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Mai an der Waterkant

P1140471Eben noch schwammen Mädchen wie Fische durch die Straßen. Heiter, sommerleicht.

P1140433Ein vergessener Pinocchio trocknete, wohl nicht zum ersten Mal, auf einer Friedhofsbank.

P1140559Pastellfarbene Wellen fluteten Parks und Gärten, als gäbe es kein Morgen.

P1140663Unter dräuenden Wolken setzten Außerirdische bunte Kapseln auf den Strand.

P1140537An einem anderen Wasser legten sich Männer ins Zeug, um vor dem Regen das neue Ufer zu erreichen.

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Spring is in the air

440px-H_Hoffmann_Struwwel_03Das Buch würde ich bestimmt keinem Kind in die Hand drücken. Viel zu gruselig sind die Geschichten darin, viel zu gruselig die Folgen, die der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann 1845 unter dem Titel Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren an den Rundhorizont eines jeden Kindes pinselte, das nicht „brav“ sein, das nicht auf seine Eltern hören wollte. Ich bin noch mit all diesen Geschichten aufgewachsen: Vom Fliegenden Robert, der mit seinem Regenschirm auf Nimmerwiedersehen davongetragen wird, weil er trotz Verbots im Sturm auf die Straße geht. Vom Daumenlutscher, dem der Schneider beide Daumen abtrennt. Vom Suppenkasper, der sich zu Tode hungert. Von Paulinchen, das verbrennt, weil sie mit Streichhölzern spielt. Noch heute habe ich den pädagogischen Sound des Werks im Ohr: „Minz und Maunz, die Katzen, / Erheben ihre Tatzen. / Sie drohen mit den Pfoten: / ‚Der Vater hat’s verboten!‘“ Nee, das bleibt im Giftschrank. Aber seht und vergleicht selbst: Ist mir da draußen vor den Toren der Stadt nicht ein wunderbarer Struwwelpeter begegnet?

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Wasser-Wege

P1100624Manchmal steht so wenig Wasser in der Elbe, dass die Bahnbrücken über den Oberhafenkanal sich im Schlick spiegeln.

P1100623Alle Naselang brausen Züge hinüber und herüber. An meinem Fahrrad saust ein Präriehund vorbei. Kein Zweifel: Ich bin auf dem Weg in Hamburgs wilden Osten…

P1100637Auf Entenwerder, wo Norderelbe sich und Bille treffen, schweift weit der Blick vom Ponton-Café über den Strom. Und von dort in die mitgeführte Lektüre.

P1100653Eine lange Weile später, ein kleines Stück weiter nördlich, eigentlich schon auf dem Heimweg, lasse ich mich von einer freundlichen Schwalbe (die heißen wirklich so, und das organisiert schon seit 1928) zu einer Paddeltour um das Kleingartenparadies Billerhuder Insel mitschnacken. Herrlich!

P1100669Was es auf diesem ziemlich unterschätzten Fleckchen Hamburg nur wenige Kilometer (süd-)östlich des Hauptbahnhofs noch so alles zu entdecken gibt, kannst du/können Sie hier nachlesen.

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Dithmarscher Bauern

P1100501Vielleicht hat es damit zu tun, dass mein Leben zurzeit fremdbestimmter ist, als mir lieb ist. Vielleicht bin ich im Grunde meines Herzens ein schrecklich bodenständiger Typ. Jedenfalls zog es mich neulich mit Macht in die „freie Bauernrepublik Dithmarschen“ an der Schleswig-Holsteinischen Westküste. Nach Hemmingstedt, wo die Dithmarscher Bauern vor gut 500 Jahren die zahlenmäßig weit überlegenen Truppen des dänischen Königs Johann I. und seines Bruders Friedrich von Holstein mit einer List schlugen. Und auf den Geschlechterfriedhof von Lunden, der auch nur mit „freien Bauern“ und gar nichts damit zu tun hat, dass die Frauen womöglich links und die Männer rechts von der Kirche begraben worden wären. Und ich dachte an all die Dithmarscher Bauern, die mir im Rahmen von Biografieprojekten aus ihrem Leben erzählt haben. Einer von ihnen soll hier einfach mal selbst zu Wort kommen:

Morgens brauchten Hartmut und ich nicht zu helfen. Aber abends mussten wir mit ran: Rüben schneiden, Silo stechen, Heu- und Strohballen vorbereiten. Und manchmal mussten wir auch mit melken. Mit den Schweinen hatten wir nicht so viel zu tun. Das war uns auch ganz recht. Die Schweine stanken und waren laut. Um sie kümmerte sich unser Vater.

Wenn allerdings die Sauen ferkelten, waren mein Bruder und ich im Einsatz – nach einem fein abgestuften Preissystem: Ferkel, die bis 19 Uhr kamen, brachten 20 Pfennige, bis 23 Uhr gab es 50 Pfennig und ab 23 Uhr eine Mark. Das Geld zahlte Vater für jedes gesunde Ferkel, das Hartmut und ich als Geburtshelfer auf die Welt brachten. Wir mussten mit einer Schere die Nabelschnur durchtrennen und die Ferkel trockenreiben. Dann hieß es aufpassen, dass die Sau die Ferkel nicht im Geburtswahn biss oder sogar auffraß oder dass die Ferkel in der Gülle oder im Mist erstickten. Wir mussten schon aufpassen. Für umsonst gab es das Ferkelgeld nicht. Für umsonst gab es überhaupt nichts.

Für uns Kinder waren die Ferkelsauen eine wichtige Einnahmequelle. Und es war wie heute an der Börse: Man wusste nie genau, wie gehen die Kurse, kommen zwölf Ferkel oder nur drei. Ich kann mich an eine Sau erinnern, die sich ordentlich Zeit ließ. Von sieben Uhr an wartete ich, dass es endlich losgeht… Den Gewinn hatte ich mir schon ausgerechnet. Es wurde immer später und ich dachte: Das wird ein lukrativer Abend! Nach Mitternacht, und dann zehn Stück! Und dann kamen bis ein oder zwei Uhr nur drei Ferkel und danach nichts mehr. Ein Scheißjob war das! Was ausgehandelt war, galt schließlich. Nachverhandlungen oder Zuschläge gab es bei uns nicht.

In den 70ern kauften Hartmut und ich uns von unserem Konfirmationsgeld jeder einen Bullen. Der Viehhändler, den alle nur Asbach nannten, weil er gerne diesen Weinbrand trank, bot Bullenkälber für 600 Mark an. Hartmut und ich hatten uns das ausgerechnet: 600 Mark kostete ein Kalb. Ein, zwei Jahre später würden wir es für 2.000 Mark verkaufen. Das bedeutete 1.400 Mark Gewinn für jeden von uns. Wir kamen nach Hause und erzählten unserem Vater, dass wir zwei Kälber gekauft hatten, die in der nächsten Woche geliefert würden. Das fand er gut und meinte, nun müssten wir uns nur noch über das Futtergeld unterhalten.

Wir waren schockiert. Unsere Cousins hatten sich von ihrem Konfirmationsgeld ebenfalls Kälber gekauft und brauchten zu Hause kein Futtergeld zu zahlen. „Ja, wovon sollen die Kälber denn leben?“, fragte unser Vater nur. Das schmälerte den erwarteten Gewinn natürlich erheblich. Statt 1.400 waren nun nur noch 500 oder 600 Mark drin.

Eines Tages bat Vater den Tierarzt, einen Blick auf meinen Bullen zu werfen. Der Tierarzt erwiderte: „Wat, den Dotblieber schall ik mi noch ankieken?“ Ich war geschockt. Der Tierarzt schaute sich den Bullen dann doch an und konstatierte eine Lungenentzündung oder etwas in der Art, aber der „Dotblieber“ kam durch. Nach eineinhalb Jahren war es endlich soweit: Hartmut und ich wollten unsere Bullen verkaufen. Und jetzt drehte sich das Ganze. Vater hatte nämlich ein Auge auf meinen Bullen geworfen.

Hartmuts Bulle war nicht ganz so gut, der hatte sich mal ein Bein angebrochen. Aber mein Bulle war top. Vater wollte ihn als Deckbullen haben. Also verhandelten wir. Pro Kilo gab es, glaube ich, etwa eine Mark zwanzig. Ich wusste ungefähr, was ich erzielen wollte, und ich wusste, dass Vater den Bullen haben wollte. Das war für ihn eine schlechte Ausgangsposition, für mich eine gute. Wir waren relativ schnell durch, nach etwa einer halben Stunde hatten wir den Preis ausgehandelt, den ich haben wollte.

Und dann kam mein Bruder an die Reihe. Da ging das Handeln richtig los. Hartmut wollte natürlich den gleichen Preis erzielen wie ich. Diese Verhandlung dauerte wohl vier oder fünf Stunden. Hartmuts Hand sah hinterher aus! Bei jedem Hin oder Her wird ja kräftig eingeschlagen. Feuerrot war seine Hand. Kein Wunder bei der Pranke unseres Vaters. Immer wenn Vater einschlagen wollte, zuckte Hartmut ein kleines bisschen zurück. Wir hatten viel Spaß an dem Abend, auch wenn sich Hartmut ordentlich anstrengen musste für sein Geld. Es ging ja nicht einfach darum, sich gegenseitig in die Hand zu schlagen. Er musste schon Argumente bringen. Da entsteht ja auch eine Geschichte, da wird viel erzählt: Worüm schass den nehmen, worüm will ik denn ni nehmen, de is dat ni wert … Und so weiter.

Asbach, der Viehhändler, kam auch immer erst auf den Hof, wenn die Hauptarbeit erledigt war. Mutter war am Melken, Hartmut oder ich verteilten Stroh. Vater hatte eine Forke in der Hand. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, stützte sich auf den Griff der Forke und sprach mit Asbach. Dabei hauten sich die beiden ordentlich in die Hände. „Eene Mark twinig“, sagte Asbach. „Eene Mark süstig“, erwiderte Vater. Und dann wurde alles Mögliche erörtert: Wie geiht dat din Fru? Wat mokt Hermann? Wat is blots mit Hans los? Zwischendurch streute Vater ein paar Forken Stroh oder fütterte die Schweine. „Eene Mark fiefuntwintig“, bot Asbach an. Handschlag. „Eene Mark fiefunfofftig.“ Handschlag. So eine Szene konnte leicht eine oder auch eineinhalb Stunden dauern.

Ja, das Verhandeln habe ich von meinem Vater gelernt. Auf einem ägyptischen Basar habe ich diese Mentalität mal so richtig ausleben können, obwohl ich kein Wort Ägyptisch sprach und mein Gegenüber kein Englisch. Auf dem Basar habe ich verstanden, was Vater mit Asbach schon immer gelebt hatte: diese Geschichten, die sie sich erzählten, bei denen sie zwischendurch immer wieder aufs Geschäft kamen.

Hartmut hat damals übrigens den gleichen Preis für seinen Bullen erzielt wie ich. Dass das Ganze mit Risiko verbunden ist, hatten wir beide erlebt. Bei mir war es der „Dotblieber“, bei Hartmuts Bulle das lahme Bein. Das Risiko haben uns unsere Eltern nicht abgenommen. Es konnte sein, dass wir beide leer ausgingen. Es konnte aber auch sein, dass sich das Risiko, wie in meinem Fall, sehr gelohnt hat. Und Hartmut musste eben gut argumentieren, damit er den gleichen Preis erzielen konnte. Aber im Endeffekt war es so, dass für uns beide das Gleiche herauskam. Dafür hat unsere Mutter gesorgt.

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So schön norddeutsch

P1100210Radeln bis zum Horizont und dann immer weiter.

P1100231Mit den Wolken um die Wette tauchen.

P1100260Die nassen Flügel im warmen Wind trocknen lassen.

P1100384Endlos durch flaches Wasser waten.

P1100430Fischernetze auseinander tüdeln.

P1100391Sabbernden Kühen beim Wiederkäuen zusehen.

P1100436Vom Zweitwohnsitz in kommodigen Häuschen am Meer träumen.

P1100395Mysteriösen Spuren im Kornfeld folgen.

P1100423Morgens, mittags und abends „Moin!“ sagen, leicht zweisilbig, leicht singend: „Mo-oin!“. Klartext reden. Wenn auf ist, ist auf. Wenn nicht, dann nicht. Kein Gedöns.

P1100355P.S. Liebe Stefanie, hast du’s erkannt? Ich bin auf deinen Spuren u.a. durch die Geltinger Birk spaziert. So schön dort! Danke für diesen und andere wunderbare Kurzreisetipps hier bei uns im Norden.

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At the Gates of Eden

P1070451Noch lag ein Rest Tageswärme in dem milchigen Licht über dem Moor. Eng schmiegten sich die beiden Körper aneinander. Kopf an Kopf, die langen Leiber ineinander verwoben wie ein Mädchenzopf, verharrten sie für einen Augenblick im trockenen Gras.

P1070485Ein Ruck, die Köpfe schnellten auseinander, die Oberkörper richteten sich auf, bogen sich geschmeidig weit zurück, während sich die unteren Körperhälften in Windeseile voneinander lösten und gleich darauf in neuer Form abermals kraftvoll umschlangen.

P1070484Wie zwei Synchronschwimmer tauchten Köpfe und Hälse aus dem Gras auf, und schon begann das Spiel von neuem: Verknäueln, drücken und pressen, kurz innehalten, hochschnellen…

P1070480Was wie ein ritualisierter Liebestanz anmutete, ist in Wahrheit eine Art Freistil-Ringkampf zwischen rivalisierenden männlichen Kreuzottern. Ähnlich wie die Konkurrenzkämpfe männlicher Rothirsche während der Brunftzeit folgt auch das Ringen der Schlangen festen Regeln. Nicht um Vernichtung geht es, sondern um die Festlegung einer Rangordnung.

P1070494Keinen Blick für das faszinierende Schauspiel hatten die jungen „Evas“ auf ihrem Weg ins nahe Feriendorf. Verzückt  und gleichzeitig kichernd (so unglaublich gleichzeitig, wie das vielleicht nur mit 15 möglich ist) schauten sie lieber in die untergehende Sonne.

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Islands in the Sun

P1070405Die innere und die äußere Spur liefen nicht synchron. Müde und gedankenschwer tappte sie über die Holzbohlen. Die Landschaft erschien ihr flacher als sonst, geradezu zweidimensional, und irgendwie überbelichtet. Ein überraschend kräftiger Wind kräuselte die Oberfläche der Tümpel zur Linken und zur Rechten, raubte auch ihnen die gewohnte Tiefe. Dem Moor war das egal. Es war einfach da. Nach einer Weile, die ihr lang vorkam, entdeckte sie das Archipel der Sonneninseln.

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