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En passant

P1070135An eine, die vorüberging

Der wilde Straßenlärm betäubend mich umfing.
In tiefer Trauer, groß und schlank, ein Bild des Leides,
Kam eine Frau vorbei und hob den Saum des Kleides
Mit zierlich feiner Hand, da sie vorüberging

In elegantem Stolz, ein Marmorbild, das schreitet.
Ich aber trank gebannt und gleichsam wie im Wahn
Aus ihren Augen, wie ein Himmel im Orkan,
Die Süße, die entzückt, die Lust, die Tod bereitet.

Ein Blitz… und wieder Nacht! – O Schönheit, die mir flieht
Und die mit ihrem Blick mich plötzlich neu geboren,
Ob vor der Ewigkeit mein Aug dich wiedersieht?

Vorbei! Zu spät! Vielleicht für immer mir verloren!
Du weißt nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, wie du heißt,
O dich hätt ich geliebt, o du, die du es weißt!

Aus: Charles Baudelaire „Les fleurs du mal“, übertragen von Carl Fischer

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Resonanzen

Beim Verlassen des Bahnhofs frage ich mich das erste Mal, ob ich jemals hier gewesen bin. Die Innenstadt erscheint mir wie eine einzige Fressmeile. War das damals schon so? Kiloläden. Euroshops. Die jedenfalls gab es ganz sicher noch nicht. An Straßennamen kann ich mich erinnern, nicht aber an das, was ich in den Straßen sehe. Kleiner Kuhberg. Exerzierplatz. Knooper Weg. Jungfernstieg. Hier habe ich mal gewohnt. So viele Kirchen. Aber bei mir läutet nichts. Kaum traue ich mich weiterzugehen. Da, die Nummer 14. Das muss es sein.

P1070600Die Fassade ist in hellen Grautönen gestrichen. Ich hatte sie dunkler in Erinnerung. Die Milchglasscheiben, hinter denen sich das Kontor mit den dunklen Eichenholzwänden verbarg, sind durch Klarglas ersetzt. Einblick erhalte ich trotzdem nicht. Sonnenblenden versperren die Sicht. Das Glasfenster in der Haustür erlaubt immerhin einen verschwommenen Blick in den Flur. Ganz hinten sind gerade noch die schweren Schwingtüren zu erkennen, die lärmend aneinander schlugen, wann immer jemand das Haus betrat oder verließ. Neben dem Eingang die Durchfahrt zum Hof. Die rückwärtigen Fenster sind offenbar nie erneuert worden, aber leider ebenfalls verhängt. So bleibt das alte Bild. Genauer: Hinter hohen Einfachglasfenstern entsteht neu das alte Bild – brauner Klapptisch, braune Klappstühle, die Kommode mit der Doppelkochplatte darauf, Waschbecken und Duschkabine. Das Ganze auf flaschengrünem Linoleum. Nein, stimmt nicht. Der Belag in der „Küche“ war graumeliert, der flaschengrüne gehörte zum Kontor, meinem Wohn- und Schlafzimmer, das inzwischen offenbar von einer IT-Firma genutzt wird. Und die Werkstatt des Tischlers, mit dem ich das Klo auf halber Treppe teilte, beherbergt jetzt ein Atelier. Das Firmenschild auf dem Briefkasten ist schön bunt.

P1070606Welche Wege habe ich damals genommen? Wo habe ich eingekauft? Ich erinnere mich nicht. Am vertrautesten sind mir noch die grünen Oasen in der Nähe: der Park, die Teiche. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite springt in großen Lettern ein Wort ins Auge: RESONANZ. Offensichtlich der Name eines Lokals. Hier will ich Rast machen, wenn schon die Umgebung so wenig Echo auslöst. Ich bestelle ein libanesisches Frühstück und eine Kanne frischen Minzetee. Beides duftet und schmeckt herrlich – und weckt die schönsten Erinnerungen, wenn auch an ganz andere und längst nicht so lang zurückliegende Zeiten.

Schnitt. Meine alte Buchhandlung an der Holtenauer Straße gibt es immer noch. Das heißt: eine Filial-Buchhandlung an der alten Stelle. Auf der kleinen Treppe ganz hinten im Laden meine ich D. stehen zu sehen. „Sagen Sie Ihrem Buchhändler, dass Ihr Leben ohne ihn keinen Sinn hat“, fordert das Verlagsplakat im Schaufenster. Ja, und noch einmal ja! Die Tankstelle eine Ecke weiter ist auch noch da. Das heißt: eine Tankstelle. Ungezählte Male habe ich dort Zigaretten gekauft. Damals. Als ich noch rauchte und es nach 18 Uhr nur an Tankstellen lebenswichtige Dinge zu kaufen gab.

Hier irgendwo muss auch die Kneipe gewesen sein, in der wir uns freitagabends mit der Clique trafen. Aber wo genau? An der Stelle, die die Erinnerung preisgibt, finden sich keine Spuren. Dafür kommt mir das Eckgebäude mit dem Fotostudio ungeheuer bekannt vor. Bilder einer denkwürdigen Silvesterfeier tauchen wie aus dem Nichts auf. Tief in Gedanken schlendere ich weiter, registriere, dass es rechts zu meinem letzten Domizil in dieser Stadt geht. Einem Impuls folgend biege ich nach links ab, quere eine Straße, dann noch eine. Ganz am Ende öffnet sich eine Fensterfront, daneben ein paar steinerne Stufen. „Public House & Music Bar“ lese ich. Das sagt mir nichts. Aber es ist doch unverkennbar: meine alte Kneipe! In der offenen Tür lehnt eine Trittleiter. Ich kann mein Glück kaum fassen. Es ist ja noch früh am Nachmittag.

P1070614Langsam steige ich die Stufen hinauf. „Hallo…?“ „Komm nur rein!“, ruft es von drinnen. „Ich wollte… ich glaube…“, stottere ich. Der lange Tresen, das schummrige Licht, genau wie damals! Nur die Fächer vom Sparclub fehlen. „Stand hier nicht früher Christa hinter dem Tresen?“ frage ich halb mich und halb den Unbekannten vor mir. „Nein, Karl!“, sagt der und grinst. „Aber komm doch erst mal rein.“ Er habe den Laden jetzt seit 15 Jahren, erzählt der Mann, der sich Go nennt. „Davor war hier ein Pakistani. Und davor Karl. Karl Stender.“ Nein, Christa! Nein, Karl! Wir wollen uns ausschütten vor Lachen. Christa und Karl! Christa hinter dem Tresen und Karl, wie er am Stammtisch die Tageseinnahmen zählt. „Bist wohl schon eine Weile nicht mehr hier gewesen“, stellt Go schließlich fest. „So bummelig 25 Jahre“, sage ich.

Viel Zeit in einem Menschenleben. Nicht viel an diesem Ort, der die Jahre praktisch unverändert überdauert hat – sieht man einmal von den Aktgemälden in den hölzernen Rundbögen in der Schankstube ab, die erst der jetzige Inhaber in Auftrag gegeben hat. Voller Begeisterung zieht mich der in die benachbarte Hofdurchfahrt, um mir ein wirklich altes „Gemälde“ zu zeigen: eine Reklame für Kümmel und Bier zu Pfennigbeträgen. Die stammt noch aus der Zeit, als im Hof ein Ausspann betrieben wurde, eine Schankwirtschaft mit der Möglichkeit, Pferde aus Fuhrwerken und Kutschen auszuspannen und vorübergehend unterzustellen. Das Wort „Ausspann“ über der Durchfahrt erinnert daran. Ich nehme es an diesem Tag zum ersten Mal wahr.

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Gleichgewicht

P1070674Wir gehen
jeder für sich
den schmalen Weg
über den Köpfen der Toten
– fast ohne Angst –
im Takt unsres Herzens,
als seien wir beschützt,
solange die Liebe
nicht aussetzt.

So gehen wir
zwischen Schmetterlingen und Vögeln
in staunendem Gleichgewicht
zu einem Morgen von Baumwipfeln
– grün, gold und blau –
und zu dem Erwachen
der geliebten Augen.

Hilde Domin: Gleichgewicht

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Urlaub im Urwald

P1070318Es gibt Orte, die sind voller Magie. Der Urwald Sababurg im nordhessischen Reinhardswald ist für mich so ein Ort. Mit seinen nicht einmal 100 Hektar ist er ziemlich überschaubar und doch – ganz besonders.

P1070357Aus dem federnden Boden sprießen bizarre Blüten, kriechen hölzerne Spinnen und Schlangen. Über unseren Köpfen meinen wir das Trompeten von Elefanten zu vernehmen.

P1070324Angenehm unaufgeräumt ist es in diesem Zauberwald und gleichzeitig schön hell. Das liegt daran, dass der Urwald ein alter Hutewald ist. Über Jahrhunderte trieb man Schweine, Ziegen und anderes Nutzvieh zum Weiden hierher.

P1070362Die Tiere taten sich an Eicheln und Bucheckern, an Pilzen, Kräutern und Wildobst, aber auch an den Trieben der nachwachsenden Bäume gütlich. So entstand mit der Zeit ein lichter Wald mit wenig Unterwuchs unter großkronigen Hutebäumen.

P1070325Seit gut 100 Jahren steht der Urwald Sababurg unter Naturschutz und ist seither weitgehend sich selbst überlassen.

P1070354Zwischen malerischen alten Eichen und Buchen und einem wild nachwachsenden Wald aus Buchen, Birken und meterhohem Farn liegen umgestürzte Stämme und abgebrochene Äste.

P1070331Aufrecht rotten abgestorbene Bäume vor sich hin, verfallen ganz allmählich zu Staub, bilden ihrerseits den Urgrund für neues Leben. Ein steter Kreislauf aus Wachsen und Vergehen.

P1070336Zwei Wochen ist der Ausflug in den Urwald nun schon her. Das ist eine lange Zeit, besonders im Frühjahr. Das auf den Bildern fehlende Laub liefert Heinz Erhardt nach:

Urlaub im Urwald

Ich geh‘ im Urwald für mich hin…
Wie schön, dass ich im Urwald bin:
man kann hier noch so lange wandern,
ein Urbaum steht neben dem andern.
Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
hängt Urlaub. Schön, dass man ihn hat!

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At the Gates of Eden

P1070451Noch lag ein Rest Tageswärme in dem milchigen Licht über dem Moor. Eng schmiegten sich die beiden Körper aneinander. Kopf an Kopf, die langen Leiber ineinander verwoben wie ein Mädchenzopf, verharrten sie für einen Augenblick im trockenen Gras.

P1070485Ein Ruck, die Köpfe schnellten auseinander, die Oberkörper richteten sich auf, bogen sich geschmeidig weit zurück, während sich die unteren Körperhälften in Windeseile voneinander lösten und gleich darauf in neuer Form abermals kraftvoll umschlangen.

P1070484Wie zwei Synchronschwimmer tauchten Köpfe und Hälse aus dem Gras auf, und schon begann das Spiel von neuem: Verknäueln, drücken und pressen, kurz innehalten, hochschnellen…

P1070480Was wie ein ritualisierter Liebestanz anmutete, ist in Wahrheit eine Art Freistil-Ringkampf zwischen rivalisierenden männlichen Kreuzottern. Ähnlich wie die Konkurrenzkämpfe männlicher Rothirsche während der Brunftzeit folgt auch das Ringen der Schlangen festen Regeln. Nicht um Vernichtung geht es, sondern um die Festlegung einer Rangordnung.

P1070494Keinen Blick für das faszinierende Schauspiel hatten die jungen „Evas“ auf ihrem Weg ins nahe Feriendorf. Verzückt  und gleichzeitig kichernd (so unglaublich gleichzeitig, wie das vielleicht nur mit 15 möglich ist) schauten sie lieber in die untergehende Sonne.

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Islands in the Sun

P1070405Die innere und die äußere Spur liefen nicht synchron. Müde und gedankenschwer tappte sie über die Holzbohlen. Die Landschaft erschien ihr flacher als sonst, geradezu zweidimensional, und irgendwie überbelichtet. Ein überraschend kräftiger Wind kräuselte die Oberfläche der Tümpel zur Linken und zur Rechten, raubte auch ihnen die gewohnte Tiefe. Dem Moor war das egal. Es war einfach da. Nach einer Weile, die ihr lang vorkam, entdeckte sie das Archipel der Sonneninseln.

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Horizonterweiterung

P1070198Sherlock Holmes und Watson waren unterwegs, um einen wichtigen Fall aufzuklären. Da sie kein Hotelzimmer mehr bekommen hatten, entschlossen sie sich zu zelten. Mitten in der Nacht weckte Sherlock Holmes Watson und fragte ihn: „Lieber Watson, was siehst du – und was bedeutet es für dich?“ Watson antwortete: „Lieber Holmes, ich sehe den Sternenhimmel über uns. Meteorologisch bedeutet es für mich, dass wir morgen gutes Wetter haben werden. Astronomisch bedeutet es für mich, dass wir Lichtjahre von der nächsten Galaxie entfernt sind. Juristisch bedeutet es für mich, dass die Sterne weder Mobilien noch Immobilien sind, sondern zu dem völkerrechtlichen Rechtsinstitut des unveräußerlichen Erbes der Menschheit gehören. Und was, lieber Holmes, bedeutet es für dich?“ „Dass uns jemand, lieber Watson, unser Zelt gestohlen hat.“

Was wir wahrnehmen ist das eine. Die Bedeutung, die es für uns hat, das andere.

P1070201Der kleinen Geschichte von Sherlock Holmes und Watson war ich während meiner Ausbildung zur Mediatorin zum ersten Mal begegnet. Auf dem Osterspaziergang kam sie mir jetzt wieder in den Sinn.