„Die Vorstellung, dass Grenzen trennen, ist gegenwärtig für unser Denken bestimmend. Grenzen geben aber auch Dingen erst ihre Kontur, einen Umriss und Unterscheidungsmerkmale. Für Gestalt und Form ist die Grenze unerlässlich. Doch werden Grenzen überhaupt erst dann spürbar, wenn sie berührt, überschritten, verschoben werden.“
So heißt es in der Einleitung zur Ausstellung Shifting Boundaries: Landscapes of Ideals and Realities, die gerade im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen eröffnet wurde. Zwölf europäische FotografInnen aus neun Ländern interpretieren das Thema auf je eigene Weise, zeigen Grenzen auf: zwischen Ländern, zwischen Alt und Neu, Vergangenem und Gegenwärtigem, Leben und Tod… In der Ukraine, in Polen und Ungarn, in Italien, Norwegen und Österreich.
Auf drei Arbeiten möchte ich besonders hinweisen, weil mir ihre narrative Kraft so gut gefallen hat. Da ist einmal die Porträt-Reihe Today I am a Human des Norwegers Eivind H. Natvig. Natvig zeigt Gesichter von Palästinensern, die 1948 aus den Dörfern des zukünftigen Staates Israel vertrieben wurden und Zuflucht in Norwegen fanden. Die Gesichter sind mit aktuellen Straßenszenen aus Israel und den palästinensischen Gebieten unterlegt. Plastischer kann man die Vielschichtigkeit dieser Leben, das Ineinander von alter und neuer Identität kaum zeigen.
Eine starke Anziehung geht von den 14 großformatigen Farbaufnahmen des Hamburgers Robin Hinsch aus dem Grenzland zwischen West- und Ost-Ukraine aus. Die fotografierten Szenen liegen in einem Dämmerlicht, dem man nicht ansieht, ob es demnächst dunkel oder hell werden wird. Der junge Soldat unterm Baum, die von Panzerspuren zerfurchte Landschaft, sie strahlen vor allem eines aus: unendliche Erschöpfung.
Eine ebenso kluge wie humorvolle Reise durch ein Land der Gegensätze und Grenzland par excellence präsentiert der Berliner Jakob Ganslmeier mit der Serie Lovely Planet: Polen. Ganslmeier verbindet 23 kleinformatige fotografische Reiseskizzen mit kongenialen Begleittexten zu einer Art Reiseführer, „in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen“.
Die Ausstellung in den Deichtorhallen (U Steinstraße) ist bis zum 1. Mai geöffnet. Am 29. März um 19 Uhr beginnt im Körber-Forum (U Baumwall) ein Künstlergespräch u.a. mit Robin Hinsch und Jakob Ganslmeier.