Flirrende Birken.
Der Ruf früher Kraniche.
Sonst nichts als Stille.
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Aschermittwoch
Vorhin in der Buchhandlung um die Ecke. „Wollen Sie Bilder vom Karneval sehen?“ fragt mich der Buchhändler. „Muss nicht“, antworte ich und lächle verbindlich. „Ach, kommen Sie, sagen Sie ja!“ Und schon flimmern phantasievoll bemalte Gesichter über den Monitor, auf dem sonst nur die Maske für die Buchbestellungen zu sehen ist. Der Buchhändler ging als Geisha – soviel sei verraten. Die knallroten Pumps standen noch unter dem Ladentisch. Da behaupte noch mal einer, wir Norddeutschen hätten keinen Sinn für Humor…
Strichcodes
Reading Wondratschek
Sie war nicht mehr jung genug
für falsche Entscheidungen.
Ich war immer schon die, die sich jetzt tötet.
Ich habe aufgehört, etwas zu wollen,
krank vom Gekreisch der Kraft.
Du hörst einen Menschen weinen; das bist du.
Du hörst deinem eigenen Weinen bald ohne Tränen zu.
Als die Farben von der Liebe fielen,
war sie zum Berühren viel zu schwer.
Aus: Wolf Wondratschek: „Mein Tod. Requiem in memoriam Jane S.“
Winter, ganz zart
Gefroren hat es heuer
noch gar kein festes Eis;
das Büblein steht am Weiher
und spricht so zu sich leis:
Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen.-
Wer weiß?
Aus: Friedrich Güll „Vom Büblein auf dem Eis“
Vor ein paar Tagen hielt der Winter nun auch in Hamburg Einzug – und verwandelte den Stadtparksee mit himmlischer Beleuchtungshilfe in einen gigantischen Malgrund im Freien.
Vom Südkap bis Sansibar
Hui, ist das ein Wetterchen! Schneeregen klatscht mir ins Gesicht, während sich die Brandung gierig in den Sand frißt. Wer hier länger stehen bleibt, riskiert, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Zornigen Meeres Gesang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Viele Gedanken, so bang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken…
Auszug aus einem Gedicht von Afanassi Afanassjewitsch Fet (1820 – 1892)
Ob das Meer wirklich zornig ist? Wahrscheinlich ist es einfach seine Natur, dann und wann nach Herzenslust zu toben. Und wo wir schon dabei sind: Meine Gedanken sind auch weniger bang als – elementar, während ich die Sylter Südspitze umrunde und Kurs Richtung Norden nehme. Aber schön sind sie doch, die Worte dieses Russen, der Goethe und Schopenhauer in seine Sprache übersetzte.
Das Schneegrieseln ist inzwischen stetem Hagel gewichen, der aber zum Glück von hinten auf die Allwettermontur prasselt, die gerade die vierte Jahreszeit in vier Tagen erlebt. Die Wellen brechen sich an einer Formation bizarrer Betonkegel, die wie von Riesenhand auf den Strand gestreut scheinen, während sich Reetdachhäuser und sogar der Hörnumer Leuchtturm hinter den Dünen ducken.
Ein paar Stunden und etliche Kilometer später – der Himmel über dem Meer verdüstert sich gerade wieder einmal anthrazitfarben -, macht das erschöpfte Auge eine Fahne im Wind aus. Der erste Buchstabe sieht aus wie ein S. Die Sansibar! Dich schickt der Himmel!
Und während ich frischen heißen Minzetee schlürfe und den Weltuntergang direkt hinter dem Fenster genieße, mag der geschätze Christian Morgenstern von Sylt-Rantum schwärmen:
Weil ich nur dieses Donnern wieder höre
dies Mahlen einer ungeheuren Mühle,
weil ich nur diesen Flugsand wieder fühle
und dieser Möwen Ruhe wieder störe…
Sandstrahlpeeling
Nach vorfrühlingshaftem Nieselregen und beinah schon frühsommerlich-lauen Lüften fegt zur Abwechslung ein veritabler Herbststurm über die Insel. Hu, welch eine Kraft! Die Schirmmütze bis zum oberen Brillenrand herunter- und den Schal bis über die Nasenspitze heraufgezogen traue ich mich mitten hinein in die Sandwehen. Ein Gefühl wie in der Wüste, nur wesentlich lauter. Mit gesenktem Haupt und vorgebeugtem Oberkörper stapfe ich langsam aber stetig auf die horizontale Gewalt zu, während das Gros der wenigen Strandgänger mit dem Naturturbo im Rücken in die entgegengesetzte Richtung trudelt.
Ich glaube, es war an diesem Tag, dass der ältere Herr in der Hotellobby in der Manier älterer Herren witzelte: Ein paar Tage Urlaub im Sylter Reizklima, und seine Frau hätte einen Teint wie ein Babypopo, ganz ohne die teuren Kosmetika.
Aus Schaum geboren
Meditation in Gelb-Oliv
Wie gut, dass das, was die Einheimischen „kein Wind heute“ nannten, zuverlässig von hinten blies! Besonders, weil sich schon nach wenigen hundert Metern „Nur-ein-paar-Tropfen-kaum-der-Rede-wert“ bei „Kein-Wind-heute“ einhakte.
Man müsste einen Fischer fragen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, wie es in einem japanischen Haiku heißt. Und auch das Rote Kliff über dem Kampener Weststrand verschmilzt mit dem Gelbgrün des Strandgrases zu blassem Rosé.
Kilometer um Kilometer durch Dünen und Heide in den Norden von Sylt schärfen den Blick für jede Nuance auf der Palette zwischen Hellgelb und Olivgrün. Das linke Ohr ist mit dem Rollen der Brandung beschäftigt, von rechts dringt gelegentlich ein vorbeifahrendes Kraftfahrzeug ins Bewusstsein.
In vier, fünf Stunden begegnen mir gerade einmal zwei Spaziergänger und ein Fahrradfahrer. „Die Reichen und die Schönen“ sind offenbar zu Hause geblieben. Und die Armen und die Hässlichen auch.
Insel-Impressionen aus Deutschlands äußerstem Norden. Kein schöner Land in dieser Zeit.








