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Winter, ganz zart

P1060721Gefroren hat es heuer
noch gar kein festes Eis;

P1060711das Büblein steht am Weiher
und spricht so zu sich leis:

P1060714Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen.-
Wer weiß?

Aus: Friedrich Güll „Vom Büblein auf dem Eis“

P1060740Vor ein paar Tagen hielt der Winter nun auch in Hamburg Einzug – und verwandelte den Stadtparksee mit himmlischer Beleuchtungshilfe in einen gigantischen Malgrund im Freien.

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Vom Südkap bis Sansibar

P1060678Hui, ist das ein Wetterchen! Schneeregen klatscht mir ins Gesicht, während sich die Brandung gierig in den Sand frißt. Wer hier länger stehen bleibt, riskiert, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

P1060684Zornigen Meeres Gesang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Viele Gedanken, so bang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken…

Auszug aus einem Gedicht von Afanassi Afanassjewitsch Fet (1820 – 1892)

P1060703Ob das Meer wirklich zornig ist? Wahrscheinlich ist es einfach seine Natur, dann und wann nach Herzenslust zu toben. Und wo wir schon dabei sind: Meine Gedanken sind auch weniger bang als – elementar, während ich die Sylter Südspitze umrunde und Kurs Richtung Norden nehme. Aber schön sind sie doch, die Worte dieses Russen, der Goethe und Schopenhauer in seine Sprache übersetzte.

P1060691Das Schneegrieseln ist inzwischen stetem Hagel gewichen, der aber zum Glück von hinten auf die Allwettermontur prasselt, die gerade die vierte Jahreszeit in vier Tagen erlebt. Die Wellen brechen sich an einer Formation bizarrer Betonkegel, die wie von Riesenhand auf den Strand gestreut scheinen, während sich Reetdachhäuser und sogar der Hörnumer Leuchtturm hinter den Dünen ducken.

P1060704Ein paar Stunden und etliche Kilometer später – der Himmel über dem Meer verdüstert sich gerade wieder einmal anthrazitfarben -, macht das erschöpfte Auge eine Fahne im Wind aus. Der erste Buchstabe sieht aus wie ein S. Die Sansibar! Dich schickt der Himmel!

P1060709Und während ich frischen heißen Minzetee schlürfe und den Weltuntergang direkt hinter dem Fenster genieße, mag der geschätze Christian Morgenstern von Sylt-Rantum schwärmen:

Weil ich nur dieses Donnern wieder höre
dies Mahlen einer ungeheuren Mühle,
weil ich nur diesen Flugsand wieder fühle
und dieser Möwen Ruhe wieder störe…

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Westöstlicher Diwan

P1010150 (2)Nach Norden

Palmström ist nervös geworden;
darum schläft er jetzt nach Norden.

Denn nach Osten, Westen, Süden
schlafen, heißt das Herz ermüden.

(Wenn man nämlich in Europen
lebt, nicht südlich in den Tropen.)

Solches steht bei zwei Gelehrten,
die auch Dickens schon bekehrten –

und erklärt sich aus dem steten
Magnetismus des Planeten.

Palmström also heilt sich örtlich,
nimmt sein Bett und stellt es nördlich.

Und im Traum, in einigen Fällen,
hört er den Polarfuchs bellen.

P1010049 (2)Westöstlich

Als er dies v. Korf erzählt,
fühlt sich dieser leicht gequält;

denn für ihn ist Selbstverstehung,
daß man mit der Erdumdrehung

schlafen müsse, mit den Pfosten
seines Körpers strikt nach Osten.

Und so scherzt er kaustisch-köstlich:
Nein, mein Diwan bleibt – westöstlich!

P1010202 (2)Die Worte sind Christian Morgensterns Galgenliedern entnommen. Die Bilder entstanden im vergangenen Jahr auf einer Reise durch Jordanien. Ich bin mir nicht sicher, ob es Trauer und Entsetzen lindern hilft, wenn man sich mokiert. Aber wohin wir unsere Sofas (und unsere Gedanken) schieben und wen wir einladen sich zu setzen, darüber entscheiden wir tatsächlich selbst. Jede(r) von uns.

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Drei Farben Blau

P1030519Rainer Maria Rilke: Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

P1000471Ingeborg Bachmann: Die blaue Stunde

Der alte Mann sagt: mein Engel, wie du willst,
wenn du nur den offenen Abend stillst
und an meinem Arm eine Weile gehst,
den Wahlspruch verlorener Linden verstehst,
die Lampen, gedunsen, betreten im Blau,
letzte Gesichter! Nur deins glänzt genau.
Tot die Bücher, entspannt die Pole der Welt,
was die dunkle Flut noch zusammenhält,
die Spange in deinem Haar scheidet aus.
Ohne Aufenthalt Windzug in meinem Haus.
Mondpfiff – dann auf freier Strecke der Sprung,
die Liebe geschleift von Erinnerung.

Der junge Mann fragt: und wirst du auch immer?
Schwör’s bei den Schatten in meinem Zimmer,
und ist der Lindenspruch dunkel und wahr,
sag ihn her mit Blüten und öffne dein Haar,
und den Puls der Nacht, die verströmen will!
Dann ein Mondsignal, und der Wind steht still.
Gesellig die Lampen im blauen Licht,
bis der Raum mit der vagen Stunde bricht,
unter sanften Bissen dein Mund einkehrt
bei meinem Mund, bis dich Schmerz belehrt:
lebendig das Wort, das die Welt gewinnt,
ausspielt und verliert, und Liebe beginnt.

Das Mädchen schweigt bis die Spindel sich dreht.
Sterntaler fällt. Die Zeit der Rosen vergeht:
ihr Herren, gebt mir das Schwert in die Hand,
und Jeanne d’Arc rettet das Vaterland.
Leute wir bringen das Schiff durch’s Eis,
ich halte den Kurs, den keiner mehr weiß.
Kaufe Anemonen! Drei Wünsche das Bund,
die schließen vorm Hauch eines Wunsches den Mund.
Vom hohen Trapez im Zirkuszelt
spring ich durch den Feuerreifen der Welt,
ich gebe mich in die Hand meines Herrn,
und er schickt mir gnädig den Abendstern.

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Christian Morgenstern: Zäzilie

Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

„Durch meine Fenster muss man“, spricht die Frau,
„so durchsehn können, dass man nicht genau,
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.“
Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen …
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –
und schlägt die Fenster allesamt entzwei!
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt:
„So hat Zäzilie ja noch nie geputzt!“

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und sagt einstimmig: „Diese Magd muss gehn!“

Ein Jahr 2015 voller Leben und Zäzilie-klaren Aus- und Einsichten wünsche ich. Möge es sich immer wieder sehnsuchtsvoll verblauen und „verneuen“!