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Gedanken im Sommer

Im Sommer / nachts / in der Hütte / am Meer / roch ich im Luftzug vom Fenster / plötzlich / den Schnee

und ich hatte Angst / das Meer könnte sich / bis zum Morgen verwandeln / in eine Wüste aus Eis

Im Sommer / nachts / in der Hütte / am Meer / schreckte ich hoch / und hatte Angst / das Morgenlicht / könnte ausbleiben / die Nacht bliebe Nacht

und dieses Jahr ginge zu Ende / mit Kälte und Dunkelheit

Paul Kersten: Im Sommer

Es sind wohl die (wieder) steigenden Zahlen von Corona-Kranken und -Toten, die mich beunruhigen. Dass Urlauber am Mittelmeer, wo man gerade noch Leichen stapelte, fröhlich Massenbesäufnisse feiern, dass auch in deutschen Städten Tausende auf Tuchfühlung cornern, als gäbe es kein Morgen, macht mich… nein, wütend trifft es nicht. Dafür bin ich zu müde. Aber fassungslos macht mich, wie leichtfertig wir das zarte Pflänzchen zu zerstören beginnen, das wir in den vergangenen Monaten mit so viel Liebe gepflegt, für das wir auf so viel verzichtet haben. Den nächsten Winter mag ich mir gerade gar nicht ausmalen.

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Paul Kersten. Das war Ende der 1970er Jahre. Kersten las aus seinem Erstling „Der alltägliche Tod meines Vaters“. Ich besuchte die Lesung als junge Volontärin einer niedersächsischen Regionalzeitung. Am selben Tag hatte ich den VW Käfer des Verlags auf regennassem Kopfsteinpflaster zu Schrott gefahren und am eigenen Leib erlebt, wie schnell ein Leben am seidenen Faden hängen kann. Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Detail, aber ich weiß noch, dass der Text mich, vielleicht auch aufgrund der Begleitumstände, damals sehr erreicht hat. Durch das Buch habe ich zum ersten Mal gefühlt, dass eine Beziehung, die zu Lebzeiten eines Menschen nicht existiert hat, nach dessen Tod nicht mehr hergestellt werden kann.

Das Foto in diesem Beitrag ist ein Archivbild. Ich habe es vor Jahren an einem besonders schönen Morgen am Strand von Usedom aufgenommen. Vielleicht sind meine Sorgen ja ganz unbegründet…

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In ihrer ganzen Fülle

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.

Franz Kafka, Tagebücher, 18. Oktober 1921

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Von vornherein zeitlos

Blassgelbe Falter schaukeln wie Laub in der Lichtung. Ein Stöckchen bringt die stille Oberfläche des Sees für einen Moment zum Kreisen. Mit weit aufgerissenem Maul juchzt ihm ein Hund hinterher. Langsam wickeln wir unser Butterbrot aus dem Papier.

„… die Freude ist ein Moment, unverpflichtet, von vornherein zeitlos; nicht zu halten, aber auch nicht eigentlich wieder zu verlieren…“

Aus einem Brief Rainer Maria Rilkes an Ilse Erdmann, „am letzten Januar 1914“

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Noch mehr Augen-Blicke

Das großformatige Wandgemälde an der Langen Reihe, ganz in der Nähe von Schauspielhaus und Hamburger Hauptbahnhof, ist ausweislich der Signatur schon von 2017. Ich gehe nicht allzu oft dort entlang, aber alle paar Monate bestimmt. Erst jetzt, wo die Begrenzung auf Blickkontakte quasi alltäglich geworden ist, sehe ich das Mural. Wie begrenzt ist doch das, was ich (für) wahr( )nehme! Gut, dass sich nicht auch noch die anderen Sinne einmischen!

Das Auge sagte eines Tages: „Ich sehe hinter diesen Tälern im blauen Dunst einen Berg. Ist er nicht wunderschön?“ Das Ohr lauschte und sagte nach einer Weile: „Wo ist der Berg? Ich höre keinen!“ Darauf sagte die Hand: „Ich versuche vergeblich, ihn zu greifen. Ich finde keinen Berg!“ Die Nase sagte: „Ich rieche nichts. Da ist kein Berg!“ Da wandte sich das Auge in eine andere Richtung. Die anderen diskutierten weiter über diese merkwürdige Täuschung und kamen zu dem Schluss: „Mit dem Auge stimmt etwas nicht!“

Khalil Gibran

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Augen-Blicke

Die Besucherin betrachtet die Kussszene vor sich. Was sie denkt, ist hinter der Maske, die einen Großteil ihres Gesichts bedeckt, nicht zu erkennen. Ob ihr bewusst ist, dass der Dritte im Bilde wiederum sie zu beobachten scheint? Und die Fotografin sie und den Dritten und die Kussszene? Wie geschlossen (und frei von Voyeurismus) wirkt dagegen das Geschehen in der zweiten Aufnahme: Maskenträgerinnen unter sich, beinahe schon eine Begegnung auf Augenhöhe.

Das erste Foto ist ein Schnappschuss aus der Jubiläumsschau zum 100. Geburtstag von Helmut Newton, die noch bis zum 29. November im Ernst Barlach Museum im schleswig-holsteinischen Wedel gezeigt wird. Das zweite Foto entstand, ebenso rasch und intuitiv wie das erste, im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, wo noch bis zum 1. November „Untold Stories“ zu sehen ist (sind) – die erste und zugleich letzte von ihm selbst kuratierte Ausstellung mit Werken von Peter Lindbergh.

Newton und Lindbergh – zwei Jahrhundertfotografen, die am liebsten Frauen fotografierten und mit Mode, Porträt und Akt noch dazu ähnliche Themenschwerpunkte setzten. Und doch liegen Welten zwischen ihren Arbeiten. Wo der ältere Newton Weiblichkeit, das Spiel der Geschlechter kühl, immer wieder auch verstörend inszenierte, feierte Lindbergh, für den auch in der Modefotografie der Mensch mit seiner Persönlichkeit im Vordergrund stand, mit erkennbarer Wertschätzung die natürliche Schönheit der Porträtierten. „Ein Mann der Lifestyle-Magazine“, urteilte Frank Hajasch für NDR Kultur über Newton: „Individualität spielt selten eine Rolle, Mimik gar nicht“. „Der Mann, der die Frauen verstand“, schrieb Tanja Rest in der Süddeutschen Zeitung über Lindbergh: Die Frauen „zeigen etwas von sich, aber sie liefern sich nicht aus“, es geht um „eine Nacktheit, die nichts mit dem Ablegen von Kleidung zu tun hat, sondern selbst gewählt, selbstbestimmt ist“. Besonders augenfällig werden die Unterschiede, wenn man sich beide Ausstellungen nacheinander ansieht. Erst Newton, dann Lindbergh, aus dessen Werkschau ich auch die folgende Foto-Szene mitgebracht habe.

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Im wilden Osten

Galloway- und Highlandrinder ziehen durchs hohe Gras, während sich Neuntöter zwischen Bäumen und Büschen verborgen halten. Oberhalb der sumpfigen Bachtäler steht eine Ansammlung Wigwams. Von ihren Bewohnern keine Spur. Nur wenige Kilometer entfernt stoße ich auf einen Bären und einen einäugigen Banditen. – Impressionen aus Hamburgs wildem Nordosten, wo sich der Höltigbaum und das Stellmoorer und das Ahrensburger Tunneltal zu einem Natur- und Kulturraum ganz eigener Art verbinden.

Geologisch gehören die drei Gebiete zusammen. Sie bilden ein reich gegliedertes Endmoränengebiet der Weichseleiszeit. Seine zentrale Formation, das Tunneltal, erstreckt sich vom südlichen Ahrensburg in Schleswig-Holstein bis nach Hamburg-Rahlstedt. Entstanden ist es, als in der jüngsten Eiszeit Wasser von den Gletschern abtaute und sich unter dem Eis in die Landschaft grub. Die Täler der Wandse und des Stellmoorer Quellflusses sind die Schmelzwasserrinnen von einst.

Um landwirtschaftlich nutzbares Grünland zu schaffen, begradigte man die Flüsschen in den 1930er Jahren und entwässerte die angrenzenden Feuchtgebiete. Viele Tiere und Pflanzen verloren so ihren natürlichen Lebensraum. Erst im Zuge der Renaturierung in den 1980er Jahren siedelten sich wieder Amphibien, Reptilien, Insekten und Vögel in den Uferbereichen und den feuchten Niederungen an. Ähnlich rustikal war man auch mit dem Höltigbaum umgegangen, der ebenfalls lange landwirtschaftlich genutzt wurde, bevor die Wehrmacht dort 1937 einen Exerzierplatz anlegte. Nach dem Krieg hielten die Britischen Besatzungstruppen auf einem Teil des Geländes Schießübungen ab. 1958 übernahm die Bundeswehr. Sie blieb fast vier Jahrzehnte.

Die Nutzung als Truppenübungsplatz hat die Vegetation auf dem Höltigbaum entscheidend geprägt. Die Flächen wurden kaum gedüngt, die Vegetationsdecke immer wieder zerstört. Dadurch konnten sich vor allem kurzlebige Pionierpflanzen etablieren. Auf dem sandigen Boden wachsen bis heute trockene Magerrasen. Besonders typisch sind die savannenartigen Grasfluren mit Rot-Schwingel und Rotem Straußgras. Eingestreut in die Landschaft finden sich Reste von Sand- und Lehmheiden. Auch die alten Panzerstraßen und Markierungen aus Beton sind noch erhalten.

Als Ausgangspunkt für eine Wanderung durch das heutige Naturschutzgebiet bietet sich das Haus der Wilden Weiden am Rahlstedter Eichberg an. Der Name ist Programm: Um das offene Grasland zu erhalten, weiden ganzjährig Galloway- und Highland-Rinder sowie Schafe auf den sogenannten Wilden Weiden des Höltigbaums. Die Tiere verhindern, dass höhere Pflanzen die Oberhand gewinnen und sich die natürliche Vegetation mit Eichen- und Buchenwäldern ausbreiten kann. Über die Entstehung des Gebiets, das Konzept der Beweidung und die Artenvielfalt informiert – zurzeit nur freitags und samstags – eine Ausstellung im Haus der Wilden Weiden.

So idyllisch die Gegend auf den ersten Blick wirkt, so fragil ist sie zugleich. Der Mensch ist ja nie wirklich weit weg. Das wird im Stellmoorer Tunneltal am deutlichsten, das bis unmittelbar an die Bebauung in Rahlstedt reicht und zudem auf ganzer Länge von der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck durchzogen wird. Auch im Tunneltal selbst gibt es Siedlungen, die nicht Bestandteil des Naturschutzgebiets sind. Man erreicht sie über die futuristisch anmutende Tunneltalbrücke über die Gleise.

Nur einen Katzensprung entfernt trifft man wieder auf sumpfige Wiesen und Wald – und mit Glück auch auf einen Bären.

Die eingangs erwähnten Wigwams stehen übrigens oberhalb des Wandseteichs, der eigentlich ein Rückhaltebecken ist und das größte Gewässer im Stellmoorer Tunneltal. In den 1950er Jahren legte man einen Damm an, der die unregelmäßigen Wasserfrachten des Flüsschens staut und sie nur langsam an den Unterlauf abgibt. Der führt so länger Wasser als unter natürlichen Bedingungen. Der Nachteil ist, dass das Wasser im Rückhaltebecken sich stark erwärmt, was wiederum das Leben typischer Fließgewässer-Lebewesen im Unterlauf erschwert. Aber schön ist er, der Teich. Ganz besonders im weichen Spätnachmittagslicht, mag der Himmel auch noch so dräuen. Die Bewohner der Wigwams könnten, so vermute ich, zum Stamm der Corona zählen, die in den vergangenen Wochen und Monaten auch andernorts ihre Ast-Zelte aufschlugen – im Hamburger Stadtpark zum Beispiel in großer Zahl.

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Für immer und ewig

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag. Bummelig 35 Jahre ist das jetzt her. Wir waren natürlich mit Visum angereist. Das vorab gebuchte Hotel am Wenzelsplatz und der Zwangsumtausch rissen tiefe Löcher in den studentischen Haushalt. Dafür waren damals kaum Touristen unterwegs. Wir hatten die Sehenswürdigkeiten der Altstadt praktisch für uns: die Karlsbrücke, den Hradschin und – best of all – den Friedhof im früheren Prager Ghetto. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir auf dem nur einen Hektar kleinen verwinkelten Gelände herumgestreift sind, auf dem seit dem 15. Jahrhundert unfassbare 100.000 Tote die ewige Ruhe fanden. Da der jüdische Glaube eine Auflösung von Gräbern verbietet, es andererseits aber kaum Möglichkeiten gab, den Friedhof zu erweitern, begrub man die Verstorbenen im Laufe der Jahrhunderte in mehreren Schichten übereinander. Immer wieder wurde neue Erde aufgehäuft. Grabsteine und -platten versanken oder kamen kreuz und quer übereinander zu liegen. Ein bizarrer und gleichzeitig wunderschöner Anblick. Wir haben wohl fast jeden der mehr als 12.000 erhaltenen steinernen Zeitzeugen studiert, sind mit den Fingern verwitterten Inschriften und Symbolen gefolgt, die so viel von den Menschen erzählen, die einst in dem Viertel lebten. So wie wir damals kann man den Friedhof schon sehr lange nicht mehr besuchen. Nur ein schmaler Weg rings um das Areal ist noch für die Öffentlichkeit zugänglich. Das war und ist angesichts der Besucherströme sicher notwendig. Umso dankbarer bin ich, dass ich diesem besonderen Ort in einer anderen Zeit einmal so nahe kommen durfte.

Der jüdische Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf, von dem die Fotos in diesem Beitrag stammen, ist längst nicht so alt. Er ist um ein Vielfaches größer und auch viel grüner als der alte Friedhof in Prag. Aber dieser Atem des Ewigen, den ich in der tschechischen Hauptstadt verspürte – er weht ganz sacht auch zwischen den Gräbern an der Hamburger Ilandkoppel, zwischen den älteren jedenfalls. „Geliebt und unvergessen…“

Die vorherrschende Farbe an diesem Ort ist moosgrün. Steine und Stämme verbinden sich zu einem vielgestaltigen Wald. Grabplatten scheinen aus uralten Bäumen zu wachsen. Holz häutet sich. Steine verwittern. Auf manch einem findet der Finger die Inschrift leichter als das Auge. Hebräisch auf der einen, Deutsch auf der anderen Seite. „… Ach, sie haben / Einen guten Mann begraben / Und mir war er mehr“.

Spinnen weben zarte Fäden in den Ecken. Efeu bildet Rankendecken. Schmiedeeiserne Gitter rosten, geraten in Schieflage. Schief wie die alten Steine. In endlosen Reihen verharren sie wie eine stille Armee in der regenschweren Luft. Verziert mit Ranken und Weinreben, mit Kronen und den segnenden Händen der Priester.

Der jüdische Friedhof Ohlsdorf wurde 1883 als separater Teil des großen Hamburger Zentralfriedhofs nebenan eröffnet. Er nahm auch etliche Gräber der in den 1930er Jahren zwangsgeräumten jüdischen Friedhöfe am Neuen Steinweg, am Grindel und in Ottensen auf. Gegenüber der Trauerhalle erinnert ein Gedenkstein an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Davor steht eine Urne mit Asche von Toten aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Der Friedhof an der Ilandkoppel ist der einzige in Hamburg, auf dem bis heute nach jüdischem Ritus bestattet wird. Er ist täglich außer samstags bis 16 Uhr geöffnet.

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Neulich am Main

Steinerne Geschöpfe / mit und ohne Köpfe / nur eine(r) pro Nische / dass sich nichts mische.

Droben in der Mauer / mit deutlich mehr Power / finden Segler ihr Loch / ohne Abstand – noch.

Still stehen die Statuen, lautlos gleiten die Vögel ums Historische Museum am Frankfurter Mainufer. Ein paar Schritte weiter ruht ein Plakat der Demo vom Vortag. „Listen & Learn“ – gibt es eine schönere Botschaft?

Was sagst du? Die Liebe, sagst du? Na, dann schau mal am Niederräder Ufer auf der anderen Flussseite vorbei. Im alten Schleusenbecken vor der kleinen Insel findest du sie, ein bisschen versteckt. Eine heimliche Liebe halt. Ganz früher war sie mal eine Möwe. Damals, als sie noch als Personenfähre zwischen Düsseldorf und Zons über den Rhein schipperte. Ist lange her. Inzwischen bemühen sich MS Heimliche Liebe und die Besatzung „diskret und unauffällig, mit dem umliegenden Biotop zu verwachsen“, wie es auf der Website des Naturschiffs heißt. Ziemlich erfolgreich, würde ich sagen.

Grüner Baum. Ufersaum. / Entenflaum. Schiffbar kaum. / Lebensraum. Schön anzuschaun.

Wenn du es nicht eilig hast, lass mal die Möwe-Liebe rechts liegen und geh noch ein paar Schritte weiter auf die kleine Insel. Die hat auch schon ein paar Jahre auf dem platten Buckel. Entstanden ist sie Ende des 19. Jahrhunderts, als man die ersten Schleusen am Main baute, damit Frankfurt vom Rhein aus auch mit großen Schiffen zu erreichen war. 1900 wurde auf der Insel ein Flussschwimmbad eröffnet, das noch bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts genutzt wurde. Dann war die Wasserqualität des Mains so schlecht, dass das Baden verboten wurde. Aus dem Flussschwimmbad wurde ein Licht- und Luftbad, kurz: das LiLu. Geliebt wird die kleine Oase offenbar bis heute.

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Von Wegen und Wörtern

„Die früheste Form des Weges ist der Trampelpfad. Ein Pfad ist seinem Wesen nach nicht planvoll angelegt, sondern das Resultat regelmäßiger Verwendung: Wege zeichnen also einerseits mögliche Routen vor – und andererseits verdanken sie ihre Existenz der Tatsache, dass sie beschritten und instand gehalten werden. Darin ähneln sie der Sprache, die ebenfalls gangbare Äußerungs- und Denkmöglichkeiten vorzeichnet, dabei aber auf kontinuierlichen Gebrauch angewiesen ist. Wege wie Wörter sind ständigem Wandel unterworfen: Ihre Zielrichtung kann sich ändern, sie können sich verengen oder verbreitern – und wenn sie nicht mehr verwendet werden, verschwinden sie allmählich und geraten schließlich in Vergessenheit.“

Aus: Florian Werner „Auf Wanderschaft. Ein Streifzug durch Natur und Sprache“, Berlin 2019