Wie oft war ich auf meinen Runden durch den Hamburger Stadtpark wohl schon an der mehrsprachigen Botschaft ganz in der Nähe des Planetariums vorbei gekommen? Heute, am Ende dieses traurigen irren Jahres nahm ich sie zum ersten Mal wahr. Vielleicht sehen wir Dinge klarer, wenn wir ihrer sehr bedürfen.
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Buntes, Skurriles, Nachdenkenswertes… Was mir so ins Auge sticht.
Alles ganz einfach
In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.
Karl Kraus
Den Satz von Karl Kraus las ich gestern Nachmittag, kurz nachdem ich die Ausstellung „Entscheiden“ im Hamburger Museum der Arbeit verlassen hatte. Der Hund, den treue Leser dieses Blogs schon kennen, lief mir heute Nachmittag nach langer Zeit mal wieder über den Weg, zur Abwechslung eine orange Rose im Maul und ein Saison-typisches Mützchen auf dem breiten Schädel. Ob zwischen dem Satz und dem Hund ein Zusammenhang besteht, brauche ich zum Glück nicht zu entscheiden. Die Ausstellung „über das Leben im Supermarkt der Möglichkeiten“ immerhin empfehle ich nachdrücklich zum Besuch. Nähere Informationen findest du hier.
Tagnachtlampe
Korf erfindet eine Tagnachtlampe,
die, sobald sie angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.
Als er sie vor des Kongresses Rampe
demonstriert, vermag
niemand, der sein Fach versteht,
zu verkennen, dass es sich hier handelt –
(Finster wirds am hellerlichten Tag,
und ein Beifallssturm das Haus durchweht.)
(Und man ruft dem Diener Mampe:
„Licht anzünden!“) – dass es sich hier handelt
um das Faktum: dass gedachte Lampe,
in der Tat, wenn angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.
Christian Morgenstern: Die Tagnachtlampe
Genau so kam es mir vor, als ich vor ein paar Tagen durch eine Autobahnunterführung in Hamburg-Wilhelmsburg radelte. Wir befanden uns kalendarisch zwar schon mitten in den Eisheiligen – man schrieb den Heiligen Servatius, um genau zu sein -, aber hier im Norden war nicht nur hellerlichter Tag, tatsächlich war es auch immer noch sommerlich warm. Nun ist auch die Kalte Sophie gegangen. Ihre Kälte hat sie uns zurückgelassen – und irgendjemand knipst gefühlt alle paar Minuten die Tagnachtlampe an und aus. Aprilwetter.
Immer. Die Liebe.
Lebens-weise
Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, wann sie wiederkommen.
Und ob überhaupt, wie der Schriftsteller Oscar Wilde, der in seinem Leben vermutlich mehr Versuchungen nachgegeben als widerstanden hat, noch etwas zugespitzter formulierte. Ob nun wann oder ob – ich ließ mich nicht lange bitten, betrat das literarisch-verheißungsvoll beworbene Café und genehmigte mir einen extragroßen Milchkaffee.
Einen deutlich qualvolleren Umgang mit der Versuchung las ich in Rainer Maria Rilkes Der neuen Gedichte anderer Teil nach:
Nein, es half nicht, dass er sich die scharfen
Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
alle seine trächtigen Sinne warfen
unter kreißendem Gekreisch
Frühgeburten: schiefe, hingeschielte
kriechende und fliegende Gesichte,
Nichte, deren nur auf ihn erpichte
Bosheit sich verband und mit ihm spielte.
Und schon hatten seine Sinne Enkel;
denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
und in immer bunterem Gesprenkel
hingehudelt und verhundertfacht.
Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
seine Hände griffen lauter Henkel,
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
warm und zu Umarmungen erwacht -.
Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
Und der Engel kam in seinem Schein
und war da: und jagte sie
wieder in den Heiligen hinein,
dass er mit Geteufel und Getier
in sich weiterringe wie seit Jahren
und sich Gott, den lange noch nicht klaren,
innen aus dem Jäsen destillier.
Darauf, dass der Dichter nicht nur feingeistig zu formulieren wusste, sondern gelegentlich offenbar auch mit viel Feuer im Schoß zu ringen hatte, hat gerade erst Birgit auf dem sehr geschätzten Literaturblog Sätze&Schätze aufmerksam gemacht. Was Oscar Wilde zu all dem gesagt hätte?
Eine Versuchung wird man nur dadurch los, dass man ihr nachgibt.
Vermute ich.
Blauer Reiter?
Ans Bein gebunden
Auf den Hund gekommen
Gedankenflüge II
Old girls‘ talk
Man kommt kaum dazwischen mit dem Fotoapparat, so dicht stecken die drei Grazien des Bildhauers Werner-Joachim Schatz auf dem Kornmarkt des Harz-Städtchens Osterode ihre Nasen zusammen. Mund an Ohr an Mund, die Röcke wie ein schützendes Zelt gerafft, tuscheln sie, was das Zeug hält. Nur ein Satz noch, mein Schatz…
Wie beinahe schon distanziert nehmen sich dagegen die „Drei Frauen im Gespräch“ des Bildhauers und Zeichners Ernst Barlach aus.









