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Momente der Einkehr

P1120973Suche die Stille – in der Natur, in einer Bibliothek oder einer Kirche.

(unbekannter Verfasser)

P1120914Horche auf das, was man hört,
wenn man nichts mehr vernimmt.

(Paul Valéry)

P1120926Es gibt eine Stille, in der man meint, man müsse die einzelnen Minuten hören, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen.

(Adalbert Stifter)

P1120956Wer die Stille ertragen kann, ist niemals allein.

(unbekannter Verfasser)

P1120700Die Fotos, mit Ausnahme des letzten, sind in den Felsenkirchen im äthiopischen Lalibela entstanden, von denen ich hier schon erzählt habe.

Allen, die hier vorbeischauen, lesen, Bilder betrachten und ihre Gedanken dalassen, ein herzliches Dankeschön für euer und Ihr Interesse, schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr – möge es uns immer wieder Momente der Stille und inneren Einkehr schenken!

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Der Tanz der Priester

P1130219Von unserem Platz an der Felskante aus sehen wir zu, wie sich der Hof von Bete Maryam, dem „Haus Marias“, ein paar Meter unter unseren Füßen langsam mit Gläubigen füllt. Etliche der in weiße Tücher gehüllten Gestalten strecken sich sogleich auf dem Boden aus. Die Feier zum Abschluss der Fastenzeit wird bis zum Morgengrauen dauern. Zwischen den Pilgern Priester in schwarzen Umhängen und weißem Turban auf dem Kopf und Männer in weißen Mänteln mit einem dicken roten Balken im unteren Teil. Das sind die Debteras, die in der äthiopischen Kirche für die Musik und den rituellen Ablauf des Gottesdienstes zuständig sind. Später werden auch noch gelbgewandete Herren dazustoßen: die Weihrauch- und Schirmträger, die die Bundeslade in einer Prozession um die Kirche herumtragen.

P1130205Ungezählte Küsse treffen das Handkreuz des obersten Priesters direkt unter meinem Logenplatz. Der hält aber nicht nur Audienz, sondern leitet auch einen Teil der Wechselgesänge an, in denen es vor allem um das Leben der Jungfrau Maria zu gehen scheint. Immer wieder fällt ihr Name: Maryam – traurig und getragen zunächst, dann schneller im Rhythmus, gelegentlich unterbrochen von Jubelschreien. Die Priester beginnen zu tanzen. Begleitet vom Trommeln der Debteras bewegen sie in zwei einander gegenüberstehenden Gruppen mal nur den Rumpf, während ihre Füße fest auf dem Boden stehen, dann wieder fließen die beiden Reihen, Wellen gleich, als ganze vor und zurück. In der linken Hand halten die Priester den langen Gebetsstab, mit dem sie während der Wechselgesänge auf den Boden stampfen, die rechte bewegt sich langsam mit dem Sistrum, einer Art Rassel, zur Musik. Magische Momente am Ende eines langen Tages zwischen den Monolithkirchen von Lalibela, die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco stehen.

P1120981Alles an diesen Kirchen ist einfach phantastisch. Das fängt schon mit ihrer Entstehung an, die sich der Legende nach einem Traum verdankt – und der tätigen Mitwirkung von Engeln: Im 12. Jahrhundert versuchte König Harbay, seinen jüngeren Bruder Lalibela zu vergiften. Doch der fiel nur in einen dreitägigen Schlaf. Im Traum erschien ihm Gott und wies ihn an, in Äthiopien ein zweites Jerusalem zu errichten. Als Lalibela wieder erwachte, dankte Harbey ab und überließ seinem Bruder den Thron. Der tat, wie ihm geheißen, und begann, Kirchen in den roten Tuffstein der Stadt zu schlagen, die damals noch Roha hieß. Und weil die Arbeit tagsüber nur schlecht vorankam, schickte Gott Nacht für Nacht einen Trupp Arbeitsengel zur Unterstützung. So entstanden im Laufe der vierzigjährigen Herrschaft von König Lalibela (ca. 1167 bis 1207) in den Bergen von Lasta insgesamt elf Kirchen, wie es sie an keinem anderen Ort der Welt gibt. Vielleicht steht ihre Errichtung auch im Zusammenhang mit dem Ende der Kreuzzüge. Nachdem der ägyptische Sultan Saladin 1187 das Kreuzfahrerheer des Königreichs Jerusalem besiegt und die Stadt Jerusalem erobert hatte, verschlechterten sich die Möglichkeiten für Christen, dorthin zu pilgern. Das könnte den äthiopischen Herrscher veranlasst haben, einen schon begonnenen Komplex von Felsenkirchen zu einem neuen Jerusalem umzugestalten.

P1120953Ich bin sehr geneigt, der Geschichte mit den Engeln Glauben zu schenken. Und das keineswegs nur, weil man in Äthiopien, wo sich Geschichts- und Geschichtenschreibung oft auf das Schönste miteinander verbinden, irgendwann selbst aufhört, scharf zwischen beidem zu trennen, sondern vor allem, weil dieses Meisterwerk ohne übermenschliche Hilfe eigentlich gar nicht vorstellbar ist. Schließlich standen den Arbeitern vor mehr als 800 Jahren weder Steinbohrer noch Sprengstoff zur Verfügung. Nur mit Hammer und Meißel schlugen sie gewaltige Basiliken, Kirchen und Kapellen aus dem Fels. Bete Medhane Alem zum Beispiel, das „Haus des Weltenerlösers“. Die schiere Wucht dieser größten Felsenkirche von Lalibela kann einen umhauen: 33,50 Meter lang, 23,50 Meter breit und bis zu 11,50 Meter hoch, die Mauern im Schnitt zwei Meter dick. Nur die alte Kathedrale von Axum, die wichtigste Kirche des äthiopischen Christentums, war größer. Entstanden ist Bete Medhane Alem wie die anderen zehn Felsenkirchen von oben nach unten und von außen nach innen:

P1120917Zuerst legten des Königs Steinmetze riesige monolithische Blöcke frei, meißelten Säulen und Kapitelle, Fassaden und Ornamente aus dem harten Stein heraus. Anschließend wurden die Quader ausgehöhlt, Gewölbe und Hallen entstanden, Altäre, Bögen und allerlei Kreuze und dazu ein System aus Tunneln und Gängen, in dem man leicht die Orientierung verlieren kann. Was aber im Grunde nicht viel ausmacht, solange man sich zumindest merkt, vor welchem der Heiligtümer man zuletzt seine Schuhe ausgezogen hat, die ein Schuhaufpasser gegen einen kleinen Obolus gern bewacht, während man selbst barfuß oder auf Strumpfsocken in das nächste Halbdunkel eintaucht.

P1120992Die Magie der Felsenkirchen von Lalibela lässt sich mit Worten nur schwer beschreiben. Besser, man erlebt sie mit eigenen Sinnen. Als wir unseren Rundgang beginnen, geht im „Haus des Weltenerlösers“ gerade der Gottesdienst zu Ende. Gläubige, in ein stilles Gebet vertieft, berühren ehrfürchtig die Wände der gewaltigen Basilika. Durch die kreuz- und schlüssellochförmigen Fenster fällt ein wenig Tageslicht.

P1120949Priester studieren uralte Schriften, auch ihre Gesichter unter dem weißen Turban wirken wie aus Stein gemeißelt. Pilger in weißen Gewändern wandeln durch die Gänge, allein, zu zweit, in Gruppen. Durch den Tunnel zu Bete Maryam vielleicht, der von außen eher schlichten, dafür von innen umso reicher geschmückten Marienkirche, zu der wir in der Nacht noch einmal zurückkehren werden, um die Priester tanzen zu sehen. Aber zuvor streifen wir weiter durch das Felslabyrinth dieses zweiten Jerusalem, queren das Bett des Jordan, der nur in der Regenzeit Wasser führt, bis wir auf einem kargen Felsplateau etwas abseits von den anderen Kirchen unvermittelt vor einem riesigen Loch stehen, mitten darin ein Klotz in der Form eines griechischen Kreuzes. Bete Gyorgis, die Kirche des Heiligen Georg. Genauer: die kreuzförmige steinerne Oberseite von Bete Gyorgis, höhengleich mit dem roten Fels, aus dem die Kirche einst herausgemeißelt wurde. Der Rest liegt von unserem Standort aus im Schatten. Erst von der gegenüberliegenden Seite zeigt sich die wunderbar harmonische Struktur dieser letzten und vielleicht perfektesten Felsenkirche Lalibelas in ganzer Pracht.

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Faces of Tigray

P1110952Über die nördlichste Provinz Äthiopiens habe ich hier und hier schon geschrieben. In Tigray wird nicht nur eine eigene Sprache gesprochen, auch äußerlich unterscheiden sich die Menschen von den Amharen weiter südlich. Frauen und Mädchen tragen fein geflochtene, eng am Kopf anliegende Zöpfe, die zu einem buschigen Pferdeschwanz gebunden werden und oft herrlich glänzen. In meinem Reiseführer las ich, dass unverheiratete Frauen die Haare von einem Mittelscheitel aus in mehreren Reihen seitwärts und die Haare vom Oberkopf nach hinten geflochten trügen, während verheiratete Frauen alle Haare von der Stirn aus in Dutzenden von Zöpfen streng nach hinten flechten würden. Alex, unser Guide, mochte das auf Nachfrage nicht bestätigen. Auch mir selbst schienen aus der Haartracht abzuleitende Informationen zum Familienstand nicht über jeden Zweifel erhaben zu sein.

P1110583Dem Mädchen auf dem Foto ganz oben wird gerade ein Baby auf den Rücken gebunden, die Kleine auf dem zweiten Bild trägt die Verantwortung für gleich zwei jüngere Geschwister. Das sieht man viel, nicht nur in Tigray. Auch Sachen schleppen ist in Äthiopien weitgehend Aufgabe von Frauen und Mädchen: Lebensmittel und Brennholz, Baumaterialien und – most important of all – Wasser, das in gelben Plastikkanistern vom oft weit entfernten Brunnen geholt wird. In vielen Haushalten fehlt es an fließendem Wasser, längst nicht alle Hütten und Häuser sind an die Kanalisation angeschlossen. Ich staunte immer wieder, wie frisch die aus weißem Baumwollstoff gefertigte traditionelle Kleidung der Hochlandäthiopier trotzdem aussah.

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Barfuß in den Adlerhorst

P1110670Vorbei an rötlichen Gehöften führt unser Weg in die gleichfarbigen Sandstein-Anhöhen der Geralta-Berge, das äthiopische „Monument Valley“. Wieviel schöner sind doch diese oft von Steinmauern umgebenen Gebäude als die vielen Wellblechhäuser, die wir in Addis Abeba sahen.

P1110632Stein auf Stein aufgeschichtet und ohne Mörtel kunstvoll zusammengefügt. Wenn man näher herankommt, erkennt man, dass die Ritzen mit Lehm und dem getrockneten Dung der Tiere ausgestopft sind, die zwischen den tef-Feldern, einem nur in Äthiopien vorkommenden Brotgetreide, oder unter einem der uralten Feigenbäume geweidet werden.

P1110659Durch einen Canyon steigen wir zur Kirche Maryam Papaseyti auf. Links und rechts ragen steile Steinwände in den Himmel. Vor einem verschlossenen Tor heißt es warten, bis der Priester von der Feldarbeit herbeieilt. Ich vermute, dass die meisten Priester der äthiopisch-orthodoxen Kirche nebenher Bauern sind, denn sie finanzieren sich heute vor allem aus Spenden.

P1110753Maryam Papaseyti ist von außen sehr schlicht, liegt aber malerisch unter einem Felsüberhang. Ihr Allerheiligstes ist in den Fels gehauen, der Rest gemauert. Wunderbar farbenfrohe biblische Malereien aus dem 17. und 18. Jahrhundert schmücken die Wände. Die fein gemeißelten Gesichtszüge des Priesters, der mit einer Kerze in der Hand dekorativ an einer Mauer lehnt oder sich in einer der Nischen auf seinen Gebetsstab stützt, begeistern mich nicht minder.

P1110762Felsenkirchen findet man im gesamten äthiopischen Hochland und auch jenseits der Grenze in Eritrea. Ihre Zahl wird auf etwa 150 geschätzt. Die ältesten lassen sich bis in das 8. Jahrhundert zurückverfolgen. Die wohl bekanntesten sind die phantastischen Felsenkirchen in Lalibela, die vor mehr als 800 Jahren jeweils von oben nach unten aus einem einzigen riesigen Tuffsteinblock herausgeschlagen wurden. Von ihnen werde ich ein anderes Mal erzählen. Heute bleiben wir in den Geralta-Bergen:

P1110681Früh am Morgen nähern wir uns dem Massiv aus rotem Sandstein ein weiteres Mal, queren das Flussbett, das jetzt in der Trockenzeit kaum Wasser führt, um zu einer der am schwersten zugänglichen Kirchen des Landes aufzusteigen. Hoch oben in den noch schattigen Felsen, da, wo sich zwischen zwei steinernen Nadeln ein großes „V“ öffnet, soll sie liegen: Abuna Yemata Guh. Von hier unten ist nichts zu erkennen. Auf einem immer steiler werdenden Pfad wandern wir bergauf, gewinnen rasch an Höhe.

P1110845Bald schon stehen wir vor einer senkrechten Felswand. Da müssen wir hoch. Ab jetzt barfuß, denn der Fels ist heilig und darf nicht mit Schuhen betreten werden. Aber immerhin angeseilt. Hui, das ist sportlich! Dennoch zögere ich nicht, zu groß ist meine Neugier. Unsere einheimischen Begleiter zeigen uns Tritte, Griffe und Spalten im Stein, an denen wir uns beim Aufstieg festhalten, in die wir die Füße setzen können.

DSC_0932Ich konzentriere mich darauf, immer zwei Hände und einen Fuß oder aber zwei Füße und eine Hand am Fels zu haben. Das klappt besser als gedacht. Bald schon habe ich eine wenige Quadratmeter kleine Plattform erreicht, von der aus es ohne Seil weiter nach oben gehen wird. Aber erst einmal genieße ich die Aussicht auf „Marlboro Country“ und schaue zu, wie meine Gefährten oder doch die meisten von ihnen nachklettern.

P1110863Der heikelste Teil des Aufstiegs steht uns da noch bevor: Um zum Eingang der Kirche zu gelangen, müssen wir die Felsnadel in schwindelnder Höhe ein Stück umrunden – auf einem vielleicht einen halben Meter breiten Sims, rechts die glatte Felswand, links nichts als der Abgrund, mehrere hundert Meter tief. Nur nicht hinunter sehen!

P1110884Noch jetzt ist mir vollkommen rätselhaft, wie ich, die immer mit Höhenangst zu tun hatte und noch der harmlosesten Fahrt im Sessellift einen schweißtreibenden mehrstündigen Aufstieg vorzog, diese Klippe bewältigen konnte.

P1110886Durch eine Öffnung im Fels gelange ich vom Sims in den Vorraum der Kirche. Auf dem Boden vor der Holztür hockt schon der Priester, der uns in Plastiksandalen leichtfüßig wie eine Bergziege vorangeeilt war.

P1110888Als er die schwere Tür öffnet, fällt ein Lichtstrahl in die nur vom Schein unserer Stirnlampen erleuchtete Grotte. Wow! Ein Ort wie aus der Zeit gefallen. In der Höhlenkirche gibt es drei Kuppeln, die in kräftigen Farben mit den Bildern heiliger Männer bemalt sind. Abuna Yemata, einer der Neun Heiligen, die im 6. Jahrhundert die endgültige Verbreitung des Christentums im Land vollbracht haben sollen und nach der Legende zugleich Gründer dieses Gotteshauses im Fels, ist an einer der Wände zu Pferde dargestellt. Alle Malereien stammen vom Ende des 15. Jahrhunderts. Ungefähr aus dieser Zeit datiert auch die ziegenpergamentene Bibel unter dem Pult, die der Priester aus einem Lederschuber zieht und aufschlägt. Geschrieben ist sie im altäthiopischen Ge’ez, das heute nur noch Geistliche sprechen. Was für eine Pracht!

P1110909Alles an diesem Ort ist alt. Nur der Priester ist jung, erstaunlich jung. Später, als ich neben ihm auf dem Felsvorsprung darauf warte, für den Abstieg angeseilt zu werden, verrät mir der gerade einmal 25-Jährige, dass er sein Amt in dieser traumschönen Kirche, dem Himmel so nah, auch dem Umstand zu verdanken habe, dass der Aufstieg für alte Priester einfach zu beschwerlich sei. Offenbar aber nicht für Eltern mit Säuglingen. Denn Taufen fänden in diesem „Adlerhorst“ durchaus statt. Der Äthiopier: nicht nur der geborene Marathoni, sondern anscheinend zugleich ein begnadeter Kletterer. Mit vielen helfenden Händen schaffen auch wir sicher wieder den Abstieg.

P1110802 Wer Lust auf noch ein bisschen schaurig-schönes Schwindelgefühl hat, mag einen Blick in dieses Video eines Lonely Planet-Fotografen über seinen Aufstieg zur Kirche Abuna Yemata Guh werfen. So tief wie der habe ich mich nicht in den Abgrund zu blicken getraut.

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Ferenji, ferenji!

P1130108Äthiopien ist dreimal so groß wie Deutschland – und trotz der Weite ziemlich dicht besiedelt. Wo immer wir anhalten, sind wir sofort umringt von meist jungen Menschen. „ferenji“ rufen sie und winken. Oder „you, you“. ferenji – das sind wir, die Ausländer. Das Wort ist möglicherweise von „french“ abgeleitet. Schulbücher werden vorgezeigt, das kommt besonders bei den weiblichen ferenji gut an. Einmal halte ich mitten auf der Straße eine improvisierte Englischstunde ab, während die Zahl meiner „Schüler“ ständig wächst. Um Begegnung geht es, aber meist auch darum, von der Begegnung einen geldwerten Vorteil zu haben. Ein paar Birr im Austausch für ein Foto, Kugelschreiber, leere Pet-Flaschen…

P1120875„Als ferenji gilt man in Äthiopien automatisch als reich. Im Vergleich zu den meisten Menschen ist man es auch“, schreibt Philipp Hedemann in dem schönen Geschichtenband „Der Mann, der den Tod auslacht“ über seine Jahre in Äthiopien. Eine Erfahrung, die ich auch als Durchreisende nur bestätigen kann. Besonders die jungen Männer erweisen sich als ebenso charmant wie hartnäckig in der Anbahnung nützlicher bilateraler Kontakte. So wie der 16-Jährige, den ich hier Tayé nennen werde, der sich wie selbstverständlich an meine Seite heftet, als ich im nordäthiopischen Axum, das für die Christen des Landes ähnlich bedeutsam ist wie Rom für die Europäer, ohne festen Plan Richtung Stadtzentrum bummele. Plaudernd laufen wir gemeinsam an allerlei Geschäften und Verkaufsständen vorbei. Von einem Kaffeeausschank dringt der unvermeidliche Geruch nach Weihrauch in die Nase. Um Fußball geht es, Tayé ist ein großer Fan von Thomas Müller und kennt sich auch in europäischer Geografie bemerkenswert gut aus.

P1110993Stolz zeigt er mir das alte Zentrum von Axum mit der neuen und der alten Kathedrale, zu der Frauen keinen Zutritt haben, und den Kapellen dazwischen. In einer von ihnen, das weiß in Äthiopien jedes Kind, wird die Bundeslade aufbewahrt, die vergoldete Truhe mit den in zwei Steinplatten geschlagenen Zehn Geboten, die Moses von Gott empfangen hat. Nur ein einziger Priester hat Zugang zum Allerheiligsten. Angeblich darf er selbst das Gelände niemals verlassen. Gerade steht er wenige Meter entfernt von uns vor der Kapelle, in der das wohl größte Mysterium des Christentums verwahrt sein soll. Ein paar Schritte weiter spricht ein Mönch im gelben Gewand ein stilles Gebet, die in ein weißes Tuch gehüllte Frau neben ihm spricht in ihr Handy.

P1120104Und wie kam die Bundeslade nach Axum? Das ist eine lange Geschichte, die damit beginnt, dass Makeda, die sagenhaft schöne Königin von Saba – die natürlich ebenfalls aus Äthiopien und nicht etwa aus dem Jemen stammte – den sagenhaft weisen König Salomon in Jerusalem besuchte, der sie mit einem Trick in sein Bett lockte und schwängerte. Makeda kehrte nach Äthiopien zurück, gebar einen Sohn, Menelik I. Als junger Mann reiste Menelik zu seinem Vater nach Jerusalem. Bei der Rückkehr nach Äthiopien ließen die Männer in seinem Gefolge, angeblich ohne Meneliks Wissen, die Bundeslade mitgehen. Damit hatte Axum Jerusalem als geistiges Zentrum abgelöst.

Ob die Königin von Saba wirklich gelebt hat, weiß bis heute niemand. Vor einigen Jahren haben Archäologen der Universität Hamburg in der Nähe von Axum unter neueren Palaststrukturen Überreste eines Palastes gefunden, der, davon ist man in Äthiopien fest überzeugt, der sagenumwobenen Königin gehört hat. Ob Legende oder Wahrheit: Die Salomonische Dynastie, die zuletzt von 1268 bis 1974 über Äthiopien herrschte, führte sich selbst jedenfalls auf die uneheliche Verbindung zwischen Makeda und Salomon zurück. Der letzte Kaiser Abessiniens, Haile Selassie, bezeichnete sich als 225. Nachfolger des Sohnes der Königin von Saba.

P1120038Keine Legende ist in jedem Fall das Reich von Axum, das im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erstmals in einem griechischen Handbuch für Seefahrer erwähnt wird. Axum spielte damals eine wichtige Rolle im Handel zwischen dem Römischen Reich und Indien. Sein Hafen Adulis am Roten Meer war Hauptumschlagplatz für Elfenbein und Sklaven. So bedeutsam war das Axumitische Reich, dass seine Herrscher ab etwa 270 n. Chr. begannen, eigene Münzen auszugeben. Äthiopien war damit neben Ägypten das einzige afrikanische Reich, das in der Antike Münzen prägte. An diesen Münzen lässt sich ablesen, dass das (orthodoxe) Christentum in Äthiopien im vierten Jahrhundert unter König Ezana Fuß zu fassen begann: Auf frühen Münzen aus seiner Regierungszeit sind noch Sonnenscheibe und Halbmond zu sehen, auf den späteren prangt ein Kreuz.

Aber zurück in die Gegenwart dieses biblischen Orts. Zwischen Geistlichen, Gläubigen, Bettlern und Touristen führt mich Tayé zu einem niedrigen Steinhäuschen. Tief muss ich mich bücken, damit ich durch die Tür passe, die zu dem fensterlosen Schlaf- und Wohnraum des Priesters führt, bei dem der 16-Jährige Quartier gefunden hat, während er das College in Axum besucht. Der väterliche Priester-Freund scheint nicht im mindestens gestört von dem Besuch. Arm in Arm posieren wir für ein paar Fotos auf seinem Bett.

P1110986Später im Park-Café samt weihrauchgeschwängerter Kaffee-Zeremonie wird deutlich, dass Tayé die „reiche“ ferenji gern als „Sponsorin“ gewinnen würde. Aber er ist klug und sagt das nicht so direkt. Dass er ein vernünftiges Bett bräuchte, zumindest eine ordentliche Decke, habe ich ja mit eigenen Augen gesehen. Ich fange an darüber nachzudenken, wie ich meinen Schlafsack im Anschluss an die Trekking-Tour im Simien-Gebirge zu ihm bekommen könnte.

In dem bereits erwähnten Buch von Philipp Hedemann lese ich später: „Bei fast jedem Menschen, der, wie ich, privilegiert in einem armen Land lebt, stellt sich irgendwann das schlechte Gewissen ein. … Das schlechte Gewissen stellt sich nicht ein, weil es einem selbst gut und den anderen schlecht geht, sondern weil man ständig das Gefühl hat: Eigentlich müsste ich viel mehr tun, damit es den anderen auch endlich besser geht. Allen kann man nicht helfen. Das begreift man in Äthiopien schnell. Doch soll man niemandem helfen, weil man nicht allen helfen kann?“

Am Ende ist es dann doch nicht der Schlafsack, sondern eine warme Decke geworden.

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Annäherung an ein Land

P1110545Was weiß ich eigentlich über Äthiopien? Vor meiner Reise ans Horn von Afrika war das nicht gerade viel: Das einzige afrikanische Land, das nie von Europäern kolonisiert wurde, sieht man einmal von ein paar Jahren Besatzung unter Mussolini ab. Dazu einer der ältesten christlich geprägten Staaten der Erde. Ein paar Namen hatte ich im Kopf: Haile Selassie, der letzte Kaiser, und Haile Gebrselassie, die Lauflegende. Bilder von Kindern mit großen Augen und aufgedunsenen Bäuchen, die während der Hungersnot Mitte der achtziger Jahre weltweit über die Fernsehbildschirme flimmerten. Bilder von Frauen mit riesigen Tontellern in den gedehnten Unterlippen. Aber die würden wir auf unserer Reise mit Sicherheit nicht zu Gesicht bekommen, denn der Volksstamm der Mursi, denen Tellerlippen als schön gelten, lebt im Süden Äthiopiens, während wir das Hochland im Norden bereisen wollen. Das „Dach Afrikas“ mit seinen über 4.500 Meter hohen Gipfeln, dessen schroffe Schönheit wohl keiner eindrucksvoller im Bild eingefangen hat als der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado, von dem ich hier schon geschwärmt habe.

P1120526Doch bevor wir dem Kontinent aufs Dach steigen, werfen wir noch einen Blick in die „Wiege der Menschheit“. Im Nationalmuseum von Addis Abeba liegt das erstaunlich umfangreich erhaltene Skelett von „Lucy“, einer bei Hadar in der Danakil-Ebene gefundenen gut einen Meter kleinen Dame aus der Gattung der Affenartigen oder Vormenschen. Das Gebiet des Afrikanischen Grabenbruchs ist einer der wichtigsten paläontologischen Fundplätze der Welt. Durch die bis heute andauernden seismischen Verwerfungen treten hier Erdschichten an die Oberfläche, die normalerweise viel tiefer liegen. Nicht nur Überreste menschlicher Vorfahren, auch Tiere und Pflanzen der Urzeit werden so entdeckt. Im Museum betrachtet ein Junge die Knochen eingehend von allen Seiten. Wenn er sich nicht gerade Notizen macht, lutscht er mit großen Augen am Kugelschreiber. Studierender und Studienobjekt – ungefähr gleich groß, voneinander getrennt nur durch ein wenig Glas und bummelig 3,2 Millionen Jahre.

P1110511Überall in der äthiopischen Hauptstadt (und nicht nur dort) wird gebaut wie verrückt. An jeder Ecke stehen halb fertige Gebäude. Filigrane Gerüste aus Eukalyptusholz lassen an den Turmbau zu Babel denken, sollen aber sehr stabil sein, wie uns Alex, unser Guide, versichert. Dünne Eukalyptusstämme stützen frisch gegossene Betondecken. Oft ist das Erdgeschoss schon bewohnt, während in den Stockwerken darüber noch (oder vielleicht irgendwann später wieder) gearbeitet wird.

P1110559Auch der Entoto-Berg, der Hausberg von Addis, ist komplett mit Eukalyptus bestanden. Ungezählte Frauen machen sich vor Sonnenaufgang auf den Weg nach oben, sammeln abgebrochene Zweige und schnüren sie zu teilweise über einen Zentner schweren ausladenden Bündeln, die sie anschließend in die Stadt hinunter wuchten, um sie für umgerechnet wenige Euro als Brennholz zu verkaufen. Wird die Last unterwegs zu schwer, stellen die Frauen sie auf einer Mauer am Straßenrand ab, vom Erdboden würden sie sie nicht wieder hoch bekommen. Für fast denselben Preis wie eines dieser riesigen Reisigbündel kaufen wir in der Münchner Bäckerei, in die uns Alex führt, um unsere Mägen am Anfang der Reise zu schonen, Sandwiches.

P1110526Allein streife ich an diesem ersten Tag in Äthiopien schließlich über den Markt, suche, unsicher und tastend noch, zwischen Verkäufern, Käufern und Bettlern meinen eigenen Rhythmus aus Gehen und Schauen, aus Kontakt und Distanz. Ich denke an all die Menschen, die gerade unter anderem aus dem benachbarten Eritrea, aber auch aus Äthiopien, das zwar baut wie verrückt, aber immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, in meine Heimatstadt kommen, wo sie zum Teil in Zelten untergebracht werden, während wir umgekehrt im äthiopischen Hochland campieren wollen. Das kommt mir plötzlich ziemlich bizarr vor. Hätte ich nicht lieber ein paar gute Schlafsäcke kaufen und zu einer der Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg bringen sollen?

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Der Ruf der Kalahari

P1090641Es wird Zeit für ein Geständnis, denke ich. Wer hier in den vergangenen Wochen mitgelesen hat, weiß, dass meine Reise nach Namibia, die zugleich meine erste Afrika-Reise überhaupt war, nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen hat. So viele Orte, an die ich gern noch einmal zurückkehren würde, so viele andere, die ich bei anderer Gelegenheit kennenlernen möchte. Und einer, von dem hier noch gar nicht die Rede war, an dem ich mein Herz verlor oder doch einen Teil davon. Nur wenige Tage waren wir dort und auch eher am Rand. Ein bisschen reingeschmeckt haben wir, mehr nicht. „Und es hat zoom gemacht…“ Dabei ist die Kalahari nicht mal eine richtige Wüste, auch wenn sie oft so bezeichnet wird. Mehr als eine Million Quadratkilometer zu beiden Seiten des südlichen Wendekreises, bummelig drei Mal Deutschland passt da hinein. Jetzt will ich auch noch nach Botswana… Aber vorher schreibe ich noch rasch auf, was mir im namibischen Teil dieser Dornbusch- und Trockensavanne durch den Kopf ging – ungeordnet und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

P1090585Dieses Licht haut mich um – morgens, spätnachmittags, abends, eigentlich immer.

P1090626Hinter der nächsten Düne kommt noch eine und dahinter noch eine. Und so geht es weiter und immer weiter.

P1090717Ich möchte noch viel mehr über das Leben der Buschleute in der Kalahari erfahren.

P1090652Oryxantilopen sind wunderschön – und sehr auf Abstand bedacht.

P1090490Gnus gewinnen vielleicht keine Beauty Parade, sind aber deutlich zugänglicher.

P1090527Menschen hinterlassen größere Fußabdrücke als Leoparden.

P1090665Nicht jede Löwin, die sich die Lippen leckt, ist hungrig.

P1090577Es gibt viel Weisheit in der Wüste: „No matter how educated, talented, rich or cool you believe you are, how you treat people ultimately tells all. Integrity is everything.“

P1090451Und damit endet meine kleine Feature-Reihe  aus Namibia. Herzlichen Dank für dein und Ihr Interesse! Es hat mir viel Freude gemacht, in so netter Gesellschaft noch einmal virtuell durch dieses faszinierende Land zu reisen.

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Ein Meer aus Sand

P1090141Tief versinkt der Fuß im feinen roten Sand. Schritt für Schritt füllen sich die dicken Socken, die wir an Stelle von Schuhen tragen. Bald schon fühlt es sich an wie auf Schaumgummi zu laufen – nur viel bewegter. Bei jedem Schritt den Dünenkamm hinauf gerät der lose Untergrund ins Rutschen. Mit jedem Meter Höhe, den wir gewinnen, scheint zugleich der Wind zuzulegen, der dieses Kunstwerk der Natur immer wieder neu erschafft.

P1090163Hu, ist das hoch! Und der Grat so schmal, dass einem schwindelig werden kann. Zum Glück herrscht früh am Morgen noch nicht allzu viel Betrieb auf der Dune 45. Entgegenkommern auszuweichen ist jedes Mal ein bisschen wie in den Abgrund treten. Vor allem mental, denn tatsächlich bildet sich ja mit jedem Tritt zur Seite sogleich eine temporäre neue Standfläche.

P1090156Bis zu 300 Meter hoch sind viele der Sanddünen, die das Tal einschließen, Big Daddy schafft noch einige Meter mehr. Die Dune 45 ist zwar deutlich niedriger, aber hoch genug um zu erkennen, warum die Dünen rund um das Sossusvlei als Sterndünen bezeichnet werden: Von der Spitze aus verlaufen oft mehrere Kämme in verschiedene Richtungen – eine Folge der Winde, die hier ständig aus unterschiedlichen Richtungen wehen.

P1090146Die Dünen-Namib erstreckt sich auf einem bis zu 150 Kilometer breiten Streifen entlang der Küste Namibias zwischen dem Bett des Trockenflusses Kuiseb südlich von Swakopmund und dem Oranje-Fluss an der Grenze zu Südafrika. Auch die Wüste selbst wird von Trockenflüssen durchschnitten, die sich in den Sandmassen verlieren und dabei ebene Lehmpfannen bilden, die sogenannten Vleis.

P1090193Am weitesten reicht der Tsauchab-Trockenfluss in das Meer aus Sand hinein. Jahrhundertealte Kameldornbäume, die mit ihren langen Wurzeln das unter der trockenen Kruste gespeicherte Wasser erreichen können, verraten seinen Lauf. Nur selten führt der Tsauchab Wasser, noch seltener sind die Wassermassen stark genug, um das Sossusvlei zu erreichen. Sossus bedeutet in der Sprache der Nama „blinder Fluss“.

P1090176Das Dead Vlei ganz am Ende unserer Wanderung ist durch eine Düne sogar komplett vom Flussbett abgeschnitten.

P1090249Der bizarren Schönheit dieser Senke mit ihren abgestorbenen Bäumen auf hellockerfarbenem Lehmboden, eingerahmt von orangerotem Dünensand und einem strahlend blauen Himmel, tut das keinen Abbruch.

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Den Sternen so nah

P1080944Ocker. Bernstein. Honiggelb. Gold. Purpur. Rosa. Zimt. Orange. Ziegel- und Zinnoberrot… So viele Farben hat die Wüste. Und nur eine Stille.

Das warme Licht des Spätnachmittags, wenn die Hitze des Tages allmählich ihren Griff lockert. Der sanfte Wind, der über das silbrig-gelbe Savannengras streicht. Und ein Himmel in Azur.

Das Verlöschen des Tages und dieses einzigartige Licht, wenn die Sonne schon untergegangen ist, in dem sich noch einmal alle Farben der Wüste spiegeln. Langsam genug, dass sich die Bilder in die Seele einbrennen können.

Dann ist es dunkel. Aber doch nie ganz. Weit spannt der gigantische Sternenhimmel der Südhalbkugel sein Dach über die Dünen. Das Kreuz des Südens. Zum Greifen nah.

Eine Weile noch wispern zwei in ihren Schlafrollen unter dem Kameldornbaum. Endlich ist nichts mehr als Stille zu hören. Eine Stille, die ganz erfüllt. Stille.

„Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.“ (Friedrich Hölderlin in: Hyperion oder der Eremit in Griechenland)

Der Zauber der frühen Stunde. „Morning has broken like the first morning…” Kein Amsel-Singen wie am ersten Tag, aber das riesige Gemeinschaftsnest der Siedelweber wird sicher auch an diesem Tag noch ein Stück größer werden.

Spuren im Sand. Von einem Gecko vielleicht. Oder dem klopfenden Schwarzkäfer Tok-Tokkie. Ein Kreis, den ein vom Wind bewegter Grashalm in den Untergrund spurte. Riesenameisen auf ihrem Weg zum körnigen Grat. „Mine is the sunlight, mine is the morning…“

Impressionen aus der Namib-Wüste, irgendwo zwischen Sesriem und Solitaire am Rande der Naukluft-Berge.

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Zaunkönige wecken

P1080776Ein bisschen surreal fühlt es sich an, als wir uns der Stadt durch die Wüste nähern, die hier bis ans Meer reicht. Noch wabert ein Rest Morgennebel über dem endlosen Gelb. Fast jede Nacht, lese ich später, treibt der Wind Nebelbänke, die sich über dem kalten Benguelastrom weit draußen auf dem Atlantik bilden, über die Dünen ins Landesinnere. Manchmal bis zu 80 Kilometer weit. Meist lösen sich die Nebelschwaden im Laufe des Vormittags wieder auf.

P1080796Als wir gegen Mittag die Altstadt von Swakopmund erreichen, ficht gleißendes Sonnenlicht die letzte Schlacht des Tages gegen den Dunst, der sich bereits aufs Meer zurückgezogen hat. Das Gefühl des Unwirklichen will dennoch nicht weichen. All die wilhelminischen Giebel, all die Walmdächer, Jugendstilfassaden und Fachwerkbauten unter Palmen… unglaublich!

P1080790Altes Amtsgericht, Am Zoll, Schlachterei, Deutsche Oberschule lese ich auf den Gebäuden. Hundert Jahre ist die ehemalige kaiserliche Kolonie Deutsch-Südwestafrika nun schon Geschichte, aber in der vielleicht deutschesten Stadt südlich des Äquators pflegt man das Erbe.

P1080803Die alte Kaiser-Wilhelm-Straße wurde vor ein paar Jahren nach dem langjährigen Präsidenten und Gründungsvater der Republik Namibia in Sam Nujoma Avenue umbenannt, aber die Bismarckstraße gibt es bis heute. Dort steht eines der Wahrzeichen von Swakopmund: das Woermannhaus, Sitz der bedeutendsten Im- und Exportgesellschaft in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Schifffahrtslinie des Hamburger Kaufmanns und Reeders Adolph Woermann hatte schon 1894 den regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Europa und Afrika aufgenommen. Zwei Jahre zuvor hatte das deutsche Kanonenboot „SMS Hyäne“ nördlich der Mündung des Swakop eine mögliche Landestelle für die kaiserlichen Schiffe markiert – das 30 Kilometer weiter südlich gelegene Walvis Bay befand sich bereits in britischer Hand –, Swakopmund wurde gegründet. Nur einen Steinwurf vom Woermannhaus entfernt, an der ehemaligen Moltkestraße, steht das Hohenzollernhaus, das mit seiner neobarocken Fassade vielen als das prachtvollste Gebäude der Stadt gilt.

P1080793Im Café Anton an der Strandpromenade wird Apfelstrudel und Käsekuchen serviert. Beim Bäcker um die Ecke gibt es Schwarzbrot zu kaufen und in der Swakopmunder Buchhandlung deutschsprachige Bücher. Die Hansa Brauerei, die auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblicken konnte, musste zwar 2005 ihre Pforten schließen, aber bis heute wird in Namibia nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut.

P1080815Zwischen ehemaliger Brauerei und Alter Kaserne springt mir die Fassade eines Gebäudes ins Auge, das ich kenne. Nicht in natura, ich war noch nie zuvor in Afrika, aber von Fotos und aus Erzählungen. „Es war Nacht, es war dunkel. Wer mich dorthin gebracht hat, weiß ich nicht mehr…“ Ursprünglich war das Prinzessin-Rupprecht-Heim als Lazarett für die Kaiserliche Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika errichtet worden. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde es zum Erholungsheim umgebaut und erhielt seinen Namen zu Ehren von Marie Gabriele, Ehefrau des Prinzen Rupprecht von Bayern. Außer als Erholungsheim wurde das Gebäude in den folgenden Jahrzehnten auch als Entbindungsheim sowie als Kinder- und Schülerheim genutzt.

P1080804Anfang der 1940er Jahre kam die damals vierjährige Frau L., die mir 70 Jahre später aus ihrem Leben in Südwestafrika erzählen sollte, in das Haus. Ihr Vater war, wie auch zahlreiche andere deutsche Südwester, in einem Lager zwischen Johannesburg und der Diamantenstadt Kimberley interniert worden, nachdem sich die Mandatsmacht Südafrika im September 1939 gegen die Neutralität des Landes und für die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg auf der Seite Großbritanniens entschieden hatte.

P1080809Heute ist das ehemalige Kinderheim ein Hotel. Natürlich dürfe ich mich umsehen, sagt die freundliche Dame an der Rezeption. Die Zimmer hinter den schweren Holztüren tragen die Namen süddeutscher Städte. Besonders schön ist es in dem großen innenhofartigen Garten hinter dem Haus. So grün. So still. Ganz hinten lächelt mich eine alte Dame im Rollstuhl an und fragt, ob ich mit zu den anderen kommen und die Zaunkönige füttern wolle. Und da sitzen sie, lauter alte Menschen in ihrer Welt. Für einen Moment schauen sie irritiert, als mit unserem Erscheinen die Vögel zu ihren Füßen auffliegen. Macht nichts, sagt die alte Dame, die kommen wieder.

P1080861Am nächsten Morgen ist die Stadt am Rande der Wüste abermals in atlantische Nebelschwaden gehüllt und ich frage mich, ob ich von der Begegnung mit den „Zaunkönigen“ womöglich nur geträumt habe. Später erfahre ich, dass das Hotel vorn und das Alten- und Pflegeheim im hinteren Trakt zusammen gehören.

P1080872Da haben wir Swakopmund bereits wieder verlassen, haben den Flamingos am Meer einen Besuch abgestattet und nur kurze Zeit später eine Kamel-Karawane getroffen…

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