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So schön norddeutsch

P1100210Radeln bis zum Horizont und dann immer weiter.

P1100231Mit den Wolken um die Wette tauchen.

P1100260Die nassen Flügel im warmen Wind trocknen lassen.

P1100384Endlos durch flaches Wasser waten.

P1100430Fischernetze auseinander tüdeln.

P1100391Sabbernden Kühen beim Wiederkäuen zusehen.

P1100436Vom Zweitwohnsitz in kommodigen Häuschen am Meer träumen.

P1100395Mysteriösen Spuren im Kornfeld folgen.

P1100423Morgens, mittags und abends „Moin!“ sagen, leicht zweisilbig, leicht singend: „Mo-oin!“. Klartext reden. Wenn auf ist, ist auf. Wenn nicht, dann nicht. Kein Gedöns.

P1100355P.S. Liebe Stefanie, hast du’s erkannt? Ich bin auf deinen Spuren u.a. durch die Geltinger Birk spaziert. So schön dort! Danke für diesen und andere wunderbare Kurzreisetipps hier bei uns im Norden.

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Keep going II

P1100437Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“ „Du kennst also dein Ziel?“ fragte er. „Ja“, antwortete ich, „ich sagte es doch: ‚Weg-von-hier’, das ist mein Ziel.“ „Du hast keinen Essvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.“

Franz Kafka: Der Aufbruch (1922)

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Die Farbe der Gnade

P1100118Immer sind es Bäume
die mich verzaubern

Aus ihrem Wurzelwerk schöpfe ich
die Kraft für mein Lied

P1100128Ihr Laub flüstert mir
grüne Geschichten

Jeder Baum ein Gebet
das den Himmel beschwört

P1100162Grün die Farbe der Gnade
Grün die Farbe des Glücks

Rose Ausländer: Die Bäume

P1100166Manchmal fällt es mir schwer, zur Ruhe zu kommen. Manchmal schnappe ich mir dann mein Fahrrad und trete fest in die Pedale. Manchmal lese ich Gedichte und spüre dem Geschmack von Worten nach. Manchmal treffen sich Lieblingsorte und Lieblingsdichter.

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Gekränktes Schaf

P1100112Sagt mir jetzt nicht: „Ich wohn doch in der Stadt,
wo soll ich da um Himmels Willen Schafe kränken?“
Ich gebe zu, dass das was für sich hat,
doch bitte ich euch trotzdem zu bedenken:

Ein gutes Wort ist nie verschenkt,
nicht nur bei Schafen, sondern überall.
Auch trefft ihr Schafe öfter als man denkt.
Nicht nur auf Wiesen. Und nicht nur im Stall.

Aus: Robert Gernhardt „Gesetzt den Fall, ihr habt ein Schaf gekränkt“

Vor Monaten wurde ich zufällig Zeugin, wie zwei Frauen im Hamburger Stadtpark ein Schaf aussetzten. Sie hatten lange und gern mit dem Tier zusammengelebt, erzählten sie mir. Nun aber sei es an der Zeit, es in andere Hände abzugeben. Am liebsten in Kinderhände, auf jeden Fall in aufmerksame. Wohl deshalb setzten sie das Schaf auf einen Ast, auf dass es nicht jedem Dahergelaufenen sogleich ins Auge springe. Seither schaue ich ab und an mal, ob es inzwischen ein neues Zuhause gefunden hat. Bei meinem letzten Besuch wollte das Schaf nicht mal mein Leckerli annehmen, so traurig war es, dass niemand aus der Großfamilie, die direkt unter ihm ein Grillfest feierte, auch nur einmal nach oben gesehen hatte. Wo ihr das Schaf trefft? Gleich neben der uralten Rotbuche in der Nähe vom Rosengarten…

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Entwurzelt

Halb schien sie sich an den mächtigen Stamm der Buche zu lehnen, halb den Baum zu umarmen. Wie ein Kind, dachte ich, das mit seinen dünnen kurzen Ärmchen nur einen kleinen Ausschnitt von so einem alten Riesen zu fassen kriegt. Unter dem Tuch, das sie zu einer Art Turban um den Kopf geschlungen hatte, schauten mir zwei dunkle Augen unverwandt entgegen. Vielleicht erwiderte sie auch nur meinen ebenfalls sehr direkten Blick.

Unter den Bäumen habe ich mit meinen Enkeln getanzt, sagte sie, als ich auf gleicher Höhe angekommen war.

Wie schön!

Nein, widersprach sie bestimmt. Meine Tochter hat alle Wurzeln von den Bäumen abgehackt.

Oh… Tochter und Enkel. Wurzeln. Baumstämme. Stammbäume… Als ich noch überlegte, von welchen Wurzeln die alte Frau wohl sprach, huschte ein Lächeln über ihr kleines Gesicht. Überraschend kraftvoll packte sie meine Hand: 1960 war ich mit meinem Mann auf dem Weg nach Istanbul. Er trug mich auf Händen, auch noch nach der Fehlgeburt… 1971 wurde meine Tochter geboren… Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun… Habe ich nicht Recht?

Wenn ich das wüsste. Womöglich ist das auch gar nicht die entscheidende Frage, dachte ich, ganz plötzlich hineinkatapultiert in eigene familiäre Verstrickungen. Da war sie wieder, diese alte Sehnsucht:

„Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.“ Zwei kurze Sätze des persischen Mystikers und Dichters Rumi (1207-1273).

Laut sagte ich: Da braucht man Geduld…

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Diesen Anfang liebe ich

P1090107Ich liebe diese Stunde, die anders ist, kommt und geht. Nein, nicht die Stunde, diesen Augenblick liebe ich, der so still ist. Diesen Anfangs-Augenblick, diese Initiale der Stille, diesen ersten Stern, diesen Anfang. Dieses Etwas in mir, das aufsteht, wie junge Mädchen aufsteh’n in ihrer weißen Mansarde…

Diese Nacht, sie liebe ich. Nein, nicht diese Nacht, diesen Nachtanfang, diese eine lange Anfangszeile der Nacht, die ich nicht lesen werde, weil sie kein Buch für Anfänger ist. Diesen Augenblick liebe ich, der nun vorüber ist und von dem ich, da er verging, fühlte, daß er erst sein wird.

Aus: Rainer Maria Rilke „Fragment von den Einsamen“ (1903)

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In Licht gebadet

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In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

P1100006Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht…

Wilhelm Busch: Im Sommer

P1100007Eigentlich wollte ich von einer wunderbaren Fahrradtour durch Hamburgs grünen Osten erzählen – ich staune immer wieder, wie ländlich diese Großstadt sein kann -, aber dafür ist es viel zu heiß. Also nur schnell ein paar Licht-Blicke vom Steg ins Brack geworfen (so nennt der Norddeutsche einen See, der in einer bei einem Deichbruch gefluteten Vertiefung entstanden ist) und ab ins Sommerbad! Ich will ja nicht enden wie der „arme Dokter“…