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Frozen Beauties

p1160860Nature’s first green is gold,
Her hardest hue to hold.

p1160870Her early leaf’s a flower;
But only so an hour.

p1160877Then leaf subsides to leaf.
So Eden sank to grief,

p1160882So dawn goes down to day.
Nothing gold can stay.

Robert Frost: Nothing gold can stay

p1160858Als ich vor wenigen Tagen durch den Rosengarten im Hamburger Stadtpark schlenderte, staunte ich über die vielen Blüten, die der frühe Frost für eine kleine Weile konserviert hatte. Ihre vergängliche Schönheit scheint mir gut zu Robert Frosts Zeilen zu passen: Wer weiß, dass Veränderung, Verlust und Schmerz zu einem Leben außerhalb des Garten Eden dazu gehören, der wundert sich vielleicht auch nicht, dass „dawn goes down to day“. Inzwischen zeigt das Thermometer im Stadtpark wieder zweistellige Zahlen im Plus, der erste eisige Sonnenschein ist novembrigem Schmuddelwetter gewichen und der Wind bläst Laub und Blütenblätter in den Matsch.

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Singing in the rain

P1050389Und der Regenriese,
Der Blauhimmelhasser,
Silbertropfenprasser,
Niesend faßt er in der Bäume Mähnen,
Lustvoll schnaubend in dem herrlich vielen Wasser.

Und er lacht mit fröhlich weißen Zähnen
Und mit kugelrunden, nassen Freudentränen.

Aus: Clemens Brentano „Fröhlicher Regen“

Ich kann die meiste Zeit gut auf Regen verzichten, aber diese Zeilen von Clemens Brentano mag ich sehr. Zusammen mit den tanzenden Stühlen zauberten sie mir für einen Augenblick den lustvoll Regen-steppenden Gene Kelly vors innere Auge.

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Herbstbild

dsc_2253Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

dsc_2280O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel: Herbstbild

dsc_2174Ach, wie ich dieses Gedicht liebe!

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Nordisch by nature

P1150606Hier ist ja nichts! Das Gesicht der älteren Berlinerin ist eine Mischung aus Staunen und Entsetzen, der Vorwurf in ihrer Stimme nicht zu überhören. Kein Wasser, sagt sie. Noch nicht mal Strand. Wann immer sie über den Deich geschaut habe, sei das so gewesen, nun schon den dritten Tag.

P1150577Der Deich, das ist die Trennlinie. Mit jedem Schritt den grünen Wall hinauf wird der Wind stärker. Sobald du oben stehst und dir die flatternden Haare aus dem Gesicht streichst, gibt es keine Grenzen mehr. So weit reicht der Blick, dass du meinst, die Krümmung der Erdoberfläche zu sehen.

P1150643Das ist’s, was mich hier so entzückt:
Diese unbedingte Weite,
dieser Horizont in Tief‘ und Breite
verschwenderisch hinausgerückt.

Christian Morgenstern: Weiter Horizont

P1150802Was du siehst, erscheint dir vielleicht nicht spektakulär. Links viele Kilometer Deich. Rechts viele Kilometer Deich. Vor dir ein paar Strandkörbe. Oder Schafe. Dahinter die Nordsee. Kann sein, sie ist gerade wieder einmal nicht da und du erkennst nur so ein schmales Geriffel weit draußen.

P1150677Und mittendrin Neptuns Schloss, das eigentlich eine Bohrinsel ist.

P1150615Zwischen Salzwiesen und Watt führt ein steinerner Damm hinaus aufs offene Meer. Und während ein vielstimmiger Vogelchor sogar den Wind übertönt, wird dein Atem allmählich tief und ruhig.

P1150581Es schmückt sich das Watt in den Farben des Himmels. Zuerst in allerlei Grau- und Blautönen.

P1150665Später am Nachmittag glitzert es in silberner Robe. Das ist die Zeit, in der ein Spaziergang Richtung Horizont besonders magisch ist.

P1150823Marie! ruft ein junger Vater seiner kleinen Tochter zu. Weißt du, was das Besondere ist: Wir laufen auf dem Meeresboden! Marie ist das egal. Ihr Himmel ist schlammfarben. Beseeligt vom Schmatzen des Schlicks unter ihren nackten Füßchen gräbt sie mit beiden Händen nach Muscheln und Wattwürmern.

P1150725Am Abend glüht das menschenleere Watt noch einmal in Orange, Rot und Rosé, bevor es erlischt.

P1150738Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmerung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Theodor Storm: Meeresstrand

P1150884

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Das Blaue vom Himmel

P1100559Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre!
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh –:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

Kurt Tucholsky: Luftveränderung

P1100562So wunderbar blau war die Nordsee im August 2015. Will doch mal schauen, welche Farbe sie in diesem Sommer hat…

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Für D. – Gute Reise

DSC_00251112Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff: Mondnacht

DSC_02271085Es gab viel zu erledigen, und der türkische Imbiss auf dem Weg von A nach B kam mir gerade recht. Ich bestellte einen Milchkaffee zum Mitnehmen, fragte nach einer Kleinigkeit zu essen, ebenfalls zum Mitnehmen. Nein keine türkische Pizza. Ich esse kein Fleisch. Ach, Vegetarierin? Das junge Paar am Nebentisch schaltet sich ein. Für den kleinen Sohn bestellen sie gern den panierten Blumenkohl. Den gibt es auch mit Salat und Schafskäse im Brot. Sehr zu empfehlen und sehr praktisch, um ihn unterwegs zu essen. Gerade wird die Portion für den Kleinen serviert. Ob ich mal probieren wolle? Die junge Mutter schneidet mundgerechte Häppchen, der Vater hält mir lächelnd den Teller hin. Ach D., das hätte dir gefallen!

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Abel steh auf

P1150399Während der ersten vierzig Fahrradkilometer nahm ich kaum etwas wahr. Weder die Siedlungen noch die Wiesen und Wälder, die ich mit kräftigem Tritt hinter mir ließ. Ich aß nichts und trank auch nur wenige Schluck Wasser. Dass es warm war, spürte ich an dem Schweiß, der mir den Rücken hinunter lief.

P1150405Wenn der Kopf übervoll und zugleich leer ist und die Augen nichts mehr sehen, ist körperliche Anstrengung eine Möglichkeit, sich (wieder) zu spüren und in Verbindung mit der Umgebung zu kommen.

P1150436Abel steh auf. Wie ein Mantra trat ich die Titelzeile eines Gedichts von Hilde Domin, das ich am Vorabend gelesen hatte, in die Pedale. Abel steh auf / es muss neu gespielt werden / täglich muss es neu gespielt werden / täglich muss die Antwort noch vor uns sein / die Antwort muss ja sein können / wenn du nicht aufstehst Abel / wie soll die Antwort / diese einzig wichtige Antwort / sich je verändern…

Als hätte sie es diese Woche geschrieben.

P1150443 Die Fotos stammen von den letzten zwanzig Kilometern der Tour.

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An die Wolken

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Und immer wieder,
wenn ich mich müde gesehn
an der Menschen Gesichtern,
so vielen Spiegeln
unsäglicher Torheit,
hob ich das Aug
über die Häuser und Bäume
empor zu euch,
ihr ewigen Gedanken des Himmels.
Und eure Größe und Freiheit
erlöste mich immer wieder,
und ich dachte mit euch
über Länder und Meere hinweg
und hing mit euch
überm Abgrund Unendlichkeit
und zerging zuletzt
wie Dunst,
wenn ich ohn‘ Maßen
den Samen der Sterne
fliegen sah
über die Äcker
der unergründlichen Tiefen.

Christian Morgenstern: An die Wolken

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