Zugewandt sein. Auch die Zeit scheint still zu stehen. Wo waren wir stehen geblieben?
Archiv der Kategorie: In und um Hamburg
Streifenlook
Seit Tagen ist Hamburg in freudloses Einheitsgrau getaucht. Dass jemand über Nacht einen Hauch Puderzucker darüber gestäubt hat, macht es nicht wirklich besser: Das Grau ist einfach eine Nuance heller geworden. Ich krame in Bildern aus der vergangenen Woche.
Da waren Himmel und Wasser auch oft bedeckt.
Aber sie hatten Struktur. Und Farbe.
Winter-Waisen
Four seasons in two days
Zwei Tage Interview-Marathon an der Ostsee liegen hinter mir. Zwischendurch bestand immer mal Gelegenheit zu einem Spaziergang am Wasser. Mal dösten Meer und Strand diesig und still vor sich hin. Dann wieder strahlte die Sonne, dass es eine Freude war.
Solange, bis es einer steifen Brise gefiel, Wellen, Spaziergänger und Hunde vor sich her zu treiben und das gerade noch friedliche Blau zu bedrohlichen Formationen zusammen zu schieben, aus denen nur Augenblicke später eisiger Regen peitschte.
Der aber ebenso unvermittelt auch wieder aufhörte und diesem ganz besonderen Licht Platz machte… Einem Baumgeist bin ich außerdem noch begegnet. – Und die Gespräche? Waren ähnlich bewegt und bewegend. Schönes Arbeiten!
Rhythm is it
Am Silbersee
Guten Flug…
Werbewirksam
Werbung kann furchtbar dumm sein. Oder sterbenslangweilig. Aber es gibt auch richtige Eyecatcher. Wie am Eingang zu Hamburgs berüchtigter Herbertstraße. Oder besser: an der Absperrung davor. „Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren und Frauen verboten“ steht dort, zur Sicherheit auch gleich noch auf Englisch. Und dazwischen Zigarettenreklame: „Es gibt Spannenderes als Werbung.“ Wie wahr!
In der nur 60 Meter kurzen Straße auf St. Pauli wird seit dem 19. Jahrhundert das älteste Gewerbe der Welt ausgeübt. Prostitutierte hocken in Schaufenstern und sprechen durch die geöffneten Fenster potenzielle Freier an. Schon 1933 wurden an beiden Enden der Herbertstraße Sichtblenden errichtet. Striptease und Prostitution waren unter den Nazis verboten. Da sich das auf St. Pauli aber nicht wirklich durchsetzen ließ, duldete man die Tätigkeiten in einer Gasse – und versuchte gleichzeitig zu verbergen, was eigentlich nicht sein durfte. Juristisch ist die Herbertstraße natürlich ein öffentlicher Weg und darf von jedermann betreten werden…
Tell me a story
Zwei Stunden Zeit. Für eine Begegnung mit einem mir bisher unbekannten Hamburger. Ein Erzählspiel, um miteinander ins Gespräch zu kommen. An einem historischen Ort, der gerade mit neuem Leben erfüllt wird. – Das sind Rahmenbedingungen so recht nach meinem Geschmack. Aber der Reihe nach:
Zuerst der Ort. Ein Häuschen, nur wenige Schritte von der U-Bahnstation St. Pauli entfernt. Mit seinen Säulen erinnert es an einen kleinen Tempel. Die 1820 im klassizistischen Stil umgebaute ehemalige Wache am Millerntor ist der einzige Überrest einer mächtigen Wallanlage aus dem 17. Jahrhundert, die Hamburg im Dreißigjährigen Krieg vor der Eroberung schützte. St. Pauli war damals noch eine Siedlung außerhalb der Stadt, und das dahinter liegende Altona gehörte zu Dänemark. Wer aus Richtung Westen in die Stadt wollte, musste durchs Millerntor und an der dortigen Wache sein Torgeld entrichten und seine Waren verzollen. Heute braust mehrspurig und praktisch pausenlos der Straßenverkehr vorbei.
Es gibt heimeligere Ecken in Hamburg, gewiss. Aber wenn man erst einmal die Säulen passiert und die Tür hinter sich geschlossen hat, ist von dem Lärm draußen kaum noch etwas zu hören. Dafür hoffentlich bald viele spannende Hamburger Geschichten. Denn das soll die alte Wache werden: ein Ort für erzählte Geschichte, ein Erzählmuseum. Initiator und Finanzier des Projekts ist die Alfred Toepfer Stiftung, Kooperationspartner das nahe gelegene Museum für Hamburgische Geschichte (Hamburg Museum). In gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre – die Wache ist mit ihren 24 Quadratmetern nicht nur so klein wie eine gute Stube, sondern mit Sofa und Sesseln auch so eingerichtet – sollen ein- bis zweimal die Woche Hamburger Bürger befragt und gefilmt werden.
Wer möchte, kann das Erzählte anschließend auf DVD gebrannt mit nach Hause nehmen. Vor allem aber sollen möglichst viele der Geschichten im Hamburg Museum archiviert und auf der Website des Museums für Hamburgische Geschichtchen veröffentlicht werden, wie der jüngste Zuwachs in der städtischen Museumslandschaft getauft wurde. Denn die Initiatoren wissen: „Stadtgeschichte wird nicht nur durch Exponate im Museum oder wissenschaftliche Aufsätze von Historikern erfahrbar, sondern auch durch die mündliche Überlieferung von Geschichten und Geschichtchen.“ Unterstützt und begleitet wird das Projekt vom Oral-History-Archiv „Werkstatt der Erinnerung“ der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte.
In der alten Wache soll aber nicht nur Stadtgeschichte festgehalten, sie soll selbst ein Ort der Begegnung und des Gesprächs werden und steht zu diesem Zweck auch externen Veranstaltern offen. Ich bin vor ein paar Tagen der Einladung eines solchen „Untermieters auf Zeit“ gefolgt – den Autoren des Projekts Storybox. Der Organisationsberater und Regionalmanager Georg Pohl (ein Hamburg-verliebter „Zugereister“ aus Leipzig) und die Märchen- und Geschichtenerzählerin Micaela Sauber (eine Ur-Hamburgerin) haben gemeinsam ein Erzählspiel entwickelt, mit dem sie Menschen in unterschiedlichen Kontexten miteinander ins Gespräch bringen wollen: im Rahmen der Quartiers- und Projektentwicklung ebenso wie in der unternehmensinternen Kommunikation, auf Tagungen und Seminaren oder im persönlichen Umfeld. In der Millerntorwache bieten die beiden noch bis zum Frühjahr jeweils zwei HamburgerInnen Gelegenheit zum spielerischen Erzählen und gegenseitigen Kennenlernen. Alles, was es dafür braucht, sind zwei Stunden Zeit – und eine Portion Neugier natürlich.
Ich sollte eigentlich einen Architekten kennenlernen. Aber weil der sich die falsche Uhrzeit notiert hatte, haben stattdessen Georg Pohl, Micaela Sauber und ich zusammen mit der Storybox gespielt und uns gegenseitig ein paar unserer ganz persönlichen Hamburg-Geschichten mit auf den Weg (und in das Schatzkästchen) gegeben. Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich sofort zugestimmt habe, im Januar wiederzukommen – dieses Mal, um den säumigen Architekten zu treffen. – Wer selbst bei dem einen oder anderen Erzählprojekt mitmachen möchte, findet Telefonnummern und Kontaktadressen unter den Links im Text.
Sturmgeflutet
Heute Nachmittag im Hamburger Hafen. In den Wasserlachen auf dem Dach des Ausflugsboots „Klein Erna“ an den Landungsbrücken spiegelt sich die Sonne, die für einen Moment durch dichte Regen- und Schneewolken bricht. Das U-Boot am St. Pauli Fischmarkt scheint an diesem Freitag besonders tief im Fluss zu liegen.
Orkan Xaver hat sich mittlerweile deutlich beruhigt, nicht aber die Elbe. Weil der Wind konstant aus Nordwest weht, kann das Wasser bei Ebbe nicht ordentlich abfließen. So wird die Stadt am frühen Abend von der dritten Sturmflutwelle in Folge getroffen. Sie fällt zum Glück schwächer aus als befürchtet. Noch am Morgen waren knapp vier Meter über dem Mittleren Hochwasser (gut sechs Meter über Normalnull) gemessen worden. Das ist ähnlich hoch wie bei der verheerenden Flut im Februar 1962. Damals waren die Deiche allerdings noch deutlich niedriger und weniger stabil als heute.
Rund um die Fischauktionshalle stehen noch die letzten Pfützen, der Elbschlamm auf dem Pflaster ist noch feucht, als der Fluss erneut Besitz vom Fischmarkt und der Großen Elbstraße ergreift. Unglaublich, wie schnell das geht: Wo man eben noch trockenen Fußes entlangspazieren konnte, steht das Wasser nur Augenblicke später bereits knöchelhoch.
Ein paar Sehleute patschen durch die Fluten. Meter um Meter weichen sie zurück.




























