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Allerlei Lachen

„Mama, ich hab dich lieb“, rief die Kleine, den Oberkörper auf dem Fahrrad leicht nach hinten gedreht. „Ich dich auch“, antwortete eine der Frauen, schon halb wieder den Freundinnen in der Kinderwagen-Phalanx zugewandt. „Was willst du?“ Ein paar Meter weiter radelte die Kleine dem Begleithund in die Hinterpfoten. Verlegen kichernd drehte sie sich zu den Frauen um. „Fräuleinchen“, rief, sichtlich erbost, die Mutter. „Was war das denn? Den Hund anzufahren ist das eine. Aber dann auch noch zu lachen!“ Die Kleine konnte gar nicht mehr aufhören damit.

*

Auf der Bank vor der Apotheke saß wie so oft der Mann mit dem Stoffhund im Arm und verschenkte freigebig das wahrscheinlich schönste Lächeln im Stadtteil.

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Wishful thinking

Ach, Amor, lass doch Phyllis nicht so spröde, / rief Damon aus in seinem Schmerz; / ach, Amor, lass doch Damon nicht so blöde, / rief Phyllis aus, und gib ihm etwas Herz!

Friedrich Hebbel

Dem Blütenzauber(er) begegnete ich auf einer wunderbaren Wanderung durch die Ausläufer der Lüneburger Heide. Die erbaulichen Zeilen von Friedrich Hebbel fischte ich aus dem „Ewigen Brunnen“ deutscher Dichtung, gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. Ich selbst wäre ja schon froh, wenn es mal ein paar Tage am Stück trocken und leidlich warm wäre. In diesem Sinne: Ein sonniges Wochenende!

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Erste Zärtlichkeiten

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Frage sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die wilden Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand –
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Stefan Zweig: Die Zärtlichkeiten

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Fiktive Welten

„Was ist eigentlich Fiktion?“, wollte S. wissen. S. kam vor wenigen Jahren aus Afghanistan nach Hamburg und spricht inzwischen bemerkenswert gut Deutsch.

In der Gesprächsgruppe für MigrantInnen und Flüchtlinge hatten wir gerade lange über die Bedeutung von zwei Sätzen nachgedacht. Der eine stammt von dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford: „Ob du denkst, du kannst es, oder du kannst es nicht: Du wirst auf jeden Fall Recht behalten.“ Der Verfasser des anderen ist (mir) nicht bekannt: „Nicht weil es zu schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es zu schwer.“ Das Gespräch war lebhaft gewesen und wir hatten einige Beispiele zusammengetragen, wie unser Denken unser Handeln bestimmt und wie toll es sich anfühlt, wenn man seine Angst besiegt hat.

Jetzt also wollte S. wissen: „Was ist eigentlich Fiktion?“ Super, dachte ich, nach der Philosophiestunde gleich noch eine Runde Literatur! Ich hielt einen Mini-Vortrag, den man unter die Überschrift „Dichtung und Wahrheit“ stellen könnte und in dem die Worte „ausgedacht“ und „wirklich passiert“ tragende Rollen spielten. S.’ Gesichtsausdruck wurde immer skeptischer. Am Ende zog er ein Stück Papier mit einem Stempel darauf aus der Tasche. „Fiktionsbescheinigung“ stand ganz oben. Was für ein feiner Kandidat für eine Fortschreibung von Mark Twains Sammlung über „Die Schrecken der deutschen Sprache“! Das Papier, sagte S., müsse er wie einen Pass vorzeigen. Was eine Bescheinigung ist, weiß er natürlich. Und ich weiß spätestens jetzt, dass Theorien, die Fiktion im Gegensatz zu Wahrheit und/oder Realität verorten, gelegentlich selbst eine Fiktion sind.

P.S. Eine so genannte „Fiktionsbescheinigung“ ist ein Titel aus dem Aufenthaltsrecht. Sie wird von der Ausländerbehörde benutzt, um die Zeit zu überbrücken, in der die Behörde nicht über einen Antrag z.B. auf Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis entscheiden kann oder will. Die eigentlich abgelaufene Erlaubnis gilt dann bis zur Entscheidung der Ausländerbehörde weiter.

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Hamburg gibt alles

Verteilt Wasser, bis die eigene Zunge heraushängt.

Massiert unermüdlich müde Waden, auf Wunsch auch vertikal.

Und während die Letzten noch laufen, räumen die Ersten schon wieder auf.

Aber das Beste von allem: Hamburg lässt sich auch von vier Regenschauern pro Stunde nicht davon abhalten, jeden einzelnen Marathoni zu feiern und anzufeuern.

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Vagabundenleben

„Und ich war alleingelassen, am lauen Nachmittag, unbekümmert um meine Kleidung und zufrieden in meiner Haut, unvollkommen und ohne Aussicht auf Vervollkommnung. Da schien mir, Lucille würde sich ewig weiter berufen fühlen, mich zu schubsen, schieben, überreden, als könnte sie mir den mangelnden Willen ersetzen, mich in eine geziemende Form zu pressen und durch die weiten Grenzgebiete in jene andere Welt zu gelangen, von der ich den Eindruck hatte, sie könnte niemals mein Ziel sein. Denn mir schien, dass dort nichts von dem zu finden war, was ich verloren hatte oder verlieren könnte…“

Aus: Marilynne Robinson, Haus ohne Halt

Wie Spitzwegs „Armer Poet“ hockte der Mann unter seinem Schirm am Elbufer. Die bloßen Füße im frühlingskalten Sand, brachte er mit ruhigen Bewegungen Wasser in einer Thermoskanne zum Kochen. In meinem Rucksack trug ich Marilynne Robinsons frühen Roman, im Herzen die verstörend-schöne Stimme der jugendlichen Erzählerin Ruthie. Es gibt so Zufälle…

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In wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Schon so lange begleitet mich Rilkes Dichtkunst. Wenn ich nur drei Bücher auf die berühmte einsame Insel mitnehmen dürfte, die Dünndruck-Gesamtausgabe seines lyrischen Schaffens aus dem Insel Verlag wäre mit Sicherheit dabei. Einmal in vielen Jahren wurde ich dieser Liebe überdrüssig. Da hatte ich Klaus Modicks klugen Roman Konzert ohne Dichter gelesen, eine Innenansicht der legendären Künstlerkolonie Worpswede, zu der auch Rilke gehörte. Immer hatte ich es vermieden, mich allzu intensiv mit dem Dichter „als Mensch“ zu beschäftigen. Ich wusste ja, dass es da „Defizite“ gab, die sich in seinen Gedichten seltsamerweise nicht spiegelten. Dann las ich den Modick – und mochte nicht mehr lieben, den Dichter nicht mehr lieben. Jetzt begegneten mir zufällig die zitierten Zeilen aus seinem Stunden-Buch und der alte Zauber war wieder da. Es scheint, als könne ich plötzlich trennen zwischen dem Werk und seinem Schöpfer.

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Darüber nur der Himmel

Einen besonderen Ort hatte die Freundin angekündigt. Sie hatte nicht zu viel versprochen. Zugegeben, an einem Tag, an dem Eduard Mörike persönlich den Himmel mit blauen Bändern ausgekleidet zu haben schien, ließ es sich gut von Kirchen phantasieren, die von nichts als dem Firmament begrenzt werden.

Die Kirche des ehemaligen Zisterzienserklosters Arnsburg, dem wir auf einer Fahrradtour von Lich nach Bad Nauheim einen Besuch abstatteten, wurde natürlich nicht als Cabrio gebaut, sie verfiel einfach besonders schön, wenn ich das so sagen darf, ohne allzu despektierlich zu erscheinen. Die Abtei, die sich malerisch in die Wetterau im Norden Frankfurts schmiegt, wurde 1174 gegründet und 1803 im Zuge der Säkularisierung aufgehoben. Nach dem Abzug der Mönche 1810 fiel das Klostergut an die Grafen zu Solms-Laubach, die Teile der barocken Gebäude der Anlage bis heute als Schloss nutzen.

Die spätromanischen und frühgotischen Teile der Kirche sind als Freiluftensemble erhalten. An diesem Frühlingstag, der schon den Sommer in sich trägt, lässt der Himmel die zwischenzeitlich restaurierten alten Mauern erstrahlen, dass es eine Pracht ist, wirft das kräftige Licht Säulen und Rundbögen als Schattenrisse ins Gras, während sich dort, wo einst der Altar gestanden haben mag, ein Baumstamm ans Gemäuer schmiegt.

Der ehemalige Kreuzgang ist seit 1960 eine Kriegsgräberstätte. Dort ruhen, wie auf einer Tafel am Eingang nachzulesen ist, „450 Opfer des Krieges und nationalsozialistischer Gewalt: 210 deutsche Soldaten und Zivilpersonen, 1 Belgier, 1 Lette, 1 Luxemburgerin, 3 Niederländer, 49 Polen, 1 Rumäne, 49 Sowjetrussen, 1 Tscheche, 6 Ungarn sowie 128 unbekannte Tote – darunter 81 Frauen und 6 Männer, die im Arbeitslager Hirzenhain von Gestapo und SS erschossen worden sind“. Ein stiller Ort, von Klostermauern sicher umschlossen. Zwischen den Gräbern stehen niedrige steinerne Kreuze, manche allein, andere zu zweit oder zu dritt. Im Hintergrund plätschert ein Brunnen.