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Bei den Buschmännern

P1080609Die Erongo-Berge im Westen Namibias sind eine dieser Landschaften, in denen es aussieht, als seien Riesen mitten im Murmelspiel unterbrochen worden.

P1080543Man kann das auch mit ihrer vulkanischen Entstehung erklären, ich weiß. Das Gebirge ist der Überrest eines riesigen Vulkans, der vor Jahrmillionen unter der Erdoberfläche ausbrach. Auf Satellitenaufnahmen lässt sich der gewaltige Ring noch heute erahnen.

P1080550Aber so genau will ich es an diesem Tag gar nicht wissen. Ich will einfach nur gehen. Gehen und schauen.

P1080527In diesem eher sinnlichen Modus bin ich auch noch, als wir nach unserer Morgenwanderung auf zwei Buschmänner treffen, die uns zeigen wollen, wie ihre Vorfahren einst als Jäger und Sammler in dieser karg-schönen Gebirgs- und Steppenlandschaft lebten und überlebten.

P1080570Mit nichts als einem Lendenschurz bekleidet, mit dem kleinen Jagdbogen in der Hand und dem Köcher voller Pfeile über der Schulter spazieren sie mit uns durch den Busch. Sehr schmal, sehr geschmeidig.

P1080575Pirschen sich an das imaginäre Wild an, legen den Pfeil auf die Sehne des Bogens, spannen – und Schuss. Nun bräuchte man nur noch der Spur des getroffenen Tiers zu folgen, bis das Pfeilgift seine Wirkung getan hätte…

P1080576Buschmänner (San) sind die Ureinwohner im südlichen Afrika. Mit dem Vordringen der Bantu aus dem Norden und der Landung der ersten Europäer begann ihre Vertreibung aus den angestammten Lebensräumen bis in die Wüstenregionen der Kalahari an der Grenze zu und in Botswana. In Namibia machen sie als kleinste ethnische Gruppe gerade noch zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die meisten können heute nicht mehr als Jäger und Sammler leben. Die Arbeitslosigkeit unter den San ist ziemlich hoch. Ein Teil arbeitet auf Farmen oder als touristische Fährtenleser für Lodges. Einige wenige versuchen, die alten Traditionen aufrecht zu erhalten.

P1080599Unsere Begleiter sind Teil des Projekts „Lebendes Museum“ der Ju’Hoansi-San auf der Farm Omandumba. Sie leben dort eine Weile mit ihrer Familie, geben Besuchern Einblicke in die uralte Kultur und Lebensweise der San, dann kehren sie in ihr altes Leben zurück, andere Buschleute kommen und leben eine Weile im Museum. Verschiedene Programme werden angeboten, unter anderem so eine Buschwanderung, wie wir sie gemacht haben. Ist das jetzt Traditionspflege oder Folklore für Touristen?

P1080588Ein bisschen komisch – präziser: voyeuristisch – fühlte sich die Begegnung schon an. Aber letzten Endes hat mich das Projekt überzeugt. Es bietet den beteiligten San ja nicht nur eine Einnahmequelle sondern außerdem die Möglichkeit, in traditionellen Familienstrukturen zusammenzuleben und ihr Wissen und Können außer an uns Besucher auch an ihre Kinder weiterzugeben. Vier von ihnen waren bei unserem Bushwalk dabei und haben nicht nur beim Feuermachen sehr genau zugehört und zugesehen, was die Älteren sagten und taten.

P1080596Apropos sagten: Besonders viele Informationen drangen an diesem Tag nicht bis zu meinem Gehirn vor. Zu sehr war ich damit beschäftigt zu schauen und mehr noch – den vielen Klick- und Schnalzlauten zu lauschen, die die Rede des älteren der beiden Männer durchströmten wie ein Fluss ganz eigener Art. Dass man eine Khoisan-Sprache – außer den San gehören auch die in früheren Beiträgen bereits erwähnten Damara und Nama zu dieser Sprachfamilie – angeblich entweder im Kindesalter oder aber nie mehr lernt, will ich gern glauben. Hörprobe gefällig?

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Sprechende Steine

P1080376Wie es sich anfühlt, auf einem viele Millionen Jahre alten Baumstamm zu sitzen und geradeaus zu schauen? Ziemlich gut! Nicht dass ich mir auch nur ein einziges Jahrtausend auch nur annähernd vorstellen könnte, aber dieses entspannte Gefühl eigener Bedeutungslosigkeit, gepaart mit so etwas wie Eingebundensein in einen größeren Kontext von Raum und Zeit, das mich im Angesicht alles „Ewigen“ zuverlässig befällt, stellte sich für einen Moment auch bei unserem Besuch im Versteinerten Wald in der Nähe der Stadt Khorixas ein.

P1080363Mehr als 50 fossile Stämme sind dort zu bestaunen, die vor sagenhaften 250 Millionen Jahren von einer gewaltigen Flut entwurzelt und dorthin gespült worden sein sollen. Sand und Schlamm schlossen die Bäume luftdicht ab, so dass sie nicht vermodern konnten, eindringendes kieselsäurehaltiges Wasser ließ sie versteinern. Die darüberliegenden Gesteinsmassen wurden durch Erosion im Laufe von Jahrmillionen abgetragen, bis die Stämme wieder sichtbar wurden: fürs Auge auch heute noch eindeutig Holz (einmal sehen können, was sie einst sahen!), für die prüfende Hand – hart wie Granit.

P1080441Noch ganz jung sind im Vergleich dazu die Felsbilder von Twyfelfontein weiter südlich, aber absolut betrachtet ebenfalls unfassbar alt. Die ältesten sollen vor 6000 Jahren entstanden sein. Ganz überwiegend handelt es sich um Gravuren, die mit harten Quarzsteinen mehrere Millimeter tief in die weicheren Sandsteinplatten geritzt wurden: Giraffen, Strauße, Zebras, Antilopen, Nashörner, Elefanten und andere Tiere der Savanne. Aber auch Gestalten mit Pfeil und Bogen und menschliche Fußabdrücke sind zu sehen.

P1080452Was wohl der lange, hoch aufgerichtete Schwanz des Löwen zu bedeuten hat?

P1080423Geschaffen wurden die Bilder vermutlich von den Ureinwohnern des heutigen Namibia: Buschleuten (San) und Damara, die in dem Gebiet auf Jagd gingen. Eine Quelle, die im 20. Jahrhundert nur noch spärlich sprudelte – das trug ihr den Namen „Twyfelfontein“ (Zweifelsquelle) ein –, zog in alten Zeiten viel Wild an. Auf einer geschützten Steinterrasse vielleicht 50 Meter weiter oben ließ es sich gut auf Beute warten. Und Gravuren erstellen, ob nun zur Beschwörung des Jagdglücks oder einfach, um die Wartezeit zu verkürzen.

P1080438Im Brandbergmassiv, wo wir anderntags eine kleine Wanderung unternahmen, sind noch zehntausende Felsbilder erhalten, die meisten in mehr oder weniger unzugänglichem Gelände. Auch sie werden den San zugeschrieben. Wir besuchten die berühmte White Lady, die in Wahrheit allerdings wohl einen Krieger, vielleicht auch einen Schamanen darstellt. Die „Lady“ hat keinen Busen, dafür aber Pfeil und Bogen, Kopf und Oberkörper sind mit Schmuck behängt. Ihr Alter wird auf 2000 bis 4000 Jahre geschätzt.

P1080663Die Figur ist Teil einer Jagdszene mit vielen weiteren kunst- und liebevoll ausgearbeiteten Menschen und Tieren und, obwohl nur noch schwach zu erkennen, von berührender Anmut. Einen schönen Platz hat sie obendrein: verborgen in einer Felsspalte, hinter der sich weit der Blick auf den Königstein öffnet, mit 2573 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Erhebung des Landes.

P1080666Und während uns unser Guide auf Brandberg-Akazien, Shepherd’s Trees und allerlei Eidechsen aufmerksam macht, träume ich davon, den geröllig-felsigen Weg durch die Tsisab-Schlucht einfach immer weiter zu gehen.

P1080648Drei Tage dauert die geführte Tour auf die Höhen des Granitmassivs, das die umliegende Wüste um beinahe 2000 Meter überragt. Zwei Tage rauf und einen wieder runter. Durch unwegsames Gelände und mit viel Wasser auf dem Rücken – der Brandberg macht seinem Namen selbst im Südwinter alle Ehre – und einem guten Schlafsack für die kühlen Nächte.

P1080631Von da oben, stelle ich mir vor, muss die Weite noch weiter, noch grenzenloser sein.

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Ein jeder zu seiner Zeit

P1080089Kurz nach Sonnenaufgang schauten wir vom Jeep aus einer Meute Schabrackenschakale dabei zu, wie sie nach allen Regeln der Kunst ein Stück Wild zerlegte. Eines der hübschen rehbraunen Springböckchen, um genau zu sein. Das hüpfte nun nicht mehr wie ein Flummiball durch die Savanne. Stattdessen balgte sich ein gutes Dutzend rotbrauner Fellknäuel mit dem charakteristischen schwarz-weiß gefleckten „Sattel“ auf dem Rücken um die besten Stücke.

P1070905Ab und an tauchte schemenhaft der Kopf oder der Leib eines einzelnen Schakals aus der Staubwolke auf, die sich über dem Spektakel gebildet hatte. Ein erstaunlich lautloses Spektakel übrigens. Selbst Elefanten bewegen sich ja oft nicht wie der Elefant im Porzellanladen, sondern leiser als ein Mäuschen. Vor allem Zebras und Paviane machen da schon mal mehr Lärm.

P1070907In vollem Lauf hielt einer der Schakale auf unseren Jeep zu, seinen Teil der Beute im blutigen Maul. „Das ist die Wirbelsäule“, konstatierte Reiseleiter Sebastian auf dem Sitz neben mir mit Kennerblick. Ich glaube, das war der Beginn einer Reihe wunderbarer Gespräche gerade auch über solche Tiere, die nicht jeden Betrachter automatisch zu Begeisterungsstürmen hinreißen: Schakale zum Beispiel – oder Hyänen. Weiß doch jeder, der Walt Disney’s „Der König der Löwen“ gesehen hat, dass die so richtig fies und verschlagen sind. Nee, stimmt gar nicht! Besonders das Sozialverhalten der Tüpfelhyänen, die in größeren Clans zusammenleben, in denen die Weibchen das Sagen haben, sei richtig klasse, versichert Sebastian. Inzwischen bin ich so neugierig geworden, dass ich mir gleich nach der Heimkehr passenden Wildlife-Lesestoff bestellt habe.

P1070933Aber zurück in den Etosha Nationalpark: Kaum waren der Kampf der Schakale und der Springbock einigermaßen verdaut, wartete auch schon das nächste Schauspiel auf uns: ein Elefantenbulle, dem die Hormone aus allen Körperöffnungen tropften, allein am Wasserloch. Unruhig machte er einen Schritt nach vorn, dann einen zurück.

P1080054Eine Gruppe Springböcke verharrte in sicherer Entfernung. Oryxantilopen mit ihren Spieß-förmigen Hörnern und den ausdrucksvollen schwarzen Gesichtsmasken bildeten, stummen Wächtern gleich, einen zweiten Beobachtergürtel weiter außen. In der Ferne ein paar Gnus, ein Strauß, auch sie vollkommen bewegungslos.

P1070937Der Elefant trank, der Elefant pullerte, der Elefant schlackerte mit dem Rüssel. Ein, zwei Ausfallschritte, doch statt der ersehnten Elefantendame näherten sich gemessenen Schritts zwei männliche Junglöwen. Die Springböcke wichen geringfügig aus und behielten das Geschehen im Auge. Die Raubkatzen schienen nicht hungrig zu sein. Inzwischen hatten sie das Wasserloch auf der dem Elefanten gegenüberliegenden Seite erreicht und begannen zu trinken.

P1070946Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Elefant begann erneut zu pendeln, markierte noch einmal sein Revier – und marschierte Richtung Eindringlinge.

P1070953P1070956P1070964P1070973P1070975In Etappen scheuchte er die beiden Löwen einmal rund um das Wasserloch. Dann hatte er genug und verschwand mit langen ruhigen Schritten in der Steppe.

P1070978Die Löwen tranken noch eine Weile, dann legten sie sich in die Sonne. Jetzt waren die Springböcke und Oryxe an der Reihe. Zu wissen, wann man an der Reihe ist, kann für das Überleben sehr förderlich sein.

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Ewalds Story

P1080225Eine Reise nach Namibia, das ist auch eine Reise in die Geschichte des eigenen Landes. Auf unserer Fahrt von der Hauptstadt Windhoek zum Etosha Nationalpark im Norden kamen wir an dem Städtchen Okahandja vorbei. Dort hatte Anfang 1904 der Herero-Häuptling Samuel Maharero zum Aufstand gegen die kaiserlichen „Schutztruppen“ in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika aufgerufen und dort befindet sich auch sein Grab, an dem jedes Jahr an den Aufstand erinnert wird. Dass die Deutschen kamen und Handel trieben, dass sie Minenrechte erwarben und mit dem Bergbau begannen, hatten die schwarzen Einwohner des heutigen Namibia noch hingenommen. Dass sich jedoch auch immer mehr weiße Farmer ansiedelten, ließ die Herero, die traditionell von der Rinderzucht leben, um ihre eigenen Weiden und Wasserstellen fürchten. Die Spannungen mit der Kolonialmacht wuchsen von Tag zu Tag. Das Deutsche Reich entsandte schließlich ein Expeditionskorps unter Generalleutnant Lothar von Trotha, um den Aufstand niederzuschlagen.

P1080754Am 11. August 1904 kam es auf dem Waterberg, wo sich Chief Maharero mit seinem Volk verschanzt hatte, zur entscheidenden Schlacht. Lange hielten die zahlenmäßig überlegenen Herero dem waffentechnischen Übergewicht der Deutschen nicht stand: Wer nicht im Artilleriefeuer ums Leben kam, dem blieb nur die Flucht nach Osten in die Omaheke-Wüste. Für die meisten Herero gab es von dort kein Zurück. Monatelang ließ General von Trotha das riesige wasserlose Sandfeld von berittenen Patrouillen abriegeln und in der Wüste herumirrende Herero erschießen. Weiter im Süden führten die Nama, deren Führer Hendrik Witbooi sich stets geweigert hatte, mit den Deutschen „Schutzverträge“ abzuschließen, noch ein paar Jahre lang einen Guerillakrieg gegen die Kolonialherren. Zu einer zentralen Figur an dieser Front wurde der „Hottentotten-Bastard“ Jakob Morenga, nach dem Uwe Timm seinen lesenswerten historischen Roman über den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika benannt hat.

P1090074Am Ende des Kriegs waren mindestens zwei Drittel der Herero-Bevölkerung ausgelöscht und die Hälfte der Nama getötet. Bis zu 100.000 schwarze Afrikaner kamen insgesamt ums Leben. Überlebende wurden in Reservate deportiert. Historiker werten die Ereignisse als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ersten Weltkrieg endete nach gut dreißig Jahren die deutsche Kolonialzeit. Die südafrikanische Mandatsmacht übernahm von den Deutschen das System der Rassentrennung, die Reservate wurden zu „Homelands“. Ihre Bewohner waren vor allem eines: billige Arbeitskräfte für die Diamanten- und Kupferminen, auf den Farmen und im Eisenbahnbau. Seit einem Vierteljahrhundert ist das Land nun auch von Südafrika unabhängig.

P1080761Der erste Herero, den ich auf unserer Reise durch den südwestafrikanischen Vielvölkerstaat kennenlernte, war unser Busfahrer. Rabenschwarz – und getauft auf den Namen Ewald. Ausgerechnet. Natürlich nimmt heute noch jedes Kind den Herero-Aufstand in der Schule durch, aber ansonsten scheint der Blick nicht sehr rückwärtsgewandt zu sein. Den urdeutschen Namen hat die Großmutter mütterlicherseits ausgesucht. Sie hatte lange auf einer dieser endlos großen Farmen gelebt und gearbeitet. Ihre Tochter, Ewalds Mutter, war dort zur Welt gekommen. Und Ewald, so hieß der Farmer. Offenbar ein guter Patron. Ewald selbst findet seinen christlichen Namen nicht sonderlich bemerkenswert. Außer diesem hat er noch einen Herero-Namen: Tjireke, was soviel wie „süßer Junge“ bedeute.

P1090851Um die Wende zum 20. Jahrhundert herum entstand übrigens auch die traditionelle Tracht der Herero-Frauen: lange Gewänder im viktorianischen und wilhelminischen Stil, die der damaligen Kleidung der Missionarsfrauen nachempfunden sind, inzwischen nicht mehr ganz so hoch geschlossen wie die Originale und auch deutlich farbenfroher. Angeblich hatten die Missionarsfrauen den Herero-Frauen das Schneidern beigebracht, weil sie sich darüber ärgerten, dass ihre Männer immer den halbnackten schwarzen Schönheiten hinterherblickten. Die ausladende Kopfbedeckung, die zu den voluminösen Röcken getragen wird, soll an die Hörner eines Stiers erinnern. Eine Kombination, die mich bis zum Ende der Reise immer wieder in Erstaunen versetzte.

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African Queens

P1090919“Beauty, to me, is about being comfortable in your own skin. That, or a kick-ass red lipstick.”
Gwyneth Paltrow

P1080166Es gibt viele Wege, um sich der Schönheit und Vielfalt Namibias anzunähern: die Formen und Farben der Landschaften zum Beispiel, die Sonnenauf- und -untergänge, denen diese einzigartigen Dämmerlichtphasen vorausgehen beziehungsweise nachfolgen, wilde und weniger wilde Tiere, die so nah sind, dass man die Hand nach ihnen ausstrecken möchte, Bäume, Gräser und Sträucher, die den Wüsten, Savannen und Bergen ihr je eigenes Gepräge geben, die Klänge der vielen Sprachen und die Stille, die einem schier den Atem raubt.

P1090070Von all dem wird hier noch die Rede sein. Heute sollen erst einmal die afrikanischen Königinnen und Prinzessinnen zu „Wort“ kommen. Dicke und dünne, traditionsbewusste und moderne, junge, ganz junge und ältere. Nicht, dass die keinen supertollen roten Lippenstift tragen könnten, aber nötig im Sinne der Paltrow’schen Schönheitsdefinition ist das nicht. Schönheit, so wäre vielleicht zu ergänzen, ist auch eine Frage der Haltung.

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Urlaub im Urwald

P1070318Es gibt Orte, die sind voller Magie. Der Urwald Sababurg im nordhessischen Reinhardswald ist für mich so ein Ort. Mit seinen nicht einmal 100 Hektar ist er ziemlich überschaubar und doch – ganz besonders.

P1070357Aus dem federnden Boden sprießen bizarre Blüten, kriechen hölzerne Spinnen und Schlangen. Über unseren Köpfen meinen wir das Trompeten von Elefanten zu vernehmen.

P1070324Angenehm unaufgeräumt ist es in diesem Zauberwald und gleichzeitig schön hell. Das liegt daran, dass der Urwald ein alter Hutewald ist. Über Jahrhunderte trieb man Schweine, Ziegen und anderes Nutzvieh zum Weiden hierher.

P1070362Die Tiere taten sich an Eicheln und Bucheckern, an Pilzen, Kräutern und Wildobst, aber auch an den Trieben der nachwachsenden Bäume gütlich. So entstand mit der Zeit ein lichter Wald mit wenig Unterwuchs unter großkronigen Hutebäumen.

P1070325Seit gut 100 Jahren steht der Urwald Sababurg unter Naturschutz und ist seither weitgehend sich selbst überlassen.

P1070354Zwischen malerischen alten Eichen und Buchen und einem wild nachwachsenden Wald aus Buchen, Birken und meterhohem Farn liegen umgestürzte Stämme und abgebrochene Äste.

P1070331Aufrecht rotten abgestorbene Bäume vor sich hin, verfallen ganz allmählich zu Staub, bilden ihrerseits den Urgrund für neues Leben. Ein steter Kreislauf aus Wachsen und Vergehen.

P1070336Zwei Wochen ist der Ausflug in den Urwald nun schon her. Das ist eine lange Zeit, besonders im Frühjahr. Das auf den Bildern fehlende Laub liefert Heinz Erhardt nach:

Urlaub im Urwald

Ich geh‘ im Urwald für mich hin…
Wie schön, dass ich im Urwald bin:
man kann hier noch so lange wandern,
ein Urbaum steht neben dem andern.
Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
hängt Urlaub. Schön, dass man ihn hat!

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Vom Südkap bis Sansibar

P1060678Hui, ist das ein Wetterchen! Schneeregen klatscht mir ins Gesicht, während sich die Brandung gierig in den Sand frißt. Wer hier länger stehen bleibt, riskiert, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

P1060684Zornigen Meeres Gesang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Viele Gedanken, so bang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken…

Auszug aus einem Gedicht von Afanassi Afanassjewitsch Fet (1820 – 1892)

P1060703Ob das Meer wirklich zornig ist? Wahrscheinlich ist es einfach seine Natur, dann und wann nach Herzenslust zu toben. Und wo wir schon dabei sind: Meine Gedanken sind auch weniger bang als – elementar, während ich die Sylter Südspitze umrunde und Kurs Richtung Norden nehme. Aber schön sind sie doch, die Worte dieses Russen, der Goethe und Schopenhauer in seine Sprache übersetzte.

P1060691Das Schneegrieseln ist inzwischen stetem Hagel gewichen, der aber zum Glück von hinten auf die Allwettermontur prasselt, die gerade die vierte Jahreszeit in vier Tagen erlebt. Die Wellen brechen sich an einer Formation bizarrer Betonkegel, die wie von Riesenhand auf den Strand gestreut scheinen, während sich Reetdachhäuser und sogar der Hörnumer Leuchtturm hinter den Dünen ducken.

P1060704Ein paar Stunden und etliche Kilometer später – der Himmel über dem Meer verdüstert sich gerade wieder einmal anthrazitfarben -, macht das erschöpfte Auge eine Fahne im Wind aus. Der erste Buchstabe sieht aus wie ein S. Die Sansibar! Dich schickt der Himmel!

P1060709Und während ich frischen heißen Minzetee schlürfe und den Weltuntergang direkt hinter dem Fenster genieße, mag der geschätze Christian Morgenstern von Sylt-Rantum schwärmen:

Weil ich nur dieses Donnern wieder höre
dies Mahlen einer ungeheuren Mühle,
weil ich nur diesen Flugsand wieder fühle
und dieser Möwen Ruhe wieder störe…

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Sandstrahlpeeling

P1060661Nach vorfrühlingshaftem Nieselregen und beinah schon frühsommerlich-lauen Lüften fegt zur Abwechslung ein veritabler Herbststurm über die Insel. Hu, welch eine Kraft! Die Schirmmütze bis zum oberen Brillenrand herunter- und den Schal bis über die Nasenspitze heraufgezogen traue ich mich mitten hinein in die Sandwehen. Ein Gefühl wie in der Wüste, nur wesentlich lauter. Mit gesenktem Haupt und vorgebeugtem Oberkörper stapfe ich langsam aber stetig auf die horizontale Gewalt zu, während das Gros der wenigen Strandgänger mit dem Naturturbo im Rücken in die entgegengesetzte Richtung trudelt.

Ich glaube, es war an diesem Tag, dass der ältere Herr in der Hotellobby in der Manier älterer Herren witzelte: Ein paar Tage Urlaub im Sylter Reizklima, und seine Frau hätte einen Teint wie ein Babypopo, ganz ohne die teuren Kosmetika.

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Meditation in Gelb-Oliv

P1060504Wie gut, dass das, was die Einheimischen „kein Wind heute“ nannten, zuverlässig von hinten blies! Besonders, weil sich schon nach wenigen hundert Metern „Nur-ein-paar-Tropfen-kaum-der-Rede-wert“ bei „Kein-Wind-heute“ einhakte.

P1060506Man müsste einen Fischer fragen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, wie es in einem japanischen Haiku heißt. Und auch das Rote Kliff über dem Kampener Weststrand verschmilzt mit dem Gelbgrün des Strandgrases zu blassem Rosé.

P1060507Kilometer um Kilometer durch Dünen und Heide in den Norden von Sylt schärfen den Blick für jede Nuance auf der Palette zwischen Hellgelb und Olivgrün. Das linke Ohr ist mit dem Rollen der Brandung beschäftigt, von rechts dringt gelegentlich ein vorbeifahrendes Kraftfahrzeug ins Bewusstsein.

P1060511In vier, fünf Stunden begegnen mir gerade einmal zwei Spaziergänger und ein Fahrradfahrer. „Die Reichen und die Schönen“ sind offenbar zu Hause geblieben. Und die Armen und die Hässlichen auch.

P1060516Insel-Impressionen aus Deutschlands äußerstem Norden. Kein schöner Land in dieser Zeit.

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