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Manchmal noch

Manchmal noch empfind ich völlig jenen
Kinder-Jubel, ihn:
da ein Laufen von den Hügellehnen
schon wie Neigung schien.

Da Geliebt-Sein noch nicht band und mühte,
und beim Nachtlicht-Schein
sich das Aug schloss wie die blaue Blüte
von dem blauen Lein.

Und da Lieben noch ein blindes Breiten
halber Arme war -,
nie so ganz um Einen, um den Zweiten:
offen, arm und klar.

Rainer Maria Rilke: Aus dem Nachlass des Grafen C. W. (Auszug)

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Aus Schweigen gesponnen

p1060011Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

Mascha Kaléko: Mein schönstes Gedicht

p1060039Halten
dein Haar mit zwei Fingern
deine Schultern – dein Knie – deinen Fuß
Sonst nichts mehr halten
keinen Trumpf – keine Reden
keinen Stecken und Stab und keine Münze im Mund

Erich Fried: Halten (Auszug)

p1050990Wenn dir das noch nicht still genug ist, folgst du vielleicht für einen Moment dem berühmtem Stück 4’33 des amerikanischen Komponisten John Cage. Spürst all den Geräuschen nach, die plötzlich hörbar werden, weil die Musik fehlt. Lauschst dem stillen Lied, das jederzeit Form annehmen könnte. Es ist ja alles bereit.

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Singing in the rain

P1050389Und der Regenriese,
Der Blauhimmelhasser,
Silbertropfenprasser,
Niesend faßt er in der Bäume Mähnen,
Lustvoll schnaubend in dem herrlich vielen Wasser.

Und er lacht mit fröhlich weißen Zähnen
Und mit kugelrunden, nassen Freudentränen.

Aus: Clemens Brentano „Fröhlicher Regen“

Ich kann die meiste Zeit gut auf Regen verzichten, aber diese Zeilen von Clemens Brentano mag ich sehr. Zusammen mit den tanzenden Stühlen zauberten sie mir für einen Augenblick den lustvoll Regen-steppenden Gene Kelly vors innere Auge.

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Zwischen Himmel und Erde

p1160798wo Räume weit werden

p1160793und Grenzen verschwimmen

p1160797Fürchte nie, zu überraschen.
Das „harmonische Gesetz“
ist ein Netz mit güldnen Maschen.
Du sei wider jedes Netz.

Denn allein das einzig Deine,
Deines Wesens letzter Schluss,
ist das unersetzlich Eine,
was ich von dir fordern muss.

Christian Morgenstern: Suprema Lex

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Herbstbild

dsc_2253Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

dsc_2280O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel: Herbstbild

dsc_2174Ach, wie ich dieses Gedicht liebe!

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Dahinter wird Stille

P1050963

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke: Zum Einschlafen zu sagen

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Gedankenflüge

P1110462 (2)Das eigentliche Geheimnis des Vogelflugs
ist in der Wölbung des Vogelflügels zu erblicken.

Otto Lilienthal

„Sie haben noch ein bisschen was vor sich, oder?“ Mit einem Blick auf ihren prall gefüllten Rucksack nahm der ältere Herr neben ihr auf der Bank Platz. Sie lächelte vage und murmelte etwas von Training. Ohne zumindest das kleine Set zum Auswandern ging sie nicht einmal spazieren. Menschen, für die Freiheit ein hohes Gut ist, neigten dazu, hatte sie einmal in einem Seminar über Werte gehört.

„Ich habe immer ein Stück Papier dabei“, sagte der Mann, „zweimal gefaltet, so passt es in die Jackentasche. Darauf schreibe ich die Gedanken, die mir unterwegs kommen. Dann kann ich sie vergessen. Es sind ja nicht nur angenehme Gedanken.“ Sie konnte sich keinen besseren Ort vorstellen, um Gedanken freizulassen, als diese Bank hoch über dem Meer. Besonders jetzt im Herbst.