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Spielerei im Wald

Meine fröhliche Liebe hat mich verlassen.
Ich suchte sie wieder in allen Gassen,
Sie aber lag schon weit von mir
In einem hellen Birkenwald
Und freute sich ihrer Wohlgestalt
Und reckte die Glieder lang und zier.

Dort spielt sie nun mit Elf und Nick,
Läßt über ihr schneeweiß Genick
Die langen Ringelhaare fließen,
Pflückt Enzian zum Zeitvertreib
Und läßt sich nachts den blanken Leib
Mit Mondenschein begießen.

Ich aber warte nun in Ruh,
Schließ Tür und Laden sorglich zu
Und leg mich in die kühlen Kissen.
Wenn sie der grünen Tage satt
Den Weg zurück gefunden hat,
Soll sie erst klopfen müssen.

Hermann Hesse: Meine fröhliche Liebe

In meinem vorherigen Beitrag hatte ich bereits ein bisschen mit dem Fotomaterial gespielt, hatte ein hochformatiges Bild einfach mittendurch geteilt – aus eins mach zwei. Ulrike vom Blog watt&meer, die davon nichts wusste, fragte sich und mich, wie die Fotos wohl auf den Kopf gestellt aussehen. Besonders das erste (die obere Bildhälfte also) gefiel mir so verdreht. Und obwohl darauf gar keine Birken zu sehen sind, dachte ich sofort an Hesses fröhliche Liebe.

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Diese kleinen Dinge

Deine kleine Schwester
Hat ihre offenen Haare
Wie einen lebendigen Schleier,
Wie eine duftende Hecke
Vornüberfallen lassen
Und schaut, mit solchen Augen!
Durch einen duftenden Schleier,
Durch eine dunkle Hecke …
Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge.

An allen sehnsüchtigen Zweigen
In deinem nächtigen Garten
Sind Früchte aufgegangen,
Lampions wie rote Früchte,
Und wiegen sich und leuchten
An den sehnsüchtigen Zweigen,
Darin der Nachtwind raschelt,
In deinem kleinen Garten …

Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge …

Hugo von Hofmannsthal: Kleine Erinnerungen

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„Im Herzen barfuß“

Lange war ich nicht zu haus. / Die mutter, / mit schuldbewussten augen,  / begrüßte an der tür den seltenen besuch. / Der vater schloss das buch, / das schmal war wie die zeit, / die übrigblieb vom tag.

Sie setzten mich hinter den alten tisch, / schenkten himbeerwein ein. / Die linden blickten herein. / Am offenen fenster verneigte ich mich, / erstaunt, betrunken zu sein.

Knospe, knöspchen, sag, / ist das denn möglich, / von einem fingerhut voll wein / und noch dazu aus himbeeren?

Dummkopf, / fingergroß von der erde, / so klein bist du daheim,

duftet direkt ins ohr die rose.

Mit einemmal entsann ich mich, / wo wir zu hause das salz haben.

Jan Skácel: Wo wir zu hause das salz haben

Heute bin ich mit dem mährischen Dichter Jan Skácel (1922 – 1989) in dessen Elternhaus gereist und anschließend gleich weiter in meines, das es so gar nicht mehr gibt. Habe mich daran erinnert, wo wir zu Hause das Salz hatten und noch ein paar andere Dinge. Das tat so gut.

Das Gedicht entnahm ich dem 2018 veröffentlichten Band „Für alle die im Herzen barfuß sind“, das neben der wunderbaren Lyrik auch Kurzprosa von Jan Skácel enthält und dazu eine Einführung des Herausgebers Peter Hamm und die Laudatio, die Peter Handke für Skácel hielt, als dieser 1989 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet wurde. Sehr zu empfehlen!

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Forever Moor

Die Seelen der Menschen fühlen sich vielleicht in immer innigerer Übereinstimmung mit einer Außenwelt von jener Schwermut, die unserem Geschlecht, als es noch jung war, einfach häßlich vorkam. Die Zeit scheint nahe, da einzig der herbe Adel eines Moors und des Meeres oder eines Gebirges das in der Natur ist, was mit der Gemütsverfassung des nachdenklicheren Teils der Menschheit völlig im Einklang steht.

Thomas Hardy (1840 – 1928), britischer Schriftsteller

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Unerwartet schwer

„Neulich nahm ich etwas in die Hand, das mir von einer Frau geschenkt worden war: Ich kannte diese Frau eigentlich nicht, aber sie war bei mir zu Gast, sie erschien an der Seite einer DJ, die ich zur Feier meines fünfzigsten Geburtstags angeheuert hatte. Die DJ erklärte, ihre Freundin sei sehr krank, sie könne nicht allein zu Hause zurückgelassen werden, ob ich sie vielleicht mit einladen könne. Na klar. Die Freundin trug ihren blanken Schädel in die Menge der Feiernden, und dazu ein weites Kleid. Sie gab mir eine Schatulle, ein Geschenk für die nächsten fünfzig Jahre, sagte sie lächelnd.

In dem Papiergehäuse lag ein Stab aus Holz, etwa zwanzig Zentimeter lang, die Farbe ein dunkles Braunrot, zu einem herrlichen Glanz poliert. Man hätte denken können, es sei ein vollkommen sinnloses Objekt, aus der Gattung der Staubfänger. Dann nahm man es in die Hand und verstand. Der Stab liegt verblüffend schwer in der Hand. Das liegt am Holz, es ist Dalbergia melanoxylon, auch Grenadill genannt, afrikanisches Schwarzholz. Es zählt zu den Eisenhölzern und hat eine Dichte von 1400 Kilogramm je Kubikmeter, und was das bedeutet, ist eigentlich klar. Dieses Ding verdichtet in sich die Schwere des Lebens und verspricht, einen im Lot zu halten, so wie es das Schwert eines Schiffs tun würde. Wegwerfen? Nie!“

Aus: Susanne Mayer, Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen. Berlin, 2019

Oder hätte die Überschrift besser „Im Lot gehalten“ lauten sollen? Egal. Von manchen Dingen kann man sich unmöglich trennen. Und vieles zeigt sein Wesen erst auf den zweiten, tieferen Blick. Und sei es mitten hinein in den unergründlichen Moorsee, in dem der Himmel sein eisekaltes Bad nimmt.

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Keep on sailing

A ship is safe in harbor, but that’s not what ships are for.

William Shedd

Wieder sind Wochen vergangen seit meinen letzten ernsthaften Streifzügen durch die Blogosphäre, und ich bin mir ziemlich sicher, ich habe hier einiges verpasst. Ein wenig werde ich noch nachlesen in diesen Traumtagen „zwischen den Jahren“, die nicht mehr ganz zum Alten gehören, aber auch noch nicht zum Neuen. Vor allem aber werde ich mich ausruhen. 2019 war kein ganz einfaches Jahr für mich, aber eines, in dem ich viel Klarheit gewonnen habe. Ich bin dankbar für Kreise, die sich geschlossen haben, für Momente tiefer Verbindung, aber auch für den Mut zu manchem Nein, wo es nicht oder nicht mehr passte. „Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte?“ Im Herbst war mir in einem Vortrag dieser wunderbare Satz begegnet. Seither trage ich ihn in meinem Herzen und beobachte, wie er auch mein Handeln beeinflusst, nicht immer, aber immer mal wieder. Ich habe mir fest vorgenommen, ihn mit ins neue Jahr zu nehmen. Vielleicht wär‘ das auch etwas für dich? Ich wünsche dir allzeit gute Fahrt, Wind in den Segeln und einen Hafen, wenn du ihn brauchst!

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Und mit Liebe zu schaun

Herbstlich sonnige Tage,
Mir beschieden zur Lust,
Euch mit leiserem Schlage
Grüßt die atmende Brust.

O wie waltet die Stunde
Nun in seliger Ruh!
Jede schmerzende Wunde
Schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
Still an sich selber zu baun,
Fühlt sich die Seele getrieben
Und mit Liebe zu schaun.

Jedem leisen Verfärben
Lausch ich mit stillem Bemühn,
Jedem Wachsen und Sterben,
Jedem Welken und Blühn.

Was da webet im Ringe,
Was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
Ists dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
Die mit Düften sich füllt,
Trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Emanuel Geibel: Herbstlich sonnige Tage

Ich weiß, es gibt andere Orte als die Wälder in und um Hamburg. Aber wenn die Sonne noch einmal so Oktober-golden strahlt wie am Sonntag, hält mich nichts, aber auch gar nichts zwischen den Mauern der Stadt. Die Fotos dieses Beitrags habe ich von einem langen Spaziergang durch den Wohldorfer Wald und den Duvenstedter Brook mitgebracht. Es kommen andere Tage, auf dem letzten Foto ist es unschwer zu erkennen, und mit ihnen andere Bilder und Themen.

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Mit Goethe im Herbstwald

Wenn in Wäldern Baum an Bäumen,
Bruder sich mit Bruder nähret,
Sei das Wandern, sei das Träumen
Unverwehrt und ungestöret;
Doch, wo einzelne Gesellen
Zierlich miteinander streben,
Sich zum schönen Ganzen stellen,
Das ist Freude, das ist Leben.

Aus: Johann Wolfgang von Goethe „Wilhelm Tischbeins Idyllen“

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Himmelsstützen

Wenn jemand meinte, die Bäume seien da, um den Himmel zu stützen, so müßten sie ihm alle zu kurz vorkommen.

Franz Grillparzer

Die Fotos habe ich aus dem verwunschenen Erlengrund bei Ahrensburg mitgebracht. Moore, Teiche, Wälder und sogar ein kleiner Berg liegen ganz in der Nähe und laden zum Spazierengehen ein.