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Erinnerungen an Hoi An

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An der Japanischen Brücke, einer der wenigen noch erhaltenen überdachten Brücken im Land, halten ein paar Jungs ihre Angeln ins Wasser.

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Eine Frau baut eine mobile Garküche auf, eine andere bietet vom Boot aus Ingwer und Räucherstäbchen zum Verkauf an.

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Nur eine schmale Straße trennt die Altstadt vom Fluss. Hölzerne Fischerboote ankern unmittelbar vor den gelben Häusern, an deren Fassaden regelmäßige Überschwemmungen deutliche Schimmelspuren hinterlassen haben.

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Wir schauen uns in dem nur ein paar Meter breiten, dafür aber um so tieferen „Pfandleiherhaus“ um. Zweimal im Jahr, wenn der Thu Bon River über die Ufer tritt und den Markt und die angrenzenden Straßen meterhoch unter Wasser setzt, tragen seine Bewohner stoisch die schweren alten Holzmöbel in den ersten Stock hinauf.

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Als wir das Gebäude auf der Flussseite verlassen, registriere ich, dass ein Teil der Straße, über die wir noch am Vorabend gebummelt sind, auch jetzt überflutet ist.

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Eine Radfahrerin mit rosa Mundschutz zieht unbeirrt ihre Bahn durch das Nass…

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Nein, Überschwemmungen sind  nichts Ungewöhnliches in der vietnamesischen Hafenstadt Hoi An, die ich vor ein paar Jahren kennen lernte. Aber so schlimm wie in den vergangenen Tagen war es lange nicht mehr. Die Pegel der Flüsse in Zentralvietnam stiegen in Folge sintflutartiger Regenfälle auf ungeahnte Höhen. Mehr als zwei Dutzend Menschen kamen ums Leben, Zehntausende wurden evakuiert, 100.000 Häuser stehen unter Wasser. Ich bin sehr froh, dass das Hochwasser mittlerweile zurückgeht, wenn auch langsam.

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Safety Old School Style

Die Sicherheitsvideos von Air New Zealand sind Kult. Als ich 2011 ans andere Ende der Welt flog, machten uns Spieler der All Blacks mit den Sicherheitsvorschriften an Bord vertraut – leider nur virtuell. Immerhin gewann das neuseeländische Team im selben Jahr die Rugby-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Ein Jahr später, in Vorfreude auf den ersten Teil von Peter Jacksons Hobbit-Trilogie, steuerte die Airline filmisch direkt nach Mittelerde, Gastauftritte von Regisseur und Gollum inklusive. Schon seit Jacksons Verfilmung des Herrn der Ringe erwarten ja viele Neuseeland-Reisende insgeheim, unterwegs auf Frodo und seine Gefährten zu treffen.

In dem neuen Video Safety Old School Style gibt jetzt die aus der Sitcom Golden Girls bekannte Schauspielerin Betty White zusammen mit anderen Bewohnern eines fiktiven Altenheims die Safety Instructions an die Fluggäste weiter. Naturgemäß etwas amerikanischer als die Vorgänger, aber immer noch sehr vergnüglich. Und bei aller Flughöhe angenehm down to earth. Passend dazu fällt im Land der Kiwis auch der Abschied besonders freundlich aus, wie hier auf dem Flughafen von Auckland:

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Mit Musik

Martina Skala: Strado & Varius. Paris 2002

51ACZ6YC9QL._SX342_Ein paar Jahre schon hatte ich dieses bezaubernde Bilderbuch für Erwachsene nicht mehr in der Hand. Bis gestern, als ich im Bücherregal ein bisschen Platz schaffen wollte. Sehr weit bin ich damit nicht gekommen. Weißt du noch? riefen mir Strado & Varius zu. Sie waren nicht die einzigen, die da riefen. Aber das sind andere Geschichten. Strado & Varius lernte ich vor einem Jahrzehnt in Paris kennen, als ich dort eine Freundin und nebenbei die eine und andere wunderbare Buchhandlung besuchte.

„C’était un frais matin du mois de mars. Le vent balayait les dernières feuilles mortes de l’hiver. Le vieux violiniste, jadis célèbre sous le nom de Varius, se dirigeait comme d’habitude vers son café préféré. Il s’arrêta brusquement: il avait failli marcher sur un œuf! Un petit œuf blanc, au milieu de la route. Un œuf dans Paris ça n’a rien d’extraordinaire, me direz-vous. Ce qui était curieux, en revanche, c’était le bruit qui en sortait. Comme si quelqu’un, tout doucement, accordait un violon!“

Beinahe wäre der alte Geiger Varius an einem kalten Märzmorgen mitten in Paris auf ein Ei getreten. Seltsame Klänge entströmen diesem Ei, gerade so, als würde jemand leise eine Geige stimmen. Plötzlich bewegt sich das Ei, zerbricht schließlich. Heraus schlüpft eine kleine Violine, die sich als Strado vorstellt und dem verdutzten Varius verkündet: Ich werde bei dir bleiben und dich glücklich machen!

Doch schon bald werden die beiden wieder getrennt. Nach der ersten gemeinsamen Orchesterprobe und einer handfesten Auseinandersetzung mit dem eingebildeten Piano, dessen Großvater eng mit Chopin befreundet gewesen sein soll, verirrt sich der kleine Strado in der großen Stadt. Im Zirkus lernt er die Klarinette Rimski und Korsakov, das Saxophon, kennen. Er geht mit einer Rockband auf Tournee, aber das Heimweh wird mit der Zeit immer größer. Strado will nach Hause zu Varius. Und das gelingt ihm am Ende auch, nach einem Gespräch mit dem Mond, der mit Herzensangelegenheiten bekanntlich vertraut ist.

Autorin und Illustratorin dieser liebenswerten, frechen, poetischen kleinen Geschichte, in der noch die Noten Gesichter und Beine haben, ist die gebürtige Pragerin Martina Skala, die selbst viele Jahre in Paris gelebt und gearbeitet hat. Was das Bücherregal angeht: Natürlich behalte ich Strado & Varius. Wer weiß, vielleicht ist es ganz gut, dass ich irgendwann mal angefangen habe, Halsketten an Stelle von Büchern zur Erinnerung mit nach Hause zu bringen…

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Expedition zum K2

Bei aller Begeisterung für die Berge und ganz besonders die hohen: Auf den K2 werde ich es in diesem Leben nicht mehr schaffen. Und das keineswegs nur, weil es neuerdings immer mal wieder im Knie zwickt und zwackt. Höher als viereinhalbtausend Meter bin ich nie gekommen. Und meine Gletscher- und Klettererfahrung als rudimentär zu bezeichnen, wäre bereits geprahlt. Aber zum K2, das geht. Dafür muss man dank Latourex nicht mal ins Karakorum-Gebirge reisen. Das Laboratoire de Tourisme Expérimental, eine Art Werkstatt für touristische Unternehmungen jenseits ausgetretener Pfade, empfiehlt: „Entdecke die Gegend in einer Stadt, die sich auf dem Stadtplan im Feld K2 befindet. Koste alle kulturellen Attraktionen, gastronomischen Entzücken und Raststätten aus.“ Spannend! Besonders, nachdem ich feststellen musste, dass in meinem Hamburg-Plan bei K3 Schluss ist, gleich hinter der Süderelbe. K2 ist also offenbar fast schon Wildnis. Liebe Hamburger aus dem Süden, bitte verzeiht einer unwissenden Nordelbischen!

P1020688 Ausgestattet mit dem neuen „Stadtplan extra“ nähere ich mich Hamburgs K2 – vulgo: Heimfeld – über die Nordwestflanke: den Moorburger Hinterdeich, der sich an Wiesen mit Butterblumen, Sauerampfer und rotem Klee entlangschlängelt. „Kuckuck“, ruft es vom Sturmflutdeich geradeaus. Wäre da nicht das Gebrumm der A 7 und verschiedener Autobahnzubringer, wären da nicht die mächtigen Hochspannungsleitungen über all dem Grün, die Idylle wäre perfekt. Wo der Moorburger Bogen einen Bogen macht, lasse ich die Hafenerweiterungsflächen mit Bauschutt-Recyclinghof und Raffinerien links liegen und spaziere durch die Kleingartensiedlungen rechter Hand. Beim Klönschnack über den Gartenzaun wird mir gleich eine Parzelle zum Kauf angeboten. Nicht schlecht. Ich könnte meine eigenen Gurken und Tomaten ziehen, vielleicht ein paar Hühner halten…

P1020671 Aber erst einmal zieht es mich vorbei an allerlei Gewerbe und kleinen Einfamilienhäusern weiter Richtung Süden, auf die andere Seite der viel befahrenen B 73. Im Krankenhaus Mariahilf hole ich mir einen Kaffee „to go“. Das „gastronomische Entzücken“ in Hamburgs K2 hält sich in Grenzen. Alternativ hätte ich nur noch den Pizza-Lieferservice gegenüber ansteuern können. Dafür entschädigt ein Spaziergang durch Meyers Park gleich hinter der Klinik. Mensch, den kenn’ ich doch! Genau: In einem der hübschen Mehrfamilienhäuser in Waldrandlage habe ich eine Zeitlang regelmäßig Doppelkopf gespielt. Sogar auf dem Grill- und Spielplatz gleich neben der kleinen Lichtung war ich schon. Damals allein auf weiter Flur. An diesem sonnigen Frühsommersonntag herrscht zwischen den alten Buchen ein Betrieb wie im Basislager des Mount Everest. Was wie Morgennebel in die Baumwipfel aufsteigt, ist in Wahrheit der Rauch von Dutzenden von Grillfeuern. Und wer es gern ein bisschen steiler hätte, ist auch fast am Ziel: Die Harburger Berge mit Erhebungen bis eben über 150 Meter liegen gleich um die Ecke.

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Thronfolger auf Weltreise

Franz Ferdinand.PNG.880266Franz Ferdinand von Österreich-Este: „Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck“. Tagebuch meiner Reise um die Erde 1892-1893. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Frank Gerbert. Wien 2013

Mit großer Entourage reiste der designierte Monarch von Österreich-Ungarn zehn Monate lang quer durch Asien, Australien und allerlei pazifische Inseln bis nach Nordamerika. 1100 Seiten umfasste sein 1895 erstmals veröffentlichtes Tagebuch, das seinen Machtanspruch und seine zukünftige Rolle in Europa unterstreichen sollte. Daraus wurde am Ende bekanntlich nichts: Erzherzog Franz Ferdinand fiel im Juni 1914 bei einem Besuch in Sarajevo einem Attentat serbischer Nationalisten zum Opfer, das im Weiteren den Ersten Weltkrieg auslöste. Ein faszinierendes Zeitzeugnis ist dieses Tagebuch einer Weltreise im ausgehenden 19. Jahrhundert aber allemal. Der Journalist Frank Gerbert hat es auf ein lesefreundliches Viertel seines ursprünglichen Umfangs gekürzt und mit einer Einleitung sowie kommentierenden Erläuterungen versehen, Text und Rechtschreibung im Übrigen aber unverändert gelassen.  Originalfotografien ergänzen die Reisenotizen.

Dass einem beim Blick in Gründe und Abgründe dieser schillernden Person der Zeitgeschichte immer wieder das Messer in der Tasche aufgehen kann, sei ausdrücklich erwähnt. Der Thronfolger schießt auch unterwegs auf alles, was ihm vor die Flinte kommt, selbst auf Koalas und fliegende Fische. Unfassbare 274.899 Stück Wild soll der fanatische Jäger im Laufe seines gerade einmal 50-jährigen Lebens erlegt haben. Er ist ebenso konservativ wie katholisch, echauffiert sich über angeblich pietätlose Bestattungsrituale in Indien, schreckt aber nicht davor zurück, in Australien eigenhändig das Grab eines Häuptlings zu schänden. Auf der anderen Seite scheint ihm durchaus bewusst zu sein, welche Gräuel den Ureinwohnern von weißen Eroberern angetan wurden. Über landschaftliche Schönheiten schreibt er mit den Augen eines Romantikers, bisweilen geradezu poetisch. Sein Blick auf fremde Völker im Allgemeinen und exotische Frauen im Besonderen ist demgegenüber zumeist eurozentristisch-abfällig bis eindeutig rassistisch, was durchaus dem Zeitgeist entsprach. Über Österreich und seine Küche geht ohnehin nichts. Aber der Habsburger ist nicht nur scharfzüngig, sondern auch ein genauer Beobachter und formuliert erstaunlich bildhaft. Einige seiner Schilderungen sind sogar komisch, allerdings wohl eher unbeabsichtigt.

„Zum Glück ist das Reisetagebuch mehr als bloß ein Dokument von Rassismus und jägerischem Größenwahn“, schreibt Herausgeber Gerbert zutreffend. „Entstanden ist eine sehr sonderbare Mixtur aus Ignoranz, Vorurteil, Ideologie, originellen An- und Einsichten, respektablen Landschaftsbeschreibungen, Plädoyers für den Naturschutz sowie einem Quäntchen Selbstironie. Dass seine Aufzeichnungen so lebendig sind, liegt vielleicht auch daran, dass der Erzherzog – wiewohl intelligent – nicht besonders gebildet war und sich vor allem als Mann der Tat begriff. Statt viel zu räsonieren, stürzt er sich ins volle Leben, verkostet die ungewöhnlichsten chinesischen Speisen, probiert Opium, lässt sich tätowieren und liefert sich ein Wettschießen mit dem besten indischen Schützen.“

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Die Kinder vom Chimborazo

IMG_5893IMG_5740IMG_5752Stolz crosst der Junge mit seinem Bike über den vom Dauerregen der vergangenen Tage aufgeweichten Grund. Er stoppt, posiert für die Fotografin.  Ein paar Schritte weiter stopft ein kleiner Macho mit Cowboyhut die Bonbons, die ich ihm anbiete, achtlos in die Hosentasche und fordert, ich solle ihm meine Kompaktkamera schenken. Bis zum Ende der kleinen Siedlung heftet er sich wie ein Schatten an meine Fersen. „Dame la camera!“ Oder das Handy. Oder noch besser: beide. Ich bin schließlich reich. Wäre ich sonst in sein Land geflogen gekommen, nur um zwischen all den Vulkanen herumzuwandern? Dem Cotopaxi, der einen Wolkenstriptease hinlegte, der einer Nachtclubtänzerin zur Ehre gereicht hätte, dem ewig aktiven Tungurahua gleich hinter unserer Herberge und jetzt dem höchsten von allen: dem Chimborazo.

IMG_5845Mitten in der Steppe warten ein paar Mädchen mit ihren Müttern und Tanten geduldig darauf, uns selbst gehäkelte Täschchen zu verkaufen. Und Cristian, dessen Augen schon so viel gesehen zu haben scheinen, dass man darin versinken könnte… – Mehr als zwei Jahre sind seit diesen Begegnungen vergangen. Endlich habe ich es geschafft, die alten Bilder zu sortieren. Das Hamburger Schmuddelwetter hat auch sein Gutes, man glaubt es kaum. Sich zu erinnern, dass es auch andernorts gelegentlich viel zu nass ist für die Jahreszeit, ist sogar irgendwie tröstlich.

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„Engel, übervoll“

11185421nAlain de Botton: Kunst des Reisens. Frankfurt 2003

Paul Klee: Engel. Hamburger Kunsthalle

Über Pfingsten habe ich eine Ausstellung besucht, dreieinhalb Bücher gelesen und 701 Gedanken gesponnen, vielleicht auch mehr. So kann’s gehen, wenn es immerzu regnet. Dies soll eine Buchbesprechung werden. Aber angefangen hat es mit einer Ausstellung.

imagesMit einer Ausstellung von Paul Klees Engelbildern in der Hamburger Kunsthalle. Die meisten der spitzflügeligen Wesen hat der Künstler in seinen letzten Lebensjahren aufs Papier gebracht, viele mit kühnem Bleistiftstrich: sehr menschlich, oft unfertig oder im Übergang, zweifelnd, voller Hoffnung, teuflisch, mal anrührend („Engel, noch tastend“), mal urkomisch („Engel im Schreiten, noch unerzogen“). Beim Verlassen des Gebäudes ertappe ich mich kurz bei dem Gedanken, ob ich mir vielleicht noch eine der anderen aktuellen Ausstellungen ansehen sollte. Schließlich sind die in dem stolzen Eintrittspreis ebenso inbegriffen wie die ständige Sammlung. Ach nein! Nicht Giacomettis „Spielfelder“ über Klees Engel stülpen, auch wenn es der letzte „Spieltag“ ist. Und lieber ein andermal „Besser scheitern“.

Seit Jahren verzichte ich nun schon darauf, ein ganzes Museum auf einmal abzuarbeiten, nur weil es so billiger ist. Ich gebe zu, daran denken tue ich immer mal wieder. Und meine Liebe gehört eindeutig den kleineren Kunsträumen, die sich bei einem Besuch komplett bewältigen lassen. Bei den großen Häusern mache ich selbst einen Schnitt, beschränke mich auf eine von mehreren Ausstellungen oder einen Teil einer Ausstellung. Manchmal hätte ich es gern noch reduzierter, würde am liebsten in der Mittagspause oder am Abend mal eben vorbeischauen, einige wenige Objekte oder Bilder betrachten und wieder gehen. Diesen ganz alltäglichen Kunstgenuss habe ich vor vielen Jahren bei einem längeren Aufenthalt in Madrid (schätzen) gelernt. Wieder und wieder zog es mich damals ins Museo Nacional de Arte Reina Sofía. Mal in eine aktuelle Ausstellung, mal zu meinem jeweiligen Lieblingsbild daraus. Und immer wieder zu Picassos „Guernica“. Das hatte auch mit der Gestaltung der Eintrittspreise zu tun, keine Frage. Zu bestimmten Zeiten war der Besuch der „Reina Sofía“ sogar frei, wenn ich mich richtig erinnere, und ist es wohl heute noch. Aber geblieben ist vor allem das tiefe Erleben, dass weniger oft mehr ist und Neugier und Aufmerksamkeit gute Guides – in der Kunst ebenso wie auf Reisen.

Noch ganz beseelt vom freudigen Erinnern fiel mir Alain de Bottons „Kunst des Reisens“ in die Hände. Ich las und las. Über Erwartungen vor der Abreise, über Orte des Fortgehens und des Ankommens, über Gründe für das Reisen, darunter die individuelle Wissbegierde …, und stand plötzlich schon wieder mitten in der spanischen Hauptstadt: „Eine Gefahr beim Reisen besteht darin, dass wir Dinge zur Unzeit sehen, das heißt, bevor wir die notwendige Empfänglichkeit ausbilden konnten. … Sind wir an einen Ort gereist, den wir wahrscheinlich nie wieder besuchen werden, so fühlen wir uns verpflichtet, nacheinander Sehenswürdigkeiten zu bewundern, die nichts anderes verbindet als die räumliche Nähe. … Der Madrid-Besucher soll sich für den Palacio Real interessieren, für eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Königsresidenz, … und – nur kurze Zeit später – für das Centro de Arte Reina Sofía, eine Kunstgalerie mit weißen Mauern, in deren Sammlung von Kunstwerken des 20. Jahrhunderts Picassos ‚Guernica‘ einen Höhepunkt darstellt. Genau die sollte jemand, der sein Wissen über die Architektur von Königsschlössern aus dem 18. Jahrhundert vertiefen möchte, aber auslassen. Natürlich verliefe eine Entwicklung, wenn derjenige sich vom Palacio Real zur Prager Burg oder zum ehemaligen Zarenpalast nach St. Petersburg aufmachte.“

Ich fürchte, eine richtige Rezension wird das hier nicht mehr. Aber ich rate zu: zu Klees Engeln, zu Madrid – und zu Alain de Bottons Essays über das Reisen. In ferne Länder ebenso wie vor der eigenen Haustür: „Bewegen wir uns mit der Einstellung von Reisenden an unserem angestammten Platz, erweist der sich womöglich als nicht weniger interessant als die Hochgebirgspässe und die von Schmetterlingen durchschwirrten Dschungel in Humboldts Südamerika. Was also kennzeichnet die Einstellung beim Reisen? Empfänglichkeit ist wohl ihr wichtigstes Merkmal. Wir nähern uns Neuem mit Demut. Wir haben keine fest gefügten Vorstellungen darüber im Gepäck, was interessant ist. Wir verunsichern Einheimische, weil wir auf Verkehrsinseln und auf schmalen Straßen stehen und bewundern, was sie für seltsame kleine Details halten. Wir laufen Gefahr, umgerannt zu werden, weil wir gefesselt sind vom Dach eines Regierungsgebäudes oder einer Mauerinschrift. Wir finden einen Supermarkt oder einen Frisiersalon ungemein faszinierend. Wir betrachten ausgiebig das Layout einer Speisekarte oder die Kleidung des Sprechers der Abendnachrichten. Wir erkennen die Spuren der Vergangenheit im Gegenwärtigen und machen Aufzeichnungen und Fotos.“

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Süßes Fernweh

IMG_7189Heute bin ich nur halb in Hamburg. Die andere Hälfte traumwandel(r)t durch eine grandiose Vulkanlandschaft am anderen Ende der Welt. Im Tongariro Nationalpark im Zentrum der neuseeländischen Nordinsel, um genau zu sein. Mount Ngauruhoe, der Schicksalsberg aus Peter Jacksons Trilogie „Der Herr der Ringe“, ruft – seit ich gelesen habe, dass der Tongariro Crossing vor ein paar Tagen wieder komplett geöffnet wurde. Die knapp 20 Kilometer lange Bergtour wird zu den schönsten Tageswanderungen der Welt gezählt. Die beliebteste in Neuseeland ist sie allemal: Mehr als 70.000 Wanderer zieht es jedes Jahr auf den Track, dessen nördlicher Teil nach Ausbrüchen am Te Maari Krater des Mount Tongariro im August und November 2012 geschlossen werden musste. Inzwischen hat sich die vulkanische Aktivität beruhigt. Wissenschaftler bestätigten, dass das Gebiet wieder sicher sei. So sicher, wie Vulkane eben sein können.IMG_7219

Ich habe den Tongariro Crossing im Februar 2011 gemacht, zwischen Interview und Interview für ein Buchprojekt über deutsche Auswanderer in Neuseeland, weil endlich einmal das Wetter stimmte, als ich in die Gegend kam. Bin sieben Stunden praktisch ununterbrochen gewandert, oft gekraxelt, manchmal über Geröll gerutscht, habe mich einmal sogar gepflegt auf die Nase gelegt, als die Kräfte nachließen. Ja, die Tour war anspruchsvoll, aber auch zum Weinen schön. Ich habe gigantische Mondlandschaften-Krater durchmessen, mit Schaudern in den Schlund des aktiven Red Crater geblickt und auf die smaragdgrünen Emerald Lakes mit ihren schwefeligen Ufern. Und dazwischen immer wieder freie Sicht auf den Schicksalsberg genossen.

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Zweierlei Reise

978-3-499-62841-2.jpg.557815Oliver Lück: Neues vom Nachbarn. 26 Länder, 26 Menschen. Hamburg 2012

Meike Winnemuth: Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr. München 2013

Die beiden Bücher kann man unmöglich miteinander vergleichen, aber einander gegenüberstellen, das geht. Schon weil sie sich in mancher Hinsicht so schön ergänzen.

36790661nOliver Lück reiste mit seiner Hündin Locke 20 Monate lang im Bulli durch Europa – zu Menschen und ihren Geschichten. Er traf Goldsucher und Bernsteinfischer, Meisterschaukler und einen Zwergstaat-Olympioniken, den einzigen schwarzen Flößer Deutschlands und den Fußballstar Lionel Messi. Er besuchte Menschen, die Großes vollbringen: Heißluftballons konstruieren, den Mount Everest bezwingen oder gegen die Mafia kämpfen. Und andere, die eher im Stillen wirken: Flaschenpostbriefe sammeln zum Beispiel oder die Pässe von Pilgern auf dem Jakobsweg abstempeln.

Meike Winnemuth erspielte sich eine Auszeit: zwölf Städte auf allen Kontinenten in zwölf Monaten. Mal eine Weile raus aus Deutschland, an Orten leben, die sie reizten und die sie nicht oder kaum kannte: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba, Havanna. Und als Zugabe Hamburg, das sich so anders anfühlte nach dem Jahr unterwegs. Eine Reise vor allem zu sich selbst.

Lück schreibt Reportage, Winnemuth Kolumne. Er nimmt sich selbst sehr zurück, manchmal fast schon zu sehr, beobachtet und beschreibt, flicht aktuellen und historischen Background in seine Erzählungen, die einem die „Nachbarn“ ordentlich nahe bringen. Sie plaudert in Briefen an Freunde, Eltern und einmal sogar das eigene jüngere Ich über Erfahrungen, Empfindungen und Eindrücke beim Reisen und Leben. Persönlich, humorvoll, klug. Manches so oder so ähnlich selbst erlebt, aber nie so prägnant formuliert. Über die Orte selbst erfährt man nicht so viel. Umso mehr dagegen, wie der Ort den Menschen bzw. der Mensch sich mit dem Ort verändert  je nachdem, welche Facetten von ihm gerade angesprochen werden. Und wie es eine Geschichte beeinflusst, wem man sie erzählt. Gelegentlich gerät die Selbstbetrachtung ein wenig lang für meinen Geschmack. Dann ist es wahrscheinlich einfach mal wieder Zeit für eine von Oliver Lücks Geschichten…