half grant what I wish and snatch me away
Not to return. Earth’s the right place for love:
I don’t know where it’s likely to go better.
I’d like to go by climbing a birch tree,
And climb black branches up a snow-white trunk
Toward heaven, till the tree could bear no more,
But dipped its top and set me down again.
That would be good both going and coming back.
One could do worse than be a swinger of birches.
Aus: Robert Frost „Birches“
Das Wittmoor nördlich von Hamburg lohnt zu jeder Jahreszeit einen Besuch. Die Bilder entstanden auf einem Spaziergang Anfang Oktober. Gerade fiel mir das passende Gedicht in die Hände: „Birken“ von Robert Frost. One could do worse than be a swinger of birches. Definitely.
Freiluftmittagessen mit der Patentante. Fast schon November und noch so warm. Bis die Schatten mählich in die Knochen kriechen. Zeit für eine Runde Herbstzeitlose im Park.
Wenn ich nochmal auf die Welt komme, dann nur als Emilia Nolde… Und nein, ich habe nicht nachgeholfen, die Farben waren wirklich so.