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… und uns anlehnen

P1120757Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir stünden fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau
die alten Muster zeigt
und wir zu Hause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen
als sei es das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin: Ziehende Landschaft

P1120772Die Bäume, deren Wurzeln ich auslieh, um Hilde Domins Betrachtungen über Heimat und Fremde ein Gesicht zu geben, stehen etwas außerhalb der äthiopischen Kaiserstadt Gondar in einem Garten, der von einer starken Mauer umgeben ist. Mitten darin befindet sich ein Bassin und in dem Bassin ein Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert: das Bad von Kaiser Fasilidas. Das Bassin ist das ganze Jahr über leer. Nur zum Timkat-Fest, dem äthiopisch-orthodoxen Fest der Taufe Jesu im Januar, wird es gefüllt. Sobald der Bischof das Wasser geweiht hat, stürzen sich Kinder von den Bäumen am Rand hinein. Manchmal, so hörte ich, würde dabei auch ein neugieriger Japaner samt Kamera mitgerissen. Und dann ist wieder Ruhe.

P1120768

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Dahinter wird Stille

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Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke: Zum Einschlafen zu sagen

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Hanseatin, hingegeben

P1100831Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.

Und ich werde heimwärts
Von Deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit Deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide –
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.

Else Lasker-Schüler: Die Liebe

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Die Farbe der Gnade

P1100118Immer sind es Bäume
die mich verzaubern

Aus ihrem Wurzelwerk schöpfe ich
die Kraft für mein Lied

P1100128Ihr Laub flüstert mir
grüne Geschichten

Jeder Baum ein Gebet
das den Himmel beschwört

P1100162Grün die Farbe der Gnade
Grün die Farbe des Glücks

Rose Ausländer: Die Bäume

P1100166Manchmal fällt es mir schwer, zur Ruhe zu kommen. Manchmal schnappe ich mir dann mein Fahrrad und trete fest in die Pedale. Manchmal lese ich Gedichte und spüre dem Geschmack von Worten nach. Manchmal treffen sich Lieblingsorte und Lieblingsdichter.

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Gekränktes Schaf

P1100112Sagt mir jetzt nicht: „Ich wohn doch in der Stadt,
wo soll ich da um Himmels Willen Schafe kränken?“
Ich gebe zu, dass das was für sich hat,
doch bitte ich euch trotzdem zu bedenken:

Ein gutes Wort ist nie verschenkt,
nicht nur bei Schafen, sondern überall.
Auch trefft ihr Schafe öfter als man denkt.
Nicht nur auf Wiesen. Und nicht nur im Stall.

Aus: Robert Gernhardt „Gesetzt den Fall, ihr habt ein Schaf gekränkt“

Vor Monaten wurde ich zufällig Zeugin, wie zwei Frauen im Hamburger Stadtpark ein Schaf aussetzten. Sie hatten lange und gern mit dem Tier zusammengelebt, erzählten sie mir. Nun aber sei es an der Zeit, es in andere Hände abzugeben. Am liebsten in Kinderhände, auf jeden Fall in aufmerksame. Wohl deshalb setzten sie das Schaf auf einen Ast, auf dass es nicht jedem Dahergelaufenen sogleich ins Auge springe. Seither schaue ich ab und an mal, ob es inzwischen ein neues Zuhause gefunden hat. Bei meinem letzten Besuch wollte das Schaf nicht mal mein Leckerli annehmen, so traurig war es, dass niemand aus der Großfamilie, die direkt unter ihm ein Grillfest feierte, auch nur einmal nach oben gesehen hatte. Wo ihr das Schaf trefft? Gleich neben der uralten Rotbuche in der Nähe vom Rosengarten…

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In Licht gebadet

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In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

P1100006Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht…

Wilhelm Busch: Im Sommer

P1100007Eigentlich wollte ich von einer wunderbaren Fahrradtour durch Hamburgs grünen Osten erzählen – ich staune immer wieder, wie ländlich diese Großstadt sein kann -, aber dafür ist es viel zu heiß. Also nur schnell ein paar Licht-Blicke vom Steg ins Brack geworfen (so nennt der Norddeutsche einen See, der in einer bei einem Deichbruch gefluteten Vertiefung entstanden ist) und ab ins Sommerbad! Ich will ja nicht enden wie der „arme Dokter“…

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En passant

P1070135An eine, die vorüberging

Der wilde Straßenlärm betäubend mich umfing.
In tiefer Trauer, groß und schlank, ein Bild des Leides,
Kam eine Frau vorbei und hob den Saum des Kleides
Mit zierlich feiner Hand, da sie vorüberging

In elegantem Stolz, ein Marmorbild, das schreitet.
Ich aber trank gebannt und gleichsam wie im Wahn
Aus ihren Augen, wie ein Himmel im Orkan,
Die Süße, die entzückt, die Lust, die Tod bereitet.

Ein Blitz… und wieder Nacht! – O Schönheit, die mir flieht
Und die mit ihrem Blick mich plötzlich neu geboren,
Ob vor der Ewigkeit mein Aug dich wiedersieht?

Vorbei! Zu spät! Vielleicht für immer mir verloren!
Du weißt nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, wie du heißt,
O dich hätt ich geliebt, o du, die du es weißt!

Aus: Charles Baudelaire „Les fleurs du mal“, übertragen von Carl Fischer

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Gleichgewicht

P1070674Wir gehen
jeder für sich
den schmalen Weg
über den Köpfen der Toten
– fast ohne Angst –
im Takt unsres Herzens,
als seien wir beschützt,
solange die Liebe
nicht aussetzt.

So gehen wir
zwischen Schmetterlingen und Vögeln
in staunendem Gleichgewicht
zu einem Morgen von Baumwipfeln
– grün, gold und blau –
und zu dem Erwachen
der geliebten Augen.

Hilde Domin: Gleichgewicht

P1070701

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Urlaub im Urwald

P1070318Es gibt Orte, die sind voller Magie. Der Urwald Sababurg im nordhessischen Reinhardswald ist für mich so ein Ort. Mit seinen nicht einmal 100 Hektar ist er ziemlich überschaubar und doch – ganz besonders.

P1070357Aus dem federnden Boden sprießen bizarre Blüten, kriechen hölzerne Spinnen und Schlangen. Über unseren Köpfen meinen wir das Trompeten von Elefanten zu vernehmen.

P1070324Angenehm unaufgeräumt ist es in diesem Zauberwald und gleichzeitig schön hell. Das liegt daran, dass der Urwald ein alter Hutewald ist. Über Jahrhunderte trieb man Schweine, Ziegen und anderes Nutzvieh zum Weiden hierher.

P1070362Die Tiere taten sich an Eicheln und Bucheckern, an Pilzen, Kräutern und Wildobst, aber auch an den Trieben der nachwachsenden Bäume gütlich. So entstand mit der Zeit ein lichter Wald mit wenig Unterwuchs unter großkronigen Hutebäumen.

P1070325Seit gut 100 Jahren steht der Urwald Sababurg unter Naturschutz und ist seither weitgehend sich selbst überlassen.

P1070354Zwischen malerischen alten Eichen und Buchen und einem wild nachwachsenden Wald aus Buchen, Birken und meterhohem Farn liegen umgestürzte Stämme und abgebrochene Äste.

P1070331Aufrecht rotten abgestorbene Bäume vor sich hin, verfallen ganz allmählich zu Staub, bilden ihrerseits den Urgrund für neues Leben. Ein steter Kreislauf aus Wachsen und Vergehen.

P1070336Zwei Wochen ist der Ausflug in den Urwald nun schon her. Das ist eine lange Zeit, besonders im Frühjahr. Das auf den Bildern fehlende Laub liefert Heinz Erhardt nach:

Urlaub im Urwald

Ich geh‘ im Urwald für mich hin…
Wie schön, dass ich im Urwald bin:
man kann hier noch so lange wandern,
ein Urbaum steht neben dem andern.
Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
hängt Urlaub. Schön, dass man ihn hat!

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Reading Wondratschek

Sie war nicht mehr jung genug
für falsche Entscheidungen.

P1060248Ich war immer schon die, die sich jetzt tötet.

Ich habe aufgehört, etwas zu wollen,
krank vom Gekreisch der Kraft.

P1060253Du hörst einen Menschen weinen; das bist du.
Du hörst deinem eigenen Weinen bald ohne Tränen zu.

P1060481Als die Farben von der Liebe fielen,
war sie zum Berühren viel zu schwer.

Aus: Wolf Wondratschek: „Mein Tod. Requiem in memoriam Jane S.“