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Davongeflogen

P1070004„In der Zeitung stand die Nachricht: Haus in die Luft geflogen. Die Leute liefen an der Stelle zusammen. Tatsächlich: in der Häuserreihe war eine Lücke.

Wo ist es hingeflogen, fragten die Leute. Durften alle Bewohner mitfliegen? Fliegt es jetzt um die Erde? Hat der Portier gewinkt? Wird es wieder zurückkommen? Haben sie genug Proviant mitgenommen? Wird man reisekrank dabei? Sind die anderen Häuser neidisch? War es ein besonderes Haus? Oder können alle Häuser in die Luft fliegen?

Fragen über Fragen!“

aus: Jürgen Spohn. Ach so. Ganzkurzgeschichten und Wünschelbilder. München 1982

P1070001Jürgen Spohn (1934-1992) war ein Grafiker, der vor allem als Kinderbuchautor und -illustrator bekannt geworden ist. Seine Ganzkurzgeschichten und Wünschelbilder schenkte mir gleich nach ihrem Erscheinen ein befreundeter Buchhändler. Der Einband ist schon ganz abgeliebt und grisselig, so oft habe ich das Buch in den vergangenen Jahrzehnten in die Hand genommen. „Spohn ist ein Moralist wie Erich Kästner … Der Leser spürt, dass da nicht ein Besserwisser am Werke ist, sondern jemand, der das Lesen und die Umwelt und die Mitmenschen liebt und gerade deshalb auf bestimmten Ansprüchen bestehen muss.“ 1981 erhielt Jürgen Spohn den Deutschen Jugendliteraturpreis für das beste Kinderbuch: Drunter & Drüber. Verse zum Vorsagen, Nachsagen, Weitersagen. Der Vergleich mit Erich Kästner stammt aus der Begründung der Jury.

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Was einem so fremd ist

Also, die Geschichte kam mir doch ziemlich spanisch vor. Das hätte ich A., der sie mir erzählt hatte, auch gern gesagt. Die Sache hatte nur einen klitzekleinen Haken: A. war Spanier. Kaum anzunehmen, dass er mich verstanden hätte. Für einen Spanier ist alles Spanische ja alles andere als spanisch und das, was ihm seltsam erscheint – chinesisch. So wie für einen Briten griechisch. Das war schon zu Shakespeares Zeiten so („…those that understood him smiled at one another and shook their heads; but for mine own part, it was Greek to me” lässt der Dichter in der Tragödie des Julius Caesar einen der Verschwörer sagen), und das gilt bis heute. Ich versuche gerade mir vorzustellen, was wohl der englische Finanzminister nach einem Treffen mit seinem griechischen Amtskollegen so sagt respektive denkt…

Aber zurück zu dem, was uns Deutschen fremd ist bzw. war. Ganz sicher ist die Herkunft der Redewendung „Das kommt mir spanisch vor“ zwar nicht, aber es gibt, wie ich bei meinen Recherchen zwischen Wikipedia und dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm feststellte, so etwas wie eine herrschende Meinung. Danach stammt der Ausdruck wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert, als Kaiser Karl V., der seit 1516 spanischer König war, wenige Jahre später erst zum römisch-deutschen König, dann zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde. Der neue Kaiser führte eine Reihe ungewöhnlicher Sitten an seinem Hof ein, unter anderem erklärte er Spanisch zur neuen Verkehrssprache. Kein Wunder, wenn das den Untertanen „spanisch“ vorkam.

Ebenfalls dem Hause Habsburg (allerdings wohl erst nach der Trennung in eine österreichische und eine spanische Linie) verdankt der deutsche Redensarten-Schatz übrigens die in der Bedeutung verwandte Wendung „Das sind böhmische Dörfer für mich“: Während im Kernland des zur Habsburgermonarchie gehörenden Königreichs Böhmen Tschechisch („Böhmisch“) gesprochen wurde, sprach man in den Randgebieten Deutsch. Wer von dort beispielsweise nach Prag reiste, passierte allerlei „böhmische Dörfer“ und andere Fremdartigkeiten. Eines von Christian Morgensterns „Galgenliedern“ erzählt davon:

Palmström reist, mit einem Herrn v. Korf,
in ein sogenanntes Böhmisches Dorf.
Unverständlich bleibt ihm alles dort,
von dem ersten bis zum letzten Wort.
Auch v. Korf (der nur des Reimes wegen
ihn begleitet) ist um Rat verlegen.
Doch just dieses macht ihn blass vor Glück.
Tiefentzückt kehrt unser Freund zurück.
Und er schreibt in seine Wochenchronik:
Wieder ein Erlebnis, voll von Honig!

Der Versuch, A. all dies in (zurückhaltend formuliert) eingerostetem Spanisch zu vermitteln, war herausfordernd, aber der Völkerverständigung durchaus förderlich. Und die Geschichte, die mir so spanisch vorkam? Tut hier weiter nichts zur Sache…

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Tanz der Tulpen

P1070013Hast du dich schon einmal wie eine Tulpe gefühlt? T. blickt in die Runde, bevor er fortfährt: Ich liebe Tulpen! Tulpen sind meine absoluten Lieblingsblumen! Es sind die einzigen, die noch in der Vase weiterwachsen, also, wenn sie eigentlich schon tot sind. Ein kurzes Zögern, dann: Jedenfalls die einzigen, von denen ich das weiß. Und wie sie wachsen… ahhh! Und dann erzählt uns T. von den beiden Tulpen seiner beiden kleinen Töchter. Die eine (Tulpe) zwar weit über den Vasenrand gebeugt, aber in ihrer raumgreifenden Haltung doch unverkennbar aufrecht und knatsch-frisch, der Kopf der anderen (Tulpe) schlaff bis auf den Tisch gebeugt. So tot, wie eine Schnittblume tot sein kann. Eine kurze Untersuchung ergab, dass Vase eins Wasser führte, Vase zwei hingegen nicht. T. tat, was ein liebender Vater in so einer Situation tut: Er verpasste Tulpenstiel zwei einen ordentlichen Schnitt, steckte ihn in die dieses Mal gefüllte Vase – und wartete auf ein Wunder. Und tatsächlich, das Wunder geschah. Innerhalb von 25 oder 30 Minuten, sagt T., richtete sich die Tulpe, die eigentlich vollkommen hinüber war, wieder auf. Wahnsinn! T. kann gar nicht wieder aufhören zu schwärmen. Und während ich noch über die Vorzüge von Tulpen gegenüber zum Beispiel Goldfischen in Kinderhänden nachdenke, sagt T.: So sollt ihr tanzen! Wie die Tulpe, die wächst und sich entfaltet, als gäbe es kein Morgen. Die sich hingibt und noch in der letzten Stunde ihre Schönheit verschwendet, nicht wie die Rose, die in Bitterkeit welkt. – Was soll ich sagen: Wir tanzten um unser Tulpenleben.

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Gullivers Siesta

P1070210In dem Roman von Jonathan Swift rettete sich der schiffbrüchige Gulliver an einen Strand, wo er erschöpft einschlief. Beim Aufwachen musste er feststellen, dass er von winzigen Menschen umgeben war, die ihn an Armen, Beinen und Haaren gefesselt hatten. Ob der moderne Gulliver in der Auslage dieses Fast-Food-Restaurants wohl ermessen kann, welches Glück er hat?