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In wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Schon so lange begleitet mich Rilkes Dichtkunst. Wenn ich nur drei Bücher auf die berühmte einsame Insel mitnehmen dürfte, die Dünndruck-Gesamtausgabe seines lyrischen Schaffens aus dem Insel Verlag wäre mit Sicherheit dabei. Einmal in vielen Jahren wurde ich dieser Liebe überdrüssig. Da hatte ich Klaus Modicks klugen Roman Konzert ohne Dichter gelesen, eine Innenansicht der legendären Künstlerkolonie Worpswede, zu der auch Rilke gehörte. Immer hatte ich es vermieden, mich allzu intensiv mit dem Dichter „als Mensch“ zu beschäftigen. Ich wusste ja, dass es da „Defizite“ gab, die sich in seinen Gedichten seltsamerweise nicht spiegelten. Dann las ich den Modick – und mochte nicht mehr lieben, den Dichter nicht mehr lieben. Jetzt begegneten mir zufällig die zitierten Zeilen aus seinem Stunden-Buch und der alte Zauber war wieder da. Es scheint, als könne ich plötzlich trennen zwischen dem Werk und seinem Schöpfer.

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Darüber nur der Himmel

Einen besonderen Ort hatte die Freundin angekündigt. Sie hatte nicht zu viel versprochen. Zugegeben, an einem Tag, an dem Eduard Mörike persönlich den Himmel mit blauen Bändern ausgekleidet zu haben schien, ließ es sich gut von Kirchen phantasieren, die von nichts als dem Firmament begrenzt werden.

Die Kirche des ehemaligen Zisterzienserklosters Arnsburg, dem wir auf einer Fahrradtour von Lich nach Bad Nauheim einen Besuch abstatteten, wurde natürlich nicht als Cabrio gebaut, sie verfiel einfach besonders schön, wenn ich das so sagen darf, ohne allzu despektierlich zu erscheinen. Die Abtei, die sich malerisch in die Wetterau im Norden Frankfurts schmiegt, wurde 1174 gegründet und 1803 im Zuge der Säkularisierung aufgehoben. Nach dem Abzug der Mönche 1810 fiel das Klostergut an die Grafen zu Solms-Laubach, die Teile der barocken Gebäude der Anlage bis heute als Schloss nutzen.

Die spätromanischen und frühgotischen Teile der Kirche sind als Freiluftensemble erhalten. An diesem Frühlingstag, der schon den Sommer in sich trägt, lässt der Himmel die zwischenzeitlich restaurierten alten Mauern erstrahlen, dass es eine Pracht ist, wirft das kräftige Licht Säulen und Rundbögen als Schattenrisse ins Gras, während sich dort, wo einst der Altar gestanden haben mag, ein Baumstamm ans Gemäuer schmiegt.

Der ehemalige Kreuzgang ist seit 1960 eine Kriegsgräberstätte. Dort ruhen, wie auf einer Tafel am Eingang nachzulesen ist, „450 Opfer des Krieges und nationalsozialistischer Gewalt: 210 deutsche Soldaten und Zivilpersonen, 1 Belgier, 1 Lette, 1 Luxemburgerin, 3 Niederländer, 49 Polen, 1 Rumäne, 49 Sowjetrussen, 1 Tscheche, 6 Ungarn sowie 128 unbekannte Tote – darunter 81 Frauen und 6 Männer, die im Arbeitslager Hirzenhain von Gestapo und SS erschossen worden sind“. Ein stiller Ort, von Klostermauern sicher umschlossen. Zwischen den Gräbern stehen niedrige steinerne Kreuze, manche allein, andere zu zweit oder zu dritt. Im Hintergrund plätschert ein Brunnen.

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Momente des Innehaltens

„Schönheit ist ja nicht das, worauf sich alle einigen können. Sondern der Moment, in dem jemand nicht anders kann, als innezuhalten.“

Auf diese wunderbaren Sätze der Korrespondentin Andrea Böhm stieß ich in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT. Böhm und ihre Kollegin Alice Bota, die normalerweise über die Kriege dieser Welt schreiben, tauschen sich in einem Briefwechsel über die Schönheit aus. Sie sind sich einig, dass Menschen auch in größter Not nicht auf Schönheit verzichten können, ja, dass sie Schönheit brauchen, um zu überleben. Ein sehr berührender Gedankenaustausch, wie ich finde. Die zitierten Sätze habe ich mir angestrichen – und mich an einige meiner Momente des Innehaltens erinnert.

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Rheinschleifen

Wie Seide schimmert das überraschend warme Aprillicht, das sich seinen Weg durch die Wolken bahnt. Hoch über dem diesigen Tal wacht mit wehendem Haar Germania, die Kaiserkrone in der erhobenen Rechten, das lorbeerumkränzte Schwert in der gesenkten Linken. 75 Tonnen patriotisches Gedenken an die Reichsgründung 1871 im Rücken, das den heutigen Betrachter mit seiner Monumentalität schier erschlägt, schweift der Blick weich über die Rüdesheimer Weinlagen hinab zum Rhein.

Vor der historischen Kulisse wird gerade ein Bund ganz anderer Art geschlossen.

Wir lassen die eine wie die andere Vereinigung hinter uns, mäandern frei mit dem Fluss durch Wälder und Weinstöcke. Als wir ein paar herrliche Wanderstunden später das Städtchen Lorch erreichen, hat sich längst die Sonne die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt.

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Hanseaten, frühlingskess

Frühling in Hamburg ist, wenn es Mensch und Menschin zum Sonnenbaden und Kuscheln ans Wasser zieht, mag auch die eine noch Pelzstiefel tragen, während der andere schon die Zehen ins Gras streckt.

… wenn Kostüme und Mäntel in Hanseatisch-Blau leuchtenden Farben und Mustern weichen – immer noch fein abgestimmt natürlich.

… wenn lässig neue maritime Sportarten kreiert werden. Paddeln im Stehen war in der vorigen Saison, jetzt sitzt Mann wieder.

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Trockenübungen

Trotz ihres langsamen Vornamens Gerlinde neigte Fräulein Weber zu überhasteten, aufgedrehten Bewegungen. Oft wirkte sie auf mich wie ein an Land geworfener Fisch. Ich wollte zu ihr sagen: Gehen Sie ein bisschen barfuß umher, aber ich traute mich nicht.

Aus: Wilhelm Genazino „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“

Genau an dieser Stelle lag das Buch mit dem Gesicht nach unten im Regal, als ich es zum Staubwischen kurz anhob. Ein Frühjahrsputzfund sozusagen. Damit mir niemand Prokrastination unterstelle, ging ich zum Fotografieren nur noch rasch in die Küche.

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Aufruf zum Müßiggang

Der verständige Müßiggänger lehnt es ab, sich mit Betriebsamkeit zu betäuben, da er es durchaus bei sich selbst aushält. Pascals Bemerkung, daß „alle Leiden des Menschen daher kommen, daß er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann“, trifft auf ihn nicht zu. Er kann lange ruhig sitzen, und er kann staunen. Und vielleicht ist dies das überzeugende Geschenk des Müßiggangs: die Gelegenheit zum Staunen, die uns gewährt wird. Wer aber staunt, wer sich selbst aus bescheidenem Anlaß wundert, der beginnt unweigerlich zu fragen, und wer Fragen stellt, wird zu Schlußfolgerungen gelangen: Der Müßiggang wird zu einem aufregenden Zustand. … Der zerstreuungssüchtige Konsument, der Abnehmer von Kurzweil, wird bei allem verbissenen Fleiß nie in der Lage sein, Kultur hervorzubringen, da ihm das sublime Nichtstun unbekannt ist. Kultur entsteht immer nur im produktiven Müßiggang, in großen Augenblicken schöpferischer Faulheit. 

Aus: Siegfried Lenz „Müßiggang oder das aktive Nichtstun“

Siegfried Lenz‘ Ode an den Müßiggang, die zuerst in der ZEIT vom 30. März 1962 veröffentlicht wurde, flatterte mir in diesen Tagen zufällig auf den Bildschirm. Not really new stuff but too good to withhold. Der vollständige Artikel ist auf ZEIT ONLINE nachzulesen.

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Äcker voller Gold

Ich erinnere mich noch gut an das Vergnügen, das es mir als Kind bereitete, Kartoffeln frisch vom Acker zu ernten. Die Pflanze beim grünen Schopf zu packen, zu drehen und gleichzeitig zu ziehen, feste zu schütteln. Und das Beste von allem: all die „Nuggets“ einzusammeln, behutsam von der Erde zu befreien, mit den Händen nach tiefer liegenden Schätzen zu graben… Wie staunte ich, als ich gestern zwischen einem Besuch und dem nächsten in der alten Heimat die Chaussee entlangfuhr und entdeckte, dass auf den Feldern inzwischen gigantische Goldbarren wachsen. Oft werden die Wunder kleiner, wenn man älter wird. Manchmal nicht.

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Zartes Vertrauen

Daß da abends plötzlich / ein Gewitterregen runterkommt / daß ich / nach draußen lauschend / am Küchenfenster steh / und den letzten Schluck / aus der Flasche trinke / daß du hereinkommst / weil du dich fürchtest / vor Donner und Blitz / daß du mir die Hand / auf die Schulter legst / und sagst: / „Du säufst dich nochmal tot!“

– das alles: / der Platzregen / vor dem wir geschützt sind / der Korkengeschmack im Mund / der Wein im Blut / deine Hand / und deine Stimme

das alles / könnte mich / dazu verlocken / einen Augenblick lang / meine Angst / mit dir zu teilen

Paul Kersten: Gewitter

(Aus: Die Verwechslung der Jahreszeiten. 1983)

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Schicht um Schicht

Aus alten Märchen winkt es / hervor mit weißer Hand. / Da singt es und da klingt es / von einem Zauberland… (Heinrich Heine)

Von einem Land, in dem dralle Fische Pirouetten zwischen den Häusern drehen, Schwimmerinnen in den Asphalt tauchen, als sei er aus Butter, und Köpfe Alleen bilden, gedankenleicht und traumschwer.