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Morgenstern zum Fest

Morgenstern zum Fest

„Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.“

Christian Morgenstern

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Tell me a story

Zwei Stunden Zeit. Für eine Begegnung mit einem mir bisher unbekannten Hamburger. Ein Erzählspiel, um miteinander ins Gespräch zu kommen. An einem historischen Ort, der gerade mit neuem Leben erfüllt wird. – Das sind Rahmenbedingungen so recht nach meinem Geschmack. Aber der Reihe nach:

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Zuerst der Ort. Ein Häuschen, nur wenige Schritte von der U-Bahnstation St. Pauli entfernt. Mit seinen Säulen erinnert es an einen kleinen Tempel. Die 1820 im klassizistischen Stil umgebaute ehemalige Wache am Millerntor ist der einzige Überrest einer mächtigen Wallanlage aus dem 17. Jahrhundert, die Hamburg im Dreißigjährigen Krieg vor der Eroberung schützte. St. Pauli war damals noch eine Siedlung außerhalb der Stadt, und das dahinter liegende Altona gehörte zu Dänemark. Wer aus Richtung Westen in die Stadt wollte, musste durchs Millerntor und an der dortigen Wache sein Torgeld entrichten und seine Waren verzollen. Heute braust mehrspurig und praktisch pausenlos der Straßenverkehr vorbei.

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Es gibt heimeligere Ecken in Hamburg, gewiss. Aber wenn man erst einmal die Säulen passiert und die Tür hinter sich geschlossen hat, ist von dem Lärm draußen kaum noch etwas zu hören. Dafür hoffentlich bald viele spannende Hamburger Geschichten. Denn das soll die alte Wache werden: ein Ort für erzählte Geschichte, ein Erzählmuseum. Initiator und Finanzier des Projekts ist die Alfred Toepfer Stiftung, Kooperationspartner das nahe gelegene Museum für Hamburgische Geschichte (Hamburg Museum). In gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre – die Wache ist mit ihren 24 Quadratmetern nicht nur so klein wie eine gute Stube, sondern mit Sofa und Sesseln auch so eingerichtet – sollen ein- bis zweimal die Woche Hamburger Bürger befragt und gefilmt werden.

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Wer möchte, kann das Erzählte anschließend auf DVD gebrannt mit nach Hause nehmen. Vor allem aber sollen möglichst viele der Geschichten im Hamburg Museum archiviert und auf der Website des Museums für Hamburgische Geschichtchen veröffentlicht werden, wie der jüngste Zuwachs in der städtischen Museumslandschaft getauft wurde. Denn die Initiatoren wissen: „Stadtgeschichte wird nicht nur durch Exponate im Museum oder wissenschaftliche Aufsätze von Historikern erfahrbar, sondern auch durch die mündliche Überlieferung von Geschichten und Geschichtchen.“ Unterstützt und begleitet wird das Projekt vom Oral-History-Archiv „Werkstatt der Erinnerung“ der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte.

In der alten Wache soll aber nicht nur Stadtgeschichte festgehalten, sie soll selbst ein Ort der Begegnung und des Gesprächs werden und steht zu diesem Zweck auch externen Veranstaltern offen. Ich bin vor ein paar Tagen der Einladung eines solchen „Untermieters auf Zeit“ gefolgt – den Autoren des Projekts Storybox. Der Organisationsberater und Regionalmanager Georg Pohl (ein Hamburg-verliebter „Zugereister“ aus Leipzig) und die Märchen- und Geschichtenerzählerin Micaela Sauber (eine Ur-Hamburgerin) haben gemeinsam ein Erzählspiel entwickelt, mit dem sie Menschen in unterschiedlichen Kontexten miteinander ins Gespräch bringen wollen: im Rahmen der Quartiers- und Projektentwicklung ebenso wie in der unternehmensinternen Kommunikation, auf Tagungen und Seminaren oder im persönlichen Umfeld. In der Millerntorwache bieten die beiden noch bis zum Frühjahr jeweils zwei HamburgerInnen Gelegenheit zum spielerischen Erzählen und gegenseitigen Kennenlernen. Alles, was es dafür braucht, sind zwei Stunden Zeit – und eine Portion Neugier natürlich.

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Ich sollte eigentlich einen Architekten kennenlernen. Aber weil der sich die falsche Uhrzeit notiert hatte, haben stattdessen Georg Pohl, Micaela Sauber und ich zusammen mit der Storybox gespielt und uns gegenseitig ein paar unserer ganz persönlichen Hamburg-Geschichten mit auf den Weg (und in das Schatzkästchen) gegeben. Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich sofort zugestimmt habe, im Januar wiederzukommen – dieses Mal, um den säumigen Architekten zu treffen. – Wer selbst bei dem einen oder anderen Erzählprojekt mitmachen möchte, findet Telefonnummern und Kontaktadressen unter den Links im Text.

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Seine? Alster!

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Ich bin keine Freundin exzessiver digitaler Bildbearbeitung. Vielleicht, weil ich in analogen Zeiten groß geworden bin. Speziell die Unsitte, jeder noch so banalen Szene mit HDR (Pseudo-) Dramatik zu verleihen, hat mir die Kontrastschmiede insgesamt einigermaßen verleidet. Sepia-Effekte empfinde ich zumeist als übertrieben nostalgisch. Ich denke irgendwie immer, dass der Film nicht ausreichend fixiert wurde. Und hatte zu meiner Überraschung plötzlich Lust, genau damit herumzuspielen und  dem Dezember-frühabendlichen Alsterkanal ein wenig Seine-Romantik zu verpassen. „Schuld“, so vermute ich, ist ein Beitrag auf dem englischsprachigen Blog bluebrightly. Als ich die Vorher-Nachher-Beispiele dort sah und Lynns kluge Gedanken zum Thema Bildbearbeitung las, kam mir ein Satz aus Markus Zusaks „Bücherdiebin“ in den Sinn: „Das Schöne an Fiktion ist, dass man eine Lüge erzählen kann, um die Wahrheit zu sagen.“ Que pensez-vous? What’s your opinion?

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Ein bisschen verliebt

An irgendeinem Punkt habe ich mich eigentlich immer verliebt. Ich glaube, das hat mit Vertrauen zu tun. Mit dem Vertrauen meines Gegenüber, das ganz offen von sich erzählt. Von all dem Schönen und dem, was im Laufe eines Lebens gelang. Aber auch von den traurigen Momenten, von Verlusten und Erfahrungen des Scheiterns. Und es hat mit dem Wissen zu tun, das aus diesem Vertrauen erwächst. Da zeigt sich ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Träumen und dem, was ihm wichtig ist. Und da soll einem nicht das Herz aufgehen? Mich hat es, wie gesagt, noch jedes Mal erwischt. Und ein Mal besonders. Vielleicht, weil es das erste Mal war. Aber sicher auch, weil sie ist, wie sie ist.

Spröde. Herzlich. Und ganz und gar jammerfrei. Dabei hätte sie oft genug Grund zum Klagen gehabt. Aber das ist nicht ihre Art. Sie hat schon früh gelernt, dass das Leben nicht immer rosig ist. Dass andere ihre Bedürfnisse erfüllen sollen, war nie ihre Vorstellung. Darum kümmert sie sich schon selbst. Krieg und Flucht mit all ihren Schrecken hat sie überstanden, die Tochter allein großgezogen, die Enkel gleich mit, hat immer gearbeitet, nebenbei noch ein Vollzeit-Ehrenamt bekleidet. Aber sie kann sich auch abgrenzen. Blinde Aufopferung ist ihre Sache nicht. Der liebe Gott oder wer auch immer (sie als befreite Katholikin würde vermutlich Protest anmelden) hat ihr eine Extraportion Humor geschenkt. Gerade hat sie eine Reise nach Asien gebucht. „Werden Sie allein fliegen?“ wollte der Herr im Reisebüro von ihr wissen. „Na, ich hoffe doch, der Pilot und vielleicht noch der ein oder andere Fluggast werden dabei sein“, erwiderte sie und lachte.

Meine erste Biografiekundin. Vor acht Jahren habe ich ihre Geschichte aufgeschrieben. Knackige 93 ist sie inzwischen. Alt zu werden und dabei geistig und körperlich einigermaßen fit zu bleiben, ist ein Geschenk. Das kriegt nicht jeder. Leider. Aber lange nicht jeder macht etwas aus diesem Geschenk. Dafür, dass sie es tut, liebe ich diese alte Dame. Sie ist so etwas wie mein Role Model fürs Alter. Ich freue mich schon auf den Adventskaffee bei ihr heute Nachmittag.

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Sturmgeflutet

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Heute Nachmittag im Hamburger Hafen.  In den Wasserlachen auf dem Dach des Ausflugsboots „Klein Erna“ an den Landungsbrücken spiegelt sich die Sonne, die für einen Moment durch dichte Regen- und Schneewolken bricht. Das U-Boot am St. Pauli Fischmarkt scheint an diesem Freitag besonders tief im Fluss zu liegen.

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Orkan Xaver hat sich mittlerweile deutlich beruhigt, nicht aber die Elbe. Weil der Wind konstant aus Nordwest weht, kann das Wasser bei Ebbe nicht ordentlich abfließen. So wird die Stadt am frühen Abend von der dritten Sturmflutwelle in Folge getroffen. Sie fällt zum Glück schwächer aus als befürchtet. Noch am Morgen waren knapp vier Meter über dem Mittleren Hochwasser (gut sechs Meter über Normalnull) gemessen worden. Das ist ähnlich hoch wie bei der verheerenden Flut im Februar 1962. Damals waren die Deiche allerdings noch deutlich niedriger und weniger stabil als heute.

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Rund um die Fischauktionshalle stehen noch die letzten Pfützen, der Elbschlamm auf dem Pflaster ist noch feucht, als der Fluss  erneut Besitz vom Fischmarkt und der Großen Elbstraße ergreift. Unglaublich, wie schnell das geht: Wo man eben noch trockenen Fußes entlangspazieren konnte, steht das Wasser nur Augenblicke später bereits knöchelhoch.

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Ein paar Sehleute patschen durch die Fluten. Meter um Meter weichen sie zurück.

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To sit or not to sit

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Sitzen oder Nichtsitzen, das ist an Hamburgs Außenalster selten die Frage. Zwar sind inzwischen die meisten öffentlichen Bänke um den städtischen „Teich“ herum verwaist, aber vom Besuch eines Freiluft-Kaffeeausschanks lässt sich ein echtes Nordlicht auch im Winterhalbjahr allenfalls bei  strömendem Regen oder Schneetreiben abhalten. Gegen die heraufziehende Kälte schützen Wolldecken, Heizstrahler und Glühwein, und ein Teebeutel oder Zuckerstreuer lässt sich auch mit Handschuhen prima händeln.

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Zum Davonlaufen

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Das Bild ist kürzlich in einem Fotokurs entstanden. Auf einem Streifzug durch die Innenstadt sollten wir dem „Rhythmus der Stadt“ nachspüren, Bewegung und Ruhe im Bild festhalten, mit langen Belichtungszeiten und verwischten Strukturen arbeiten, mal mit Stativ, mal aus der Hand und gern auch „aus der Hüfte“ fotografieren. – Was es zu diesem Bild zu sagen gibt? Mir wurde einmal mehr die Bedeutung des richtigen Moments bewusst. Und dass eine Viertelsekunde verdammt lang sein kann, wenn man sie in der Hand hält… Ich mag das Bild, unperfekt wie es ist. Schon wegen des Turbo. Mit dem kann man dem ollen Grau, das den bisher recht goldenen November abgelöst hat, richtig gut davonlaufen.

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So ein Zufall!

Gestern Nachmittag in einer Hamburger Buchhandlung meines Vertrauens. Den Plan, nur schnell Geschenke für die Geburtstags-Nichten einzukaufen, hatte ich längst ad acta gelegt. Bis ich die Kinderbuchecke ganz hinten im Laden auch nur erreichte, hatte mir schon ein halbes Dutzend Titel für Erwachsene mal fordernd, mal schmeichelnd, aber immer verheißungsvoll „Nimm mich mit!“ zugerufen. Inzwischen saß ich mit meinem vielstimmigen Chor, zu dem sich Dank der Buchhändlerin auch noch eine reiche Auswahl an unbedingt empfehlenswerter Kinder- und Jugendliteratur gesellt hatte, in der Leseecke des Geschäfts und schmökerte vor mich hin.

„Es war ein trüber Samstag im Frühjahr, als diese unglaubliche Geschichte so harmlos anfing“, las ich gerade, als eine ältere Dame im Sessel neben mir Platz nahm. „Der Morgen hätte auch zu einem verirrten Novembertag gehören können. Der graue Himmel konnte die schweren Wolken kaum noch tragen. Sie hingen so tief, dass sie schon fast die Häuser berührten. Alles war grau: Erde und Himmel. Sogar Ninas Vater und Mutter sahen auf einmal irgendwie grau aus…“ Ich schaute auf – und musste lachen. Meine Leseecken-Nachbarin blätterte doch tatsächlich auch in Rafik Schamis Herz der Puppe. „Für meine Enkelin“, sagte sie. „Für meine Nichte“, erwiderte ich.

Bei der Dame war es übrigens genau umgekehrt: Sie hatte gerade Ein Regenschirm für diesen Tag (brauchen wir zumindest hier im Norden heute nicht) von Wilhelm Genazino ausgelesen – das Buch könne sie mir sehr empfehlen, erklärte sie – und war in die Buchhandlung gekommen, um sich einen neuen Genazino zu holen, als der Schami „Nimm mich mit!“ rief. Das mache sie eigentlich immer so, sagte sie. Ja, ein kleines Geschenk für die Enkelin einkaufen, das auch, aber vor allem: gleich noch weitere Bücher von einem Autor lesen, der ihr gefallen hat. Einmal habe sie drei Jahre lang nur Thomas Bernhard gelesen, Österreicher wie sie, 70 Bücher insgesamt. Der Bernhard sei ihr so nahe gegangen, da sei einfach kein Raum für andere Autoren gewesen.

Wie wir von Thomas Bernhard und Österreich auf Kästner, Ringelnatz und Rilke kamen, erinnere ich nicht mehr. Aber es erstaunte mich nicht im Mindesten, als die alte Dame plötzlich ein Gedicht nach dem anderen rezitierte. Ach, ich hätte ihr ewig zuhören können…! „Und Mascha Kaléko, nicht zu vergessen“, sagte sie plötzlich. Das glaube ich jetzt nicht! dachte ich. Ich weiß nicht, wie viele Jahre ich nicht mehr an Mascha Kaléko gedacht hatte. Bis ich vorgestern auf dem Literatur-Blog Sätze & Schätze, das mir schon manchen Leseschatz geschenkt hat, auf ihr wunderbares Gedicht Sozusagen grundlos glücklich stieß. Und nur einen Tag später legt mir eine österreichische Hamburgerin Kalékos nicht minder großartiges Interview mit mir selbst (ich empfehle die Audio-Datei) ans Herz… Lesen verbindet, soviel ist sicher.