… an Land und zu Wasser. Wobei das Fahrrad aussieht, als habe es lange im Kanal gelegen, während das Boot wohl schon eine Weile auf dem Trockenen ist. Wenn ich mich entscheiden müsste: Ich würde das Boot nehmen. Da ist der Rettungsring immerhin in Sicht.
Was es alles gibt!
Neulich telefonierte ich mit meiner Schwester. Sie erwähnte, dass eines der beiden Meerschweinchen der Familie gestorben sei. Mit sieben Jahren. Ein biblisches Alter für ein Meerschwein. Jetzt gibt es nur noch Struppi. Auch schon sieben. Und ein bisschen kauzig. Ein älterer Herr eben, meinte meine Schwester. Und da Meerschweinchen nicht allein leben sollten, ganz besonders dann nicht, wenn es sich um ältere Herren handelt, habe man sich gleich an die örtliche Meerschweinchen-Hilfe gewandt. – Ach! sagte ich. – Ja, und Struppi sei zur Kontaktaufnahme dabei gewesen. Das habe aber nicht so geklappt. Weshalb noch eine zweite Meerschweinchen-Hilfe aufgesucht werden musste. – Ach! sagte ich, wenig geistreich. Und? – Erfolg auf der ganzen Linie! Die Familie habe jetzt zwei junge Meerschweinchen in Pflege, berichtete meine Schwester. Meist würden die beiden Teenies zusammen herumkobolzen, aber sie verbrächten auch eine Menge Zeit mit dem alten Struppi. Die drei hätten es richtig gut zusammen.
Ich vermute, Meerschweinchen sind auch nur Menschen.
Ich bin die Schönste
Bridge over silent water
Im Aufbruch, immer noch
Mal Regen, mal Sonne
„Das wird gleich besser!“ Die ältere Dame, die mitsamt Schirm Schutz unter einem Baum gesucht hatte, lächelte mir herzlich zu. „Ja“, sagte ich. „Und wenn nicht, ist das auch nicht so schlimm. Hier ist es immer schön.“ Sie nickte, und ich ging weiter.
Als ich die kleine Birkenallee erreichte, brach die Sonne durch die Zweige. Nur Momente später hatten die Wolken sie schon wieder geschluckt. Schauer, Sonne, Wolken, Schauer…
„Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ Wo würde das augenfälliger als hier im Moor.
Auf halber Strecke kommt mir die ältere Dame mit ihrem Mann entgegen. „Schön, nicht?“, sagt sie. „Vielleicht ein bisschen melancholisch“, findet er, „jetzt noch so richtig flirrende Sonne über der Heide, das wäre toll.“ „Ach“, sagt sie, „ich glaube, die Dame findet es genau richtig so heute.“
Ein Spätsommernachmittag im Pietzmoor in der Lüneburger Heide.
Für H. – Farewell
Ein Schiff wird kommen
Heimat, süße Heimat
Kennen Sie Wettenbostel? Nein? Ich war gestern auch zum ersten Mal dort. Um von diesem wunderbaren Ort zu erfahren, musste ich sogar bis ans andere Ende der Welt reisen, in den äußersten Süden Neuseelands, wo eine ehemalige Hamburger Kulturschaffende eine neue Heimat gefunden hat – und mir begeistert von zwei befreundeten Theatermenschen aus Hamburg erzählte, die in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide eine neue kulturelle Heimat gefunden, eigentlich eher: geschaffen haben. Es floss dann doch noch ziemlich viel Wasser die Elbe (und die Luhe) runter, bis ich den Weg zum Jahrmarkttheater von Kostümbildnerin Anja Imig und Regisseur Thomas Matschoß fand. Ein bisschen traurig bin ich bei dem Gedanken, was mir an diesem Sommer-Theater-Spielort in den vergangenen Jahren alles entgangen sein muss. Auf der anderen Seite: Einen passenderen Start für meine neue Theaterliebe konnte es gar nicht geben. Denn gestern war Heimat Abend in Wettenbostel.

„Heimat, das sind uralte Eichen. Das riecht nach selbstgebackenem Brot und feuchter Erde nach einem Gewitterregen. Es klingt nach Chören, die von der Liebe zu einem ‚Mägdelein‘ singen. Wen man auch fragt, jeder hat eine andere Vorstellung von diesem Begriff“, lese ich im Theaterflyer. In Wettenbostel ist Heimat in jedem Fall auch: gelb (Thomas Matschoß), orange, grün, rot und blau. Wie die „Fremdenführer“, die in Gruppen mit den Zuschauern über den alten Heidehof von Maria Krewet wandern, auf dass sie mit allen Sinnen Heimat erfahren. Ich gehöre zur blauen Gruppe von Andreas Furcht, der sonst den Dracula spielt. Mit dem Faltschemel unter dem Arm ziehen wir mal singend, mal schweigend und immer wieder laut lachend zwischen Hofplatz und Dorfteich, zwischen Feldrain und Eichenhain umher. Wir spüren Momenten der Unvergänglichkeit und dem Geheimnis eines alten Grabsteins nach. Wir lernen Ferdinand kennen und sehen ihn „rastlos, aber glücklich“ in die Fremde ziehen, während seine Frau verloren in den heimatlichen Abendhimmel blickt. Wir erfahren von den „Sauerstoff scheißenden Bakterien“, die vor Milliarden Jahren begannen, den (Heimat-)Boden in Wettenbostel und dem Rest der Welt vorzubereiten. Wir lauschen der Lovestory zwischen dem Bäckersburschen Anton und der Gattin des Schmieds, während auf der Dorfstraße gerade mal wieder ein Mähdrescher vorbeidonnert. Man könnte meinen, der sei Teil der Inszenierung, so punktgenau vermeiden Regie und Darsteller mit Witz und Selbstironie, dass noch die gefühlvollste Szene in Kitsch erstarrt.
Am Ende des Streifzugs erwartet die Theatergänger ein herrliches Potpourri musikalischer Erinnerungen, während Trockeneis-Nebel über dem Teich wabert. Und dann geht das Feuerwerk erst richtig los, immer noch Open Air, aber jetzt stationär hinter dem Voltigierplatz. Die Schauspielerinnen, die eben noch in den Büschen sangen und agierten, tragen nun gelb, orange, rot, grün und blau, die „Fremdenführer“ schwarz und weiß. Gemeinsam werfen sie die Zeitmaschine an, rasen von der „Neolithischen Revolution“ 10.000 Jahre vor Christus durch die Jahrtausende, die Lüneburger Heide natürlich immer im Blick. Der schiere Wahnsinn, wie sich Reales und Fiktives mischen, Urkomisches und Nachdenkliches! Dieses ebenso rasche wie überraschende Hin und Her (oder Nebeneinander?) ist einfach großartig. Die Verbindung zwischen den Pogromen der Pariser Bartholomäusnacht 1572 und dem Heidehof ist übrigens wahr, habe ich mir sagen lassen. Aber schauen und hören Sie selbst: Den Heimat Abend gibt es in Wettenbostel noch bis zum Sonntag.
Über Anja Imig und Thomas Matschoß und ihr Jahrmarkttheater erzähle ich ein anderes Mal mehr – wenn ich die beiden in Bostelwiebeck besucht habe. Das liegt auch in der Heide, auf der anderen Seite von Altenmedingen, und wird in Zukunft ihre neue Winter-Spielstätte sein. Ich bin gespannt!












