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Der Abend ist mein Buch

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast.
Ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, –
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon…

Rainer Maria Rilke: Der Abend ist mein Buch

An diesem stillen See in der brandenburgischen Schorfheide nahe des Klosters Chorin nahm ich für ein paar Tage Quartier. Viel erholsamer kann man seine Zeit kaum zubringen als morgens und abends in den Großen Heiligen See (oder einen der vielen anderen Seen in dem Biosphärenreservat) zu tauchen und dazwischen endlos durch beinahe menschenleere Felder und Wälder zu streifen. Dass ich Abendbilder poste, ist kein Zufall. Dann ist alles noch weicher: das Licht, das Wasser. Und tiefer Friede durchströmt die Seele.

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Von vornherein zeitlos

Blassgelbe Falter schaukeln wie Laub in der Lichtung. Ein Stöckchen bringt die stille Oberfläche des Sees für einen Moment zum Kreisen. Mit weit aufgerissenem Maul juchzt ihm ein Hund hinterher. Langsam wickeln wir unser Butterbrot aus dem Papier.

„… die Freude ist ein Moment, unverpflichtet, von vornherein zeitlos; nicht zu halten, aber auch nicht eigentlich wieder zu verlieren…“

Aus einem Brief Rainer Maria Rilkes an Ilse Erdmann, „am letzten Januar 1914“

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Dialog der Geborgenheit

„Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.“

Rainer Maria Rilke: Zum Einschlafen zu sagen (Das Buch der Bilder)

*

„Ich lag, ein kleines Kind, in meiner Mutter Schoße / Und spielte, still entzückt, mit Lilie und Rose, / Und, von dem Duft berauscht, versank ich allgemach / In Schlummer, lind und süß, wie jener Maientag.

Ich lag auch noch im Traum in meiner Mutter Schoße / Und spielte, wie vorher, mit Lilie und Rose, / Und sah, wie Ros’ auf Ros’ dem Himmel sanft entquoll, / Indes die Erde leis zum Lilienbeet erschwoll.

Ach rings nun, statt der Welt, nur Lilie und Rose, / Dazu der Mutter Blick und ihres Hauchs Gekose! / Selbst in der Seele war kein andres Bild mehr da, / Ich wusste nur von dem, was rings mein Auge sah.

Ich lag erwachend noch in meiner Mutter Schoße, / In Händen hielt ich fest die Lilie und die Rose, / Die Mutter, über mich gebeugt, sah still mich an; / O einz’ge Stund’, wo Traum und Sein in Eins zerrann!“

Friedrich Hebbel: Leben und Traum

Das Bild „Maria mit dem schlafenden Kind“ hat um die Mitte des 15. Jahrhunderts herum der italienische Maler und Grafiker Andrea Mantegna geschaffen. Ich habe es in der Ausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ in der Berliner Gemäldegalerie fotografiert, wo ausdrücklich dazu eingeladen wird, seine Eindrücke in Wort und Bild zu teilen. Andrea Mantegna und Giovanni Bellini waren Freunde, Schwäger und Konkurrenten. Sie haben sich gegenseitig inspiriert und kopiert. In Berlin wird das eng miteinander verwobene Schaffen der beiden Künstler in Kooperation mit der Londoner National Gallery und dem British Museum erstmals in einer Ausstellung präsentiert – noch bis zum 30. Juni.

Mantegna gilt als der Rationalere von beiden, der gern mit perspektivischen Verkürzungen experimentierte, während es Bellini primär um das reine Gefühl ging. Vor diesem Hintergrund sticht Mantegnas „Maria mit dem schlafenden Kind“, dem ein Mangel an Gefühl gewiss nicht vorzuwerfen ist, doppelt hervor. Für mich ist es eines der schönsten Bilder der Ausstellung.

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Auf den Hund gekommen

„Die Hunde haben mehr Spaß an den Menschen als diese an den Hunden, weil der Mensch offenkundig der Komischere der beiden Kreaturen ist.“ (James Thurber)

Der Sommer war sehr groß. Südlichere Tage gab es auch hier im Norden in Hülle und Fülle. Einmal noch balgten sich Herr und Hund im Gras, dann legten sich herbstliche Schatten auf die Sonnenuhren.

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Manchmal noch

Manchmal noch empfind ich völlig jenen
Kinder-Jubel, ihn:
da ein Laufen von den Hügellehnen
schon wie Neigung schien.

Da Geliebt-Sein noch nicht band und mühte,
und beim Nachtlicht-Schein
sich das Aug schloss wie die blaue Blüte
von dem blauen Lein.

Und da Lieben noch ein blindes Breiten
halber Arme war -,
nie so ganz um Einen, um den Zweiten:
offen, arm und klar.

Rainer Maria Rilke: Aus dem Nachlass des Grafen C. W. (Auszug)

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In wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Schon so lange begleitet mich Rilkes Dichtkunst. Wenn ich nur drei Bücher auf die berühmte einsame Insel mitnehmen dürfte, die Dünndruck-Gesamtausgabe seines lyrischen Schaffens aus dem Insel Verlag wäre mit Sicherheit dabei. Einmal in vielen Jahren wurde ich dieser Liebe überdrüssig. Da hatte ich Klaus Modicks klugen Roman Konzert ohne Dichter gelesen, eine Innenansicht der legendären Künstlerkolonie Worpswede, zu der auch Rilke gehörte. Immer hatte ich es vermieden, mich allzu intensiv mit dem Dichter „als Mensch“ zu beschäftigen. Ich wusste ja, dass es da „Defizite“ gab, die sich in seinen Gedichten seltsamerweise nicht spiegelten. Dann las ich den Modick – und mochte nicht mehr lieben, den Dichter nicht mehr lieben. Jetzt begegneten mir zufällig die zitierten Zeilen aus seinem Stunden-Buch und der alte Zauber war wieder da. Es scheint, als könne ich plötzlich trennen zwischen dem Werk und seinem Schöpfer.

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Mir zur Feier

P1140492Das sind die Stunden, da ich mich finde.
Dunkel wellen die Wiesen im Winde,
allen Birken schimmert die Rinde,
und der Abend kommt über sie.

Und ich wachse in seinem Schweigen,
möchte blühen mit vielen Zweigen,
nur um mit allen mich einzureigen
in die einige Harmonie…

Aus: Rainer Maria Rilke „Mir zur Feier. Gebete der Mädchen zur Maria“

Was macht ein Bild zu einem Lieblingsbild? Von allen Gemälden in der Hamburger Kunsthalle hatte es C. dieses eine angetan. So fasziniert war ich von der Harmonie, die sich zwischen Betrachter und Objekt einstellte, dass ich nicht einmal nachgesehen habe, wer die prachtvolle Blüte gemalt hat.

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Lebens-weise

P1130890Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, wann sie wiederkommen.

Und ob überhaupt, wie der Schriftsteller Oscar Wilde, der in seinem Leben vermutlich mehr Versuchungen nachgegeben als widerstanden hat, noch etwas zugespitzter formulierte. Ob nun wann oder ob – ich ließ mich nicht lange bitten, betrat das literarisch-verheißungsvoll beworbene Café und genehmigte mir einen extragroßen Milchkaffee.

Einen deutlich qualvolleren Umgang mit der Versuchung las ich in Rainer Maria Rilkes Der neuen Gedichte anderer Teil nach:

Nein, es half nicht, dass er sich die scharfen
Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
alle seine trächtigen Sinne warfen
unter kreißendem Gekreisch

Frühgeburten: schiefe, hingeschielte
kriechende und fliegende Gesichte,
Nichte, deren nur auf ihn erpichte
Bosheit sich verband und mit ihm spielte.

Und schon hatten seine Sinne Enkel;
denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
und in immer bunterem Gesprenkel
hingehudelt und verhundertfacht.
Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
seine Hände griffen lauter Henkel,
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
warm und zu Umarmungen erwacht -.

Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
Und der Engel kam in seinem Schein
und war da: und jagte sie
wieder in den Heiligen hinein,

dass er mit Geteufel und Getier
in sich weiterringe wie seit Jahren
und sich Gott, den lange noch nicht klaren,
innen aus dem Jäsen destillier.

Darauf, dass der Dichter nicht nur feingeistig zu formulieren wusste, sondern gelegentlich offenbar auch mit viel Feuer im Schoß zu ringen hatte, hat gerade erst Birgit auf dem sehr geschätzten Literaturblog Sätze&Schätze aufmerksam gemacht. Was Oscar Wilde zu all dem gesagt hätte?

Eine Versuchung wird man nur dadurch los, dass man ihr nachgibt.

Vermute ich.

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Ich fürchte mich so

P1130472 (2)Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Aus: „Frühe Gedichte“ von Rainer Maria Rilke