Nun geht der Tag zu Ende,
Schon schweigen die vier Wände,
Zum Schatten wird der Baum.
Lass in die Nacht uns münden
Und Herz zum Herzen finden.
Auf blassen Segeln schwimmt ein Traum.
Aus: Mascha Kaléko „Lied zur Nacht“
Wer diesem Blog in den vergangenen Wochen gefolgt ist, weiß, dass ich mich neuerdings für Rothirsche interessiere. Ich habe hier und hier davon erzählt. Leider ist das Interesse bisher ganz einseitig. Die Geweihträger röhrten zwar mächtig, hielten sich ansonsten aber bedeckt. Umso größer war meine Freude, als ich jüngst – noch ganz in Gedanken und vollkommen absichtslos (ich vermute, darin besteht das Geheimnis) – das anmutige Reh am Waldrand erblickte. So still stand es, dass ich mich fragte, ob es wohl der Feder von Joachim Ringelnatz entsprungen sei:
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Noch bevor ich schleichen und stipsen konnte, überkam das ganz kleine Reh ein ganz reales Bedürfnis. Doch nicht aus Gips…
Ich vermute, die meisten von euch (Ihnen) kennen die Zeichnung, in der ein Betrachter spontan und ganz sicher eine alte Frau und ein anderer Betrachter ebenso spontan und sicher eine junge Frau erkennt. So erging es mir, kurz nachdem ich das ganz kleine Reh seinen Geschäften überlassen hatte. Ich erblickte ein Schaf-Pferd, mitten im Wald. Ganz sicher. Ich machte ein Foto, betrachtete es später auf dem Computer-Bildschirm – und erkannte, dass man das auch anders sehen kann. Womöglich ist das intensive Hirsche-Spotten doch nicht ohne Auswirkungen geblieben…
Ob es an denen lag, die rausguckten?
Oder daran, dass keineswegs immer klar war, ob überhaupt noch mal jemand schaut?
So oft wie in den vergangenen Tagen beim Radeln entlang der Havel habe ich lange nicht mehr in fremde Fenster geblickt.
Wie nah Verfall und Pflege einander vielerorts waren.
Welche Trostlosigkeit bisweilen, selbst mitten am Tag.
Aber auch Charme, dezent morbide.
Die Stille in der Werkstatt der alten Ziegelei.
Von Preußens Glanz und Gloria ganz zu schweigen.
Und was die Fenster alles über die Bewohner zu erzählen wussten…
In welchem Verhältnis wohl der Marionetten bastelnde Dorfarzt zur benachbarten Kirche steht?
Durch wie viele Geschwister-Scholl-, Friedrich-Ebert-, Ferdinand-Lassalle-, Clara-Zetkin-Straßen und -Alleen mag ich beim „Fensterln“ gekommen sein? Und immer wieder: Goethe und Schiller. Und Fontane. Was Wunder im Land des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck.
Landschaften sah ich auch. Davon erzähl ich ein andermal.
Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.
Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.
Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
Ja, das möchste!
Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.
Etwas ist immer.
Tröste dich.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat:
das ist selten.
…aber Abende gab es, die gingen in den Farben
des Allvaters, lockeren, weitwallenden,
unumstößlich in ihrem Schweigen
geströmten Blaus,
Farbe der Introvertierten,
da sammelte man sich
die Hände auf das Knie gestützt
bäuerlich, einfach
und stillem Trunk ergeben
bei den Harmonikas der Knechte –
Aus: Gottfried Benn „Fragmente“
Von Orten und Menschen verabschiedet sich in die Sommerpause – mit guten Grüßen und den besten Wünschen an alle LeserInnen und GuckerInnen!
Chor der Seeleute:
Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.
Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh!
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.
Chor der Mädchen:
Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.
Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.
Joachim Ringelnatz: Abschied der Seeleute
An dem Bache zirpt die Grille,
Und es regt sich in dem Wasser,
Und der Wandrer hört ein Plätschern
Und ein Atmen in der Stille.
Dorten an dem Bach alleine,
Badet sich die schöne Elfe;
Arm und Nacken, weiß und lieblich,
Schimmern in dem Mondenscheine.
Aus: Heinrich Heine „Dämmernd liegt der Sommerabend“
Bis zum Mondenscheine war es noch ein Weilchen hin, als ich den Alsterwanderweg entlang radelte, aber schöne Elfen und sogar ein elfengleicher Hund zeigten sich auch schon zur blauen Stunde.
Wenn sich der Äther erhebt in hoher heiliger Klarheit,
wenn sich ein fließendes Gold über die Erde ergießt,
und vor dem strahlenden Gott die Schatten leise zerrinnen,
freu’t sich der blendende Glanz und das allmächtige Licht.
Aber bezaubernder, Freund, erscheint dir die liebliche Gegend –
denn dich freut der Contrast und der gemäßigte Glanz –
wenn die Wolke sich hebt und wechselnd auf Thäler und Dörfchen,
Tannenwälder und Seen dunkle Schattirungen streut,
oder der silberne Mond am Berge freundlich hervorsteigt,
und der Schatten des Berg’s tief in die Thäler sich senkt.
O, wie die Höhen sich dann in heiligem Schimmer verklären;
wie das freundliche Licht heller den Schatten besäumt! –
Und doch klagtest du jüngst, dein trauriges Schicksal beweinend,
wie des Lebens Gefild‘ oft, ach! so dunkel dir sey;
wie auf der Stellen geliebtester dämmernd ein Schatten sich lagre,
oft, nach dem lieblichsten Tag, schwarz dich umgebe die Nacht.
Wechsel vergnügt dein Gemüth; es freuet der Wechsel uns alle:
freue dich, Glücklicher, doch, daß du nicht glücklicher bist.
Sophie Mereau (1770-1806)
Ich hatte noch nie von Sophie Mereau gehört, als ich zufällig ihr Gedicht Licht und Schatten in die Hände bekam. Jetzt weiß ich ein bisschen mehr: Über ihren Ehemann, den Jenaer Juraprofessor Friedrich Ernst Carl Mereau, lernte Sophie Friedrich Schiller kennen. Schiller erkannte ihr Talent, lobte es altväterlich-gönnerhaft („Ich muß mich doch wirklich darüber wundern, wie unsere Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt.“) und veröffentlichte ihre Gedichte. Privat war Sophie Mereau weniger glücklich. Sie hatte mehrere Affären, ließ sich schließlich scheiden und heiratete den Schriftsteller Clemens Brentano, mit dem sie zuvor eine Affäre gehabt hatte. Mit 36 Jahren starb sie bei der Geburt des dritten Kindes.
Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst
Soll i aus meim Hause raus?
Soll i aus meim Hause nit raus?
Einen Schritt raus?
Lieber nit raus?
Hausenitraus –
Hauseraus
Hauseritraus
Hausenaus
Rauserauserauserause . . .
Christian Morgenstern
P.S. Ich gehe ein paar Tage raus. Wohin, erzähle ich, wenn ich zurück bin.