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Spielerei im Wald

Meine fröhliche Liebe hat mich verlassen.
Ich suchte sie wieder in allen Gassen,
Sie aber lag schon weit von mir
In einem hellen Birkenwald
Und freute sich ihrer Wohlgestalt
Und reckte die Glieder lang und zier.

Dort spielt sie nun mit Elf und Nick,
Läßt über ihr schneeweiß Genick
Die langen Ringelhaare fließen,
Pflückt Enzian zum Zeitvertreib
Und läßt sich nachts den blanken Leib
Mit Mondenschein begießen.

Ich aber warte nun in Ruh,
Schließ Tür und Laden sorglich zu
Und leg mich in die kühlen Kissen.
Wenn sie der grünen Tage satt
Den Weg zurück gefunden hat,
Soll sie erst klopfen müssen.

Hermann Hesse: Meine fröhliche Liebe

In meinem vorherigen Beitrag hatte ich bereits ein bisschen mit dem Fotomaterial gespielt, hatte ein hochformatiges Bild einfach mittendurch geteilt – aus eins mach zwei. Ulrike vom Blog watt&meer, die davon nichts wusste, fragte sich und mich, wie die Fotos wohl auf den Kopf gestellt aussehen. Besonders das erste (die obere Bildhälfte also) gefiel mir so verdreht. Und obwohl darauf gar keine Birken zu sehen sind, dachte ich sofort an Hesses fröhliche Liebe.

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Diese kleinen Dinge

Deine kleine Schwester
Hat ihre offenen Haare
Wie einen lebendigen Schleier,
Wie eine duftende Hecke
Vornüberfallen lassen
Und schaut, mit solchen Augen!
Durch einen duftenden Schleier,
Durch eine dunkle Hecke …
Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge.

An allen sehnsüchtigen Zweigen
In deinem nächtigen Garten
Sind Früchte aufgegangen,
Lampions wie rote Früchte,
Und wiegen sich und leuchten
An den sehnsüchtigen Zweigen,
Darin der Nachtwind raschelt,
In deinem kleinen Garten …

Wie süß ists, nur zu denken
An diese kleinen Dinge …

Hugo von Hofmannsthal: Kleine Erinnerungen

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Gehen geht (fast) immer

Vor ein paar Jahren erst habe ich die Freuden des Fernwanderns für mich entdeckt. Gehen. Immer weiter gehen. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Viele Kilometer weit. Mit jedem Kilometer weitet sich auch mein Blick. Ich spüre meine Füße, beobachte, wie der Rücken gerade wird, wie die Muskeln in meinen Oberschenkeln spielen. Gedanken kommen und gehen. Ich atme ein. Und aus. Und wieder ein. Ich rieche, was um mich ist. Höre bewusster, während das bewusste Denken aufhört. Wie wenig man denken kann, wenn man nur lange genug geht…

Ja, ich weiß. Fernwandern, das geht zurzeit – und wohl noch eine ganze Weile – nicht. Aber eine Weile rausgehen, das geht für die meisten von uns, auch wenn sonst gerade nicht viel geht. „Gehen am Rande des Alltags“ sozusagen, vor der eigenen Haustür. Das passende Buch dazu hat Christian Sauer geschrieben: „Draußen gehen. Inspiration und Gelassenheit im Dialog mit der Natur.“ Der Journalist und Coach weiß: „Draußen gehen ist keine Sportart, sondern eine Art, sich fortzubewegen – und eine Lebensweise. Es belebt und ordnet unser Denken. Draußen gehen relativiert Probleme, eröffnet Perspektiven. Es führt uns raus aus jener Problem-Trance, in die uns Arbeit, Projekte, Beziehungen, Kinder und Eltern immer wieder versetzen.“ Und Corona, ist man versucht hinzuzufügen. Sauers Texte verbinden sich organisch mit großformatigen Illustrationen von Franca Neuburg, die viel Raum lassen für eigene innere (Landschafts-)Bilder. Für ein auch haptisches Vergnügen sorgt der leinene Einband.

Zurzeit spielt sich unser aller Leben in begrenzten Räumen ab. Aber irgendwann wird der Radius wieder größer werden, auch für die Füße. Darauf kann man sich jetzt schon freuen. Zum Beispiel indem man in dem Buch „Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst“ schmökert. Der Autor Ulrich Grober beschreibt darin zwölf seiner eigenen Wanderungen durch deutsche Lande. Allein, mit Kindern, mit Freunden. Immer wieder auch auf den Spuren berühmter Wanderer. Dazu gibt es Tipps fürs Wandern von der passenden Ausrüstung bis zur Orientierung im Gelände. Grober erzählt von unterschiedlichen Landschaften zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Er schreibt über Wasser und Luft, über das Wandern als Überlebensstrategie, über spirituelles Wandern und über das Ankommen. All das so verlockend, dass man am liebsten sofort den Rucksack packen und aufbrechen möchte.

Man könnte natürlich auch das Kapitel übers Navigieren aus- und sich stattdessen auf Abenteuer pur einlassen. Wer dafür schon einmal im geschützten Raum – auf dem Sofa vielleicht oder auf der Gartenliege – üben möchte, dem bieten Kathrin Passig und Aleks Scholz Unterstützung mit ihrer unterhaltsamen „Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene“ über das „Verirren“. Die ist zwar, ebenso wie Ulrich Grobers Werk, schon ein paar Jahre alt, passt aber irgendwie ziemlich gut in diese Zeiten, in denen wir so viele bekannte Pfade verlassen und neue erkunden (müssen).

Im ersten Teil des Buches geht es „um Verirren in harmlosen Gegenden, das sich in den meisten Fällen dadurch wieder beenden lässt, dass man nach dem Weg fragt. Der Abschnitt ‚Fortgeschrittene‘ beschäftigt sich damit, was passiert, wenn man sich mehr als nur ein bisschen verirrt. Anfängerverirrungen lassen sich abbrechen, sobald man schlechte Laune oder kalte Füße bekommt. Fortgeschrittene Verirrungen dagegen gleichen einer Achterbahnfahrt. Man kann nicht einfach mittendrin aussteigen, nur weil man sich fürchtet.“

Die Fotos in diesem Beitrag habe ich von ausgedehnten Streifzügen durch die Fischbeker Heide und die Harburger Berge im hamburgisch-niedersächsischen Grenzgebiet mitgebracht. Passend zur Jahreszeit führten mich meine Wanderungen auch am Kiepenkerlsweg und am Eierstieg vorbei. Euch allen frohe Ostern!

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„Im Herzen barfuß“

Lange war ich nicht zu haus. / Die mutter, / mit schuldbewussten augen,  / begrüßte an der tür den seltenen besuch. / Der vater schloss das buch, / das schmal war wie die zeit, / die übrigblieb vom tag.

Sie setzten mich hinter den alten tisch, / schenkten himbeerwein ein. / Die linden blickten herein. / Am offenen fenster verneigte ich mich, / erstaunt, betrunken zu sein.

Knospe, knöspchen, sag, / ist das denn möglich, / von einem fingerhut voll wein / und noch dazu aus himbeeren?

Dummkopf, / fingergroß von der erde, / so klein bist du daheim,

duftet direkt ins ohr die rose.

Mit einemmal entsann ich mich, / wo wir zu hause das salz haben.

Jan Skácel: Wo wir zu hause das salz haben

Heute bin ich mit dem mährischen Dichter Jan Skácel (1922 – 1989) in dessen Elternhaus gereist und anschließend gleich weiter in meines, das es so gar nicht mehr gibt. Habe mich daran erinnert, wo wir zu Hause das Salz hatten und noch ein paar andere Dinge. Das tat so gut.

Das Gedicht entnahm ich dem 2018 veröffentlichten Band „Für alle die im Herzen barfuß sind“, das neben der wunderbaren Lyrik auch Kurzprosa von Jan Skácel enthält und dazu eine Einführung des Herausgebers Peter Hamm und die Laudatio, die Peter Handke für Skácel hielt, als dieser 1989 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet wurde. Sehr zu empfehlen!

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Touch me now

Am 8. März habe ich zuletzt jemandem die Hand geschüttelt. Ich erinnere mich, dass es sich schon da nicht mehr selbstverständlich anfühlte, aber auch noch weit entfernt von leichtfertig. Das Thema Corona streiften mein Gesprächspartner und ich nur kurz.

Einen Tag später war ich mit den Töchtern einer befreundeten Familie zum Kino verabredet. Wir wollten endlich die „Eiskönigin 2“ sehen, bevor sie abgesetzt würde. Wie schnell das gehen sollte, ahnte zu dem Zeitpunkt kaum jemand. Die Mutter der Mädchen war sehr besorgt. Lieber keine Umarmung heute! Vielleicht besser nicht, erwiderte ich und merkte, dass ich selbst noch keinen klaren Standpunkt zu Körperkontakten in Zeiten von Corona hatte. Den Besuch im Kino stellte die Mutter ebenso wenig in Frage wie die Fahrt im mutmaßlich vollen Bus dorthin. Als wir zurückkehrten, stand das Essen auf dem Tisch, der ungnädige Säugling wurde von Arm zu Arm gereicht, auch in meinen, damit abwechselnd alle in Ruhe essen konnten. Fazit 1: Menschen verhalten sich nicht immer widerspruchsfrei. Fazit 2: Auch Abstandhalten muss man erst lernen.

Der 9. März war im Rückblick der Tag, an dem ich nicht nur zwei Schlüsse zog, sondern außerdem zwei Dinge zum vorerst letzten Mal tat: ins Kino gehen und Freunde in ihrer Wohnung besuchen. Am 11. März traf ich eine Freundin zum gemeinsamen Spaziergang an der Elbe. Zur Begrüßung klackten wir – noch etwas ungelenk, aber in stillschweigender Übereinkunft – die bemäntelten Ellbogen gegeneinander. Das neue Virus bestimmte große Teile unseres Gesprächs. Ins Parkcafé kehrten wir trotzdem ein. Es sollte mein vorerst letzter Besuch in geschlossenen gastronomischen Räumen sein.

Die Kontaktsperre war mir, als sie am 22. März von der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten beschlossen wurde, längst in Fleisch und Blut übergegangen.

Harte Zeiten für Alleinlebende? Ich würde lügen, wollte ich behaupten, dass ich mich nicht schon jetzt darauf freue, zwischenmenschliche Kontakte wieder durch leibhaftige Berührungen bereichern zu können. Auch wir ziemlich nackten Wesen brauchen Fellpflege, wie ich mal irgendwo las. Aber ich finde, es ist auch eine spannende Herausforderung zu lernen, uns nah zu sein, ohne uns physisch nah zu sein. Uns mit Worten zu berühren, gesprochenen und geschriebenen. Oder mit Blicken. Auf jedem Spaziergang ist dazu Gelegenheit, bei jedem Einkauf im Supermarkt, auch auf Distanz. Unser Fingerspitzengefühl, unser gutes Händchen auf ganz neue Weise zu trainieren, werden wir in nächster Zeit reichlich Gelegenheit haben.

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Mit Abstand am besten

Heute hat mich mein Cousin C. angerufen. C. ruft immer an, wenn es etwas Wichtiges (zu sagen) gibt. Er ruft an meinem Geburtstag an, zu Weihnachten und auch zu Ostern. Und zwischendurch, wenn er findet, dass er schon viel zu lange nichts von mir gehört hat oder mir erzählen will, was er gerade gemacht hat. Ich gehöre zu C.’s „Peergroup“. Und wer dazu gehört, um den muss man sich kümmern. Nein, falsch: nicht muss, um den kümmert man sich, weil es einem ein Bedürfnis ist. Heute rief C. an, weil er mir sagen wollte, dass wir uns jetzt alle besonders gründlich die Hände waschen müssen und uns nicht zu nahe kommen dürfen und dass wir die meiste Zeit zu Hause bleiben müssen. Die Hände hat er sich schon immer gründlich gewaschen, versicherte mir C. Was ihm aber richtig schwerfällt, ist, dass er jetzt nicht mehr schwimmen gehen darf. Das tut er schon, seit er ein kleiner Junge war. Seit mehreren Jahren schwimmt C. jeden Montag, Mittwoch und Sonntag, außer er ist krank, oftmals, bis der Bademeister ihm sagt, dass er jetzt mal langsam Schluss machen soll. Beim Schwimmen tankt C. Energie – und er baut überschüssige Energie ab. C. mag es, wenn sein Leben regelmäßig ist und vorhersehbar. Er braucht feste Strukturen, und die meisten Überraschungen findet er gar nicht gut. C. hat bei seiner Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen. Seither ist er geistig behindert. Oje, sagte ich zu ihm, das ist ja richtig blöd, dass du jetzt eine Weile nicht schwimmen gehen kannst! Ja, sagte C., aber das ist wichtig, damit die alten und kranken Menschen nicht sterben.

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Stairway to Heaven

Neugierig steige ich die moosige Leiter hinauf und linse in das signalgelb umrandete Astloch der alten Eiche. Ganz oben klebt ein Stück Papier am nassen Holz. Soll ich? Mit spitzen Fingern löse ich den lappigen Bogen. „Er weiß von nichts“, lese ich. Das ist ja ein Ding! „Mein Bruder ist 53 Jahre, 2 Meter groß und schlank…“. Sogar eine Anschrift für die Kontaktaufnahme hat die fürsorgliche Schwester angegeben. Vorsichtig lege ich das Papier zurück ins „Postfach“, streiche die wellige Oberfläche glatt. Weiter drinnen im Stamm, eine geschätzte halbe Armlänge tief, liegt noch ein Blatt, augenscheinlich mehrfach gefaltet. Das Angebot an diesem klammen Spätnachmittag im Februar ist nicht groß. Ich greife in den Leib des Jahrhunderte alten Baums. Zögernd. Einmal, weil ich den Grund nur schemenhaft erkennen kann, aber mehr noch, weil ich mir wie eine Voyeurin vorkomme. Dabei gilt das Postgeheimnis an diesem Ort gerade nicht.

Die Bräutigamseiche im Dodauer Forst in der Nähe des schleswig-holsteinischen Eutin ist nämlich ein öffentlicher Briefkasten für Heiratswillige und andere Kontaktsuchende, eine Partnerbörse des Waldes sozusagen. Was im Postfach respektive Astloch liegt, darf jede(r) lesen. Gefällt einem ein Brief, nimmt man ihn mit, sonst legt man ihn wieder zurück, für die, die nach einem des Weges kommen. Sogar eine eigene Anschrift hat der Baum: Bräutigamseiche, Dodauer Forst, 23701 Eutin. Die Post stellt werktäglich zu, was an Kontaktgesuchen aus Nah und Fern eingeht. Und das soll, ganz besonders im Frühjahr, eine Menge sein.

Ach, könnte die alte Eiche erzählen…! 600 Jahre soll sie bereits auf ihrem knorrigen Buckel haben. Es heißt, sie sei einst von einem keltischen Fürstensohn gepflanzt worden. Das kann aber auch eine Sage sein. Ebenso wie womöglich die Prognose, dass ein Mädchen, das bei Vollmond schweigend und ohne zu lachen dreimal um den Baum geht und dabei an den Geliebten denkt, innerhalb eines Jahres heiraten werde. Zu seinem Namen – soviel immerhin ist verbürgt – kam der Baum tatsächlich aufgrund einer Eheschließung: Am 2. Juni 1891 gaben sich die Tochter des Dodauer Oberforstmeisters und ein Schokoladenfabrikant unter den Ästen der Eiche das Jawort. Der Vater der Braut war zunächst gegen die Verbindung gewesen und hatte den beiden Liebenden jeden Kontakt verboten. Die tauschten daraufhin über ein Astloch des Baums heimlich Briefe aus. Als der Förster einsehen musste, dass er gegen die Liebe machtlos war, gab er seinen Widerstand schließlich auf.

Als ich gehe, springt ein junges Paar kichernd um den Baum. Die beiden sind ganz offensichtlich nicht (mehr) auf der Suche.

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Forever Moor

Die Seelen der Menschen fühlen sich vielleicht in immer innigerer Übereinstimmung mit einer Außenwelt von jener Schwermut, die unserem Geschlecht, als es noch jung war, einfach häßlich vorkam. Die Zeit scheint nahe, da einzig der herbe Adel eines Moors und des Meeres oder eines Gebirges das in der Natur ist, was mit der Gemütsverfassung des nachdenklicheren Teils der Menschheit völlig im Einklang steht.

Thomas Hardy (1840 – 1928), britischer Schriftsteller