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„Engel, übervoll“

11185421nAlain de Botton: Kunst des Reisens. Frankfurt 2003

Paul Klee: Engel. Hamburger Kunsthalle

Über Pfingsten habe ich eine Ausstellung besucht, dreieinhalb Bücher gelesen und 701 Gedanken gesponnen, vielleicht auch mehr. So kann’s gehen, wenn es immerzu regnet. Dies soll eine Buchbesprechung werden. Aber angefangen hat es mit einer Ausstellung.

imagesMit einer Ausstellung von Paul Klees Engelbildern in der Hamburger Kunsthalle. Die meisten der spitzflügeligen Wesen hat der Künstler in seinen letzten Lebensjahren aufs Papier gebracht, viele mit kühnem Bleistiftstrich: sehr menschlich, oft unfertig oder im Übergang, zweifelnd, voller Hoffnung, teuflisch, mal anrührend („Engel, noch tastend“), mal urkomisch („Engel im Schreiten, noch unerzogen“). Beim Verlassen des Gebäudes ertappe ich mich kurz bei dem Gedanken, ob ich mir vielleicht noch eine der anderen aktuellen Ausstellungen ansehen sollte. Schließlich sind die in dem stolzen Eintrittspreis ebenso inbegriffen wie die ständige Sammlung. Ach nein! Nicht Giacomettis „Spielfelder“ über Klees Engel stülpen, auch wenn es der letzte „Spieltag“ ist. Und lieber ein andermal „Besser scheitern“.

Seit Jahren verzichte ich nun schon darauf, ein ganzes Museum auf einmal abzuarbeiten, nur weil es so billiger ist. Ich gebe zu, daran denken tue ich immer mal wieder. Und meine Liebe gehört eindeutig den kleineren Kunsträumen, die sich bei einem Besuch komplett bewältigen lassen. Bei den großen Häusern mache ich selbst einen Schnitt, beschränke mich auf eine von mehreren Ausstellungen oder einen Teil einer Ausstellung. Manchmal hätte ich es gern noch reduzierter, würde am liebsten in der Mittagspause oder am Abend mal eben vorbeischauen, einige wenige Objekte oder Bilder betrachten und wieder gehen. Diesen ganz alltäglichen Kunstgenuss habe ich vor vielen Jahren bei einem längeren Aufenthalt in Madrid (schätzen) gelernt. Wieder und wieder zog es mich damals ins Museo Nacional de Arte Reina Sofía. Mal in eine aktuelle Ausstellung, mal zu meinem jeweiligen Lieblingsbild daraus. Und immer wieder zu Picassos „Guernica“. Das hatte auch mit der Gestaltung der Eintrittspreise zu tun, keine Frage. Zu bestimmten Zeiten war der Besuch der „Reina Sofía“ sogar frei, wenn ich mich richtig erinnere, und ist es wohl heute noch. Aber geblieben ist vor allem das tiefe Erleben, dass weniger oft mehr ist und Neugier und Aufmerksamkeit gute Guides – in der Kunst ebenso wie auf Reisen.

Noch ganz beseelt vom freudigen Erinnern fiel mir Alain de Bottons „Kunst des Reisens“ in die Hände. Ich las und las. Über Erwartungen vor der Abreise, über Orte des Fortgehens und des Ankommens, über Gründe für das Reisen, darunter die individuelle Wissbegierde …, und stand plötzlich schon wieder mitten in der spanischen Hauptstadt: „Eine Gefahr beim Reisen besteht darin, dass wir Dinge zur Unzeit sehen, das heißt, bevor wir die notwendige Empfänglichkeit ausbilden konnten. … Sind wir an einen Ort gereist, den wir wahrscheinlich nie wieder besuchen werden, so fühlen wir uns verpflichtet, nacheinander Sehenswürdigkeiten zu bewundern, die nichts anderes verbindet als die räumliche Nähe. … Der Madrid-Besucher soll sich für den Palacio Real interessieren, für eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Königsresidenz, … und – nur kurze Zeit später – für das Centro de Arte Reina Sofía, eine Kunstgalerie mit weißen Mauern, in deren Sammlung von Kunstwerken des 20. Jahrhunderts Picassos ‚Guernica‘ einen Höhepunkt darstellt. Genau die sollte jemand, der sein Wissen über die Architektur von Königsschlössern aus dem 18. Jahrhundert vertiefen möchte, aber auslassen. Natürlich verliefe eine Entwicklung, wenn derjenige sich vom Palacio Real zur Prager Burg oder zum ehemaligen Zarenpalast nach St. Petersburg aufmachte.“

Ich fürchte, eine richtige Rezension wird das hier nicht mehr. Aber ich rate zu: zu Klees Engeln, zu Madrid – und zu Alain de Bottons Essays über das Reisen. In ferne Länder ebenso wie vor der eigenen Haustür: „Bewegen wir uns mit der Einstellung von Reisenden an unserem angestammten Platz, erweist der sich womöglich als nicht weniger interessant als die Hochgebirgspässe und die von Schmetterlingen durchschwirrten Dschungel in Humboldts Südamerika. Was also kennzeichnet die Einstellung beim Reisen? Empfänglichkeit ist wohl ihr wichtigstes Merkmal. Wir nähern uns Neuem mit Demut. Wir haben keine fest gefügten Vorstellungen darüber im Gepäck, was interessant ist. Wir verunsichern Einheimische, weil wir auf Verkehrsinseln und auf schmalen Straßen stehen und bewundern, was sie für seltsame kleine Details halten. Wir laufen Gefahr, umgerannt zu werden, weil wir gefesselt sind vom Dach eines Regierungsgebäudes oder einer Mauerinschrift. Wir finden einen Supermarkt oder einen Frisiersalon ungemein faszinierend. Wir betrachten ausgiebig das Layout einer Speisekarte oder die Kleidung des Sprechers der Abendnachrichten. Wir erkennen die Spuren der Vergangenheit im Gegenwärtigen und machen Aufzeichnungen und Fotos.“

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Süßes Fernweh

IMG_7189Heute bin ich nur halb in Hamburg. Die andere Hälfte traumwandel(r)t durch eine grandiose Vulkanlandschaft am anderen Ende der Welt. Im Tongariro Nationalpark im Zentrum der neuseeländischen Nordinsel, um genau zu sein. Mount Ngauruhoe, der Schicksalsberg aus Peter Jacksons Trilogie „Der Herr der Ringe“, ruft – seit ich gelesen habe, dass der Tongariro Crossing vor ein paar Tagen wieder komplett geöffnet wurde. Die knapp 20 Kilometer lange Bergtour wird zu den schönsten Tageswanderungen der Welt gezählt. Die beliebteste in Neuseeland ist sie allemal: Mehr als 70.000 Wanderer zieht es jedes Jahr auf den Track, dessen nördlicher Teil nach Ausbrüchen am Te Maari Krater des Mount Tongariro im August und November 2012 geschlossen werden musste. Inzwischen hat sich die vulkanische Aktivität beruhigt. Wissenschaftler bestätigten, dass das Gebiet wieder sicher sei. So sicher, wie Vulkane eben sein können.IMG_7219

Ich habe den Tongariro Crossing im Februar 2011 gemacht, zwischen Interview und Interview für ein Buchprojekt über deutsche Auswanderer in Neuseeland, weil endlich einmal das Wetter stimmte, als ich in die Gegend kam. Bin sieben Stunden praktisch ununterbrochen gewandert, oft gekraxelt, manchmal über Geröll gerutscht, habe mich einmal sogar gepflegt auf die Nase gelegt, als die Kräfte nachließen. Ja, die Tour war anspruchsvoll, aber auch zum Weinen schön. Ich habe gigantische Mondlandschaften-Krater durchmessen, mit Schaudern in den Schlund des aktiven Red Crater geblickt und auf die smaragdgrünen Emerald Lakes mit ihren schwefeligen Ufern. Und dazwischen immer wieder freie Sicht auf den Schicksalsberg genossen.

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My little universe

P1010297Auf dem Weg zu biografischen Gesprächen komme ich zurzeit regelmäßig an einem Häuschen vorbei, das mich ziemlich neugierig macht. Einer der Planeten auf der Fassade ist an seinen ausgeprägten Ringen gut zu erkennen: Saturn. Aber wer lebt dahinter, wer schaut aus dem Fenster? Hat sich da einer in sein kleines Privatuniversum zurückgezogen? Oder handelt es sich ganz im Gegenteil um die Heimatbasis eines Umherziehenden? Denn nichts anderes sind ja Planeten. Und auf welcher Umlaufbahn bewegt sich dieser unbekannte Wanderer? Sorgt der Busch vor seinem Eingang womöglich für die nötige Bodenhaftung? Fragen über Fragen.

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Die Kraft der Stille

Ein Gespräch mit Harriet Oerkwitz

Harriet Oerkwitz (33) lebt in Hamburg und in Klein Jasedow unweit der Insel Usedom.  Sie ist mit Leib und Seele Musikerin. Ihren Lebensunterhalt verdient sie vor allem als Werbetexterin. Sie läuft Marathon, wandert und reist. Vor ein paar Jahren gründete sie das Online-Magazin „Konzert der Stille“. „Stille“, sagt Harriet, „ist der Urgrund unseres Seins“. Das Erste, was mir an ihr auffiel und meine Neugier weckte, war ein großes „Sowohl als auch“: Zart wirkt diese junge Frau und dabei selbstbewusst, rational und zugleich spirituell. Sie selbst hat das Wort Ambivalenz erst vor ein paar Wochen für sich entdeckt. Bisher hatte sie Spannungsfeld dazu gesagt, aber das war eben auch spannungsgeladen. Jetzt hat das Kind einen anderen Namen bekommen – und eine eigene Improvisation auf dem Klavier: „Ambivalencia“. „Ich habe am Flügel gesessen, und es hat mich geschaudert, wie schön es ist, dass man das sagen kann und sich dafür nicht verstecken und es auch nicht versöhnen muss.“

_MG_7257-2 kleinFrühe Stille

Stille ist eine Komponente in meinem Leben, die immer schon da war, auch als ich sie noch nicht so in meiner Aufmerksamkeit hatte. Mit vier, fünf, sechs Jahren habe ich viel auf der Schaukel in Nachbars Garten gesessen, habe mich rausgezogen bei uns zu Hause, bin meiner eigenen Stille gefolgt und habe gesungen. Ich denke, das hat viel mit der Scheidung meiner Eltern zu tun. In der Zeit wurde wenig gesprochen, und ich machte mir meine eigenen Gedanken. Meiner Mutter ging es nicht so gut. Ich kümmerte mich um meine kleine Schwester und habe mich wohl auch ein bisschen erholt in diesen stillen Phasen auf der Schaukel. Ich habe auch schon früh Musik gemacht und selber Gedichte geschrieben und schnell entdeckt, dass es gut ist, vorher in die Stille zu gehen. Dass man nicht so drauflos schreibt, sondern besser zuerst ins Lauschen geht. Das habe ich schon früh erkannt. Natürlich nicht so bewusst. Jetzt in der Reflexion merke ich: Das hast du eigentlich schon immer gemacht. Du hast viel geschwiegen. Mit 17, 18 hatte ich zum Beispiel einen ganz tollen Freund. Der konnte so würdevoll schweigen. Am Wochenende sind wir häufig mit seinem Auto durch Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Wir haben bei offenem Fenster Musik gehört und zusammen geschwiegen. Da waren diese goldenen Felder, der Mais, die Birken, dieser Duft, der Sommer, den ich schmecken konnte, riechen konnte, hören konnte. Ja, Stille ist mir sehr wichtig und definitiv etwas Vertrautes. Ich betone das so, weil ich ganz häufig Menschen begegne, die sagen: Wie jetzt – Stille? Da hätte ich aber Angst!

Allein, gemeinsam, einsam

Ich kann tagelang für mich sein und Freitagabend den ersten offiziellen Termin haben und das erste Wort sprechen. Das gelingt mir ohne besondere Anstrengung, ein ganz selbstverständliches Alleinsein. Aber ich bin auch gern in Gesellschaft. Mit 18, 19 habe ich in meine Bewerbungen geschrieben: „Ich liebe die Stille, ich bin gern allein. Aber ich bin auch gern in Gesellschaft.“ Ich gehe auch allein auf Reisen. Vor ein paar Jahren war ich in Nepal auf dem Mount Everest, bis auf 4.200 Meter Höhe. Da war noch mein Sherpa, aber der lief zwei, drei Kilometer vor oder hinter mir. Und dann gibt es Phasen, da bin ich nicht gern allein. Wie in diesem Frühling. In diesem Frühling hätte ich mir gewünscht, einen Partner zu haben. Oder bin bewusst abends zum Fußballgucken rausgegangen in die Kneipen und habe mich mitten hineingesetzt. Oder ich laufe im Stadtpark zu Zeiten, wo auch andere dort laufen, und nicht morgens um sechs, wo ich weiß, ich bin allein. Schaukeln gehe ich übrigens immer noch gern, allein und mit anderen.

Orte der Stille

Im Stadtpark gibt es ein kleines Séparée mit einer Statue der Jagdgöttin Diana. Das ist mein Kraftort in Hamburg. Wenn es mir mal nicht gut geht, laufe ich morgens gezielt dort vorbei und hole ein bisschen Luft. Dann ist da die Zeit, die ich in Klein Jasedow mit meinem Aufbaustudium Musiktherapie verbringe, im Schnitt alle fünf, sechs Wochen eine Woche. Da bin ich in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Musikern. Die Akademie der Heilenden Künste ist in dem kleinen Dorf verankert, sie liegt direkt am See, umringt von Feldern und Wald. Da ist es sehr still. Es gibt schlechten Handyempfang. Das heißt, ich muss vorher wirklich alles abgearbeitet haben und den Schreibtisch relativ entspannt verlassen. Auch meine Wohnung ist ein stiller Ort, abgesehen von ein paar Nachbarn. Ich habe zwar einen Fernseher, aber den schalte ich ganz gezielt ein. Ein Radio habe ich gar nicht. Für eine Musikerin ist das wahrscheinlich merkwürdig, aber ich höre nicht mehr so entspannt zu, seit ich mal beim Radio gearbeitet habe. Seither höre ich jeden falschen Schnitt, jede falsche Tastatur, jede falsche Blende.

HarrietOerkwitz-7433  - klein

Stille und Resonanz

Es gibt viele Brücken und Tricks, um in einen kreativen Flow zu kommen, egal ob bei der musikalischen Improvisation oder beim Schreiben. Aber das, was mir am meisten hilft, ist immer noch die absolute Stille, die Rückbesinnung. Ich bleibe so lange vor dem Klavier sitzen und lausche, bis etwas gesagt werden will. Ich sitze auf dem Hocker und nehme Kontakt auf. Und bei jedem Anschlag bekomme ich eine Antwort, bekomme ich eine Resonanz. Manchmal stellt sich der Kontakt nicht ein. Dann klappe ich den Deckel wieder zu. Wenn ich merke, dass es körperlich Kraft kostet zu üben. Das ist so, als wenn du joggen gehst und feststellst, das ist mir zu anstrengend heute, jetzt höre ich lieber wieder auf. Auch wenn ich mit einem Menschen im Gespräch bin und merke, da ist kein heißer Draht, müssen wir das Gespräch nicht weiterführen. Ich gehe dann aus dem Gespräch und versuche in möglichst klarer Haltung zu sagen, warum es nicht geht. Es tut uns allen gut, in dieser Wahrheit zu sein. Und es ist auch nur eine Momentaufnahme. Das heißt ja nicht, dass ich zehn Minuten später nicht viel besser mit einer bestimmten Stimmung oder einer bestimmten Spiegelung oder Geste umgehen kann. Oder besser: anders. Ich will das gar nicht bewerten. Anders in Resonanz komme. Ich bin natürlich manchmal mit einem Kunden im Gespräch und weiß, ich möchte dieses Gespräch nicht führen, aber es scheint jetzt einfach sinnvoll zu sein, dem anderen zuzuhören, auch wenn er sich gerade bei mir ablädt. Aber es ist mir wichtig, das zumindest zu bemerken und zu reflektieren. Man muss sich selbst gut kennen, sich schon gut zugehört haben, um anderen zuhören zu können, ob das nun ein Baum ist, ein Klavier oder ein anderer Mensch. Da mache ich keinen Unterschied.

Aufmerksamkeit und Stille

Ich wünsche mir Frieden. Frieden in mir und Frieden miteinander. Dazu braucht es Aufmerksamkeit. Ich glaube, Aufmerksamkeit ist, eine Sekunde für sich zu sein, bevor man aus der Haustür geht, bevor man sich anderen Menschen zeigt. Selbstpflege zu betreiben und zu gucken: Kann ich so gehen, bin ich im Frieden? Und wenn ich es nicht bin, noch einmal tief Luft zu holen und zumindest wahrzunehmen: Es geht mir heute nicht so gut, aber ich muss rausgehen, weil ich das und das erledigen muss, was auch immer. Wenn ich mir dessen bewusst bin, schaffe ich eine Haltung und gehe verantwortungsbewusst in Beziehungen. Viele wirtschaftliche, soziale, politische Entscheidungen würden aus dieser Haltung heraus anders getroffen werden.

Facetten der Stille

Wirkliche Klarheit darüber, was Stille für mich bedeutet, habe ich vor drei Jahren aus einer privaten Situation heraus gefunden. Mein bisheriges Leben war von heute auf morgen komplett zusammengebrochen. Ich fühlte eine unglaubliche Erschöpfung, eine unglaubliche Traurigkeit auch. Ich rief alte Freunde an und fragte sie: Was hat mir Freude gemacht? Wie war ich mit mir? Was hat mich ausgemacht, bevor ich nach Hamburg ging? Und ich spürte selbst nach: Was ist das Fundament all der Dinge, die mir Spaß machen? Woher hole ich meine Kraft, meine Energie? Dabei kam ich immer wieder auf die Stille. Auf die Ruhe, den leiblichen Aspekt der Stille, den ich als Sportlerin entdeckte. Auf das Schweigen, mit dem ich als Texterin Kontakt hatte. Und auf die Pausen, die ich als Musikerin so gerne aufsuchte. Das kam wie eine Sehnsucht auf mich zu, gerade weil ich ein kleiner Workaholic bin und oft über meine Grenzen gegangen bin. Ich war mit 25 Jahren Managerin für PR und Werbung eines 5-Sterne-Hotels, bin schon immer zielstrebig auf bestimmte Extreme zugegangen, bin bis heute viel unterwegs und in Bewegung. Ich begriff: Um mich gesund zu halten, muss ich mein Schweigen verstehen, muss ich meine leibliche Ruhe verstehen und aushalten können, muss ich Pausen machen.

Konzert der Stille

Festzustellen, da gibt es etwas Gemeinsames, das vielleicht eine Art Lebenselixier sein kann, diese Erfahrung zu machen und zu sagen: Ich kann das jetzt benennen, es stärkt mich und ich komme wieder in Resonanz, das brauchte Raum und Ausdruck. Das wollte ich nicht für mich behalten. Aus diesem Prozess entstand nach und nach das Online-Magazin „Konzert der Stille“. Dort schreibe ich über das Leben, Arbeiten und Heilen mit Musik im Spannungsfeld von Wissenschaft und Spiritualität und immer wieder über Stille. Ich wurde mal hier und mal da eingeladen und gefragt: Kannst du uns sagen, was du da machst? Kannst du mal ein „Konzert der Stille“ mit uns machen? Ein „Essen in Stille“? Also machte ich mir Gedanken darüber, wie ich so einen Abend gestalte. Manche Menschen kommen mit vielen Fragen. Wir haben ja nicht so viel Stille in unserer Gesellschaft. Da muss geklärt werden: Was bedeutet Stille für dich? Und was bedeutet sie für dich? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Und wie klingt deine Stille? So einen Austausch finde ich unglaublich spannend. Man begegnet sich als Mensch so nah bei diesem Thema. Das „Konzert der Stille“ ist ein Herzprojekt. Ich verstehe es als ein Geschenk an die Welt. Als Onlineplattform kann es sich nicht erschöpfen, weil Stille in so vielen Zusammenhängen spannend ist: in pädagogischen, künstlerischen, therapeutischen, politischen, zwischenmenschlichen. Ich wünsche mir, dass das „Konzert der Stille“ noch viel mehr zum Marktplatz wird und alle dort schreiben, was sie mit Stille erfahren.

Haus der Stille

Schön wäre es auch, ein „Haus der Stille“ zu haben, wo ich therapeutisch-künstlerisch arbeiten und auch anderen eine Plattform für ihre Seminare, Workshops, ihre Arbeit geben kann. Ich weiß, dass ich das unter den altbewährten Regeln der Betriebswirtschaft wahrscheinlich nicht hinkriege. Aber ich weiß auch, dass die Gesellschaft sich gerade für alternative Möglichkeiten öffnet. Ich will so ein Haus auch gar nicht besitzen und Schlüsselwart sein, sondern einen Ort haben, den ich mit beleben kann. Viele Dinge machen keinen Sinn, wenn man sie nicht teilt.

Fotos: Heike Rössing