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Träume der anderen

Kann ein Mensch für einen anderen, der dazu selbst nicht mehr in der Lage ist, dessen großen Traum verwirklichen? Und was bedeutet das? Für den ursprünglichen Träumer, für den Übernehmer, aber auch für den Traum selbst?

Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich vor ein paar Tagen im Fernsehen das großartige taiwanesisch-chinesische Roadmovie „One Mile Above“ sah. Nach dem Tod seines älteren Bruders Shu-Wei unternimmt der frischgebackene taiwanesische Uni-Absolvent Shu-Hao eine Reise, die Shu-Wei geplant, aber nie realisiert hat: mit dem Rad auf dem Sichuan-Tibet-Highway quer durch den Himalaya bis nach Lhasa. Gebannt folge ich den atemberaubenden Bildern dieses Höhen- und Höllentrips, der Shu-Hao körperlich, geistig und seelisch bis an die äußerste Grenze seiner Kräfte fordert. Am Ende tanzt er vor dem Potala-Palast. „Jetzt kannst du in Frieden ruhen“, sagt er zu seinem toten Bruder.

Das hatte ich doch schon einmal gehört! 14 Jahre ist das jetzt her. Wir waren mit Kajaks im Doubtful Sound unterwegs, einem der schönsten Fjorde Neuseelands. Sechs NeuseeländerInnen, ein Amerikaner, ein Japaner und ich. Ito, der Japaner, teilte das Boot mit Justine. Sein Glück, denn Justine war eine sehr erfahrene und dazu äußerst gutmütige Paddlerin und brachte das Kajak gegen Wind und Wellen notfalls auch allein ans Ufer, wenn Ito wieder einmal nur dasaß und unbestimmt in die Ferne schaute. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, was ihn wohl zu dieser Reise bewogen hatte. Oder was es mit dem Feuer auf sich hatte, das er eines Abends allein am Strand entzündete. Ito zu fragen traute ich mich nicht. Ganz am Ende der Tour erfuhren wir, dass seine Freundin, eine begeisterte Kajakfahrerin, die irgendwo in japanischen Gewässern zusammen mit ihrem Guide ums Leben gekommen war, davon geträumt hatte, einmal im Doubtful Sound zu paddeln. Am Strand hatte Ito ein Foto der Freundin verbrannt. „Jetzt ist sie glücklich“, sagte er, „jetzt ist sie angekommen.“

Ja, vielleicht war die tote Freundin jetzt angekommen, vielleicht kann der tote Bruder in Frieden ruhen. Aber mehr noch scheinen mir diese beiden Reisen eine wunderbare Möglichkeit zu sein, von dem geliebten Menschen Abschied zu nehmen und selbst Frieden zu finden. Der Traum ist, soweit ich das beurteilen kann, in beiden Fällen der Traum des Toten geblieben.

doubtful sound 1 001„It was one of those days so clear, so still, so silent you almost feel the earth itself has stopped in astonishment at its own beauty.“ (Katherine Mansfield)

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Atemübungen

Gespräch unter Frauen neulich an der Alster. Die eine erzählte von ihrem neuen Bekannten. Richtig nett sei der. Total unternehmungslustig. Und unterhalten könne man sich auch prima mit ihm. Wenn er bloß nicht immer so ausgeglichen wäre. Fast ein bisschen unnatürlich. „Er sagt, das kommt vom Yoga“, sagte die Frau. „Also, ich finde, man kann nicht alles wegatmen.“

Während ich noch über das Für und Wider dieser Erkenntnis nachsann, erinnerte ich mich, dass man manchmal nicht mal die Wahl hat. Nachstehenden Hinweis entdeckte ich vor Jahren in einem Meditationszentrum.

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Zum Glück ist heute Sonntag. Deshalb und vor allem, weil die Leipziger Buchmesse zwar ganz wunderbar aber eben auch anstrengend war, poste ich nur noch schnell mein meditativstes Messefoto – und dann ab aufs Sofa und tief durchatmen!

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Am Wasser zuhause

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Weihnachtsbesuch in der Kleinstadt. In dem backsteinernen Gebäude an der Stirnseite habe ich vor Urzeiten mein journalistisches Volontariat absolviert. Gleich dahinter lag meine erste eigene „Bude“, ein möbliertes Zimmer über einer Wäscherei. So fühlte sich damals Heimat an. Ohne die weihnachtliche Deko natürlich.

Und heute? Stellt sich dieses Gefühl von Zuhause am verlässlichsten ein, wenn ich mit der Bahn aus Richtung Süden kommend zwischen Außenalster und Binnenalster hindurchfahre. Der Hamburger Hauptbahnhopf liegt hinter mir, gleich werde ich am Dammtor aussteigen. Und vorher das immer gleiche Ritual: ein langer weiter Blick nach rechts über die Außenalster, dann noch ein schneller nach links, bevor das Rathaus nicht mehr zu sehen ist, Sachen zusammenraffen und raus.

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Neulich erzählte ich jemandem von diesem spezifischen Kennedy-und-Lombardsbrücken-Gefühl. Ja, sagte der nur. Und eine ganze Weile später: Er hätte sich auch schon gefragt, ob diejenigen, die am Hauptbahnhof aussteigen, wohl überhaupt in Hamburg ankommen…

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Seine? Alster!

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Ich bin keine Freundin exzessiver digitaler Bildbearbeitung. Vielleicht, weil ich in analogen Zeiten groß geworden bin. Speziell die Unsitte, jeder noch so banalen Szene mit HDR (Pseudo-) Dramatik zu verleihen, hat mir die Kontrastschmiede insgesamt einigermaßen verleidet. Sepia-Effekte empfinde ich zumeist als übertrieben nostalgisch. Ich denke irgendwie immer, dass der Film nicht ausreichend fixiert wurde. Und hatte zu meiner Überraschung plötzlich Lust, genau damit herumzuspielen und  dem Dezember-frühabendlichen Alsterkanal ein wenig Seine-Romantik zu verpassen. „Schuld“, so vermute ich, ist ein Beitrag auf dem englischsprachigen Blog bluebrightly. Als ich die Vorher-Nachher-Beispiele dort sah und Lynns kluge Gedanken zum Thema Bildbearbeitung las, kam mir ein Satz aus Markus Zusaks „Bücherdiebin“ in den Sinn: „Das Schöne an Fiktion ist, dass man eine Lüge erzählen kann, um die Wahrheit zu sagen.“ Que pensez-vous? What’s your opinion?

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Ein bisschen verliebt

An irgendeinem Punkt habe ich mich eigentlich immer verliebt. Ich glaube, das hat mit Vertrauen zu tun. Mit dem Vertrauen meines Gegenüber, das ganz offen von sich erzählt. Von all dem Schönen und dem, was im Laufe eines Lebens gelang. Aber auch von den traurigen Momenten, von Verlusten und Erfahrungen des Scheiterns. Und es hat mit dem Wissen zu tun, das aus diesem Vertrauen erwächst. Da zeigt sich ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Träumen und dem, was ihm wichtig ist. Und da soll einem nicht das Herz aufgehen? Mich hat es, wie gesagt, noch jedes Mal erwischt. Und ein Mal besonders. Vielleicht, weil es das erste Mal war. Aber sicher auch, weil sie ist, wie sie ist.

Spröde. Herzlich. Und ganz und gar jammerfrei. Dabei hätte sie oft genug Grund zum Klagen gehabt. Aber das ist nicht ihre Art. Sie hat schon früh gelernt, dass das Leben nicht immer rosig ist. Dass andere ihre Bedürfnisse erfüllen sollen, war nie ihre Vorstellung. Darum kümmert sie sich schon selbst. Krieg und Flucht mit all ihren Schrecken hat sie überstanden, die Tochter allein großgezogen, die Enkel gleich mit, hat immer gearbeitet, nebenbei noch ein Vollzeit-Ehrenamt bekleidet. Aber sie kann sich auch abgrenzen. Blinde Aufopferung ist ihre Sache nicht. Der liebe Gott oder wer auch immer (sie als befreite Katholikin würde vermutlich Protest anmelden) hat ihr eine Extraportion Humor geschenkt. Gerade hat sie eine Reise nach Asien gebucht. „Werden Sie allein fliegen?“ wollte der Herr im Reisebüro von ihr wissen. „Na, ich hoffe doch, der Pilot und vielleicht noch der ein oder andere Fluggast werden dabei sein“, erwiderte sie und lachte.

Meine erste Biografiekundin. Vor acht Jahren habe ich ihre Geschichte aufgeschrieben. Knackige 93 ist sie inzwischen. Alt zu werden und dabei geistig und körperlich einigermaßen fit zu bleiben, ist ein Geschenk. Das kriegt nicht jeder. Leider. Aber lange nicht jeder macht etwas aus diesem Geschenk. Dafür, dass sie es tut, liebe ich diese alte Dame. Sie ist so etwas wie mein Role Model fürs Alter. Ich freue mich schon auf den Adventskaffee bei ihr heute Nachmittag.

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So ein Zufall!

Gestern Nachmittag in einer Hamburger Buchhandlung meines Vertrauens. Den Plan, nur schnell Geschenke für die Geburtstags-Nichten einzukaufen, hatte ich längst ad acta gelegt. Bis ich die Kinderbuchecke ganz hinten im Laden auch nur erreichte, hatte mir schon ein halbes Dutzend Titel für Erwachsene mal fordernd, mal schmeichelnd, aber immer verheißungsvoll „Nimm mich mit!“ zugerufen. Inzwischen saß ich mit meinem vielstimmigen Chor, zu dem sich Dank der Buchhändlerin auch noch eine reiche Auswahl an unbedingt empfehlenswerter Kinder- und Jugendliteratur gesellt hatte, in der Leseecke des Geschäfts und schmökerte vor mich hin.

„Es war ein trüber Samstag im Frühjahr, als diese unglaubliche Geschichte so harmlos anfing“, las ich gerade, als eine ältere Dame im Sessel neben mir Platz nahm. „Der Morgen hätte auch zu einem verirrten Novembertag gehören können. Der graue Himmel konnte die schweren Wolken kaum noch tragen. Sie hingen so tief, dass sie schon fast die Häuser berührten. Alles war grau: Erde und Himmel. Sogar Ninas Vater und Mutter sahen auf einmal irgendwie grau aus…“ Ich schaute auf – und musste lachen. Meine Leseecken-Nachbarin blätterte doch tatsächlich auch in Rafik Schamis Herz der Puppe. „Für meine Enkelin“, sagte sie. „Für meine Nichte“, erwiderte ich.

Bei der Dame war es übrigens genau umgekehrt: Sie hatte gerade Ein Regenschirm für diesen Tag (brauchen wir zumindest hier im Norden heute nicht) von Wilhelm Genazino ausgelesen – das Buch könne sie mir sehr empfehlen, erklärte sie – und war in die Buchhandlung gekommen, um sich einen neuen Genazino zu holen, als der Schami „Nimm mich mit!“ rief. Das mache sie eigentlich immer so, sagte sie. Ja, ein kleines Geschenk für die Enkelin einkaufen, das auch, aber vor allem: gleich noch weitere Bücher von einem Autor lesen, der ihr gefallen hat. Einmal habe sie drei Jahre lang nur Thomas Bernhard gelesen, Österreicher wie sie, 70 Bücher insgesamt. Der Bernhard sei ihr so nahe gegangen, da sei einfach kein Raum für andere Autoren gewesen.

Wie wir von Thomas Bernhard und Österreich auf Kästner, Ringelnatz und Rilke kamen, erinnere ich nicht mehr. Aber es erstaunte mich nicht im Mindesten, als die alte Dame plötzlich ein Gedicht nach dem anderen rezitierte. Ach, ich hätte ihr ewig zuhören können…! „Und Mascha Kaléko, nicht zu vergessen“, sagte sie plötzlich. Das glaube ich jetzt nicht! dachte ich. Ich weiß nicht, wie viele Jahre ich nicht mehr an Mascha Kaléko gedacht hatte. Bis ich vorgestern auf dem Literatur-Blog Sätze & Schätze, das mir schon manchen Leseschatz geschenkt hat, auf ihr wunderbares Gedicht Sozusagen grundlos glücklich stieß. Und nur einen Tag später legt mir eine österreichische Hamburgerin Kalékos nicht minder großartiges Interview mit mir selbst (ich empfehle die Audio-Datei) ans Herz… Lesen verbindet, soviel ist sicher.

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Noch ungestürmt

P1060659Erst wenige Tage ist es her, da war die Luft so „still, als atmete man kaum“, wie der Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel in seinem schönen Gedicht „Herbstbild“ schrieb. Die Früchte fielen „raschelnd fern und nah“, einfach weil sie reif waren.  Da wurde nichts aufgehalten, nichts beschleunigt. Jetzt zerren die ersten Herbststürme an den Bäumen, dass man sich freut, wenn zumindest keine dicken Äste herunterkrachen. Auch das Apfelbäumchen im Garten meiner Freundin W. wird mittlerweile deutlich kahler aussehen, dafür aber auf einem leuchtenden Teppich stehen. Derart rotwangig sind seine Früchte, dass wohl selbst der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland schwach würde. Spätestens bei W.s Apfelkuchen, denn der ist einfach unvergleichlich. – Weiß doch jeder, dass man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll…

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Was es alles gibt!

Neulich telefonierte ich mit meiner Schwester. Sie erwähnte, dass eines der beiden Meerschweinchen der Familie gestorben sei. Mit sieben Jahren. Ein biblisches Alter für ein Meerschwein. Jetzt gibt es nur noch Struppi. Auch schon sieben. Und ein bisschen kauzig. Ein älterer Herr eben, meinte meine Schwester. Und da Meerschweinchen nicht allein leben sollten, ganz besonders dann nicht, wenn es sich um ältere Herren handelt, habe man sich gleich an die örtliche Meerschweinchen-Hilfe gewandt. – Ach! sagte ich. – Ja, und Struppi sei zur Kontaktaufnahme dabei gewesen. Das habe aber nicht so geklappt. Weshalb noch eine zweite Meerschweinchen-Hilfe aufgesucht werden musste. – Ach! sagte ich, wenig geistreich. Und? – Erfolg auf der ganzen Linie! Die Familie habe jetzt zwei junge Meerschweinchen in Pflege, berichtete meine Schwester. Meist würden die beiden Teenies zusammen herumkobolzen, aber sie verbrächten auch eine Menge Zeit mit dem alten Struppi. Die drei hätten es richtig gut zusammen.

Ich vermute, Meerschweinchen sind auch nur Menschen.