Punk ist das, was im Kopf passiert, nicht das, was man am Körper trägt.
Rodrigo González, Die Ärzte
Des Vogels Aug verschleiert sich;
er sinkt in Schlaf auf seinem Baum.
Der Wald verwandelt sich in Traum
und wird so tief und feierlich.
Der Mond, der stille, steigt empor:
Die kleine Kehle zwitschert matt.
Im ganzen Walde schwingt kein Blatt.
Fern läutet, fern, der Sterne Chor.
Christian Morgenstern: Traumwald
So hübsch hatten sich die Mädels gemacht. Gebannt studierten sie die Liste der ankommenden Schiffe in den Aushang-Kästen. Bestimmt war der Herzallerliebste an Bord. A. grinste über die Söckchen der Damen zur Linken. C. meinte sich zu erinnern, dass seine Mutter damals kürzere Kleider getragen hatte. Schuhe wie die der Frau ganz rechts verband er ohnehin eher mit der Großmutter. Mir waren die Schuhe noch nicht einmal aufgefallen. Fasziniert starrte ich auf die Naht und die hochgezogene Ferse in den Seidenstrümpfen darüber…
Die Aufnahme ist eine meiner liebsten in der Ausstellung „Das photographische Werk“ von Franz Hubmann. Noch bis zum 7. Februar 2015 sind die Fotografien des österreichischen Bildjournalisten in der Flo Peters Gallery im Hamburger Chilehaus zu sehen. Die Schwarzweiß-Bilder aus den 1950er Jahren zeigen zum Großteil Szenen aus dem Hamburger Hafen.
Nach dem Besuch der Ausstellung gingen wir essen, was hier weiter nichts zur Sache tut. Anders als die Schaufenster, die uns unterwegs begegneten. Die hätten auch aus den Fünfzigern sein können, wären die angebotenen Waren in D-Mark statt in Euro ausgezeichnet gewesen. Wer malt heute noch solche Preisschilder! freute sich C. Unterstreichungen mit dem Lineal, die nur bedingt zur Linie der Schrift darüber passen, signalrote Ecken, ebenfalls mit dem Lineal gezogen und von Hand ausgemalt. Jede Ecke ein Unikat. Und dazu diese entzückende Weihnachtsdeko…
Vor vielen Jahren habe ich eine Zeitlang in Kiel gelebt. Ich lernte schnell: Wenn das Wetter gut war, ließ man am besten sofort alles stehen und eilte nach draußen. Am nächsten Tag – ach, was sage ich: Stunden später! – konnte die Welt schon wieder ganz anders aussehen. An einen Sommer erinnere ich mich, da ließen wir Tag für Tag alles stehen, weil jeder der letzte hätte sein können. Und es ging immer weiter…
Entweder Husum, Storms „graue Stadt am grauen Meer“. Oder ein Spaziergang durchs Moor. Kein anderer Ort. Nicht heute in diesem sonnedurchwirkten Wattenebel, in dem sich der November von seiner schönsten Seite zeigte.
Nur ein paar „alte Weiber“ weben emsig Kollier um Kollier.
Wie aus dem Modellbaukasten wirkt das ehrwürdige Rathaus von hier oben, 545 Stufen über dem Erdboden. Hafenkräne und Fabrikschornsteine verschmelzen mit dem Horizont. Noch einmal bricht die Novembersonne durch die Wolken und taucht die Stadt in ein beinahe surreales Licht.
Es gibt einige schöne Blicke auf Hamburg. Zu den spektakulärsten zählen für mich die entrückten weiten durch die Bullaugen im Turm von St. Petri. Die Scheiben könnten mal geputzt werden, sicher. Aber das ist Klagen auf hohem Niveau.