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Was für ein Buch!

John Williams: Stoner. Roman. München 2013

P1060849Vor fast fünfzig Jahren erschien der Roman des Amerikaners John Williams zum ersten Mal, bekam auf Anhieb gute Kritiken, blieb trotzdem ein Geheimtipp unter Literaten und wurde nach Williams Tod 1994 nicht mehr aufgelegt. Der irische Schriftsteller Colum McCann will allein mindestens 50 Exemplare des Buchs antiquarisch erworben und verschenkt haben, um es vor dem Vergessen zu bewahren. 2006 brachte ein New Yorker Klassiker-Verlag „Stoner“ schließlich neu heraus. Seither wurde der Roman in zahlreiche Sprachen übersetzt, 2013 zum ersten Mal auch ins Deutsche – und erobert Land für Land die Bestsellerlisten.

Dabei ist „Stoner“ auf den ersten Blick alles andere als spektakulär. Es ist die Geschichte eines unauffälligen, stillen, genügsamen Lebens, eines, das nicht viele Spuren hinterlassen hat: „Der ein oder andere Student, der den Namen William Stoner liest, mag sich fragen, wer er war, doch geht die Neugier selten über müßige Spekulationen hinaus. Stoners Kollegen, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht besonders schätzten, erwähnen ihn heutzutage nur noch selten: Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.“

William Stoner wird 1891 als Sohn armer Farmer im tiefsten Missouri geboren. Ein Leben voller Entbehrungen und harter körperlicher Arbeit ist vorgezeichnet, als die Eltern, stumm und vor der Zeit gealtert, den inzwischen 19-Jährigen zum Studium der Agrarwirtschaft auf die Universität von Columbia schicken. Der Sohn soll es einmal besser haben als sie selbst. Doch lange hält es den jungen William nicht an der landwirtschaftlichen Fakultät: In einem Einführungskurs in englischer Literatur erfasst ihn bei der Lektüre von Shakespeares Sonett 73 eine heftige Leidenschaft, die ihn nie mehr loslassen wird. Stoner wechselt den Studiengang, bleibt auch nach dem Magisterabschluss an der Universität. Durch die Literatur lernt er zu sehen, auch wenn es lange dauern soll, bis er das Wahrgenommene und Gefühlte selbst in Worte fassen kann – „die Epiphanie, durch Worte etwas zu erkennen, was sich in Worte nicht fassen ließ“. Ein brillanter Lehrer wird er nie werden, über eine Assistenzprofessur kommt er Zeit seines Lebens nicht hinaus.

Ebenso eruptiv wie zuvor in die Literatur verliebt sich Stoner in Edith, einzige Tochter einer wohlhabenden Familie aus St. Louis, und heiratet sie nach kurzer Werbezeit. Die Ehe wird nicht glücklich. Natürlich nicht. Edith war „mit einem zarten Talent für die vornehmeren Künste“ aufgewachsen. Sie „besaß keinerlei Kenntnis von den Zwängen des alltäglichen Lebens. Ihre Stickarbeiten waren delikat und nutzlos; sie malte neblige Landschaften in verwaschenen Aquarelltönen, spielte Klavier mit präzisem, doch kraftlosem Anschlag und besaß nicht die geringste Kenntnis ihrer eigenen Körperfunktionen, hatte sie sich doch nie auch nur einen Tag ihres Lebens allein um sich selbst kümmern müssen, noch wäre ihr je in den Sinn gekommen, sie könne einmal für das Wohlergehen eines anderen Menschen verantwortlich sein.“ Edith piesackt Stoner, wo sie nur kann, er weicht klaglos immer weiter zurück, konzentriert sich auf die Arbeit und auf die Aufzucht der Tochter, bis ihm Edith auch diese entfremdet.

An der Universität kommt es zum Showdown mit Professor Lomax, dessen Assistenten Stoner durch eine Prüfung fallen ließ. Stoner ist zu einer Revision seiner  Entscheidung nicht bereit und wird in der Folge von Lomax kaltgestellt, der inzwischen den Posten des Fachbereichsleiters innehat. Statt anspruchsvoller Seminare über die Literatur der Renaissance stehen für Stoner fortan Einführungskurse für Erstsemester in Serie auf dem Lehrplan. Er „hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war. … Er war zweiundvierzig Jahre alt; vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich gern erinnerte.“

Noch einmal scheint ein Licht auf, als sich Stoner in die junge Dozentin Katherine verliebt. Die beiden verbindet neben der körperlichen eine tiefe geistige Liebe. Edith scheint kein Problem mit der „Affäre“ ihres Mannes zu haben, aber Professor Lomax gibt in seinem Hass keine Ruhe, bis Katherine die Universität verlassen muss. Stoner wird seine Seelenfreundin nicht wiedersehen, nur einmal hört er noch von ihr: Sie hat ihm ihre Dissertation gewidmet.

Stoner ist schwer getroffen, erträgt am Ende aber auch diesen Schlag. „Tief drinnen, tiefer als sein Gedächtnis reichte, war das Wissen um Hunger und Not, Ausdauer und Schmerz verborgen. Und obwohl er nur selten an seine frühen Jahre auf der Farm in Booneville dachte, war seinem Bewusstsein jenes Wissen doch nie fern, das ihm von Vorfahren vererbt war, die ihr unbeachtetes, hartes Leben stoisch ertragen und es sich zur Devise gemacht hatten, einer erdrückenden Welt ein ausdrucksloses, hartes, düsteres Gesicht zu zeigen.“ Er kehrt zur Literatur zurück, „dem einzigen Leben …, das ihn nie enttäuscht hatte. Und er stellte fest, dass er sich von diesem Leben trotz aller Verzweiflung nicht allzu weit entfernt hatte.“ Am Ende stirbt Stoner einsam, aber in Frieden.

Das Buch hat mich mit seiner klaren, unsentimentalen, dabei lyrischen und aus heutiger Sicht fast ein wenig altmodischen Sprache von Anfang an magisch an- und immer weiter durch die Seiten gezogen. Aber ich habe rund ein Viertel des Gesamtumfangs gebraucht, um den Stoizismus des William Stoner einigermaßen aushalten zu können. Wie oft dachte ich: Lass das doch nicht mit dir machen, steig aus! wenn seine Frau wieder einmal einer Bösartigkeit eine weitere, noch perfidere hinzugefügt hatte. Ja, Stoner hätte vielleicht glücklicher sein können, wenn er gegangen wäre. Aber so war er eben nicht. Und als ich das endlich begriffen hatte, konnte ich mich ganz auf dieses großartige Seelenporträt eines Menschen einlassen, der ja bei allem Gleichmut, bei aller Duldsamkeit nichts Beliebiges an sich hat, der unbeirrt seinen Weg geht, ganz und gar unbestechlich und letzten Endes frei. Was für ein Buch!

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Wie Perlen an einer Schnur

Sabine Peters: Narrengarten. Roman. Göttingen 2013

9783835313453l„Roman“ steht auf dem Cover. „Perlenkette“ hätte es gut getroffen, dachte ich beim Lesen, aber das ist ja keine literarische Kategorie. 26 Geschichten, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Im Mittelpunkt jeweils eine Person, mal mehr, mal weniger stark verknüpft mit den Protagonisten der vorangegangenen und der nachfolgenden Episoden. Jede für sich komplett und zugleich mit den anderen verbunden und in dieser Verbindung auch noch facettenreicher als die einzelne Miniatur. Und der Titel? „Narrengarten“. Ja, vielleicht, im Sinne von: der ganz normale Wahnsinn. Obwohl mir das Treiben in dem neuen Buch von Sabine Peters im Grunde gar nicht so närrisch vorkommt. Ich selbst hätte mich jedenfalls mühelos an verschiedenen Stellen in den Reigen aus kleineren und größeren Träumen und Nöten einfädeln können: als Freundin, Kollegin, als Verwandte oder Zufallsbekanntschaft irgendwo auf der Straße… Und das keineswegs nur, weil sich all die Schicksale in Hamburg kreuzen und mir Orte und Mentalität(en) des Geschehens vertraut sind.

Um ein weiteres nicht-literarisches Bild zu bemühen: Das Buch ist auch eine Art Staffellauf durch die Stadt – quer durch alle Stadtteile und Bevölkerungsschichten. Seinen Anfang nimmt der Lauf in den öffentlichen Bücherhallen am Hühnerposten. Gerlinde, die selbst schon ein wenig in die Jahre gekommene Bibliothekarin, erinnert sich an Büchereibesuche in ihrer Kindheit, an „Willi Tu und Otto Schätterhand“, an den „glücklichen Löwen, der lacht, und seine Welt ist farbig, leuchtend rot und gold“ und an die strenge Frau Kaiser. „Das Schmatzen des Stempels, mit dem sie den Büchern den Segen gab, bevor man sie nach Haus mitnehmen durfte.“ Frau Kaiser wird der Leser im Laufe der Kapitel noch ein paar Mal begegnen: aus der Perspektive ihrer Pflegerin, in einem eigenen inneren Monolog („Frau Kaiser, Sie müssen sich etwas mehr Mühe geben. Wenn Sie das Hörgerät nicht regelmäßig tragen, bekommen Sie keine Übung damit. Manchmal wird man gescholten von der Putzfrau und dem Pflegedienst. Als wäre man ein Kind. Die große Zeit als Bibliothekarin und als Schatz. Ich war für viele viel, das wissen vor allem die Toten.“) und ein letztes Mal ganz am Ende des Buchs, als die kasachische Putzfrau der alten Bibliothekarin im feinen Othmarschen das eigene Leben Revue passieren lässt, während ihre Tochter in London studiert und von Shanghai träumt. („Wenn Asien die Zukunft ist, hätten wir in Almaty bleiben können, ein Katzensprung nur bis ins Reich der Mitte, Vogelflug dreihundert Kilometer.“)

Frau Kaiser ist nicht wichtiger als andere in Sabine Peters‘ „Narrengarten“. Ich hätte auch Rupert herausgreifen können, die personifizierte Heimat, zu dem viele der Personen in dem Buch in Beziehung stehen. Oder den ehemaligen Redakteur, der viel zu viel trinkt und das vor seiner Frau geheim zu halten versucht. Den promovierten Historiker, der immer noch von seinem übermächtigen Vater träumt. Oder den obdachlosen Verkäufer des Straßenmagazins, der sich schon mal in den Bücherhallen aufhält, wenn es draußen zu kalt ist. Die „Nur-Hausfrau“ aus der gehobenen Mittelschicht, die in und durch ihre Kinder lebt, während sich ihr Mann, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, anderweitig vergnügt. („Eine einzige Nacht mit Dings, ein kurzer Seitensprung mit Bums.“) Oder oder oder. Frau Kaiser ist, wie gesagt, nicht wichtiger als andere. Sie steht hier stellvertretend für Aufbau und Erzählweise: In den jeweils nachfolgenden Geschichten werden zugleich die vorangegangenen vervollständigt. Bereits eingeführte Personen werden aus einem anderen Blickwinkel neu beleuchtet, mal aus dem eigenen, mal aus einer weiteren Außensicht. Selbst- und Fremdwahrnehmung sind ja oft zweierlei, und Menschen verändern sich mit dem jeweiligen Gegenüber. Diese Art zu schauen erinnert – ein letzter Vergleich, großes Indianerehrenwort! – an den Blick durch ein Kaleidoskop. Noch einmal gedreht, ein bisschen stärker oder schwächer geschüttelt… und schon entstehen neue Bilder und  Perspektiven. Momentaufnahmen allesamt, es gibt keine Interaktion zwischen den Personen, keine Entwicklung.

Und der Ton? Vielstimmig, nah dran an den Protagonisten, die oft im inneren Monolog zu Wort kommen, komisch, anrührend, lakonisch…  So wie diese Passage aus dem Titel-gebenden vorletzten Kapitel: „Ich dachte mal, sagt er, die Klinik kann ein Ort sein, wo wir nicht nur den Menschen mit seinen Defiziten untersuchen und ihn alltagstauglich flicken. Träume der siebziger, achtziger Jahre: offene Kliniken als Orte, wo wir die Krankheit als Teil einer Lebensgeschichte verstehen lernen, wo wir auch die je eigenartige Begabung sehen. Wo wir zu sprechen anfangen. Manchmal verschlägt es mir die Sprache. … Friedo wickelt eine Lakritzschnecke auf. Auch das Wort Liebe ist ihm zu groß. Er kann nur sagen, dass er seiner Frau morgens den Tee ans Bett bringt. Dass sie dem Einhorn auf seiner Jacke ein neues Auge gestickt hat. … Wie will man wissen, was Wirklichkeit ist und Bewusstsein? Bruchstücke. Er denkt sich oft, dass nur das Unfertige, Halbe, Kleine stimmt.“