Oder: Einer hat immer das letzte Wort. „Von Orten und Menschen“ ist übrigens nicht auf dem Weg zu „Von Orten und Tieren“, auch wenn das in den vergangenen Wochen so scheinen mag. Es bestätigt sich einfach immer mal wieder, dass Tiere auch nur Menschen sind. Oder war das umgekehrt?
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Tiefenentspannt
Wasserspiele
Ein Kommentar von Ulli vom Café Weltenall zu meinem Beitrag über eine Wanderung durch einen sonnenbeschienenen Zauberwald blieb haften: „Schön, dass alles mitgespielt hat“, schrieb sie. Das stimmt. Selten genug ist es, irgendwas ist ja meist. Vor ein paar Wochen zum Beispiel Regen.
Mit großer Vorfreude hatte ich mich auf den Weg ins Allgäu gemacht, wo ich vor Jahren einen herrlichen Sommer verbracht hatte – so lang, so sonnig, so heiß, dass ich heuer nicht einen Gedanken ans Wetter verschwendete, sondern mit größter Selbstverständlichkeit Bergtour um Bergtour plante. Sogar eine Alpenquerung hatte ich im Kopf, auf alten Schmugglerpfaden von Oberstdorf nach Holzgau in Tirol. Im vergangenen Jahr hatte ich mich in diese „Perle des Lechtals“ verliebt.
Was soll ich sagen: Aus keiner der geplanten Gipfeltouren wurde etwas, von der Wanderung übers Mädelejoch ganz zu schweigen. Am Nachmittag meiner Anreise strahlte die Sonne, am Morgen der Abreise strahlte sie ein weiteres Mal. Dazwischen regnete es. Mal sanft und stetig, mal schüttete es aus Eimern, nachts blitzte und donnerte es, dass es eine perverse Lust war. Eine Woche lang. Die Wolken, die anfänglich luftig über den Hängen schwebten, sanken immer schwerer ins Tal. Bis sie den Boden berührten. Ein Wunder, dass sie niemanden erschlugen.
Das entsprach so gar nicht dem, wofür ich gekommen war. Und ich brauche so viel Nass von allen Seiten auch bestimmt nicht so bald wieder. Aber ganz allmählich – ich war selbst erstaunt – begann ich, dem Reiz der Wasserspiele zu erliegen. Im Tal, in der Klamm, im Tobel. Am steinernen Hang, der zum Wasserfall wurde. Wenn schon der Sommer streikte – ich habe mitgespielt.
Picknick mit Queen
Seit Tagen liegt unverkennbar Herbst in der Luft. Aber gestern warf der Sommer noch einmal den Turbo an. Ein Tag zum Helden-Zeugen, wie meine Großmutter zu sagen pflegte. Kurz entschlossen bestiegen die Freundin und ich (und noch zwei, drei andere) nach Feierabend die Fähre Richtung Elbstrand.
Andere müssen für vergleichbare Ausblicke deutlich längere Wege zurücklegen. Dafür haben sie vermutlich mehr Platz an Bord – wie die Passagiere der Queen Mary 2, die an allerlei Picknickdecken vorbei in den Sonnenuntergang schipperte.
Jaha, ein bisschen schneller als ein Hamburger Jung ist so ein Kreuzfahrer auch… Aber wer ist schon in Eile an einem Abend wie diesem?
Ein Wald wie ein Gedicht
Der weiße Habit reichte ihr bis auf die Schnürschuhe. In der Rechten hielt sie Teleskop-Wanderstöcke, gehfertig ausgezogen. Der Blick ging prüfend zum Himmel. Ihrer und meiner. „Es könnte klarer sein“, stellte sie sachlich fest. Ich nickte und fragte, ob sie vielleicht ihre Kontakte nach oben bemühen könne. Sie kicherte wie ein junges Mädchen. „Versprechen kann ich nichts“, sagte sie. „Er hört ja nicht immer.“ ER groß geschrieben.
Auf der Infotafel zum Naturwaldreservat las ich später von wundersamen Wesen, die man dort treffen kann: Hirschzungenfarn und Tannenfeuerschwamm, Moorheiden-Kätzcheneule und Rollflügel-Holzeule, um nur einige zu nennen.
Weder Schwalbenwurz noch Erdeule begegneten mir auf dem steilen Pfad hinauf zum See im deutsch-österreichischen Grenzgebiet. Aber dass sie und all die anderen sich in diesem zauberischen Ambiente aus Wachsen und Vergehen und abermals Wachsen wohl fühlen, das leuchtete mir unmittelbar ein.
Himmel und Erde
I am the daughter of earth and water,
And the nursling of the sky;
I pass through the pores of the ocean and shores;
I change, but I cannot die.
For after the rain when with never a stain
The pavilion of heaven is bare,
And the winds and sunbeams with their convex gleams
Build up the blue dome of air,
I silently laugh at my own cenotaph,
And out of the caverns of rain,
Like a child from the womb, like a ghost from the tomb,
I arise and unbuild it again.
Aus: Percy Bysshe Shelley „The Cloud“
Die wollen nur spielen
Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.
Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.
Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.
Werner Finck: Gang durch die Kuhherde
Ob es am erhöhten Adrenalinspiegel in Folge der Almquerung lag oder daran, dass der Norddeutschen alles Maritime quasi im Blut liegt: Jedenfalls packte die Fotografin nach dem Anstieg das Gipfelkreuz, als gälte es, Segel für einen Törn durch die bewegten Himmelsfluten zu setzen.
Verträumte Kuh
Auf der saftig günen Wiese
weidet ausgerechnet diese
eine Kuh,
eine Kuh.
Ach, ihr Herz ist voller Sehnen
und im Auge schimmern Tränen
ab und zu,
ab und zu.
Was ihr schmeckt, das wiederkautse
mit der Schnauze, dann verdautse
und macht muh,
und macht muh.
Träumend und das Maul bewegend,
schautse dämlich in die Gegend
grad wie du,
grad wie du.
Heinz Erhardt: Die Kuh
Überwiegend kopflos
Man nehme den Deckel nur vom Topfe
Und sieh, wie froh der Dampf entweicht!
Wie lebt nach abgeschnittnem Kopfe
Das schwere Leben sich so leicht
Kein Schnupfen mehr, kein Nasentropfen,
Kein Zahnweh und kein Augenbrand
Noch Stirnkatarrh noch Schläfenklopfen,
Es ist wie im Schlaraffenland.
Zwar gibt es ohne Kopf kein Denken,
Doch ist es darum nicht so schad,
Man kann mit Wein die Kehle tränken,
Das ist das beste Gurgelbad.
Und ach, wie lebt es sich so stille:
Kein Wort, kein Lärm, kein grelles Licht!
Und nie mehr sucht man seine Brille
Und nie mehr macht man ein Gedicht.
Hermann Hesse: Kopflos
Ich schick dann mal den Kopf (und alles andere) in die Blogpause. Wir lesen uns im Spätsommer wieder. Lass es dir gut gehen!
Pastorale
In die Lüneburger Heide kam er der Schafe wegen. Mit Schafen hatte er schon immer zu tun, auch daheim im Oberfränkischen. Vielleicht kam er auch, um dem Erzkatholischen zu entfliehen, vor dem ihm bis heute graut. „Wo sind denn all die Menschen vor uns hingegangen, all die Neandertaler und Homo sapiense“, will er wissen, „wo sind denn ihre Seelen geblieben, von denen die Geistlichen immer reden?“ Er für sein Teil glaube ja, dass wir wieder dahin zurückkehren, woher wir gekommen seien – ins Nichts. Das macht ihm ein bisschen Angst, in seinem Alter. Er hat viel Zeit zum Grübeln, manchmal viel zu viel. Dabei sei er eigentlich ziemlich redselig, sagt er, und dass er vielleicht doch Prediger hätte werden sollen.
Der alte Mann ruft seinen Hund. Der ist noch jung, bisweilen übereifrig. Manchmal treibt er die Schafe weiter, während sie einfach nur friedlich grasen sollen. Drei Hunde hat der Schäfer, nimmt aber immer nur einen mit. Die drei zusammen stachelten sich gegenseitig zu sehr auf. „Zu viel Ehrgeiz“, sagt er, „das ist wie bei den Menschen.“ Jetzt muss er aber wirklich weiter, die Herde einholen. Bereits im Gehen, dreht er sich noch einmal um und ruft: „Also, ich wär ja noch zu haben!“ Die Worte kontrastieren mit der wie in Holz geschnitzten Miene.








