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Sandstrahlpeeling

P1060661Nach vorfrühlingshaftem Nieselregen und beinah schon frühsommerlich-lauen Lüften fegt zur Abwechslung ein veritabler Herbststurm über die Insel. Hu, welch eine Kraft! Die Schirmmütze bis zum oberen Brillenrand herunter- und den Schal bis über die Nasenspitze heraufgezogen traue ich mich mitten hinein in die Sandwehen. Ein Gefühl wie in der Wüste, nur wesentlich lauter. Mit gesenktem Haupt und vorgebeugtem Oberkörper stapfe ich langsam aber stetig auf die horizontale Gewalt zu, während das Gros der wenigen Strandgänger mit dem Naturturbo im Rücken in die entgegengesetzte Richtung trudelt.

Ich glaube, es war an diesem Tag, dass der ältere Herr in der Hotellobby in der Manier älterer Herren witzelte: Ein paar Tage Urlaub im Sylter Reizklima, und seine Frau hätte einen Teint wie ein Babypopo, ganz ohne die teuren Kosmetika.

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Meditation in Gelb-Oliv

P1060504Wie gut, dass das, was die Einheimischen „kein Wind heute“ nannten, zuverlässig von hinten blies! Besonders, weil sich schon nach wenigen hundert Metern „Nur-ein-paar-Tropfen-kaum-der-Rede-wert“ bei „Kein-Wind-heute“ einhakte.

P1060506Man müsste einen Fischer fragen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, wie es in einem japanischen Haiku heißt. Und auch das Rote Kliff über dem Kampener Weststrand verschmilzt mit dem Gelbgrün des Strandgrases zu blassem Rosé.

P1060507Kilometer um Kilometer durch Dünen und Heide in den Norden von Sylt schärfen den Blick für jede Nuance auf der Palette zwischen Hellgelb und Olivgrün. Das linke Ohr ist mit dem Rollen der Brandung beschäftigt, von rechts dringt gelegentlich ein vorbeifahrendes Kraftfahrzeug ins Bewusstsein.

P1060511In vier, fünf Stunden begegnen mir gerade einmal zwei Spaziergänger und ein Fahrradfahrer. „Die Reichen und die Schönen“ sind offenbar zu Hause geblieben. Und die Armen und die Hässlichen auch.

P1060516Insel-Impressionen aus Deutschlands äußerstem Norden. Kein schöner Land in dieser Zeit.

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Berlin-Schnipsel (4)

Manchmal scheint, beinahe überraschend, für einen Moment die Zeit still zu stehen:

P1050678wenn die Oberbaumbrücke in spätherbstliches Gegenlicht getaucht ist zum Beispiel,

P1050679wenn auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Grabsteine mit Birken verschmelzen,

P1050718P1050729wenn zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals gerade einmal niemand Verstecken spielt

P1050733und sich auch auf dem Gendarmenmarkt die allgegenwärtigen Unterschriftensammler trollen.

P1050572Mit diesen Impressionen endet meine kleine Berlin-Reihe. Eine schöne neue Woche euch allen!

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Berlin-Schnipsel (2)

P1050658– Sag schon, wie findest du mich? Gefällt dir mein Kleid?

– Gut, ja. Äh… ich trag ja selbst meistens Hosen…

Ob Adorno Kostüme mochte? Sie nimmt sich vor, das zu recherchieren.

P1050669– Hier sind wir groß geworden. Hier wollen wir alt werden.

– Ja, stimmt: Gentrifizierung ist ein Problem. Aber das sieht hier schon arg runtergekommen aus, finde ich…

– Keine Schönheits-OPs!

Schönheits-OP? denkt sie. Wohl eher eine am offenen Herzen…

P1050687– Migration is not a crime.

Der Aussage kann sie ohne Wenn und Aber zustimmen. Hos geldiniz, herzlich willkommen, steht an dem Haus, das mit seinen Erd-, Wasser- und Himmelfarben dem Auge für einen Moment Ruhe bietet. Es wird der letzte sein bis zum Ende der langen Straße. Jeder Quadratmeter Fassade ist mit Graffiti bemalt und besprüht. Sie staunt: Was für ein Bedürfnis, sich mitzuteilen! Immerzu nimmt in dieser Stadt einer Stellung. Immerzu fordert einer, Stellung zu beziehen.

P1050637– Bühne ist jede Sekunde im Leben, Meinung geben!

Sie muss lachen. In einem Hinterhof schwebt, leuchtend blau-rot-gelb, eine Art Berlin-Essenz vor ihren Augen.

Sie schließt die Haustür hinter sich, schiebt die Kapuze über den Kopf und betritt den Tag.

P1050639Verrückt, denkt sie. Sogar Strategien, wie man am besten mit ihr umgeht, schreibt diese Stadt noch an die Wand.

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Berlin-Schnipsel (1)

P1050612Der allererste Eindruck: Himmel, was wird in der City gebaut! Kräne, so weit das Auge reicht. Der „Telespargel“ – nur noch eine Stange im Salat. Rohre verschmelzen mit der Umgebung zu farblich fein abgestimmten grafischen Mustern.

P1050741Ein Hauch Vergänglichkeit haftet den meisten an, aber immer auch dieses selbstbewusste „Yes we can!“ Und Baumeister Schinkel hat alles im Blick.

P1050619Ein paar Ecken weiter ruft ein Kind: „Mama, was macht denn der gelbe Mann da?“

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Vom Fragen und Finden

P1050777Fischerinsel? brummelt der Mittfünfziger im roten Anorak. Kennen Sie die? Er schaut an mir vorbei, während er fragt.

Ja, sage ich, gleich da vorn.

Da soll es ein öffentliches Bad geben, sagt er und lässt den Blick kreisen.

Kann sein, sage ich. Das kenne ich nicht. Aber die Fischerinsel ist die nächste Straße rechts.

Muss ja hier irgendwo sein, sagt er, als spräche ich Kisuaheli. Plötzlich, strahlend: Sehen Sie, da drüben, die Fischerinsel-Passage! Dann kann es nicht weit sein. Und weg ist er.

Bekenntnis 1: Viel mehr Straßen kenne ich in dieser Ecke Berlins selbst nicht mit Namen. Im Supermarkt an der Fischerinsel habe ich in den vergangenen Tagen ein paar Mal eingekauft. Auf Kurzbesuch in der Hauptstadt.

Bekenntnis 2: Manchmal bin ich besonders froh, eine Frau zu sein. Man kann zum Beispiel ohne Gesichtsverlust jemanden nach dem Weg fragen, wenn man sich nicht auskennt. Oder einfach eine Weile herumstreifen und schauen, was einem so begegnet. Ganz nach Belieben. Eine Auswahl meiner Eindrücke von Berlin gibt es demnächst hier zu sehen. Für heute: Schönes Wochenende!

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Vielfarbig blaugrün

P1040034„Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen“, wusste schon Konfuzius. Oder er oder sie radelt. Beispielsweise, und nur bedingt philosophisch gemeint. Dass ich die Quelle der Havel von ihrer Mündung in die Elbe aus in Angriff nahm, war kaum mehr als ein Zufall. So konnte ich unterwegs noch Freunde treffen. Und irgendwie versprach ich mir davon auch mehr Rückenwind. Was nicht ganz falsch war, aber bei einem Fluss, der sich hufeisenförmig durch die Landschaft windet, im Grunde auch nicht wirklich bedeutsam ist. Irgendwann kommt der Wind doch von vorn. Was hier ebenfalls eher wörtlich zu verstehen ist.

P1040049Dass die Havel ein Hufeisen ist (und Berlin mittendrin), hatte mir allerdings noch vor dem Wind die Begegnung mit einer Berlinerin vermittelt, die zu meinem Erstaunen verkündete, dass sie abends wieder nach Hause führe, um die Blumen zu gießen. Tagsüber radelte sie auf den Spuren ihres Urgroßvaters (vielleicht war es auch noch ein „Ur“ mehr) durch das Land Schollene, da, wo die Havel von Osten kommend ihre Fließrichtung nach Norden ändert. Der Urahn war vor dem großen Brand 1844 Pächter auf einem der Güter in der Gegend gewesen und hatte umfangreiche Aufzeichnungen hinterlassen.

P1040065Tagesurlauber aus Berlin sollten mir bis zur Quelle immer wieder begegnen. Ebenso wie Soljanka. Leider ausschließlich in der Fleisch- oder Wurstvariante. (Zitat eines Wirts: „Einen Tag koche ich sie mit Fleisch, den nächsten mit Wurst, damit die Leute Abwechslung haben. Und zu Hause schneide ich auch noch ein paar Knacker mit rein.“) Angeblich gibt es den beliebten Eintopf aus der DDR-Gastronomie auch mit Fisch oder Pilzen. In den Gasthäusern, in die ich einkehrte, war das nicht der Fall. Dabei habe ich fast schon repräsentativ zu nennende Feldstudien betrieben.

P1040039P1040080Am Plauer See traf ich meine Freunde – und den ebenfalls sehr geschätzten Theodor Fontane, der mir zuletzt im Spreewald begegnet war, dort wie hier auf einer seiner vielen Wanderungen durch die Mark Brandenburg: „Am schönsten ist es aber doch am Rand des Sees, wo Weidicht und Rohr abwechseln. Besser: hoch das Rohr steht. Es ist wie zu Johann von Quitzows Tagen. Hier sitzen im Abendschein. Dann rauscht und raschelt es. Man horcht auf und fröstelt, als führe Quitzow heraus.“ Das tat er zum Glück nicht, ebenso wenig wie sein Bruder Dietrich. Um 1400 herum zählten die Gebrüder zu den gefürchtetsten Raubrittern im Raum Berlin-Brandenburg und eroberten von der Burg Plaue aus unter anderem das heutige Oranienburg.

P1040164Dorthin führte mich ein paar Tage später auch der Weg. Die Städte Brandenburg und Werder, beide malerisch mehr oder weniger mitten in die Havel gebaut, lagen da schon hinter mir, ebenso wie das großartige Potsdam. Aber eben auch noch ein ordentliches Stück bis zur Quelle vor mir. Zeit für ein Geständnis, denke ich: Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, zieht es mich weiter, immer weiter. Nicht schnell, aber stetig. Ich bin dann im Fahr-, nicht im Besichtigungsmodus und auch lieber draußen als drinnen.

P1040182So kommt es, dass ich zwar durch Sanssouci und andere Schlossparks gestreift bin (ganz toll sind die „Gartenzimmer“ in Oranienburg), durch Babelsberg, über die Glienicker Brücke und am Haus der Wannsee-Konferenz vorbei, dass ich mir aber von innen höchstens mal ein Kirchlein angesehen habe. Und die Herberge am Trockendock natürlich, in die es mich eines Nachts verschlug und die früher mal ein Akkumulatorenwerk gewesen ist. Mehr wussten die freundlichen Mitarbeiterinnen leider nicht über die Geschichte des Hauses zu berichten.

P1040325Auf dem Gelände des Ziegeleiparks in Mildenberg, der ab Ende des 19. Jahrhunderts beinahe hundert Jahre lang einer der wichtigsten Orte der Ziegeleiproduktion in Europa war, hätte ich dagegen um ein Haar übernachten müssen, so viel hatten Günter und Andreas über Herstellungsverfahren und Arbeitsbedingungen zu erzählen – und so gern habe ich den beiden zugehört. Den Reizen der Deetzer und Götzer Erdlöcher und der Zehdenicker Tonstichlandschaft war ich ohnehin längst erlegen: Die Gruben, die sich nach der Stillegung der Ziegeleien nach der Wende mit Wasser füllten und seither Tieren und Pflanzen Lebensraum bieten, lassen die jahrzehntelangen menschlichen Eingriffe allenfalls noch erahnen.

P1040148Begonnen hatte ich die Tour im Hochsommer. Aber so langsam wurden die Brisen auch im Osten immer steifer, der Himmel immer schauriger. Also feste in die Pedale getreten. Noch schnell ein Abstecher nach Neustrelitz, noch einmal unter dem Regen durchgetaucht, ein letzter Besuch in einem Hofcafé – und die Quelle war erreicht! Längst nicht so beeindruckend wie die Mündung, zugegeben, aber ich war am Ziel. Oder doch beinahe.

P1040294P1040415555 Kilometer standen am Ende auf dem Tacho. Der Havel-Radweg selbst ist mit 378 Kilometern ausgewiesen, aber man muss ja auch irgendwie hin- und wieder wegkommen. (Mit der Bahn bieten sich Wittenberge an der Elbe und Waren an der Müritz als An- bzw. Abreiseorte an.) Und ein bisschen links und rechts des Wegs zu stromern gehört zum Vergnügen einfach dazu, finde ich.

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Durchs Fenster geblickt

P1040036Ob es an denen lag, die rausguckten?

P1040058Oder daran, dass keineswegs immer klar war, ob überhaupt noch mal jemand schaut?

P1040064So oft wie in den vergangenen Tagen beim Radeln entlang der Havel habe ich lange nicht mehr in fremde Fenster geblickt.

P1040073Wie nah Verfall und Pflege einander vielerorts waren.

P1040094Welche Trostlosigkeit bisweilen, selbst mitten am Tag.

P1040102Aber auch Charme, dezent morbide.

P1040346Die Stille in der Werkstatt der alten Ziegelei.

P1040196Von Preußens Glanz und Gloria ganz zu schweigen.

P1040189Und was die Fenster alles über die Bewohner zu erzählen wussten…

P1040085In welchem Verhältnis wohl der Marionetten bastelnde Dorfarzt zur benachbarten Kirche steht?

P1040143Durch wie viele Geschwister-Scholl-, Friedrich-Ebert-, Ferdinand-Lassalle-, Clara-Zetkin-Straßen und -Alleen mag ich beim „Fensterln“ gekommen sein? Und immer wieder: Goethe und Schiller. Und Fontane. Was Wunder im Land des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck.

Landschaften sah ich auch. Davon erzähl ich ein andermal.

P1040319Kurt Tucholsky: Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat:
das ist selten.