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Neulich an der Ostsee

„Ein Krabbenbrötchen, bitte!“ „Lecker Krabbenbrötchen?“, fragt die Verkäuferin in der Fischbude und strahlt mich an. Wenn ich die Wahl habe – unbedingt! Dem Mann in der Schlange hinter mir sieht man die Vorfreude schon an. „Auch’n lecker Krabbenbrötchen“, sagt er, als er an der Reihe ist, und grinst. Kauend schlendere ich durch den Niendorfer Hafen. „Moooin“, ruft ein offensichtlich gut gelaunter Fischer, der gerade seinen Kutter verlässt. „Schönen Tach noch!“ „Für Sie auch, danke!“

Was soll ich sagen: Das ging den ganzen Weg bis Travemünde so. Nette kleine Schwätzchen, wo immer ich einen Augenblick Rast machte. Reservierte Norddeutsche? Von wegen! Und dazu weite Blicke, Schwäne bis (fast) zum Horizont – und Leben dicht am Abgrund.

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Zweierlei Reise

978-3-499-62841-2.jpg.557815Oliver Lück: Neues vom Nachbarn. 26 Länder, 26 Menschen. Hamburg 2012

Meike Winnemuth: Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr. München 2013

Die beiden Bücher kann man unmöglich miteinander vergleichen, aber einander gegenüberstellen, das geht. Schon weil sie sich in mancher Hinsicht so schön ergänzen.

36790661nOliver Lück reiste mit seiner Hündin Locke 20 Monate lang im Bulli durch Europa – zu Menschen und ihren Geschichten. Er traf Goldsucher und Bernsteinfischer, Meisterschaukler und einen Zwergstaat-Olympioniken, den einzigen schwarzen Flößer Deutschlands und den Fußballstar Lionel Messi. Er besuchte Menschen, die Großes vollbringen: Heißluftballons konstruieren, den Mount Everest bezwingen oder gegen die Mafia kämpfen. Und andere, die eher im Stillen wirken: Flaschenpostbriefe sammeln zum Beispiel oder die Pässe von Pilgern auf dem Jakobsweg abstempeln.

Meike Winnemuth erspielte sich eine Auszeit: zwölf Städte auf allen Kontinenten in zwölf Monaten. Mal eine Weile raus aus Deutschland, an Orten leben, die sie reizten und die sie nicht oder kaum kannte: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba, Havanna. Und als Zugabe Hamburg, das sich so anders anfühlte nach dem Jahr unterwegs. Eine Reise vor allem zu sich selbst.

Lück schreibt Reportage, Winnemuth Kolumne. Er nimmt sich selbst sehr zurück, manchmal fast schon zu sehr, beobachtet und beschreibt, flicht aktuellen und historischen Background in seine Erzählungen, die einem die „Nachbarn“ ordentlich nahe bringen. Sie plaudert in Briefen an Freunde, Eltern und einmal sogar das eigene jüngere Ich über Erfahrungen, Empfindungen und Eindrücke beim Reisen und Leben. Persönlich, humorvoll, klug. Manches so oder so ähnlich selbst erlebt, aber nie so prägnant formuliert. Über die Orte selbst erfährt man nicht so viel. Umso mehr dagegen, wie der Ort den Menschen bzw. der Mensch sich mit dem Ort verändert  je nachdem, welche Facetten von ihm gerade angesprochen werden. Und wie es eine Geschichte beeinflusst, wem man sie erzählt. Gelegentlich gerät die Selbstbetrachtung ein wenig lang für meinen Geschmack. Dann ist es wahrscheinlich einfach mal wieder Zeit für eine von Oliver Lücks Geschichten…

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Alt?

Telefonat mit meiner allerersten Biografiekundin. Wir sehen uns immer noch ein, zwei Mal im Jahr. Das nächste Treffen ist überfällig. Um den Jahreswechsel wie sonst hatte es nicht geklappt. Da wollte sie für ein paar Wochen nach Indien reisen, wo ihre Enkelin lebt. Ohne Aufenthalt in Dubai dieses Mal. Das kannte sie ja schon. Schön sei das Familientreffen gewesen, erfahre ich. Jetzt kommt noch die Tochter aus London zu Besuch, und dann ist Zeit für unsere Kaffeestunde. Dass sie ihr Ehrenamt in der Menschenrechtsorganisation, für die sie sich seit Jahrzehnten engagiert, im Sommer wohl in jüngere Hände legen wird, bekomme ich quasi als Appetithappen mit auf den Weg. „Ich freue mich aufs Erzählen“, sagt sie. „Es ist so viel passiert.“ Die alte Dame ist 92.

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Fremde Kulturen er-fahren

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen in der Dokukomödie „You drive me crazy“ von Andrea Thiele und Lia Jaspers, die seit heute im Kino zu sehen ist. Die Protagonisten: ein Amerikaner in Tokio, eine Deutsche in Mumbai und eine Koreanerin in München, die sich in der neuen Heimat noch einmal auf die Führerscheinprüfung vorbereiten, um ein Stück persönliche Mobilität zu erlangen – und ihre Fahrlehrer natürlich. Zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und manchmal auch noch der Rückbank prallen Fahrstile und Kulturen aufeinander, dass es eine Pracht ist. Am Ende haben die Schüler ihre Fahrprüfung bestanden oder auch nicht. Wichtiger ist, was sie über das Land erfahren haben. Und dass sie dort angekommen sind.

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Hamburg von A bis Z

Ich habe gerade eine neue Fahrradtour entwickelt: „Hamburg von A bis Z“. Nein, nicht „Von Altona bis Zollenspieker“. Die gibt es ja schon, als Teil des Elberadwegs. Sondern „Vom Aalheitengraben zum Zypressenweg“. Kennen Sie nicht? Macht nichts. Ich bis vor wenigen Tagen auch nicht. Der Aalheitengraben ist die Nummer eins im Hamburger Straßenverzeichnis. Von dort will ich ganz ans Ende, zum Zypressenweg. Nicht möglichst schnell, sondern möglichst schön. Ein Blick auf die Karte zeigt: Hamburg hat große Weisheit walten lassen bei der Vergabe zumindest einiger seiner Straßennamen. „A“ liegt weit im Norden, in Volksdorf. „Z“ ist eine Parallelstraße zur Elbchaussee im Südwesten. Und das Beste: Dazwischen erstreckt sich ein fast durchgehender Gürtel aus Grün und Blau!

Der Aalheitengraben verbirgt sich so idyllisch inmitten kleiner Waldstückchen, dass ich mich schon auf dem kurzen Weg von der U-Bahnstation Buchenkamp zum Ausgangspunkt meiner Tour das erste Mal verfahre. Macht nichts. Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis. Von der kleinen Wohnstraße geht die Reise nach Westen durch den Pastorenstieg und die Volksdorfer Teichwiesen, dann Richtung Süden zwischen Wald und Berner Au hindurch, die hier noch ein rechtes Auchen ist. Anschließend über die Saselheide, vorbei an Kleingärten  und durch den Berner Wald. So viel Raum, die eigene Ortskenntnis zu verbessern! Ich muss – nicht zum ersten Mal – an unseren spanischen Reitführer Joaquim denken, der mir vor Jahren auf einem Wanderritt durch die Ausläufer der Pyrenäen sagte: „Das Vergnügen besteht darin, ein Stück vom Weg abzukommen.“ Das war an dem Tag, als wir unser Nachtquartier erst weit nach Einbruch der Dunkelheit erreichten. Aber das ist eine andere Geschichte. Und zwischen Volksdorf und Berne geht man vielleicht auch weniger leicht verloren als in den Pyrenäen.

Also: Augen auf und die Au wiederfinden, die inzwischen zu einem Flüsschen angewachsen ist. Spätestens ab hier kann man die Karte getrost für eine Weile zusammenfalten und einfach mitfließen: mit der Berner Au bis zum Kupferteich, dann immer an der Wandse lang, ab und zu mal eine viel befahrene Straße überqueren, den Sonnenanbetern am Flussufer zuschauen und dabei, wie die Umgebung allmählich städtischer wird. Noch ein Stück dem Kanal folgen, und schon ist die Außenalster erreicht. Zeit für eine Kaffeepause und einen Blick in die Karte. Ich entscheide mich für einen Rundbogen durch Planten un Blomen (Achtung: Fahrrad schieben oder alternativ die Straße zwischen Kongresszentrum und Fernbahn benutzen!) und den Schanzenpark, überquere den Kiez (eher bunt als grün) und folge schließlich einer Perlenkette kleinerer Parks bis hinunter zum Fischmarkt. Dort rechts ab und immer an der Elbe  entlang: Cruise Center, Dockland und Museumshafen passieren, am Strand ein Fischbrötchen essen und Richtung Nordsee schauen, gemütlich an den alten Kapitäns- und Lotsenhäuschen in Övelgönne vorbeischieben und dabei weiter in die Weite blicken. (Das Hinweisschild des Bezirksamts Altona „Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten“ erfreut mich immer wieder.)

Gleich anschließend fällt weich das Licht der Spätnachmittagssonne auf den „Alten Schweden“. Deutschlands ältester Findling leistet auch als Wegmarkierung hervorragende Dienste: Jetzt nur noch eben den Elbhang hinauf (puh, ist das steil!), die Elbchaussee queren, in den Halbmondsweg hinein und gleich wieder links abbiegen. Das Ziel ist erreicht! Noch so eine schöne Wohnstraße mit hohen Hecken und Bäumen. Hierher komme ich bestimmt noch mal, wenn der Rhododendron blüht…

Versuch einer Bilanz: Manchmal mochte ich kaum glauben, dass ich mitten in einer Großstadt unterwegs war. Fünfeinhalb Stunden dauerte die Reise von „A“ bis „Z“. Das wäre schneller gegangen, keine Frage, aber ich war schließlich nicht auf der Flucht. Knapp 37 Kilometer zeigte der Tageszähler meines Fahrrads an. Ein paar davon fallen in die Rubrik „Erweiterung der Ortskenntnis“. Andererseits kommen auch ein paar hinzu – für die Fahrt von der U-Bahnstation Buchenkamp zum Aalheitengraben und vom Zypressenweg zum S-Bahnhof Othmarschen. Die 37 gehen am Ende also wohl in Ordnung. Natürlich lässt sich die Tour auch andersherum fahren. Weil man an dem Tag so auf mehr Rückenwind hofft zum Beispiel. Oder um gemütlich den Hang zur Elbe runterzurollen statt am Ende der Tour hinaufzuschnaufen. Oder um Fahrtrichtung und Fahrradkarte vor sich auf dem Lenker in Deckung zu bringen. Ein unschätzbarer Vorteil, wie ich finde. Auf der anderen Seite: Hamburg Marketing wird nicht begeistert sein. „Hamburg von Z bis A“ – wie hört sich das denn an?

Hier noch ein paar visuelle Eindrücke:

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