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Mai an der Waterkant

P1140471Eben noch schwammen Mädchen wie Fische durch die Straßen. Heiter, sommerleicht.

P1140433Ein vergessener Pinocchio trocknete, wohl nicht zum ersten Mal, auf einer Friedhofsbank.

P1140559Pastellfarbene Wellen fluteten Parks und Gärten, als gäbe es kein Morgen.

P1140663Unter dräuenden Wolken setzten Außerirdische bunte Kapseln auf den Strand.

P1140537An einem anderen Wasser legten sich Männer ins Zeug, um vor dem Regen das neue Ufer zu erreichen.

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Mir zur Feier

P1140492Das sind die Stunden, da ich mich finde.
Dunkel wellen die Wiesen im Winde,
allen Birken schimmert die Rinde,
und der Abend kommt über sie.

Und ich wachse in seinem Schweigen,
möchte blühen mit vielen Zweigen,
nur um mit allen mich einzureigen
in die einige Harmonie…

Aus: Rainer Maria Rilke „Mir zur Feier. Gebete der Mädchen zur Maria“

Was macht ein Bild zu einem Lieblingsbild? Von allen Gemälden in der Hamburger Kunsthalle hatte es C. dieses eine angetan. So fasziniert war ich von der Harmonie, die sich zwischen Betrachter und Objekt einstellte, dass ich nicht einmal nachgesehen habe, wer die prachtvolle Blüte gemalt hat.

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Tagnachtlampe

P1140475Korf erfindet eine Tagnachtlampe,
die, sobald sie angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

Als er sie vor des Kongresses Rampe
demonstriert, vermag
niemand, der sein Fach versteht,
zu verkennen, dass es sich hier handelt –

(Finster wirds am hellerlichten Tag,
und ein Beifallssturm das Haus durchweht.)
(Und man ruft dem Diener Mampe:
„Licht anzünden!“) – dass es sich hier handelt

um das Faktum: dass gedachte Lampe,
in der Tat, wenn angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

Christian Morgenstern: Die Tagnachtlampe

P1140475Genau so kam es mir vor, als ich vor ein paar Tagen durch eine Autobahnunterführung in Hamburg-Wilhelmsburg radelte. Wir befanden uns kalendarisch zwar schon mitten in den Eisheiligen – man schrieb den Heiligen Servatius, um genau zu sein -, aber hier im Norden war nicht nur hellerlichter Tag, tatsächlich war es auch immer noch sommerlich warm. Nun ist auch die Kalte Sophie gegangen. Ihre Kälte hat sie uns zurückgelassen – und irgendjemand knipst gefühlt alle paar Minuten die Tagnachtlampe an und aus. Aprilwetter.

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Nimm mich mit, Kapitän…

P1140445… auf die Reise! An der Elbe kann einem manches Mal ganz fernweh ums Herz werden. Die traditionelle Auslaufparade  der kleinen und großen, der alten und neueren Schiffe zum Abschluss des Hamburger Hafengeburtstags ist so ein Anlass.

P1140463Direkt hinein in die Sonne ging am späten Sonntagnachmittag die Fahrt. Bis alle Masten hinter dem Horizont verschwunden waren, hatten die kleineren Sehleute ihre Aufmerksamkeit längst wieder dem allfälligen Ausbaggern des Stroms und der Fotografin den Achtersteven zugewandt.

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Im Niemandsland

P1140338P1140325Na, die machen aber wirklich deutlich, dass sie gern mal einen heben! Verblüfft schaue ich auf das ovale Schild an der Hauswand zu meiner Linken. „Freistaat Flaschenhals“ steht dort in dicken Lettern. Dazwischen zwei aufrechte, aber offenbar schon etwas angeschickerte Löwen mit einem Römer in der Pranke, aus dem in hohem Bogen der Rebsaft spritzt. Freundin Anne weiß es besser. Kostverächter lebten hier im Rheingau sicher nicht, stimmt sie mir zu, aber mit dem Freistaat habe es doch eine ganz andere sehr spezielle Bewandtnis. Und während wir im weichen Aprilregen hügelauf und hügelab die Rheinsteig-Etappe von Kaub nach St. Goarshausen laufen, erzählt sie mir die Geschichte, die man für einen Aprilscherz halten möchte, wäre es nicht beinah schon Mai.

P1140329Begonnen hatte es im November 1918 mit dem Waffenstillstandsabkommen von Compiègne, das die Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg beendete. Das Abkommen regelte den vollständigen Abzug aller deutschen Truppen aus den besetzten Gebieten in Belgien, Luxemburg und Frankreich sowie aus Elsass-Lothringen. Außerdem sah es vor, dass die Westmächte das linke Rheinufer und zusätzlich drei rechts des Rheins gelegene Brückenköpfe kontrollierten um zu verhindern, dass das Deutsche Reich die vorhandenen Bodenschätze und Industrieanlagen für eine Wiederaufrüstung nutzte. Bei der Planung der Besatzungszonen zogen die Kartografen um die Städte Köln, Koblenz und Mainz Halbkreise mit einem Radius von jeweils 30 Kilometern in der Annahme, dass diese einander berühren bzw. überlappen würden. Tatsächlich blieb aufgrund eines Rechenfehlers ein Landstreifen vom Rheintal bis hinauf nach Limburg an der Lahn übrig, der zu keinem der Besatzungsgebiete gehörte, aber auch vom Deutschen Reich komplett abgeschnitten war. Geformt war dieses Niemandsland mit etwas Phantasie wie ein Flaschenhals. An der schmalsten Stelle war es nicht einmal einen Kilometer breit, aber von 17.000 Menschen bewohnt, die ohne weiteres bei Asterix und seinen Galliern hätten mitmischen können. Ich zitiere aus einem Beitrag des WDR vom 10. Januar 2009:

karte„Plötzlich vom restlichen Deutschland abgeschnitten und quasi neutral, nutzen die Bürger der Städtchen Kaub und Lorch die kuriose Lage auf ihre Weise. Unter Führung ihres patriotisch gesinnten Bürgermeisters Pnischeck rufen sie am 10. Januar 1919 den ‚Freistaat Flaschenhals‘ aus. ‚Wir wünschen, dass zwischen Bonn und Mainz wenigstens noch ein Streifen wirklichen deutschen Rheines verbleiben soll, frei von jedem welschen Einfluss‘, telegrafiert Pnischeck selbstbewusst an die deutsche Waffenstillstandskommission. Wie ein kleiner König stampft der umtriebige Bürgermeister eine Verwaltungsstruktur für seinen Freistaat aus dem Boden und lässt sogar eigene Geldscheine drucken – mit spöttischen Sprüchen gegen den verhassten ‚Franzmann‘. Seine ‚Untertanen‘, von denen fast jeder einen eigenen Weinberg und meist noch eine Brennerei besitzt, nutzen ihren rechtsfreien Status gehörig aus und beginnen einen regen Schmuggelhandel.

Nachts treiben Bauern ihr Vieh aus den besetzten Gebieten in den Freistaat und werden mit Wein und Schnaps entlohnt. Von den in Lorch vor Anker liegenden Frachtkähnen verschwinden zentnerweise Mehl, Getreide oder Salz und finden auf Knüppelpfaden bei Nacht und Nebel ihren Weg ins Besatzerland. Um die Freistaatler zu schikanieren, stellen die düpierten Franzosen auf ihrer Rheinseite Suchscheinwerfer auf und leuchten in der Nacht das Flussufer ab. Schmuggler entdecken sie dabei selten, dafür aber immer wieder Lorcher Jugendliche, die ihnen mit heruntergelassenen Hosen das Hinterteil entgegenstrecken.“

P1140356Ende Februar 1923 war Schluss mit der Freistaat-Herrlichkeit. Weil das Deutsche Reich mit den Reparationsleistungen von Kohle und Holz nicht nachkam, besetzten alliierte Truppen das Ruhrgebiet und die Franzosen den verhassten Flaschenhals. Als sie im November 1924 schließlich wieder abzogen, ging der Freistaat endgültig in der Weimarer Republik auf. 70 Jahre später besannen sich Winzer, Hoteliers und Gastronomen aus Lorch und Kaub auf das Erbe und gründeten die Freistaat Flaschenhals Initiative – ähnlich selbstbewusst wie die Vorfahren mit einer eigenen Regierung, einem Präsidenten und einem Haufen Ministerien. Wer mag, erkauft sich bei der Initiative, deren Website ich die historische Karte der Brückenköpfe Koblenz und Mainz entnommen habe, die doppelte Staatsbürgerschaft und erhält dafür neben einem Reisepass die Möglichkeit, im Rahmen eines mehrgängigen Menüs regionale Weine und Destillate zu verkosten.

P1140381Den passenden Thron für Freistaatler fanden wir später in Frankfurt in der Mainuferanlage. „Du musst dich schon ordentlich hinstellen“, forderte mich Anne auf, als ich auf dem kalten Sockel aus Sandstein Platz nahm. Ordentlich bedeutete: Wie ein richtiges Denkmal. Ein „Ich-Denkmal“. So heißt die Skulptur des Satirikers und Cartoonisten Hans Traxler. Das imposante Stehen habe ich natürlich versucht, musste aber feststellen: Der Generation Selfie fällt eine ordentliche Siegerpose offenbar leichter als mir.

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Zum Weiterlesen:

Stephanie Zibell, Peter Josef Bahles: Der Freistaat Flaschenhals. Historisches und Histörchen aus der Zeit zwischen 1918 und 1923. Frankfurt am Main 2009.

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Halt dich warm

P1010674Alles an ihm war alt, nur die Augen nicht, und die hatten dieselbe Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.

„Halt dich warm, alter Mann“, sagte der Junge. „Vergiss nicht, wir haben September.“ „Der Monat, wenn die großen Fische kommen“, sagte der alte Mann. „Im Mai kann jeder ein Fischer sein.“

Frühe Sätze in Ernest Hemingways Erzählung „Der alte Mann und das Meer“. Die späten klingen so:

Er spürte, er war jetzt in der Strömung, und er konnte die Lichter der Siedlungen an der Küste sehen. Er wusste jetzt, wo er war, und würde bald zu Hause sein. Der Wind ist jedenfalls unser Freund, dachte er. Und meinte dann: manchmal. Und die große See mit unseren Freunden und unseren Feinden. Und das Bett, dachte er. Das Bett ist mein Freund. Nur das Bett, dachte er. Das Bett wird herrlich sein. Es macht nichts, wenn man besiegt ist, dachte er. Ich habe nie gewusst, wie wenig das macht.

Dazwischen das tagelange Ringen mit dem Riesenfisch, der Verlust der Beute. Der Trophäe? Ich weiß noch, wie mich Hemingways buchgewordene Ideale der Männlichkeit als sehr junge Frau manchmal genervt haben. Gerade lese ich einige seiner Erzählungen wieder – und freue mich an der klaren schnörkellosen Sprache.

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Spring is in the air

440px-H_Hoffmann_Struwwel_03Das Buch würde ich bestimmt keinem Kind in die Hand drücken. Viel zu gruselig sind die Geschichten darin, viel zu gruselig die Folgen, die der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann 1845 unter dem Titel Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren an den Rundhorizont eines jeden Kindes pinselte, das nicht „brav“ sein, das nicht auf seine Eltern hören wollte. Ich bin noch mit all diesen Geschichten aufgewachsen: Vom Fliegenden Robert, der mit seinem Regenschirm auf Nimmerwiedersehen davongetragen wird, weil er trotz Verbots im Sturm auf die Straße geht. Vom Daumenlutscher, dem der Schneider beide Daumen abtrennt. Vom Suppenkasper, der sich zu Tode hungert. Von Paulinchen, das verbrennt, weil sie mit Streichhölzern spielt. Noch heute habe ich den pädagogischen Sound des Werks im Ohr: „Minz und Maunz, die Katzen, / Erheben ihre Tatzen. / Sie drohen mit den Pfoten: / ‚Der Vater hat’s verboten!‘“ Nee, das bleibt im Giftschrank. Aber seht und vergleicht selbst: Ist mir da draußen vor den Toren der Stadt nicht ein wunderbarer Struwwelpeter begegnet?

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