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Herbstbild

dsc_2253Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

dsc_2280O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel: Herbstbild

dsc_2174Ach, wie ich dieses Gedicht liebe!

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Das Blaue vom Himmel

P1100559Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre!
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh –:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

Kurt Tucholsky: Luftveränderung

P1100562So wunderbar blau war die Nordsee im August 2015. Will doch mal schauen, welche Farbe sie in diesem Sommer hat…

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An die Wolken

P1140536

Und immer wieder,
wenn ich mich müde gesehn
an der Menschen Gesichtern,
so vielen Spiegeln
unsäglicher Torheit,
hob ich das Aug
über die Häuser und Bäume
empor zu euch,
ihr ewigen Gedanken des Himmels.
Und eure Größe und Freiheit
erlöste mich immer wieder,
und ich dachte mit euch
über Länder und Meere hinweg
und hing mit euch
überm Abgrund Unendlichkeit
und zerging zuletzt
wie Dunst,
wenn ich ohn‘ Maßen
den Samen der Sterne
fliegen sah
über die Äcker
der unergründlichen Tiefen.

Christian Morgenstern: An die Wolken

P1000809

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Friederike im Lavendel

P1140879Was ist  d a s  denn? Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Lavendelblüte im frühen Juni? Und das nicht etwa in Südfrankreich sondern an Hamburgs Süderelbe, gleich hinter dem Deich? Vielleicht Klee? improvisierte die Freundin beim Anblick des wogenden violetten Blütenmeers. Nee, Klee ist doch viel rötlicher! Und auch längst nicht so hoch.

Kein Lavendel, nein, aber olfaktorisch ein ähnlich starkes Erlebnis. Tief in den Ackerfurchen, auf der Suche nach dem schönsten Foto, schlug die Erkenntnis mit der Wucht eines Hammers zu: Schnittlauch! Fehlte eigentlich nur noch das Rührei…

P1070739Das gibt es in dem vermutlich köstlichsten Schnittlauch-Gedicht deutscher Sprache:

Wenn der holde Frühling lenzt
Und man sich mit Veilchen kränzt
Wenn man sich mit festem Mut
Schnittlauch in das Rührei tut
Kreisen durch des Menschen Säfte
Neue ungeahnte Kräfte –
Jegliche Verstopfung weicht,
Alle Herzen werden leicht,
Und das meine fragt sich still:
„Ob mich dies Jahr einer will?“

Von wem das Gedicht ist, wollt ihr wissen? Tja, wenn man das so genau wüsste. Oft wird es Friederike Kempner (1836–1904) zugeschrieben, der Tochter eines schlesischen Rittergutsbesitzers, über deren lyrisches Werk DIE ZEIT am 29. Oktober 1953 einen höchst amüsanten Artikel veröffentlichte. Ich zitiere:

„Ein Leben lang blieb sie unvermählt und lebte nur ihrer unglücklichen Liebe zur Dichtkunst. Als ihre ersten Verse erschienen, dachte man, dies sei bloß eine schlechte Dichtung wie so vieles andere auch. Aber bald witterten die Kenner, dass da ein wahres Genie der unfreiwilligen Komik am Werk war. Man begann, jedes neue Werk der Friederike Kempner zu kaufen, prustete los, wenn ihr wieder einmal ein prächtiger Fauxpas geglückt war, und reichte die Bände einander weiter. Die ehrbare Rittergutsfamilie war verzweifelt. Sie suchte der Bücher Friederikens habhaft zu werden, ehe sie noch zum Käufer gelangten. Aber je größere Auflagen die Familie still aufkaufte, umso mehr fühlte sich der ‚schlesische Schwan’ in seinem Beginnen bestärkt. Friederike dichtete immer eifriger, und bald vermochte die reiche Familie den Wettlauf mit dem missratenen dichtenden Fräulein nicht mehr durchzuhalten. Ein neues Genie des Humors, wenn auch des unfreiwilligen, war der Welt geschenkt.“

So groß war die Begeisterung der „Welt“, dass seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch immer mehr Parodien auf Gedichte Kempners veröffentlicht wurden, über die es bei Wikipedia heißt:

„Diese zahlreichen, oft täuschend echt geratenen Parodien haben seit spätestens der Mitte des 20. Jahrhunderts eine literaturgeschichtlich vielleicht einzigartige Karriere gemacht. Denn in zum Beispiel der von Herrmann Mostar herausgegebenen Ausgabe Friederike Kempner, der schlesische Schwan (zuerst 1953), der von Walter Meckauer ab 1953 verantworteten Edition Die Nachtigall im Tintenfass und auch in Horst Dreschers Ausgabe Das Leben ist ein Gedichte (ab 1971) erschienen diese Parodien nun als vermeintlich originale Gedichte Friederike Kempners, die seither vor allem für jene Texte berühmt geworden ist, die sie nicht geschrieben hat.“

Auch das zitierte Gedicht über Rührei mit Schnittlauch und des Menschen Säfte ist wohl eine dieser Parodien. Wie vieles ist nicht das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint…

P1140875

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Mir zur Feier

P1140492Das sind die Stunden, da ich mich finde.
Dunkel wellen die Wiesen im Winde,
allen Birken schimmert die Rinde,
und der Abend kommt über sie.

Und ich wachse in seinem Schweigen,
möchte blühen mit vielen Zweigen,
nur um mit allen mich einzureigen
in die einige Harmonie…

Aus: Rainer Maria Rilke „Mir zur Feier. Gebete der Mädchen zur Maria“

Was macht ein Bild zu einem Lieblingsbild? Von allen Gemälden in der Hamburger Kunsthalle hatte es C. dieses eine angetan. So fasziniert war ich von der Harmonie, die sich zwischen Betrachter und Objekt einstellte, dass ich nicht einmal nachgesehen habe, wer die prachtvolle Blüte gemalt hat.

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Tagnachtlampe

P1140475Korf erfindet eine Tagnachtlampe,
die, sobald sie angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

Als er sie vor des Kongresses Rampe
demonstriert, vermag
niemand, der sein Fach versteht,
zu verkennen, dass es sich hier handelt –

(Finster wirds am hellerlichten Tag,
und ein Beifallssturm das Haus durchweht.)
(Und man ruft dem Diener Mampe:
„Licht anzünden!“) – dass es sich hier handelt

um das Faktum: dass gedachte Lampe,
in der Tat, wenn angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

Christian Morgenstern: Die Tagnachtlampe

P1140475Genau so kam es mir vor, als ich vor ein paar Tagen durch eine Autobahnunterführung in Hamburg-Wilhelmsburg radelte. Wir befanden uns kalendarisch zwar schon mitten in den Eisheiligen – man schrieb den Heiligen Servatius, um genau zu sein -, aber hier im Norden war nicht nur hellerlichter Tag, tatsächlich war es auch immer noch sommerlich warm. Nun ist auch die Kalte Sophie gegangen. Ihre Kälte hat sie uns zurückgelassen – und irgendjemand knipst gefühlt alle paar Minuten die Tagnachtlampe an und aus. Aprilwetter.

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Heute ein König

P1130561Heute will ich fröhlich fröhlich sein,
Keine Weis und keine Sitte hören;
Will mich wälzen und für Freude schrein,
Und der König soll mir das nicht wehren;

Denn  e r  kommt mit seiner Freuden Schar
Heute aus der Morgenröte Hallen,
Einen Blumenkranz um Brust und Haar,
Und auf seiner Schulter Nachtigallen;

Und sein Antlitz ist ihm rot und weiß,
Und er träuft von Tau und Duft und Segen –
Ha! Mein Thyrsus sei ein Knospenreis,
Und so tauml’ ich meinem Freund entgegen.

Matthias Claudius: Der Frühling. Am ersten Maimorgen

Kalendarisch ist es zwar noch ein bisschen hin, vom viel zu oft viel zu grauen Himmel gar nicht zu reden, aber zwischendurch auch immer mal wieder so königlich sonnig in der Stadt, dass ich voll Wonne den ersten Vor-Maimorgen ausrufe.

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Lebens-weise

P1130890Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, wann sie wiederkommen.

Und ob überhaupt, wie der Schriftsteller Oscar Wilde, der in seinem Leben vermutlich mehr Versuchungen nachgegeben als widerstanden hat, noch etwas zugespitzter formulierte. Ob nun wann oder ob – ich ließ mich nicht lange bitten, betrat das literarisch-verheißungsvoll beworbene Café und genehmigte mir einen extragroßen Milchkaffee.

Einen deutlich qualvolleren Umgang mit der Versuchung las ich in Rainer Maria Rilkes Der neuen Gedichte anderer Teil nach:

Nein, es half nicht, dass er sich die scharfen
Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
alle seine trächtigen Sinne warfen
unter kreißendem Gekreisch

Frühgeburten: schiefe, hingeschielte
kriechende und fliegende Gesichte,
Nichte, deren nur auf ihn erpichte
Bosheit sich verband und mit ihm spielte.

Und schon hatten seine Sinne Enkel;
denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
und in immer bunterem Gesprenkel
hingehudelt und verhundertfacht.
Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
seine Hände griffen lauter Henkel,
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
warm und zu Umarmungen erwacht -.

Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
Und der Engel kam in seinem Schein
und war da: und jagte sie
wieder in den Heiligen hinein,

dass er mit Geteufel und Getier
in sich weiterringe wie seit Jahren
und sich Gott, den lange noch nicht klaren,
innen aus dem Jäsen destillier.

Darauf, dass der Dichter nicht nur feingeistig zu formulieren wusste, sondern gelegentlich offenbar auch mit viel Feuer im Schoß zu ringen hatte, hat gerade erst Birgit auf dem sehr geschätzten Literaturblog Sätze&Schätze aufmerksam gemacht. Was Oscar Wilde zu all dem gesagt hätte?

Eine Versuchung wird man nur dadurch los, dass man ihr nachgibt.

Vermute ich.