Dass Dornröschen in Baden-Württemberg lebt, ist natürlich ein Märchen. Das haben sich ein paar überambitionierte Filmemacher so ausgedacht. In Wahrheit – und wenn es nicht gestorben ist – wohnt das schöne Kind in Hamburg, in einem Schloss direkt an der Elbe. Nein, nicht in dem Zaubergarten am Blankeneser Strandweg. Der wird zwar so oft fotografiert, als erwarteten die Leute, dass jeden Moment die Brüder Grimm selbst durch das Rosenspalier treten, aber Dornröschen findest du dort nicht. Die ist ein Stück stromaufwärts zuhause, ungefähr gegenüber vom Mühlenberger Loch. Du musst genau hinschauen, das Schloss ist leicht zu übersehen. Nur die Spitze des Schornsteins und die Fernsehantenne ragen noch aus der Hecke heraus.
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Noch Baum? Schon Stein?
Anfassen leider verboten, aber auch so ahne ich, dass den Fingern hart erschiene, was die Augen doch so gerne weichzeichnen möchten.
Bummelig 27 bis 30 Millionen Jahre alt ist das verkieselte Stück Stamm einer Sumpfzypresse, das man im Botanischen Garten in Hamburg bestaunen kann. Un-fassbar, im Wortsinn. Was ist schon eine Million mehr oder weniger? Für einen Augenblick wehen mich die Erinnerungen und der Atem der Ewigkeit in einen versteinerten Wald im Südwesten Afrikas, in dem der Prozess des Steinwerdens bereits vor 250 Millionen Jahren begonnen haben soll.
Ich sehe Farben
Ich denke an nichts, wenn ich male, ich sehe Farben.
Paul Cézanne (1839 – 1906), französischer Maler
Ich möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe geben, das Mächtige.
Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907), deutsche Malerin
Ich habe nichts dagegen, wenn man die Farbe sogar zu fühlen glaubt;
ihr eigenes Eigenschaftliche würde nur dadurch noch mehr betätigt.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), deutscher Dichter
Der Rest ist Resonanz
Gehen geht (fast) immer
Vor ein paar Jahren erst habe ich die Freuden des Fernwanderns für mich entdeckt. Gehen. Immer weiter gehen. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Viele Kilometer weit. Mit jedem Kilometer weitet sich auch mein Blick. Ich spüre meine Füße, beobachte, wie der Rücken gerade wird, wie die Muskeln in meinen Oberschenkeln spielen. Gedanken kommen und gehen. Ich atme ein. Und aus. Und wieder ein. Ich rieche, was um mich ist. Höre bewusster, während das bewusste Denken aufhört. Wie wenig man denken kann, wenn man nur lange genug geht…
Ja, ich weiß. Fernwandern, das geht zurzeit – und wohl noch eine ganze Weile – nicht. Aber eine Weile rausgehen, das geht für die meisten von uns, auch wenn sonst gerade nicht viel geht. „Gehen am Rande des Alltags“ sozusagen, vor der eigenen Haustür. Das passende Buch dazu hat Christian Sauer geschrieben: „Draußen gehen. Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur.“ Der Journalist und Coach weiß: „Draußen gehen ist keine Sportart, sondern eine Art, sich fortzubewegen – und eine Lebensweise. Es belebt und ordnet unser Denken. Draußen gehen relativiert Probleme, eröffnet Perspektiven. Es führt uns raus aus jener Problem-Trance, in die uns Arbeit, Projekte, Beziehungen, Kinder und Eltern immer wieder versetzen.“ Und Corona, ist man versucht hinzuzufügen. Sauers Texte verbinden sich organisch mit großformatigen Illustrationen von Franca Neuburg, die viel Raum lassen für eigene innere (Landschafts-)Bilder. Für ein auch haptisches Vergnügen sorgt der leinene Einband.
Zurzeit spielt sich unser aller Leben in begrenzten Räumen ab. Aber irgendwann wird der Radius wieder größer werden, auch für die Füße. Darauf kann man sich jetzt schon freuen. Zum Beispiel indem man in dem Buch „Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst“ schmökert. Der Autor Ulrich Grober beschreibt darin zwölf seiner eigenen Wanderungen durch deutsche Lande. Allein, mit Kindern, mit Freunden. Immer wieder auch auf den Spuren berühmter Wanderer. Dazu gibt es Tipps fürs Wandern von der passenden Ausrüstung bis zur Orientierung im Gelände. Grober erzählt von unterschiedlichen Landschaften zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Er schreibt über Wasser und Luft, über das Wandern als Überlebensstrategie, über spirituelles Wandern und über das Ankommen. All das so verlockend, dass man am liebsten sofort den Rucksack packen und aufbrechen möchte.
Man könnte natürlich auch das Kapitel übers Navigieren aus- und sich stattdessen auf Abenteuer pur einlassen. Wer dafür schon einmal im geschützten Raum – auf dem Sofa vielleicht oder auf der Gartenliege – üben möchte, dem bieten Kathrin Passig und Aleks Scholz Unterstützung mit ihrer unterhaltsamen „Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene“ über das „Verirren“. Die ist zwar, ebenso wie Ulrich Grobers Werk, schon ein paar Jahre alt, passt aber irgendwie ziemlich gut in diese Zeiten, in denen wir so viele bekannte Pfade verlassen und neue erkunden (müssen).
Im ersten Teil des Buches geht es „um Verirren in harmlosen Gegenden, das sich in den meisten Fällen dadurch wieder beenden lässt, dass man nach dem Weg fragt. Der Abschnitt ‚Fortgeschrittene‘ beschäftigt sich damit, was passiert, wenn man sich mehr als nur ein bisschen verirrt. Anfängerverirrungen lassen sich abbrechen, sobald man schlechte Laune oder kalte Füße bekommt. Fortgeschrittene Verirrungen dagegen gleichen einer Achterbahnfahrt. Man kann nicht einfach mittendrin aussteigen, nur weil man sich fürchtet.“
Die Fotos in diesem Beitrag habe ich von ausgedehnten Streifzügen durch die Fischbeker Heide und die Harburger Berge im hamburgisch-niedersächsischen Grenzgebiet mitgebracht. Passend zur Jahreszeit führten mich meine Wanderungen auch am Kiepenkerlsweg und am Eierstieg vorbei. Euch allen frohe Ostern!
Stairway to Heaven
Neugierig steige ich die moosige Leiter hinauf und linse in das signalgelb umrandete Astloch der alten Eiche. Ganz oben klebt ein Stück Papier am nassen Holz. Soll ich? Mit spitzen Fingern löse ich den lappigen Bogen. „Er weiß von nichts“, lese ich. Das ist ja ein Ding! „Mein Bruder ist 53 Jahre, 2 Meter groß und schlank…“. Sogar eine Anschrift für die Kontaktaufnahme hat die fürsorgliche Schwester angegeben. Vorsichtig lege ich das Papier zurück ins „Postfach“, streiche die wellige Oberfläche glatt. Weiter drinnen im Stamm, eine geschätzte halbe Armlänge tief, liegt noch ein Blatt, augenscheinlich mehrfach gefaltet. Das Angebot an diesem klammen Spätnachmittag im Februar ist nicht groß. Ich greife in den Leib des Jahrhunderte alten Baums. Zögernd. Einmal, weil ich den Grund nur schemenhaft erkennen kann, aber mehr noch, weil ich mir wie eine Voyeurin vorkomme. Dabei gilt das Postgeheimnis an diesem Ort gerade nicht.
Die Bräutigamseiche im Dodauer Forst in der Nähe des schleswig-holsteinischen Eutin ist nämlich ein öffentlicher Briefkasten für Heiratswillige und andere Kontaktsuchende, eine Partnerbörse des Waldes sozusagen. Was im Postfach respektive Astloch liegt, darf jede(r) lesen. Gefällt einem ein Brief, nimmt man ihn mit, sonst legt man ihn wieder zurück, für die, die nach einem des Weges kommen. Sogar eine eigene Anschrift hat der Baum: Bräutigamseiche, Dodauer Forst, 23701 Eutin. Die Post stellt werktäglich zu, was an Kontaktgesuchen aus Nah und Fern eingeht. Und das soll, ganz besonders im Frühjahr, eine Menge sein.
Ach, könnte die alte Eiche erzählen…! 600 Jahre soll sie bereits auf ihrem knorrigen Buckel haben. Es heißt, sie sei einst von einem keltischen Fürstensohn gepflanzt worden. Das kann aber auch eine Sage sein. Ebenso wie womöglich die Prognose, dass ein Mädchen, das bei Vollmond schweigend und ohne zu lachen dreimal um den Baum geht und dabei an den Geliebten denkt, innerhalb eines Jahres heiraten werde. Zu seinem Namen – soviel immerhin ist verbürgt – kam der Baum tatsächlich aufgrund einer Eheschließung: Am 2. Juni 1891 gaben sich die Tochter des Dodauer Oberforstmeisters und ein Schokoladenfabrikant unter den Ästen der Eiche das Jawort. Der Vater der Braut war zunächst gegen die Verbindung gewesen und hatte den beiden Liebenden jeden Kontakt verboten. Die tauschten daraufhin über ein Astloch des Baums heimlich Briefe aus. Als der Förster einsehen musste, dass er gegen die Liebe machtlos war, gab er seinen Widerstand schließlich auf.
Als ich gehe, springt ein junges Paar kichernd um den Baum. Die beiden sind ganz offensichtlich nicht (mehr) auf der Suche.
Geschenkte Räume
Der Förster kam mir mit seinem Hund entgegen, dann eine Weile niemand mehr. Kaum ist das Wetter mal ein bisschen unbeständig, feixte ich innerlich, schon hat man ganze Wälder für sich. Wobei „kaum“ und „ein bisschen“ natürlich arge Euphemismen sind. So oft wie in diesem sogenannten Winter bin ich lange nicht mehr nass bis auf die Haut in die warme Stube zurückgekehrt. Man kann (respektive will) schließlich nicht zu jeder Verabredung in hochgebirgstauglicher Allwettermontur erscheinen. Aber welch ein Vergnügen ist es, wenn es denn passt, Schicht um Schicht anzulegen, Rucksack und Mütze aufzusetzen, die Kapuze tief in die Stirn zu ziehen – und in aller Seelenruhe zu einem ausgedehnten Spaziergang aufzubrechen. Mag es nur schauern, mag es stürmen!
Mich zog es wieder einmal ins Professormoor, von dem ich hier und da bereits erzählt habe. Ich liebe dieses Fleckchen Erde im äußersten Norden Hamburgs, und ich war schon x Mal dort. So wie an diesem Wochenende aber hatte ich das Feuchtbiotop im Duvenstedter Brook noch nie gesehen. So viel Wasser!
Wo nach den Dürresommern 2018 und 2019 kaum mehr als Pfützen zwischen den Grassoden auszumachen waren, ist eine veritable Seenlandschaft entstanden. An einigen Stellen reicht die ungewohnte Flut sogar bis an den Grenzwall zum Nachbarn Schleswig-Holstein. Der grasbewachsene schmale Damm erlaubt es Spaziergängern, das Moor mehr oder – wie jetzt gerade – etwas weniger trockenen Fußes zu queren.
Auf Hamburger Seite sah ich in einiger Entfernung zwei Männer mit Eimern und Spaten hantieren. NABU-Ehrenamtliche, wie sich herausstellte, als einer von ihnen sich bis auf Rufweite näherte. Überwadenhoch tauchten die Gummistiefel des Mannes bei jedem Schritt ins Wasser. Schritt. Stand. Nächster Schritt. Stand. Da weiß einer sehr genau, wohin er seine Füße setzt. Seit zwanzig Jahren schon hilft er zusammen mit anderen Freiwilligen, die teilweise noch viel länger dabei sind, dem Moor beim (Über-)Leben. Gerade dichten sie allerlei Rinnen und Gräben ab, damit nur ja nichts von dem kostbaren Nass abfließt. Die nächste Trockenperiode kommt bestimmt, auch wenn man sich das zurzeit kaum vorstellen kann.
Nach einem kurzen Schwätzchen ging ich meiner Wege, die für die nächsten Kilometer wirklich meine waren. Und während ich gleich-mäßig ausschritt und das leichte Nieseln in ergiebigeres Strömen überging, stellte sich dieses Gefühl ein, wie ich es auch aus wachen Stunden spät in der Nacht kenne, wenn alles um mich herum längst schläft: Geschenkte Zeit, geschenkte Räume.
Und mit Liebe zu schaun
Herbstlich sonnige Tage,
Mir beschieden zur Lust,
Euch mit leiserem Schlage
Grüßt die atmende Brust.
O wie waltet die Stunde
Nun in seliger Ruh!
Jede schmerzende Wunde
Schließet leise sich zu.
Nur zu rasten, zu lieben,
Still an sich selber zu baun,
Fühlt sich die Seele getrieben
Und mit Liebe zu schaun.
Jedem leisen Verfärben
Lausch ich mit stillem Bemühn,
Jedem Wachsen und Sterben,
Jedem Welken und Blühn.
Was da webet im Ringe,
Was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
Ists dem Schauenden nur.
Jede sprossende Pflanze,
Die mit Düften sich füllt,
Trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.
Emanuel Geibel: Herbstlich sonnige Tage
Ich weiß, es gibt andere Orte als die Wälder in und um Hamburg. Aber wenn die Sonne noch einmal so Oktober-golden strahlt wie am Sonntag, hält mich nichts, aber auch gar nichts zwischen den Mauern der Stadt. Die Fotos dieses Beitrags habe ich von einem langen Spaziergang durch den Wohldorfer Wald und den Duvenstedter Brook mitgebracht. Es kommen andere Tage, auf dem letzten Foto ist es unschwer zu erkennen, und mit ihnen andere Bilder und Themen.
Elphi on fire
Lichtspiele ganz eigener Art boten sich den Laubtretern und Sonnenhungrigen gestern und heute an der Hamburger Außenalster. Was auf den ersten Blick aussah, als stünden das Rathaus und die Elbphilharmonie gleichzeitig in Flammen, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Rauchsäule über dem Kohlekraftwerk Moorburg an der Süderelbe. Auch ein Anachronismus lässt bisweilen Bilder von bizarrer Schönheit entstehen.
Eine Frage der Perspektive
Gingen zwei in einen Beerenwald;
Fand der Eine süße Beeren bald;
Hat sich fleißig gebückt
Und emsig gepflückt;
Tat nichts als essen.
Der Andre indessen
Trug immer die Nase gen Himmel gericht,
Sah den lieben Herrgott oder macht‘ ein Gedicht,
Aber die süßen Beeren, die sah er nicht.
Tun mir leid alle Beide.
Ich liebe die Beeren- und Himmelsweide.
Ich hätte mir Beeren gesucht im Kraut
Und essend zum blauen Himmel geschaut.
Mir hätte keins das andre geniert,
Hätte Himmel und Beeren in eins skandiert.
Otto Julius Bierbaum: Für Beerensucher
Die Blicke in den Himmel und „ins Kraut“ tat ich jüngst im Lichthof des neuen Bucerius Kunst Forums in Hamburg. Wer auch mal schauen will: Die nächste Ausstellung steht vor der Tür. Ab dem 19. Oktober sind Werke von Walt Disney, Norman Rockwell, Jackson Pollock und Andy Warhol zu sehen. In Zeiten wie diesen mag es gut tun, einmal andere Amerika-Bilder in den Blick zu nehmen.










