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Formen der Reduktion

Ein paar Kinder blenden vor dem Eingang zur Ausstellung „Isa Mona Lisa“ in der Hamburger Kunsthalle die Außenwelt aus.

Die 1952 in Korea geborene Künstlerin Hyon-Sook Song „versteht den Akt des Malens als physisch-performatives Ereignis, das in einem Zustand völliger Konzentration und Meditation stattfindet“. Sie beschränkt sich auf wenige exakt ausgeführte Pinselstriche. In dem hier abgebildeten Werk sind es genau sieben. Man sieht jeden einzelnen und sieht zugleich das knorrige Holz durch den filigranen Stoff…

Ich beschränke mich heute auf dieses eine Werk, das mich gestern am stärksten von allen berührt hat. Natürlich bietet die Ausstellung noch viel mehr sehenswerte zeitgenössische Kunst. Bis zum 18. Oktober 2026.

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Vorübergehend keyif

Jeder Mensch hat idealerweise einen Ort, an den er immer wieder zurückkehrt. An dem er sich wohlfühlt und zur Ruhe kommt. In Schweden nennt man einen solchen Ort Smultronställe. Smultron sind Walderdbeeren. Eine Smultronställe ist also eigentlich ein Ort, an dem Walderdbeeren wachsen. In Wirklichkeit ist sie aber viel mehr. Auch ein gepflasterter Marktplatz kann so eine Walderdbeerenstelle sein, wenn auch manchmal nur vorübergehend.

Dafür braucht es einige Hochbeete, gerne auch welche mit Erdbeeren zum Naschen, das muss aber nicht sein. Dazu Sitzgelegenheiten und ein kleiner Spielplatz, damit Menschen dort gern verweilen.

Steckt man dann noch Zauberworte in verschiedenen Sprachen in die Beete, bekommen die Menschen Lust, herumzustreifen und Neues zu entdecken. Manch einer freut sich vielleicht still, eine andere teilt ihre Begeisterung mit eben noch Fremden. Eine Smultronställe muss nicht einsam sein.

Der Übergangsgarten auf dem Koberg, dem zweitgrößten Marktplatz in der Lübecker Altstadt, ist noch bis zum 6. Oktober geöffnet. Er ist Teil des Stadtentwicklungsprojekts „Übergangsweise“. Der Name soll dabei nicht nur für das Vorübergehende stehen, sondern auch den Prozess zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung verdeutlichen. Das Projekt wird mit Mitteln des Bundesprogramms „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ gefördert.

P.S. „Keyif“ ist türkisch und bedeutet: still und glücklich in sich ruhen, den Moment genießen.

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Was du siehst

Die Frage ist nicht, auf was du schaust, sondern was du siehst.

Henry David Thoreau (1817 – 1862)

Ich denke, der Naturphilosoph Thoreau hätte nichts dagegen, dass ich mir seinen schönen Satz über die Wahrnehmung ausleihe, während ich vor dem Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen stehe und für einen Moment all die Inspiration spüre, die ich dort so viele Male erlebte, und mich schon vorfreue auf künftiges Augenfutter, wenn die Baustelle endlich keine Baustelle mehr ist.

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Büdelsdorfer Begegnungen

Ein kleiner Junge lässt selbstvergessen Steine durch die Finger gleiten.

Ein Paar erforscht den Raum im Raum.

Streifen verbinden sich zum Tanz.

Licht lenkt kleine und große Aufmerksamkeiten.

Eine Frau findet ihre Nische.

Ein Mann fragt sich, was das soll.

Ein Alien weist unbeirrt den Weg.

„Oh, guck mal, der Rote oben sieht aus wie Stefan Raab!“, ruft ein Mädchen.

Die Ente in der Badewanne muss auch sie lange suchen.

Mancher Dialog entsteht ganz zufällig.

Der kleine Junge ist längst nach Hause gegangen. Die Lotusblüten laden weiter zum Gespräch – noch bis zum 8. Oktober auf der NordArt in Büdelsdorf bei Rendsburg. Ältere Posts über die Kunstausstellung in der ehemaligen Eisengießerei Carlshütte findest du hier und hier.

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Dem Fluss folgen

Seinen Ruf hören

Alle Sinne öffnen

Sich treiben lassen

Ausreichend lachen

Paddeln – oder auch nicht

Rechtzeitig den Kopf einziehen

Freunde treffen

Ich folgte der Ilmenau, einem Nebenfluss der Elbe, auf ihrem kurvenreichen Weg von Bienenbüttel nach Lüneburg. Beide Orte sind in einer Bahnstunde von Hamburg aus zu erreichen. Am halbschattigen Waldrand lässt es sich auch an warmen Tagen gut spazieren oder einfach nur sein. Und wer um Hohenbostel herum die meisten Skulpturen entdeckt, hat gewonnen.

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Mit wehendem Haar

Wenn einer fortgeht, muss er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,

er muss den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muss den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,

er muss den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muss sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!

Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.

Ingeborg Bachmann: Lieder von einer Insel

Es war ein Tag, an dem die Jahreszeiten miteinander rangen. Im frischen Morgenwind umflügelten Schwäne zart den eigenen Kopf. Nixen räkelten den smaragdgrünen Leib auf nieselfeuchten Steinen, die mählich in der Sonne trockneten. Weit ging der Blick hinaus aufs Meer und zugleich tief ins Innere. Die alte Eule lächelte wissend.

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Vom Finden

„… und nichts zu suchen, das war mein Sinn…“, als ich für ein paar Tage an die Ostsee fuhr. Es sind bisweilen dies die Momente, die die schönsten Geschenke bereithalten.

Weite und Wellenrauschen.

Blüten im Sand.

Gefallene Engel.

Ostseejade und Hühnergötter.

Neue Wege.

Himmlische Dramen.

Lustvolles Spiel.

Und immer: Weite und Wellenrauschen.

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Fürchtet euch nicht!

„Hat einer das Jesuskind gesehen?“ – Während des Gottesdienstes am frühen Nachmittag war es noch da, erinnert sich einer der Aushilfsküster. Jetzt ist die Krippe leer.

„Und der Engel sprach zu den Hirten auf dem Feld“, liest der Pastor. Und dann fügt er ein paar Worte an, die man so nicht direkt in der Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas findet: „Er sagte, was Engel immer als erstes sagen, wenn sie fremden Menschen begegnen: ‚Fürchtet euch nicht!‘“

Später singen wir „Es ist ein Ros` entsprungen“. Nie kann ich die zweite Strophe hören, ohne zu schmunzeln. Die Mutter erzählte gern, dass sie als Kind ein paar Weihnachten lang sang: „Marie, die reinemacht…“. Ein wenig staunend zwar, aber frei von Zweifeln. Unter einer „reinen Magd“ hätte sie sich nichts vorstellen können, ein Mädchen mit häuslichen Pflichten war ihr vertraut.

Auf dem überdimensionalen Fernsehbildschirm im Wohnzimmer der syrischen Freundin, die genauso heißt wie die Muttergottes, läuft eine Aufzeichnung aus einem kurdischen Dorf. In dem Dorf leben Verwandte, erzählt Maryam. Sie spult vor, bis zwischen flachen Lehmbauten eine alte Frau auftaucht, die vielleicht noch gar nicht so alt ist, wie sie aussieht. Eine Tante von Maryam. 14 Kinder hat sie geboren, neun Mädchen und fünf Jungen. Einige hat sie selbst entbunden. Hochschwanger ging sie morgens zur Feldarbeit aus dem Haus, mit einem Baby auf dem Arm kehrte sie später zurück. Und die Nabelschnur? Maryam klopft kurz und fest auf den Tisch. Mit einem scharfen Stein durchtrennt.

Das Jesuskind ist bis zur Mitternachtsmesse nicht wieder aufgetaucht. Das Krippenbild und die Engel in diesem Beitrag entdeckte ich bei einem Schaufensterbummel in Hamburg-Eppendorf. Leider weiß ich nicht, wer die Künstler sind. Ich hoffe, sie haben nichts dagegen, dass ich ihre Werke hier zeige.