Ins Wasserbecken
starrt ratlos ein Hund.
Holst du mir den Ball?
Ich bitt dich, tu du’s!
Du willst nicht? Na gut.
Dann mach ich es selbst.
Schöne Ostergrüße aus der „Quengelzone“ im Hamburger Stadtpark!
Hier erzähle ich über Stadtspaziergänge und Exkursionen ins Hamburger Umland ebenso wie über (Tages-)Ausflüge z.B. an Nord- und Ostsee oder in die Lüneburger Heide. Bilder weiterer Streifzüge gibt es unter „Fotografie und Poesie“.
Entweder Husum, Storms „graue Stadt am grauen Meer“. Oder ein Spaziergang durchs Moor. Kein anderer Ort. Nicht heute in diesem sonnedurchwirkten Wattenebel, in dem sich der November von seiner schönsten Seite zeigte.
Nur ein paar „alte Weiber“ weben emsig Kollier um Kollier.
In letzter Zeit neige ich dazu, doppelt zu sehen. Menschen und Stühle zum Beispiel. Naja, vielleicht kein Wunder auf der Liebesinsel im Hamburger Stadtparksee… Aber während ich gerade überlegte, mit welcher Überschrift ich die kleine Szene oben versehen könnte – „Zu zweit“ gefiel mir spontan – poppten auf einer meiner geliebten Alsterrunden gleich zwei Zwillingskinderwagen wie aus dem Nichts!
Nein, nein, ich hatte nicht zu tief ins (Wein-)Glas geschaut… Das waren andere, ebenfalls an der Alster.
P.S. Diesen Beitrag widme ich N., die gerade stark den Wunsch nach Zweisamkeit verspürt.
Wer diesem Blog in den vergangenen Wochen gefolgt ist, weiß, dass ich mich neuerdings für Rothirsche interessiere. Ich habe hier und hier davon erzählt. Leider ist das Interesse bisher ganz einseitig. Die Geweihträger röhrten zwar mächtig, hielten sich ansonsten aber bedeckt. Umso größer war meine Freude, als ich jüngst – noch ganz in Gedanken und vollkommen absichtslos (ich vermute, darin besteht das Geheimnis) – das anmutige Reh am Waldrand erblickte. So still stand es, dass ich mich fragte, ob es wohl der Feder von Joachim Ringelnatz entsprungen sei:
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Noch bevor ich schleichen und stipsen konnte, überkam das ganz kleine Reh ein ganz reales Bedürfnis. Doch nicht aus Gips…
Ich vermute, die meisten von euch (Ihnen) kennen die Zeichnung, in der ein Betrachter spontan und ganz sicher eine alte Frau und ein anderer Betrachter ebenso spontan und sicher eine junge Frau erkennt. So erging es mir, kurz nachdem ich das ganz kleine Reh seinen Geschäften überlassen hatte. Ich erblickte ein Schaf-Pferd, mitten im Wald. Ganz sicher. Ich machte ein Foto, betrachtete es später auf dem Computer-Bildschirm – und erkannte, dass man das auch anders sehen kann. Womöglich ist das intensive Hirsche-Spotten doch nicht ohne Auswirkungen geblieben…
Am Rande des Professormoors im Duvenstedter Brook bin ich schon vor ein paar Wochen herumgestreift – Zwischen Brut und Brunft. Jetzt beherrschen röhrende Hirsche weite Teile des Reviers, sobald es dämmert. Schon von weitem ist der eigenwillige Chor zu hören:
brüllend, bellend, heulend, lockend. Erst auf der linken Seite, dann auch von rechts, aus dem Wald weiter hinten. Das geht jetzt wochenlang so. Wie mag sich der Förster am Ende der Saison fühlen? Auf dem Weg zu den Wild-Beobachtungsständen passieren wir sein Haus. Das Röhren wird fordernder jetzt und unsere Schritte schneller. Großes scheint sich irgendwo da vorn zu ereignen. Immer mehr Beobachter strömen zu den hölzernen Ständen. Tele-Equipment wird in Position gebracht, dann heißt es warten. Schauen und warten. Weiches Spätnachmittagslicht, das eben noch die große Wiese flutete, verliert sich mählich in der Dämmerung.
Fernglas vors Auge.
– Wo denn? Ich seh nichts.
– Doch, da hinten, guck mal, da, wo der Wald anfängt, da steht ein Baum…
Na, toll! Ich seh den Wald vor lauter Bäumen nicht. Schauen und Warten. Und Röhren.
– Da, da ist einer!
– Wo denn? Ich seh nichts.
– Doch, da hinten…
– Schon klar, aber geht das vielleicht etwas genauer?
– Siehst du die drei Büsche ziemlich dicht zusammen: Erst kommt so ein schmaler kahler, dann ein kleiner, etwas weiter hinten, dann der dicke puschelige, und wenn du von da leicht schräg nach hinten links guckst, da in das Rote, siehst du einen Baum…
Fernglas vors Auge. Unglaublich, wie sehr sich schon die Perspektiven von zwei unmittelbar nebeneinander stehenden Menschen unterscheiden! Schmaler kahler Busch, kleiner Busch, dicker puscheliger Busch… Mist, wo ist jetzt das Rote? Ob sie die rosa Wiesengräser gemeint hat? Und der Baum? Ah, da bewegt sich was…! Jetzt seh ich’s auch: Miniklein und ziemlich verschwommen, aber unverkennbar – da schubbert ein Hirsch sein Geweih an einem Baum. Zum Glück ist es einer mit einem dunklen Stamm, eine Erle vielleicht, das erleichtert das Wiederfinden zwischen all den weiß-flirrenden Birken drumherum.
Während Freundin C. unermüdlich durch das mit der Entfernung etwas überforderte Fernglas schaut – sie besitzt aus verschiedenen Afrika-Aufenthalten Erfahrung im Spotten wild lebender Tiere – verlegt sich W. mehr und mehr darauf, die Hirsche an ihrem Röhren zu unterscheiden. Besonders hat es ihr „der Lachende“ angetan. Der braucht nicht mehr zu kämpfen, sagt sie, der hat schon gewonnen.
Ich selbst habe ohnehin keine Probleme damit, „einfach nur so“ in eine schöne Landschaft zu blicken. Die Wiesen, „der weiße Nebel wunderbar“ und dazu das Röhren in Dolby Surround – großartig! Der Förster ist womöglich gar nicht zu bedauern sondern sehr zu beneiden.
Hörprobe gefällig?
Freundin W. hatte mit ihren Urlaubsfotos aus Island, man kann das nicht anders sagen, Pawlowsche Reflexe bei uns ausgelöst, die spontan nach wenigstens ansatzweiser Befriedigung lechzten. Im gerade noch Tagesausflug-tauglichen Umkreis um Hamburg fiel mir nur St. Peter-Ording (kurz: SPO) ein. Der Ort selbst ist ziemlich hässlich, aber er liegt toll: am äußersten Ende der Halbinsel Eiderstedt, die sich weit ins Schleswig-Holsteinische Wattenmeer schiebt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: SPO kommt mir eigentlich immer in den Sinn, wenn die Sehnsucht nach Meer und Weite im Alltag allzu groß wird. Und ich bin noch nie enttäuscht worden.
Andere suchten ebenfalls:
Strandkrabben zum Beispiel. „Mama, guck mal, die Riesengarnele trägt einen Seestern auf dem Rücken!“ Vor lauter Begeisterung vergaß ich zu fotografieren und schaute gemeinsam mit der Kleinfamilie zu, wie sich die Wunderkrabbe samt Reiter in den Schlick grub und für dieses Mal dem Zugriff der gierigen Möwen entzog.
Reinigung nach dem ausführlichen Bad im Schlamm. Gut, dass die Oma zum Rückenschrubben mit dabei war.
Den Traumprinzen vielleicht. „Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen…“
Und zwischen Strandkörben sogar den Bund fürs Leben. Passenderweise direkt neben der Arche Noah.
Nur die riesige orange-geblümte Badehose, die suchte seltsamerweise niemand.
Stadtmauern gibt es in Hamburg schon lange nicht mehr, und der alte Grenzwall entlang der heutigen Landesgrenze zu Schleswig-Holstein führt als von Birken und Erlen gesäumter Trampelpfad quer durch den Duvenstedter Brook. Was da genau abgegrenzt wurde, habe ich bisher nicht herausfinden können. Das bis 1864 dänische Herzogtum Holstein? Wohl kaum. Hamburg kaufte erst 1925 große Teile des Brooks, der damals noch im Kreis Stormarn lag. Der Rest gelangte mit dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937 an die Hansestadt. Wer weiß, womöglich diente der Grenzwall lediglich dazu, die Besitztümer zweier Dörfer zu markieren, und Kühe trotteten darauf von einer Wiese zur nächsten. Mehrere hundert Jahre lang war der Brook von den Bauern der Dörfer Duvenstedt und Lemsahl-Mellingstedt als Viehweide und zum Torfstich genutzt worden.
Ab März ist der idyllische Wall für Spaziergänger gesperrt, weil drumherum Kraniche und Graureiher brüten. In diesen Wochen gehört er den Hirschen: In der Dämmerung und während der Nacht zerreißt das Röhren der Rot-, ab Oktober auch der Damhirsche jäh die Stille über den angrenzenden Wiesen, auf denen friedlich die Hirschkühe äsen, und Geweihstangen krachen gegen Geweihstangen. Ein Spektakel, das jedes Jahr unzählige Besucher zu den Beobachtungsständen des NABU lockt. Das Rotwild stammt übrigens von Tieren aus den Karpaten ab, die der Nazi-Gauleiter Karl Kaufmann Ende der 1930er Jahre einführen ließ, um sie nach Art der früheren Feudalherren mit seinen Gästen abzuschießen.
Vor ein paar Tagen, quasi zwischen Brut und Brunft, habe ich eine Verabredung in der Gegend zu einem kleinen Abstecher genutzt. Von gelegentlichem Flugverkehr abgesehen, lag tiefer Friede über diesem Grenzgebiet zwischen Wald und Moor. Der vielleicht schönste Pfad durch den an reizvollen Wegen bestimmt nicht armen Duvenstedter Brook führt am Hexenstein vorbei, einem angeblichen ehemaligen Hinrichtungsplatz, und endet am Professormoor, das allerdings nicht nach einem Universitätsgelehrten, sondern nach einem „Profos“ benannt ist, der dort seinen Torf gestochen haben soll, einem für die Strafvollstreckung zuständigen Militärbeamten. Schönheit und Schrecken liegen gelegentlich nah beieinander.